5. Fastensonntag (B) 2021
Gott in Seiner Größe können wir von uns aus nicht erkennen,
weder in Seiner hohen Herrlichkeit,
noch in Seiner tiefen Erniedrigung in der Menschheit Seines Sohnes.
Dazu brauchen wir die Offenbarung, die Erleuchtung durch den Heiligen Geist.
Dieses Geschenk wird uns in den Lesungen dieses fünften Fastensonntags zuteil.
Hören wir einmal hin, was uns der dreifaltige Gott von sich erzählt …
Wahr ist, was wir im Tagesgebet sprechen:
Der Sohn Gottes hat sich aus Liebe zur Welt dem Tod überliefert.
Was hat es mit dieser Überlieferung bis in den Tod aus sich? Welch gewaltige Liebe wird darin offenbar?
Einst hat Gott durch den Propheten Jeremia ein großes Versprechen gegeben (Kap. 31):
Ich schließe mit dem Haus Israel und dem Haus Juda einen neuen Bund. (v.31)
Worin besteht dieser neue Bund?
Ich habe meine Weisung in ihre Mitte gegeben und werde sie auf ihr Herz schreiben.
Ich werde Ihnen Gott sein und sie werden mir Volk sein. (v.33)
Es werde eine Zeit kommen, in der keiner den anderen mehr belehren muss.
Es werde ein Zeit kommen, in der alle den HERRN erkennen werden.
Gottes Geist werde den Menschen die wahre Erkenntnis ins Herz legen.
Und wie wird diese Art Erkenntnis möglich sein?
Am Ende der Fastenzeit gehen wir auf die Tage zu, die genau das möglich machen:
Tod und Auferstehung unsers HERRN Jesus Christus – die Heiligen Drei Tage von Leiden, Tod und Auferstehung am Ostermorgen.
In diesen Heiligen Drei Tagen stoßen wir auf die größten Extreme, die unser Verstehen übersteigen:
Gott, der über allen Welten in unzugänglicher Herrlichkeit ist, dieser Gott wird Mensch, einer von uns, und geht auf Erden den niedrigsten Weg durch Tod und völlig Vernichtung.
Im Hebräerbrief (zweite Lesung) wird dies so beschrieben:
Christus hat in den Tagen seines irdischen Lebens mit lautem Schreien und unter Tränen Gebete und bitten vor den gebracht, der ihn aus dem Tod retten konnte. (Hebr 5,7)
Obwohl Er der Schöpfer der Welt ist, hat er durch das, was er gelitten hat, den Gehorsam gelernt. (v.8)
Am nächsten Sonntag begehen wir den Tag, da Jesus auf einem Esel nach Jerusalem reitet und die Menschen mit Palmzweigen ihm zujubeln:
Hosanna! Gepriesen sei er, der kommt im Namen des Herrn, der König Israels! (Joh 12,13)
Heute hören wir ein Gespräch, das Jesus nach diesem Ereignis mit ein paar Jüngern führt. (Joh 12,20ff.)
Auf den Apostel Philippus gingen einige Griechen zu, die untern den Pilgern in Jerusalem waren aus Anlass des Pas-chafestes.
Sie baten ihn: Herr, wir möchten Jesus sehen. (v.21)
Als Jesus davon erfährt, nimmt er dies zur Gelegenheit, um über den tiefen Sinn Seines Leidens und seiner Auferstehung zu sprechen, ein paar Tage also vor diesem Geschehen.
Der Anfang dieser Worte ist schon seltsam:
Die Stunde ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht wird. (Joh 12,23)
Von dieser eigenartigen ‚Verherrlichung‘ hatte Jesus schon im nächtlichen Gespräch mit Nikodemus gesprochen:
Niemand ist in den Himmel hinaufgestiegen außer dem, der vom Himmel herabgestiegen ist: der Menschensohn. Und wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit jeder, der an ihn glaubt, das ewige Leben hat. (Joh 3,13f.)
Und im Abendmahlssaal wird Jesus ähnlich sprechen:
Vater, die Stunde ist gekommen. Verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrlicht. (Joh 17,1)
Eine Ahnung davon hatte Jesus bereits gegeben bei der Hochzeit zu Kana:
Was willst du von mir, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen. (Joh 2,4)
Und nun sind es wenige Tage vor Seiner Kreuzigung. Und Jesus nennt sie: Seine Verherrlichung und die Verherrlichung Seines Vaters!
Und Er meint tatsächlich sein Sterben:
Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein;
wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht. (v.24)
Jesus nennt sich selbst dieses Weizenkorn, das man in die Erde fallen lässt, um zu sterben.
Deutlich sagt Er hier: Wenn Er nicht sterben würde, bliebe Er allein.
Wenn Er aber stirbt, wird Sein Sterben zum Leben für viele.
