Die Lebenswelt des modernen Menschen
Aus: Martin Buber, Ich und Du, Heidelberg, Verlag Lambert Schneider, 9. Auflage 1977, S. 58ff.
Aber ist denn das Gemeinleben des modernen Menschen nicht mit Notwendigkeit in die Eswelt versenkt? Sind die zwei Kammern dieses Lebens, die Wirtschaft und der Staat, in ihrem gegenwärtigen Umfang und in ihrer gegenwärtigen Durchbildung denkbar auf einer andern Grundlage als auf der eines überlegnen Verzichts auf alle „Unmittelbarkeit“, ja einer unbeugsam entschloßnen Ablehnung jeder „fremden“, nicht diesem Gebiert selbst entstammenden Instanz? Und wenn es das erfahrende und gebrauchende Ich ist, das hier waltet, das Güter und Leistungen gebrauchende in der Ökonomie, das Meinungen und Strebungen gebrauchende in der Politik, ist nicht eben dieser uneingeschränkten Herrschaft die ausgedehnte und standfeste Struktur der großen „objektiven“ Gebilde in diesen zwei Umkreisen zu verdanken? Ja, ist nicht die bildnerische Größe des führenden Staatsmanns und des führenden Wirtschaftsmanns eben daran gebunden, daß er die Menschen, mit denen er zu schaffen hat, nicht als Träger des unerfahrbaren Du, sondern als Leistungs- und Strebungszentren ansieht, die es in ihren besonderen Befähigungen zu berechnen und zu verwenden gilt? Würde seine Welt nicht über ihm zusammenbrechen, wenn er versuchte, statt Er + Er + Er zu einem Es zu addieren, die Summe von Du und Du und Du zu ziehen, die nie etwas anderes als wieder Du ergibt? … Und wenn wir von den Lenkern auf die Gelenkten blicken, hat nicht die Entwicklung selbst in der modernen Art der Arbeit und in der modernen Art des Besitzes fast jede Spur des Gegenüberlebens, der sinnvollen Beziehung getilgt? …
Das Gemeinleben des Menschen kann ebensowenig wie er selbst der Eswelt entraten, - als über der die Gegenwart des Du schwebt wie der Geist über den Wassern. Nutzwille und Machtwille des Menschen wirken naturhaft und rechtmäßig, solang sie an den menschlichen Beziehungswillen geschlossen sind und von ihm getragen werden. Es gibt keinen bösen Trieb, bis sich der Trieb vom Wesen löst; der an Wesen geschlossene und von ihm bestimmte Trieb ist das Plasma des Gemeinlebens, der abgelöste ist dessen Zersetzung. Wirtschaft, das Gehäuse des Nutzwillens, und Staat, das Gehäuse des Machtwillens, haben so lange teil am Leben, als sie am Geist teilhaben. …
Gebilde des menschlichen Gemeinlebens haben ihr Leben aus der Fülle der Beziehungskraft, die ihre Glieder durchdringt, und ihre leibhafte Form aus der Bindung dieser Kraft im Geist. …
Der Geist ist wahrhaft „bei sich“, wenn er der ihm erschloßnen Welt gegenübertreten, sich ihr hingeben, sie und an ihr sich erlösen kann. Das könnte die zerstreute, geschwächte, entartete, widerspruchdurchsetzte Geistigkeit, die heute den Geist vertritt, freilich erst, wenn sie wieder zum Wesen des Geistes, zum Dusagenkönnen gediehe.
Es ist verblüffend, mit welcher Klarsicht Martin Buber die Welt, die ihm umgab in den 50ger Jahren, analysierte, ihre Krankheiten beschrieb. Es ist die Welt, in die ich hineingeboren wurde. Niemand konnte wahrscheinlich damals ahnen, welches Ausmaß diese Missbildungen einmal annehmen würde, so wie wir es heute Anfang des 21. Jahrhunderts erleben. Und leiden nicht so manche Zeitgenossen unter dieser Krankheit?
Wir sind in die ‚Eswelt versenkt‘! Sie ist gekennzeichnet durch diesen überlegenen Verzicht auf alle ‚Unmittelbarkeit‘. Alles ist instrumentalisiert, unter die Diktatur der Mittel geraten. Es gibt diese unbeugsame entschlossene Ablehnung jeder Instanz, die nicht dieser Ordnung der Wirklichkeit entstammt. Der Geist ist verlorengegangen; es gilt nur noch die Dinghaftigkeit.
Der Mensch ‚erfährt‘ und ‚gebraucht‘.
Die Dinge dieser Welt sind verzweckt, Mittel zu einem praktischen oder wirtschaftlichen Zweck. Es gilt die Leistung, der Profit, der Nutzen.
Wirklich ist, was Gegenstand der Erfahrung wird. Erfahrung ist ein Zugang des Menschen zur Welt, der unerlässlich ist, aber in der Erfahrung darf sich dieser Zugang nicht erschöpfen.
Das Hindernis. Denn die Ausbildung der erfahrenden und gebrauchenden Fähigkeit erfolgt zumeist durch Minderung der Beziehungskraft des Menschen – der Kraft, vermöge deren allein der Mensch im Geist leben kann. (S.49)
Erfahrung der Welt ist der Zugang der modernen Naturwissenschaften zur Raum-Zeit-Welt mit ihren Ursächlichkeiten. Doch die Welt des Sinns von allem ist eine übergeordnete.
In der modernen Welt wird der Mensch als ‚Leistungs- und Strebungszentrum‘ betrachtet, und ausschließlich so. Der Mensch ist nicht mehr ‚Träger des unerfahrbaren Du‘. Zum Menschen als Du erhalte ich nicht Zugang durch Erfahrungen, die ich mit ihm mache. Nur durch Liebe erhalte ich diesen Zugang.
Der Eswelt kann das ‚Gemeinleben des Menschen‘, die Gemeinschaft von Menschen, wie der einzelne Mensch nur dadurch entraten, dass die ‚Gegenwart des Du‘ Einfluss gewinnt. Buber gibt hier eine Anspielung auf die Schöpfungsgeschichte der Heiligen Schrift: Der Geist Gottes schwebte über den Wassern. (Gen 1,2) So wie der Schöpfergeist Gottes der Schöpfung eine ‚geistige Ordnung‘ eingehaucht hat, einen Ursprung und ein Ziel, so kann nur das Ich-Du unserer Lebenswelt Lebendigkeit einhauchen. Nur indem wir unser Du ‚einsetzen‘, einbringen. Der Mensch muss seinen ‚Beziehungswillen‘ einbringen: In all unserem Tun muss der Wille wirksam werden, Beziehungen von Ich zu Ich aufzunehmen.
Hier spricht M. Buber vom ‚Plasma des Gemeinlebens‘. Von diesem Lebensplasma sollen alle ‚Gebilde des menschlichen Gemeinlebens‘ erfüllt sein. Wo er fehlt, ist Tod; wo er west, ist Leben.
An dieser Stelle unterscheidet er ‚Geist‘ und ‚Geistigkeit‘.
Geistigkeit ist: zerstreut, geschwächt, entartet, widerspruchsdurchsetzt. Der Geist der Eswelt, die alles als zu verwaltende und zu erwerbende und zu besitzende Dinge betrachtet.
Wesen des Geistes ist: Dusagenkönnen.