Das Ich des Guten – das Ich des Bösen
Arthur Maximilian Miller, DER GRAL, 1982, 2. Auflage, Allgäuer Zeitungsverlag Kempten, S. 227:
Trevrizent zu Parzival
Es ist ein Wort, erhaben und gewaltig,
verwurzelt in den Urgrund aller Welt,
verflochten mit der ganzen großen Schöpfung.
Ich nenns Euch: Ich! Darinnen ist der Tod,
der Untergang, das ewige Verderben,
darinnen ist die Rettung auch, das Heil.
Denn dieses Ich ist wunderbar geartet:
Es ist, indem es nicht ist, es verharrt,
indem es unaufhörlich fort sich wandelt,
es wird bewahrt, indem es sich verschenkt,
es lebt, indem es sterbend sich veratmet,
es fasst sich selbst, indem es sich verliert,
im Meer versinkend tritt es an sein Ufer;
sich opfernd wirkt es Rettung und Gewinn.
Dies Ich ist sich und ist doch alles andre,
ist Gott und Mensch und Ewigkeit und Zeit,
und wo es nicht so ist, wie ich Euch sagte,
so ists ein Wahn und nur sein eigner Spott.
Denn alsbald, wie es strebt, sich selbst zu wahren,
sich selbst zu gründen, in sich selber sich
zu schließen wie die Burg in ihre Mauer,
wie in den Panzerring des Ritters Brust,
so fällt es von sich ab und stürzt ins Dunkel.
Sein Sein erstrebend taumelt es ins Nichts.
Erstarrt stirbt es ab zu toter Maske,
Trotz bietend dem, aus dem es ist und kam,
in blinder Torheit, sinnberaubt und eitel
knirscht es den leeren Namen vor sich hin.
Dies ist das Ich des Bösen – es ist Eures.
Eine einzigartige poetische Umschreibung des Geheimnisses unseres ICH legt uns hier Arthur Maximilian Miller vor, erinnernd an DAS BÜCHLEIN VOM REINEN LEBEN, das auch aus seiner Feder stammt. Die ganze Entwicklung des Parzival im GRAL ist ein Weg der Herausformung dieses menschlichen Ich.
Gehen wir dieser Beschreibung Schritt für Schritt nach:
Es ist ein Wort, erhaben und gewaltig,
verwurzelt in den Urgrund aller Welt,
verflochten mit der ganzen großen Schöpfung.
Ich nenns Euch: Ich!
Das Ich ist eine erhabene, gewaltige Wirklichkeit: erhaben, weil es sich der endgültigen begrifflichen Beschreibung entzieht; gewaltig, weil in ihm große Macht hinterlegt ist, vom Schöpfer des Ich. Das Ich hat Anteil an seiner göttlichen Macht. Im Guten zu göttlichen Taten fähig, im Bösen zu gewaltiger Zerstörung fähig.
Dieses Ich ist verwurzelt in den Urgrund aller Welt, will wohl sagen: Das Ich ist keine Monade, eine für sich bestehende Wirklichkeit, sondern gehört zu den Grundgegebenheiten der geschaffenen Welt. Als Gott die Schöpfung hervorbrachte, gehörte das Ich zum Wesensgrund aller Welt. Ja, wir könnten sagen: Um des Ich willen erschuf er die Welt. Im Ich ist wie in keiner anderen Wirklichkeit das Geheimnis der Ebenbildlichkeit zu Gott offenbar. Im Ich spiegelt sich Gott selbst, für uns, die Ich-Geschöpfe.
Es wird hier das Wort ‚Person‘ vermieden, wohlweislich, denn es ist ein philosophischer Begriff, der von den verschiedenen Schulen immer wieder anders gefasst wurde. Fernab von dieser philosophischen Begrifflichkeit sinnt A. M. Miller auf das Wesen der Person in christlichem Sinne.
Das Ich ist auch verflochten mit der ganzen großen Schöpfung: Das Ich hat Zugang in sich zu allen Bereichen der Schöpfung. So ist es angelegt. So sehr ist es verwurzelt in den Urgrund aller Welt, dass die ganze Schöpfung auf das Ich hin und für das Ich geschaffen ist. Im Ich krönt der Schöpfer seine Schöpfung.
Darinnen ist der Tod,
der Untergang, das ewige Verderben,
darinnen ist die Rettung auch, das Heil.
Zweierlei Schicksal hat das Ich: Untergang oder Rettung, Verderben oder Heil. Sein Ende kann der Tod sein, sein Ende kann das Leben sein. Es ist, damit es stirbt oder ewig lebt.
Denn dieses Ich ist wunderbar geartet:
Nun wird die einzigartige Wirklichkeit des Ich beschrieben, nur fassbar in Paradoxen:
Es ist, indem es nicht ist, es verharrt,
indem es unaufhörlich fort sich wandelt,
es wird bewahrt, indem es sich verschenkt,
es lebt, indem es sterbend sich veratmet,
es fasst sich selbst, indem es sich verliert,
im Meer versinkend tritt es an sein Ufer;
sich opfernd wirkt es Rettung und Gewinn.
Es ist, indem es nicht ist: Wie kann dies sein? Nach der gewöhnlichen Logik unseres Denkens ein Widerspruch: Entweder es ist oder es ist nicht? Zugleich und in gleicher Hinsicht Sein und Nichtsein ist nicht möglich, ein Widerspruch in sich, - würden wir sagen.
Wir sind erinnert an Worte Jesu von dieser Art: Wer sein Leben verliert, wird es gewinnen! Wenn das Weizenkorn stirbt, bringt es reiche Frucht!
