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Gleichnis vom armen Lazarus und dem reichen Prasser (Lk 16)

 

Nur der Evangelist überliefert uns dieses Gleichnis. Die Wortwahl des Lukas ist voller kleiner Hinweise, die uns in tiefste Geheimnisse unseres Glaubens führen.

Vergegenwärtigen wir uns beim Hören dieses Gleichnisses, wer es erzählt: Jesus Christus, der Ewige Sohn des Ewigen Vaters, der seiner göttlichen Natur nach eines Wesens mit dem Vater und dem Hl. Geist ist, der seiner menschlichen Natur nach Mensch geworden ist in der Mutter und Jungfrau Maria, der aus der göttlichen Herrlichkeit in die Schöpfung eingetreten ist, der immer im Schoß des Vaters geblieben ist, und doch aus dem Schoß des Vaters zu uns in diese vergängliche Welt gekommen ist.

Von IHM sagt Johannes im Evangelium: Niemand hat Gott jemals gesehen. Der Einzige, der Gott ist und an der Brust / im Schoß des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht. (Joh 1,18) Derjenige, der dieses ‚an der Brust/im Schoß‘ besonders erlebt hat, ist der Apostel Johannes, von dem es heißt: Einer von seinen Jüngern lag bei Tisch an der Seite /an der Brust/im Schoß Jesu; es war der, den Jesus liebte. (Joh 13,23)

Jesus ist es also, der dieses Gleichnis erzählt, und uns, seinen Zuhörern, – wie in allen Gleichnissen – eine Offenbarung des Geheimnisses der Dreifaltigkeit schenkt und der daraus fließenden Erlösung für uns Menschen, die die Herrlichkeit Gottes verloren haben. Jedes Gleichnis gibt uns Einblick in die Herrlichkeit, die Jesus bei seinem Vater schon immer hat, und die Er uns in Liebe mitteeilen will.

Das Gleichnis beginnt wie das des Barmherzigen Vaters und seinen beiden Söhnen (Lk 15) ganz allgemein mit: Ἄνθρωπος δέ τις – ein Mensch, ein Mann. Diese Allgemeinheit lässt vieles offen; es lässt offen, dass jeder Mensch gemeint sein kann. Jeder Mensch ist eingeladen etwas über sich zu erfahren:

19 Ein Mensch aber war reich [ Ἄνθρωπος δέ τις ἦν πλούσιος], der sich in Purpur und feines Leinen kleidete und Tag für Tag herrlich und in Freuden lebte.

Ein Mensch also: im Purpur gekleidet, in feines Leinen; er lebte herrlich und in Freude. Dieses ‚in Freude leben‘ kehrt wieder in Lk 15,23: Der barmherzige Vater ruft zur Freude auf, als der jüngere Sohn zurückgekehrt ist. Lk 15,29: Der ältere Sohn in diesem Gleichnis wirft dem Vater vor: Mir hast du nie einen Bock gegeben, damit ich mit meinen Freunden in Freude feiern konnte.

Für sich genommen könnt dieser Beginn des Gleichnisses beides bedeuten: Die Beschreibung eines reich von Gott beschenkten Menschen, der die Fülle der Liebe Gottes genießen darf. Wird dies nicht der Zustand sein, der uns im Himmlischen Jerusalem erwartet?

Doch die Fortsetzung dieses Gleichnisses zeichnet ein ganz anderes Bild:

20  Ein Armer (πτωχὸς) namens Lazarus war geworfen worden (ἐβέβλητο, Plusquamperfekt Passiv) vor die Tür des Reichen, der voller Geschwüre war. 

