Das entwirklichte und das wirkliche Ich
Der Ausweg
Aus: Martin Buber, Ich und Du, S. 71ff.
Wie man Gewalt über den Alp bekommt, wenn man ihm seinen wirklichen Namen zuruft, so muß sich die Eswelt, die sich eben noch unheimlich vor der kleinen Menschenkraft reckte, dem ergeben, der sie in ihrem Wesen erkennt: als die Versonderung und Verfremdung eben dessen, aus dessen anströmend naher Fülle einem jedes irdische Du entgegentritt; dessen, was einem wohl zuweilen groß und furchtbar wie die Muttergöttin, aber eben doch immer mütterlich erschien.
Ein Alp ist eine Nachtmahr, ein Traumgebilde, das überstarke Macht über uns gewinnt, stärker bisweilen als die Wirklichkeit um uns herum. Das merken wir, wenn wir mit einem Alptraum aufwachen und ihn nicht los werden können. Dieses Phänomen vergleicht M. Buber mit der Art und Weise, wie uns die Es-Welt entgegentritt.
Es geht um die Überwindung der überstarken Es-Welt über uns Menschen, gerade in unserer Zeit. Buber schreibt die vor über 60 Jahren. Wie können wir Menschen mit unserer kleinen Kraft gegen diese übermächtige Es-Welt angehen? – Wir sprechen heute von virtuellen Welten, die immer mehr an Bedeutung und Einfluss gewinnen. Denken wir nur an die elektronischen Medien, die als eine Parallelwelt sich aufbäumt in unserer Zeit.
Das uns entgegentretende Du eines Menschen sei ein Strom, der in Fülle uns naht und entgegentritt, das uns aber nicht erreichen kann, weil da eine ‚Versonderung‘ und eine ‚Verfremdung‘ am Werk ist. Zwischen das Ich und das Du tritt die Welt der Dinge, die Es-Welt mit übermacht, so dass Begegnung nicht stattfinden kann. Die Wirklichkeit wird von uns abgesondert. Auf was hin wir geschaffen sind, das wird uns auf einmal fremd. Begegnung, lebendige, wird unterbunden.
Wie das?
Martin Buber diagnostiziert ein Gespenst: das entwirklichte Ich. Das wirkliche Ich besitzt die Beziehungskraft, die das Ich auf den Weg zum Du bewegt. Das entwirklichte Ich wird heimgesucht durch eine ‚Sucht der abgelösten Ichheit‘. Das entwirklichte Ich ist Opfer einer Willkür; nur das wirkliche Ich ist frei.
- Wie aber möchte der die Gewalt aufbringen, den Alp beim Namen anzurufen, dem selbst im Innern ein Gespenst hockt – das entwirklichte Ich? Wie kann in einem Wesen die verschüttete Beziehungskraft auferstehen, wo allstündlich ein rüstiges Gespenst den Schutt feststampft? Wie sammelt sich ein Wesen ein, das unablässig von der Sucht der abgelösten Ichheit im leeren Kreis gejagt wird? Wie soll einer der Freiheit innewerden, der in der Willkür lebt?
In unserer Welt sei das Ich in einen Zustand geraten, den Buber ‚entwirklicht‘ nennt. Es sei zu einen Gespenst seiner Selbst geworden, weil es seine Beziehungskraft verloren habe; sie ist verschüttet, also schlummert sie noch im Ich. Sie muss also irgendwie wieder befreit werden.
Diese Krankheit nennt er: abgelöste Ichheit. Das Ich ist für das Du geschaffen. Da das Ich sich auf seine ‚Beziehung‘ zu den Dingen dieser Welt beschränkt hat, ist ihm die wesentliche Dimension seines Lebens verloren gegangen.
M. Buber stellt gegenüber:
- Freiheit und Schicksal, die dem wirklichen Ich zu eigen sind;
- Willkür und Verhängnis, die dem entwirklichten Ich zugehören.
- Wie Freiheit und Schicksal zusammengehören, so gehören Willkür und Verhängnis zusammen.