Sein Sterben bedeutet: Frucht bringen!
Für Ihn ist das biologische Leben dieser Welt ein Gleichnis: Um viele Körner zum Backen von Brot zu erhalten, muss ein Getreidekorn in die Erde gesengt werden, es muss ‚sterben‘, damit daraus ein neue Ähre mit vielen Körnern wächst.
Dieses ist für Ihn ein Bild für das übernatürliche, ewige Leben des Geistes.
Hier sind wir bei dem Unvorstellbaren: Das Leben des Geistes, dass nicht mehr der Vergänglichkeit unterworfen ist, bedarf eines Prozesses von Sterben und Auferstehen.
Will der Mensch sein von Gott geschenktes Leben ‚ins ewige Leben bewahren‘, muss ein Sterben und Auferstehen geschehen:
Wer sein Leben liebt, verliert es; wer aber sein Leben in dieser Welt geringachtet, wird es bewahren bis ins ewige Leben. (v.25)
Wer also in dieser Welt liebend hängt an seiner Seele, der liefert sie dem Untergang aus.
Wer sein Leben aber ‚hasst‘ (könnte mach auch übersetzen), der bewahrt es ins Ewige Leben hinein.
Hier ist ein zunächst unverständliches Paradox zum Ausdruck gebracht.
Bewahren kann man etwas zunächst nur dadurch, dass man es nicht untergehen lässt. Es soll so bleiben, wie es ist.
Hier aber wird von einem Untergehen und Verlieren gesprochen, das erst das wahre Leben ermöglicht.
Dass Jesus hier wirklich seinen Tod meint, wird deutlich in dem Wort:
Wenn einer mir dienen will, folge er mir nach! (v.26)
Wer ihm also nicht folgt auf dem Weg in den Tod, der wird das neue Leben nicht empfangen.
Welch eine Art von Leben ist aber hier gemeint?
Wo ich bin, dort wird auch mein Diener sein! (v.26)
So ist die Antwort Jesu.
Und wo ist Jesus?
Wir sind im Johannesevangelium. Im Prolog des Johannes hören wir:
Im Anfang war das Wort / der Logos … Es / Er war im Anfang bei Gott … In ihm war das Leben (1,1.2.4)
Der Mensch gewordene Sohn Gottes, das Wort, der Logos, ist das Leben.
Um an diesem wahren, ewigen Leben Gottes teilzuhaben, ist es notwendig, dort zu sein, wo Er ist: bei und in Gott. In Gott allein ist dieses Leben zu bewahren.
Nur wer diesem Leben dient, der hat teil an diesem Leben.
Also gilt es: IHM zu dienen.
Wenn einer mir dient, wird der Vater ihn ehren! (v.26)
Die Ur-Sünde des Menschen bestand darin zu versuchen sich das Leben vom Baum zu nehmen, das als Geschenk gedacht war. Durch den Griff nach dieser Frucht wurde das wahre Leben in und mit Gott verloren.
Nun eröffnet der Schöpfer der Welt den Zugang zu diesem verlorenen, Ewigen Leben.
Dieser Zugang wird nur dadurch möglich, dass der Mensch durch die Hingabe des Lebens geführt wird:
Wer sein Leben in dieser Welt gering achtet, wird es bewahren bis ins ewige Leben.
Der Weg, den Jesus dazu für uns geht, ist der durch die Total-Hingabe Seines eigenen Lebens.
Dies vor Augen, geht eine tiefe Erschütterung durch die Seele des Herrn:
Jetzt ist meine Seele erschüttert. Was soll ich sagen: Vater, rette mich aus dieser Stunde? Aber deshalb bin ich in diese Stunde gekommen. (v.27)
Kaum hat Jesus diese Worte ausgesprochen, kommt die Bestätigung des himmlischen Vaters. Nur dreimal in den Evangelien wird von der Stimme des Vaters berichtet:
Da kam eine Stimme vom Himmel: Ich habe ihn schon verherrlicht und werde ihn wieder verherrlichen. (v.28)
Und dann sagt Jesus, wofür die Stimme des Vaters zu hören war für die Umstehenden:
Jetzt wird Gericht gehalten über diese Welt; jetzt wird der Herrscher dieser Welt hinausgeworfen werden. (v.31)
Durch Seinen Tod und Seine Auferstehung wird die Macht des Satans, des Herrschers dieser Welt, gebrochen.
Die Menschen, die an IHN glauben, werden Seiner Herrschaft entrissen und für das Ewige Leben gewonnen.
Den Vater wird IHN als den Herrscher des Himmels und der Erde einsetzen.
So gilt bis heute und bis zu Seiner Wiederkunft in Herrlichkeit:
Wenn ich über die Erde erhöht bin, werde alle zu mir ziehen. (v.32)
Jesus ist unablässig dabei dies zu tun: alle an Sich zu ziehen.