Diesem reichen Menschen v. 19 wird ‚ein Armer‘ gegenübergestellt, mit einem schrecklichen Schicksal. Vor die Tür des Reichen ist er ‚gelegt, geworfen‘ worden. Wer ihn dorthin gelegt hat, bleibt offen; ob er sich selbst dorthin gelegt hat oder andere ihn ausgesetzt haben, bleibt offen. Ist er vielleicht dorthin ‘geworfen‘ worden als ein Senfkorn, das einer nahm und in seinen Garten säte (=warf)? (Lk 13,19) Oder ist er ‚weggeworfen‘ wie das Salz, das schal geworden ist (Lk 14,35).

Auffallend ist weiterhin, dass der Arme mit Namen benannt wird; er ist kein namenloser Irgendwer, sondern eine Person mit Namen. Gott hat ihn beim Namen gerufen; ER kennt ihn.

Wir wissen, was Jesus über die ‚Armen‘ sagt: Selig die Armen im Geiste; den ihnen gehört das Himmelreich. (Mt 5,3)

Nun wird das Elend dieses Armen beschrieben:

21 Er hätte gern seinen Hunger mit dem gestillt, was vom Tisch des Reichen herunterfiel. Stattdessen kamen die Hunde und leckten an seinen Geschwüren.

22 Als nun der Arme starb, wurde er von den Engeln in Abrahams Schoß (κόλπον Ἀβραάμ) getragen. Auch der Reiche starb und wurde begraben.

Beide nun sterben. Doch beiden ist ein anderes Schicksal bereitet: Lazarus wird von den Engeln in Abrahams Schoß getragen, der Reiche wird begraben.

Abraham: Er ist die große Gestalt des Volkes Israels. Der Gott des Volkes Israel ist der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Der Name Abraham ist abgeleitet von hebr. a-b = Vater (‚Abba‘). Abraham ist das menschliche, geschaffene Abbild des himmlischen, ungeschaffenen, ewigen Vaters.

Der Schoß Abrahams wird so Sinnbild der Vorbereitung auf die tiefste Geborgenheit in Gott: Johannes spricht im Prolog davon, dass Jesus als der Ewige Sohn Gottes aus dem Schoß des Vaters kommt und darin immer bleibt, auch wenn er ihn um unseretwillen verlassen hat, zu unserer Erlösung. Das Geheimnis der Menschwerdung des Sohnes Gottes besteht darin, dass der Ewige Sohn des Vaters im Schoß des Vaters bleibend, den Schoß des Vaters verlässt, um im Schoß der Jungfrau und Gottesmutter Maria Fleisch zu werden.

Mit Christi Auferweckung und Himmelfahrt wird er den Schoß Abrahams öffnen für das Himmlische Jerusalem, die Ewige Gemeinschaft mit dem Dreifaltigen Gott.

Spätestens an dieser Stelle merken wir, welch tiefes Geheimnis Jesus hier uns von sich und über uns offenbart.

Das Schicksal des Reichen ist schrecklich. Wer hat es ihm bereitet? Wer hat ihn dorthin ‚geworfen‘?

23 In der Unterwelt (ἐν τῷ ᾅδῃ), wo er qualvolle Schmerzen litt, blickte er auf und sah von weitem Abraham, und Lazarus in seinem Schoß. 

24 Da rief er: Vater Abraham, hab Erbarmen mit mir und schick Lazarus zu mir; er soll wenigstens die Spitze seines Fingers ins Wasser tauchen und mir die Zunge kühlen, denn ich leide große Qual in diesem Feuer.

Was oder wer bereitet ihm diesen unerträglichen Durst und dieses unerträgliche Feuer?

25 Abraham erwiderte: Mein Kind, denk daran, dass du schon zu Lebzeiten deinen Anteil am Guten erhalten hast (τὰ ἀγαθά σου ἐν τῇ ζωῇ σου: dein Gutes in deinem Leben), Lazarus aber nur Schlechtes (τὰ κακά: das Schlechte, nicht: sein Schlechtes). Jetzt wird er dafür getröstet, du aber musst leiden.