Aber Freiheit und Schicksal sind einander angelobt und umfangen einander zum Sinn;
Willkür und Verhängnis, der Seelenspuk und der Weltmahr, vertragen sich, nebeneinander hausend und einander ausweichend, verbindungslos und reibungslos, im Sinnlosen – bis in einem Nu Blick irr an Blick prallt und das Geständnis der Unerlöstheit aus ihnen bricht. Wieviel beredte und kunstreiche Geistigkeit wird heute aufgewandt, um diese Begebenheit zu verhüten oder doch zu verhüllen!
Für das Ich gibt es einen Zustand der ‚Unerlöstheit‘, den es zu erkennen gilt und aus dem eine Befreiung gesucht werden muss.
Das entwirklichte Ich ist gefangen in Willkür und Verhängnis. Es soll befreit werden zur Freiheit und Schicksal, wie Buber es nennt.
Freiheit und Schicksal scheinen einander auszuschließen. In unserem falschen Freiheitsbegriff hat Schicksal keinen Platz: Wer vom Schicksal bestimmt ist, sei nicht frei.
Doch was heißt hier: Freiheit und Schicksal.
Schauen wir auf das neutestamentliche Zeugnis, etwa des Hl. Paulus. Die Liebe Gottes ist es, für die und durch die wir erschaffen sind. Wir sind nach dem Bilde Gottes geschaffen, der die Liebe ist. Durch Christus und auf Ihn hin sind wir geschaffen. Die bedingungslose Liebe Gottes ist Ursprung und Ziel unseres Lebens. Die Liebe Gottes ist unser Schicksal. Und wer ganz in der Liebe leben kann, der ist frei. So das christlich-jüdische Verständnis. Als Christen beten wir: Dein Wille geschehe. Sein Wille ist unser Schicksal. Und dieser Wille führt uns in die glücklich machende Freiheit.
Willkür ist das Gegenteil von liebendem Willen. Wo die Liebe fehlt, da ist Verhängnis. Wer Willkür und Verhängnis ausgesetzt ist, der lebt in der Sklaverei.
Ohne die Liebe zu nennen, beschreibt Martin Buber ihr Wesen und den grundlegenden Unterschied zwischen einem freien und eine willkürlichen, unfreien Menschen.
Der freie Mensch: das wirkliche Ich
Der freie Mensch ist der ohne Willkür wollende. Er glaubt an die Wirklichkeit; das heißt: er glaubt an die reale Verbundenheit der realen Zweiheit Ich und Du. Er glaubt an die Bestimmung und daran, daß sie seiner bedarf: sie gängelt ihn nicht, sie erwartet ihn, er muß auf sie zugehen, und weiß doch nicht, wo sie steht; er muß mit dem ganzen Wesen ausgehen, das weiß er. Es wird nicht so kommen, wie sein Entschluß es meint; aber was kommen will, wird nur kommen, wenn er sich zu den entschließt, was er wollen kann.
Der glaubende Mensch ist der begegnende Mensch. Und begegnen kann nur der Mensch, der frei ist. Frei ist derjenige, der von Willkür frei ist, der ohne Willkür wollende.
Wer von Willkür frei ist, der glaubt an die Wirklichkeit. Wirklichkeit nennt Buber: die reale Verbundenheit der realen Zweiheit Ich und Du.
Die Verbundenheit der Zweiheit Ich und Du ist die Wirklichkeit. Wirklichkeit beim Wort genommen: Wirk-lich-keit. Die Wirkung, die die Verbindung von Ich und Du hervorbringt. Indem Ich und Du in Verbindung treten, wirken sie etwas, nämlich die Wirklichkeit. Ein geheimnisvolles Geschehen zwischen zwei Personen. Für uns Christen ist die Offenbarung des Dreifaltigen Gottes der Ursprung dieses Geheimnisses: Der Hl. Geist ist die Liebe in Person, die Beziehung in Person, von Vater und Sohn.
Der freie Mensch glaubt an die Bestimmung und daran, dass sie seiner bedarf:
Es gibt die Bestimmung, die das Ewige Du, Gott selbst, jedem Menschen eingestiftet hat, denn durch IHN und auf IHN hin ist er geschaffen. Doch als freies Wesen der Liebe weiß er auch, dass Gott ‚seiner bedarf‘: Der Mensch ist nicht Marionette der Willkür Gottes, sondern als für IHN geschaffenes Gegenüber, zum Mitarbeiter bestimmt (gr. synergoi). Gott gängelt ihn nicht. Gott erwartet den Menschen. Der Mensch muss auf IHN zugehen. Der Mensch muss mit dem ganzen Wesen ausgehen. Er muss sich verlassen haben, um IHN zu finden.