Das Sein des Ich ist nicht zu fassen in Kategorien der Statik. Wer es mit Begriffen meint zu fassen, dem entgleitet es. Wer es meint zu haben, dem entweicht es. Sein Sein ist nicht dem Zugriff möglich; das Ich zu fassen hieße: Es töten. Das Ich ist gerade dadurch Ich, das es nicht zu fassen ist. Leben ist nicht fassbar, nicht auf eine Momentaufnahme reduzierbar.
es verharrt, indem es unaufhörlich fort sich wandelt,
Verharren des Ich wäre sein Tod. Die Wandlung, unaufhörlich, ohne Ende, macht gerade sein Sein aus.
es wird bewahrt, indem es sich verschenkt,
Sich-selbst-Verschenken, Hingabe ist sein Wesen. Das Ich, das sich nicht fortwährend, immerdar verschenkt, ist nicht Ich. Hier berühren wir das Geheimnis der Liebe.
es lebt, indem es sterbend sich veratmet,
Sich selbst ständig sterbend, gibt es sich hin in Veratmung: Das Ich haucht sich ständig aus, wodurch es lebt. Würde es sich selbst nicht veratmen, stürbe es. Sterbend sich veratmend, ist es lebendig.
es fasst sich selbst, indem es sich verliert,
Sich selbst verlierend, hat das Ich Bestand. Sich selbst festhaltend, würde es enden.
im Meer versinkend tritt es an sein Ufer;
sich opfernd wirkt es Rettung und Gewinn.
Hier wird in poetische Worte gefasst, was der Priester im Hochgebet (leise) betet: Herr Jesus Christus, Sohn des lebendigen Gottes! Dem Willen des Vaters gehorsam hast du – im Heiligen Geist – durch Deinen Tod der Welt das Leben geschenkt. Erlöse mich durch deinen Leib und dein Blut von allen Sünden. Hilf mir, dass ich deine Gebote treu erfülle und lass nicht zu, dass ich mich jemals von dir trenne!
Dies Ich ist sich und ist doch alles andre,
ist Gott und Mensch und Ewigkeit und Zeit,
Das Ich ist nur im Eigenbestand gesichert, ist sich selbst gewahr, wenn es hingegeben ist an alles andre. Ist es nicht hingegeben, verliert es sich selbst. Das Ich kann nur dann souveräner Herr über sich selbst sein, wenn es ‚selbstlos‘ ist in dem Sinne, dass es dem Gebot des HERRN gemäß lebt: Du sollst Gott lieben, und deinen Nächsten wie dich selbst. Nur in dieser dreifachen Ausrichtung der Liebe hat das Ich bestand: Wer Gott liebt, liebt den Nächsten, wer den Nächsten liebt, liebt sich selbst, in einer gegenseitigen Bedingtheit: Nur wer Gott liebt, kann den Nächsten wahrhaft lieben. Nur wer Gott und den Nächsten liebt, kann wahrhaft sich selbst lieben.
und wo es nicht so ist, wie ich Euch sagte,
so ists ein Wahn und nur sein eigner Spott.
Ohne diese heilige Ausrichtung ist das Ich sich der eigene Untergang. Das Ich wir hässlich und verliert seine Existenzberechtigung, wenn es nicht in dieser Hingabe seiner selbst lebt.
Denn alsbald, wie es strebt, sich selbst zu wahren,
sich selbst zu gründen, in sich selber sich
zu schließen wie die Burg in ihre Mauer,
wie in den Panzerring des Ritters Brust,
so fällt es von sich ab und stürzt ins Dunkel.
Sein Sein erstrebend taumelt es ins Nichts.
Erstarrt stirbt es ab zu toter Maske,
Trotz bietend dem, aus dem es ist und kam,
in blinder Torheit, sinnberaubt und eitel
knirscht es den leeren Namen vor sich hin.
Dies ist das Ich des Bösen – es ist Eures.
Wie nun ist der Übergang vom ‚Ich des Bösen‘ zum ‚Ich des Guten‘ möglich?
Wie ist die Erlösung des ‚Ich des Bösen‘ möglich?
Trevrizent weist den Weg: Die Erlösung ist nur in Miteinander von Mensch und Gott möglich!
[S. 238]
Sie käme, wär es möglich, aus dem Menschen.
Nie ward Erlösung nur durch Gott allein.
So wenig zwar der Mensch vermag zu wirken
das Heil, das dem Verderben ihn entreißt,
so wenig kann Erlösung ihm geschehen,
ohn dass er selbst sich zu ihr erhebt.
Das Dargebotne muss der Mensch ergreifen,
dem Rufe Antwort geben, muss hinein
ins Feuer jener namenlosen Liebe,
selbst Brand und Feuer, stürzen, Göttlichkeit
muss seine Menschheit strahlend ausgebären,
wie Phönix, der die Schwingen taucht
ins Licht der Flammen, dass er, selber Flamme,
zu ewgem Fluge leuchtend sich erhebt.
Das Geheimnis liegt darin, dass zwar der Mensch nicht aus Eigenem sich diese Erlösung geben kann, dass sie also reine Gnade ist, und dennoch muss er in der Weise voll mitwirken, dass er demütig sich vor Gott hinknien muss und erkennen, dass er Gottes Hilfe bedarf sowie sich seinen Zustand der eigenen Schuld verdankt. Die ‚Bekehrung muss durch das Gebet erfleht werden:
[S. 239]
Schweig still! Um deines Heiles willen jetzt
kein Wort! Ich kann für dich und mich nur eines
vollbringen
Die Vollendung der Ich, das ganz Ich ist, ist dies:
[S. 240]
Denn alles, was du wahrhaft bist, ist Gott,
und dein, was Gott an dir vollbringt, und Gottes,
was du vollbringst. Und der Vollbringung höchste
ist die Erwartung.