Auffallend die Gegenüberstellung von: dem Schlechten, das Lazarus in seinem irdischen Leben erlebte, und dem, wovon in Bezug auf den Reichen die Rede ist: seinem Guten in seinem Leben. Der Reiche hatte eben nicht das Leben und das Gute erlebt, sondern was er sich zum Leben und zum Guten genommen hatte. Nur einer ist gut: Gott, der EINE. (Lk 18,19) Gott als der Gute, der Eine, war ihm nicht zuteil; an Gott, dem Guten, dem Einen, hatte er nicht Anteil. Das Leid, das dem scheinbar Reichen also begegnet, ist jenes, das er sich selbst bereitet hat. Der ‚Reiche‘ erlebt sein Elend, in dem er sich zur irdischen Zeit befand. Er erfährt, dass ihm der Zugang zum Einen Guten fehlte und fehlt.

26 Außerdem ist zwischen uns und euch ein tiefer, unüberwindlicher Abgrund (μεταξὺ ἡμῶν καὶ ὑμῶν χάσμα μέγα ἐστήρικται, zwischen uns und euch wird festgesetzt (Passiv) ein großer Spalt/Abgrund; die handelnde Person bleibt unbenannt), sodass niemand von hier zu euch oder von dort zu uns kommen kann, selbst wenn er wollte.

Nachdem beide gestorben sind, wird offenbar, woran sie zu ‚Lebzeiten‘ Anteil hatten.

27 Da sagte der Reiche: Dann bitte ich dich, Vater, schick ihn in das Haus meines Vaters! (εἰς τὸν οἶκον τοῦ πατρός μου)

28 Denn ich habe noch fünf Brüder. Er soll sie warnen, damit nicht auch sie an diesen Ort der Qual kommen. (εἰς τὸν τόπον τοῦτον τῆς βασάνου)

29 Abraham aber sagte: Sie haben Mose und die Propheten, auf die sollen sie hören.

30 Er erwiderte: Nein, Vater Abraham, nur wenn einer von den Toten zu ihnen kommt, werden sie umkehren (μετανοήσουσιν).

31 Darauf sagte Abraham: Wenn sie auf Mose und die Propheten nicht hören, werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn einer von den Toten aufersteht.

 

Was also will Jesus uns mit diesem Gleichnis offenbaren? Was sagte ER uns von sich und von uns?

Dieses Gleichnis steht in einer Reihe mehrerer Gleichnisse, die in 15,1.2 so eingeführt werden: Alle Zöllner und Sünder kamen zu ihm, um ihn zu hören. Die Pharisäer und Schriftgelehrten murrten und sagten: Der nimmt Sünder an und isst mit ihnen. 16,1415: Die geldgierigen Pharisäer hörten das alles und verhöhnten ihn. Da sagte er zu ihnen: Ihr seid es, die sich vor den Menschen als gerecht hinstellen, Gott aber kennt euere Herzen; denn was als hoch gilt bei den Menschen, ist ein Gräuel vor Gott.

Ein deutliches Wort: Was hoch gilt bei den Menschen, ist ein Gräuel vor Gott!

Uns Menschen, die wir in diesem Irrtum leben, mit falschem Blick auf das eigene Leben und das anderer, lädt Jesus zur Umkehr, Metanoia, ein. (v.30). Mit Johannes dem Täufer (Mt 3,2) ruft Jesus auf: Kehrt um! Das Himmelreich ist nahe. (Mt 4,17)

ER ruft uns zu und stellt uns vor Augen:

