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Der Geist des Menschen

 

(Wisse die Wege – Liber Scivias, Hrsg. Von der Abtei St. Hildegard, Eibingen, Beuroner Kunstverlag, 2. Aufl. 2012, 7. Vision des 3. Teils, S. 397ff.)

 

„Und der Geist ist es, der bezeugt, dass Christus die Wahrheit ist; denn drei sind es, die auf Erden Zeugnis geben: Der Geist, das Wasser und das Blut. Und diese drei sind eins. Und drei sind es, die im Himmel Zeugnis geben: Der Vater, das WORT und der Heilige Geist. Und diese drei sind eins.
(1 Joh 5,6-8)[1]

Das ist so: Der Geist des Menschen ist geistiger Natur (spiritalis), d. h. er geht nicht aus dem Blut hervor und entsteht nicht aus dem Fleisch, sondern er entspringt dem Geheimnis Gottes und ist seinem Wesen nach für das unsichtbar, was der Veränderlichkeit unterworfen ist.

 

Die menschliche Natur hat zwei Seiten: die körperliche und die geistige. Wir können so Geist und Materie unterscheiden. Der Geist des Menschen entsteht nicht aus der materiellen Seite seiner Natur, er entspringt nicht aus der Materialität der Schöpfung, sondern er entspring dem Geheimnis Gottes. Von Johannes wissen wir: Gott ist Geist! (Joh 4,24) Die Materie ist der Veränderlichkeit unterworfen. Die körperlichen Sinne des Menschen haben deshalb keinen Zugang zu dieser unsichtbaren Seite der ganzen Wirklichkeit. Der Geist des Menschen ist seinem Wesen nach unsichtbar, geistig. Deshalb hat der Mensch in seinem Geist grundsätzlich Zugang zu Gott, der Geist ist und in dessen Wesen sein menschlicher Geist seinen Ursprung hat.

 

Deshalb richtet sich sein Zeugnis auf den Sohn Gottes, dessen Herrlichkeit in dem mystischen Hauch wunderbar ist.

 

Der Geist des Menschen kann sich also ausrichten auf den Sohn Gottes. Seine Herrlichkeit, die Er mit dem Vater und dem Hl. Geist gemeinsam hat, ist in dem mystischen Hauch wunderbar gegenwärtig. Wie aber ist diese Herrlichkeit dem Menschen zugänglich? Im mystischen Hauch ist sie! Ist dem Menschen dieser mystische Hauch zugänglich, kann er daran Anteil erhalten?

 

Diese [Herrlichkeit] kann kein Mensch vollkommen begreifen, nämlich wie der Eingeborene Gottes vom heiligen Geist empfangen und in diese Welt gekommen ist.

 

Diese göttliche Herrlichkeit leuchtet auf in der Inkarnation des Gottessohnes in menschlicher Natur: empfangen vom Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria. Dieses Geheimnis des Glaubens verkündet uns die heilige Kirche. Dies ist das Evangelium der Apostel des Herrn. Die Herrlichkeit dieses Geheimnisses können wir Menschen nie vollkommen begreifen, aber: Wir können uns diesem Geheimnis in unserem Geist nähern, mit der Hilfe des Heiligen Geistes. Er vermag uns in dem Maße, wie wir es fassen können, zu erleuchten. Wie in einem Spiegel können wir es erkennen, gemäß unserer Fassungsgabe. Ein Schatten dieses Geheimnisses kann in unseren Geist fallen. So werden wir vorbereitet, es in unser Herz aufzunehmen: Das Wasser der Wiedergeburt bewirkt in uns die Geburt des Gottes- und Menschensohnes Jesus Christus.

 

So wird auch kein Mensch vollkommen wissen können, wie die Seele den Leib und das Blut des Menschen durchdringt, sodass ein einiges Leben daraus entsteht.

 

In gleicher Weise können wir Menschen ein anderes Geheimnis nicht voll fassen, das uns selbst betrifft, wie nämlich die Seele den Leib und das Blut des Menschen durchdringt. Seele und Blut bilden ein einiges Leben. Wie dieses einige Leben in uns entsteht, bleibt uns also verborgen. Wir können es dankbar als Wirklichkeit annehmen; das Wie dieser Wirklichkeit ist nicht erkennbar.

