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Glaube und Maria

Zu: Ferdinand Ulrich, Gabe und Vergebung, S. 55ff. [Zitate kursiv]

 

Aber das Berühren geschieht durch das Mysterium der seinlassenden, freigebenden Differenz, in und aus der Ur-distanz der Ehrfurcht gegenüber der Unantastbarkeit der Freiheit des Anderen: kraft der dialogischen Differenz (Wer  zu Wer), kraft der schöpferischen „Leere“ (aus Liebe) zwischen dem Berührenden und dem Berührten. Wir erinnern uns an Michelangelos „Erschaffung des Adam“ in der Sixtina: in der (schöpferischen) „Leere“ der Distanz zwischen dem „digitus paternae dexterae“ – wie das Pneuma, der Schöpfer-Geist auch genannt wird – und dem Geschöpf enthüllt sich das Geheimnis der tiefsten Nähe beider, jenseits aller punktuellen Sym-metrie von Zeigendem (=Sprechendem) und (sit venia verbo) Ge-zeigtem, der in der Kraft des Pneuma durch das Wort vom Sprechenden ins lebendige Dasein gerufen wird.

Was ist „Berühren“ zweier Personen?

F. Ulrich gibt verschiedene Antworten:

  • Er nennt es ein „Mysterium“: ein für unser menschliches Begreifen verborgenes Geschehen; mit den Kategorien des Verstandes nicht zu fassen; aber dennoch etwas Geschehendes dort, wo die Gnade Gottes wirkt.
  • Seinlassende, freigebende Differenz: Berührung geschieht zwischen zwei Personen, zwischen denen eine Differenz besteht, eine dialogische Differenz, eine Differenz zweier, die im Dialog stehen.
  • Zwischen diesen Personen besteht eine Ur-distanz: zwei, die verschieden sind, aber genau deshalb aufeinander bezogen sein können.
  • Zwischen ihnen herrscht die „Ehrfurcht gegenüber der Unantastbarkeit der Freiheit des Anderen“: die mir selbst und dem anderen zukommende Freiheit ist unantastbar und muss unantastbar bleiben; die Ehrfurcht gebietet, dass diese Grenze nicht überschritten werden darf, niemals und unter keinen Umständen; Freiheit heißt Eigenständigkeit, doch nicht in der Selbstisolierung, sondern in der Bereitschaft für die Offenheit zum anderen.
  • Die Liebe verursacht diese schöpferisch Leere zwischen dem Berührenden und dem Berührten: die Freiheit beider schafft keine Verbindung, die irgendeiner Notwendigkeit unterliegt; die Freiheit beider ist bedingungslos; die Freiheit ist einfach gegeben, ist nicht abgeleitet, nötigt zu nichts.
  • Der Mensch, jeder Mensch, ich und du, sind „in der Kraft des Pneuma durch das Wort vom Sprechenden ins lebendige Dasein gerufen“: wie in der Darstellung des Michelangelo der Finger Gottes und der Finger Adams sich nicht berühren, sondern einen Abstand haben, der tiefste Nähe anzeigt, so ist die bedingungslose Freiheit Voraussetzung für die Berührung.

Ebenso verhält es sich (analog) auch mit dem Glauben, der das ewige, durch das Pneuma der Liebe fleischgewordene Wort des Vaters berührt. Der in und aus Liebe wirkende, werkende, „hand“-elnde Glaube berührt: den Leib der ewigen Liebe; das im Liebesgehorsam sündelos in die Sünden-Fremde entäußerte Wort des Vaters (den wahren Sohn in der Fremde, in forma servi, in der Knechtsgestalt des Fleisches der Sünde) als das dem Vater wesensgleiche Wort, das im Pneuma der Liebe ewig beim Vater ist, den wahren Sohn daheim ὃς ἐν μορφῇ θεοῦ ὑπάρχων, der Gott gleich, der in göttlicher Gestalt, in forma Die war (Phil 2,6). Der Glaube „nimmt“, „faßt“ das fleischgewordene Wort: Ihn, der uns das Gleichnis erzählt, in seinem unfaßlichen, ursprungslosen Ursprung; den Menschen-Sohn, der Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott ist, in seiner reinen, sündelosen Menschheit: in Maria, die die geschaffene Person der geschaffenen menschlichen Natur der ungeschaffenen göttlichen Person (des Verbum unigenitum Patris) ist. An Christus glauben heißt: Gott in Maria, in der Virgo-Maria, berühren, deren Erstgeborener ER in vielen Brüdern und Schwestern ist. Das ist der Glaube der Kirche, unser Glaube.