Der Mensch ist eingeladen, seinen ‚keinen‘ Willen dem ‚großen opfern‘. Der kleine Wille ist der unfreie, von Dingen und Trieben regierten. Der große Wille geht weg vom Bestimmtsein. Der große, freie Wille geht auf die Bestimmung zu. Der große Wille lässt sich auf das Ewige Du ein und wird so reif und frei.
Er muß seinen kleinen Willen, den unfreien, von Dingen und Trieben regierten, seinem großen opfern, der vom Bestimmtsein weg und auf die Bestimmung zu geht. Da greift er nicht mehr ein, und er läßt doch auch nicht bloß geschehen. Er lauscht dem aus sich Werdenden, dem Weg des Wesens in der Welt; nicht um von ihm getragen zu werden: um es selber so zu verwirklichen, wie es von ihm, dessen es bedarf, verwirklicht werden will, mit Menschengeist und Menschentat, mit Menschenleben und Menschentod. Er glaubt, sagte ich; damit ist aber gesagt: er begegnet.
Der willkürliche Mensch: das entwirklichte Ich
Das Gegenteil ist der willkürliche Mensch, der unfreie, dessen Ich das entwirklichte ist.
Der willkürliche Mensch glaubt nicht und begegnet nicht. Er kennt die Verbundenheit nicht, er kennt nur die fiebrige Welt da draußen und seine fiebrige Lust, sie zu gebrauchen; man muß dem Gebrauchen nur einen antiken Namen geben, und es wandelt unter den Göttern. Wenn er Du sagt, meint er: „Du mein Gebrauchenkönnen“; und was er seine Bestimmung nennt, ist nur Ausstattung und Sanktion seines Gebrauchenkönnens. In Wahrheit hat er keine Bestimmung, nur ein Bestimmtsein von Dingen und Trieben, das er mit dem Gefühl der Selbstherrlichkeit, das heißt eben in Willkür vollzieht. Er hat keinen großen Willen; nur die Willkür, die er dafür ausgibt. Ganz unfähig ist er zum Opfer, ob ers auch etwa im Mund führen mag; du erkennt ihn daran, daß er nie konkret wird. Er greift fortwährend ein, und zwar zu dem Zweck, „es geschehen zu lassen“. Wie sollte man denn, sagt er dir, nicht der Bestimmung nachhelfen, nicht die erreichbaren Mittel verwenden, die solch ein Zweck erfordert? So sieht er auch den Freien; er kann ihn nicht anders sehen. Aber der Freie hat nicht hier einen Zweck und da holt er die Mittel dazu herbei; er hat nur das eine: immer wieder nur seinen Entschluß, auf seine Bestimmung zuzugehen. Er hat ihn gefaßt, er wird ihn zuweilen, an jeder Wegscheide erneuern; aber eher könnte er glauben, er lebe nicht, als dies, der Entschluß des großen Willens reiche nicht zu und müsse durch Mittel unterstützt werden. Er glaubt; er begegnet. Aber das ungläubige Mark des willkürlichen Menschen kann nichts anderes wahrnehmen als Unglauben und Willkür, Zwecksetzen und Mittel ersinnen. Ohne Opfer und ohne Gnade ohne Begegnung und ohne Gegenwart, eine verzweckte und vermittelte Welt ist seine Welt; keine andre kann es sein; und diese heißt Verhängnis. So ist er in all seiner Selbstherrlichkeit schier unauswirrbar ins Unwirkliche verstrickt; und er weiß es, sooft er sich auf sich besinnt, - darum richtet er den besten Teil seiner Geistigkeit darauf, die Besinnung zu verhüten oder doch zu verhüllen.
Sie aber, die Besinnung auf das Abgefallensein, auf das entwirklichte und auf das wirkliche Ich, in den Wurzelgrund sich versenken lassen, den der Mensch Verzweiflung nennt und aus dem die Selbstvernichtung und die Wiedergeburt wachsen, wäre der Anfang der Umkehr