 

Und wie der Geist des Menschen die sicherste Grundlage der Erkenntnis ist, die ihm von Gott gegeben ist, in der er alles durchdringt, was ihm von Gott überlassen ist, denn es ist kein falsches trügerisches Leben, sondern ein sehr klar bestimmtes, so ist Christus die vollkommene Wahrheit, in der das Leben erstand und das Licht der Erlösung aufleuchtete, durch die der Tod zu Fall kam, weil er trügerisch ist.

Verglichen werden also: Christus, die vollkommene Wahrheit, in der das Leben erstand und das Licht der Erlösung aufleuchtet und der Geist des Menschen, der die sichere Grundlage der Erkenntnis ist, die ihm von Gott gegeben ist, in der er alles durchdringt.

Schauen wir uns diesen Vergleich genauer an:

 

Christus ist die vollkommene Wahrheit: Jesus selbst bezeugt: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. In Ihm erstand das Leben. Wir werden erinnert an den Johannesprolog: Im Anfang war das WORT, und das WORT war bei Gott, und Gott war das WORT. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. (Joh 1,1-4 Ausz.) Von Ihm, der dies Wahrheit und das Leben selbst ist, geht das Licht der Erlösung aus für alle, die im Finstern der Sünde und des Todes gefangen sind. Von Christus geht ein Leuchten aus, das uns Menschen erkennen lässt. Das Licht der Erkenntnis strömt von Ihm aus, auf uns, auf unseren Geist.

 

Wie also das Licht Christi alles durchdringt und mit Leben beschenkt, so ist dem mit dem Geist des Menschen: Der Geist des Menschen ist dem Menschen von Gott als Grundlage der Erkenntnis gegeben. Durch seinen von Gott geschenkten Geist kann der Mensch alles mit seinem Erkenntnislicht durchdringen.

 

Denn der Geist des Menschen hat durch mich das Zeugnis in sich, dass er nicht im vollem Leben der Wiedererlangung des Heils ist, wenn er nicht durch mich im Wasser der Wiedergeburt aufersteht, weil es ihm an jenem Licht fehlt, das in mir leuchtet, aus der Glückseligkeit vertrieben durch die verdorbene Empfängnis der (Erb)Schuld, die im Blut entsteht. …

 

Nun hat der Mensch – außerhalb des Paradieses – ein Zeugnis in sich, nämlich das Zeugnis, das Gott ihm gibt, eine Bezeugung einer Wahrheit. Diese Wahrheit ist: Dem Menschen fehlt das volle Leben, das im Heil besteht. Heil bedeutet: Des Menschen Wesen ist ganz und gar zugänglich für Gott selbst, sein Licht und seine Wahrheit, sein Leben.

 

Diese Erkenntnis des Geistes, dass ihm das volle Leben fehlt, führt zur Sehnsucht des Menschen nach dieser Heilung seines Wesens. Es entsteht die Sehnsucht nach dem Wasser der Wiedergeburt. Durch dieses Wasser kann er auferstehen zu diesem vollen Leben. Dieses Wasser der Wiedergeburt ist der menschgewordene Sohn Gottes selbst, wie wir weiter unten erfahren.

 

Dem aus dem Paradies vertriebenen Menschen fehlt das Licht, das in mir leuchtet. In Gott leuchtet ein Licht, das für den Menschen bestimmt ist, das er aber durch den Sündenfall verloren hat. Johannes spricht davon: Das Licht, das jeden Menschen erleuchtet; es kam in die Welt. (Joh 1,9)

Und diese drei [Geist – Wasser – Blut] sind eins, denn der Geist ist ohne die Materie des Blutes im Leib kein lebendiger Mensch und die Materie des Blutes im Leib ist kein lebendiger Mensch ohne die Seele. Auch diese beiden erwachen nur durch das Wasser der Wiedergeburt in der Gnade des neuen Gesetzes zum Leben. Und so sind sie eins in der Erlösung (redemptio), aber sie sind nicht vollständig in der Rettung (salvatio), solange sie von diesem heilsamen Wasser getrennt sind. …