Wie es das Berühren zwischen zwei Geschöpfen gibt, so gibt es auch (analog) das Berühren des Geschöpfes und des Schöpfers. Den Glauben als Gabe Gottes deutet F. Ulrich genau so. Glaube definiert er genau so: Der Glaube berührt das ewige, durch das Pneuma der Liebe fleischgewordene Wort des Vaters. Die Gnade des Glaubens macht den Menschen fähig, das fleischgewordene Wort des Vaters, nämlich Jesus Christus, zu berühren. Das Wort des Vaters ist durch den Hl. Geist, das Pneuma, Fleisch geworden. Durch den Hl. Geist, die Liebe in Person (Johannes Paul II.), wird nicht nur der Logos Fleisch, sondern geschieht auch die Berührung im Glauben. Im Glauben berühren heißt weiter: in und aus Liebe wirken, heißt hand-eln, also Hand anlegen. Die Hand ist für uns das vornehmliche Leibesglied der Berührung. Im Glauben können wir den Leib der ewigen Liebe berühren: Jesus Christus, Gott und Mensch in unserem Fleisch. Jesus Christus ist das dem Vater wesensgleiche Wort, das Fleisch geworden ist, wie es im Johannesprolog heißt.

Für uns Menschen ist Jesus in seinem Ursprung unfasslich, nicht zu fassen, unberührbar, denn ER ist der Heilige, dessen Heiligkeit über unser Fassungsvermögen ist: Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, wie es im Großen Glaubensbekenntnis heißt. Um dennoch für uns fasslich zu werden, nimmt der Ewige Sohn des Vaters Knechtsgestalt an, kommt der Ewige Sohn in die Fremde dieser Welt. IHN, der unfassliche, spricht zu uns in diesem Gleichnis, wird berührbar.

Die Brücke in dieser Hinsicht ist Maria: Denn in Maria können wir Gott berühren. Denn: Ihr Sohn ist der Erstgeborene in vielen Brüdern und Schwestern. So spricht Paulus von Christus (Kol 1): 15 Er ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene der ganzen Schöpfung. 16 Denn in ihm wurde alles erschaffen im Himmel und auf Erden, das Sichtbare und das Unsichtbare, Throne und Herrschaften, Mächte und Gewalten; alles ist durch ihn und auf ihn hin geschaffen. 17 Er ist vor aller Schöpfung, in ihm hat alles Bestand. 18 Er ist das Haupt des Leibes, der Leib aber ist die Kirche. Er ist der Ursprung, der Erstgeborene der Toten; so hat er in allem den Vorrang.

Wer ist Maria? Die geschaffene Person der geschaffenen menschlichen Natur der ungeschaffenen göttlichen Person. Jesus ist: verbum unigenitum Patris, das einziggeborene Wort des Vaters, nicht geschaffen, weil Gott von Gott, dem Schöpfer. Der Sohn ist aus dem Vater geboren: Der Vater gibt dem Sohn sein eigenes Wesen, seine Gottheit ungeteilt, uneingeschränkt. Jesus als Sohn Gottes ist mit dem Vater und dem Hl. Geist der Eine Gott. Maria ist geschaffene Person. Die menschliche Natur ist geschaffen, nicht gezeugt. Der Sohn ist gezeugt aus dem Vater, der Mensch ist geschaffen von Gott: der alles entscheidende Unterschied. So ist Maria genau beschrieben: geschaffene Person der geschaffenen menschlichen Natur der ungeschaffenen göttlichen Person.

Was Gott tut, tut Er für die Ewigkeit. Somit ist das, was Gott an Maria getan hat, für immer getan, in dieser Welt, aber auch für das Himmlische Jerusalem.