  • Gott ist unendlich reich; der Reichtum seiner Herrlichkeit ist überfließend reich. Seine Liebe ist dieser überfließende Reichtum.
  • Ich bin der Ewige Sohn, der immer im Schoß des Vaters ruht, der immer an der Quelle der göttlichen Liebe trinkt.
  • Ich bin gekommen, um euch von diesem Reichtum der Fülle der Liebe trinken zu lassen.
  • Du Mensch, bist nach meinem Bilde geschaffen, um an dieser überreichlich fließenden Liebe Anteil zu haben.
  • Doch wie der Reiche im Gleichnis hast du den Reichtum der Liebe zu deinem eigenen Besitz gemacht, hast ihn verkehrt und in dich verschlossen.
  • Dieser Reichtum der Liebe ist aber bestimmt, unendlich hinüberzufließen, zum Nächsten, zu Gott zurück.
  • Wie der Reiche im Gleichnis hast du diesen Reichtum zu deinem Guten gemacht und das Leben der Liebe, das Dein Schöpfer Dir geschenkt hat, zu deinem Leben gemacht.
  • Dadurch hast Du einen tiefen Graben geöffnet zwischen Dir und Deinem Nächsten, zwischen Dir und Deinem Gott!
  • Kehre um! Mache das Gute und das Leben, dass ich Dir geschenkt habe, zum Leben und zum Guten, das Du verschenkst.
  • Schaue auf mich! Ich bin dieser Lazarus vor Deiner Tür, der Dir zeigt, was du aus Dir selber gemacht hast.
  • Du bist einer, der nach dem wahren Brot des Lebens hungert und nach dem wahren Wasser des Lebens dürstet.
  • ICH, der HERR, bin derjenige, der Dir die Quelle des Lebens, der Liebe, der Fülle öffnet.
  • Ich dürste nach Dir, nach Deiner Liebe!
  • Gib mir zu trinken von Deiner Liebe!
  • Komm in Abrahams Schoß! Komm in den Schoß des Vaters, in dem ich immer lebe, den ICH für Dich verlassen habe, in den ICH als Menschensohn zurückgekehrt bin, um Dir die Möglichkeit zu geben: Sei IN MIR, dann bin ich IN DIR!

 

Oder noch einmal mit anderen Worten:

Dieses Gleichnis bringt ans Licht, welche Zerrissenheit die Sünde gegen die Liebe in die ganze Schöpfung gebracht hat: Reichtum (des Reichen im Gleichnis) und Armut (des Lazarus) stehen sich unüberbrückbar gegenüber, eine große Kluft tut sich zwischen ihnen auf. Der Reichtum schließt die Armut aus, ist ihr Feind.

In Jesus sind Reichtum und Armut miteinander vermählt, eins: ER, der Ewige Sohn, der immer in dem Reichtum seines Vaters ist und bleibt, wird unseretwegen arm, um uns reich zu machen. In Gott sich Reichtum und Armut in besonderer Weise eins: der Reiche kann arm werden, damit der arme reich wird. Der Reiche kann arm werden in dem Sinne, dass er seinen Reichtum ganz und gar verschenkt, sich selbst ganz und gar verschenkt, damit der andere unendlich reich wird: Gott der Vater schenkt sein ganzes göttliches Wesen seinem Sohn, damit dieser mit dem Vater eines Wesens reich wird wie der Vater. Und dies geschieht im Heiligen Geist.

Die Sünde hat diesen wunderbaren, göttlichen ‚Kreislauf‘ zerbrochen. Der Mensch hat den Reichtum, den Gott ihm geschenkt hat, nicht weitergeschenkt, sondern für sich zum Besitz gemacht. So wurde der Kreislauf der Liebe unterbrochen. Deshalb behält der Reiche im Gleichnis sein Sein und seine Güte für sich, obwohl er doch diesen Reichtum als Gabe empfangen hat und zur Gabe an den Nächsten machen sollte.

Jesus zeigt uns, wie dieser Kreislauf wieder eröffnet werden kann. ER selbst kann uns zu diesem Liebes-Kreislauf wieder erlösen. Er ist derjenige, in dem Reichtum und Armut vereint sind, eins geworden sind.

Deshalb die Einladung Jesu: Bleibt in mir, und ich bleibe in euch!

Die Erlösung: Wenn sie auf Mose und die Propheten hören, werden sie sich überzeugen lassen, wenn einer von den Toten aufersteht.