 

Der Mensch ist eine Zweiheit von Geist und Blut. Diese Zweiheit kann allerdings tot oder lebendig sein: der Geist ist ohne die Materie des Blutes im Leib kein lebendiger Mensch; die Materie des Blutes im Leib ist kein lebendiger Mensch ohne die Seele. Geist und Materie des Blutes bilden miteinander einen lebendigen Menschen, der allerdings nur dann lebendig ist, wenn er durch das Wasser der Wiedergeburt in der Gnade des neuen Gesetzes belebt worden ist. Die Erlösung (redemptio) hat sie eins gemacht, doch nur durch das heilsame Wasser der Wiedergeburt sind sie vollständig in der Rettung (salvatio). Was mag dieser Unterschied von redemptio und salvatio bedeuten? Red-imere bedeutet: zurück-kaufen, frei-kaufen, befreien; salvare bedeutet: bewahren, speichern. Durch Jesus Christus, sein Erlösungshandeln, sind Geist und Leib wieder eins geworden; durch die Wiedergeburt ist der Mensch aufgenommen in das neue Leben des Hl. Geistes.

 

Und der Geist, der unsichtbar für die leiblichen Augen ist, bezeichnet den Vater, der für alle Geschöpfe unbegreiflich ist. Und das Wasser, das die Reinigung von der Sünde bewirkt, bezeichnet das WORT, s. h. den Sohn, der durch sein Leiden die Makel der Menschen abwäscht. Und das Blut, das den Menschen durchströmt und erwärmt, versinnbildet den Heiligen Geist, der in den Menschen die herrlichsten Tugenden weckt und entzündet. So sind diese drei, der Geist, das Wasser und das Blut, in einem und eines in dreien.



[1] 1 Joh 5,6-8 lautet in einigen deutschen Übersetzungen anders als in der Vulgata. Herder Übersetzung:  6b Der Geist ist es, der Zeugnis ablegt; denn der Geist ist die Wahrheit. 7 Denn drei sind es, die Zeugnis ablegen: 8 Der Geist, das Wasser und das Blut, und diese drei stimmen überein.

Schöningh-Übersetzung in gleicher Weise: 6 Jesus Christus ist es, der gekommen ist durch Wasser und Blut; nicht im Wasser allein, sondern im Wasser und Blut; das bezeugt der Geist, weil der Geist Wahrheit ist. 7 Denn drei sind es, die Zeugnis ablegen, 8 der Geist und das Wasser und das Blut, und diese drei sind eins.

Bemerkung in Schöningh zu v. 8: Viele Handschriften erweitern den Text durch das sog. „Comma Johanneum“, das nicht zum ursprünglichen Text gehört. Es fehlt in sämtlichen alten griechischen Handschriften und wurde wohl in Spanien oder Nordafrika im vierten Jh. in den lateinischen Text eingefügt: „So sind es drei, die Zeugnis geben im Himmel: Der Vater, das Wort und der Heilige Geist, und diese drei sind eins. Und drei geben Zeugnis auf Erden: Der Geist, das Wasser und das Blut, und diese drei bilden eine Einheit.“

Beachte eine Version der VUL:

6 Hic est, qui venit per aquam et sanguinem, Jesus Christus: non in aqua solum, sed in aqua et sanguine. Et Spiritus est, qui testificatur quoniam Christus est veritas.7 Quoniam tres sunt, qui testimonium dant in caelo: Pater, Verbum, et Spiritus Sanctus: et hi tres unum sunt. 8 Et tres sunt, qui testimonium dant in terra: spiritus, et aqua, et sanguis: et hi tres unum sunt.

Andere Version VUL: 6 hic est qui venit per aquam et sanguinem Iesus Christus non in aqua solum sed in aqua et sanguine et Spiritus est qui testificatur quoniam Christus est veritas 7 quia tres sunt qui testimonium dant 8 Spiritus et aqua et sanguis et tres unum sunt [Weber, R., & Gryson, R. (1969, 2007). Biblia Sacra iuxta Vulgatam versionem (5th revised edition) (1Joh 5,6-8). Stuttgart: Deutsche Bibelgesellschaft.]