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Gott ist Geist und der Geist des Menschen

 

Erste Vorüberlegungen

Gott ist Geist und alle, die ihn anbeten, müssen im Geist und in der Wahrheit anbeten. (Joh 4,24)

So sagt es Jesus der samaritischen Frau am Jakobsbrunnen.

Mit diesem Wort erschließt Jesus dieser Frau das Geheimnis, dass Gott Geist ist, und dass wir mit  unserem menschlichen Geist Zugang zu Gott erhalten, der Geist ist.

Denn Gott ist Geist, und der Geist in uns Menschen vermag im Lichte des Geistes Gottes Ihn zu erkennen.

Beidem wollen wir in den folgenden Zeilen nachspüren: Was es heißt, dass Gott Geist ist und dass wir Menschen Wesen sind als Einheit von Geist-Seele-Leib.

Es geht um eine Entdeckungsreise: Gott kennenlernen als Geist, und unseren eigenen Geist.

Wenn wir hier von ‚Geist‘ sprechen, so von einem Aspekt der Wirklichkeit, der nicht aus der materiellen Welt heraus ersteht, erwächst, evolutiv hervorgeht, sondern von höherer Ordnung ist, fähig zu Selbsterkenntnis, Freiheit, Wahrheit und Liebe.

Das, was uns Menschen – wie etwa auch die Engel – zu geistigen Wesen macht, ist eben der ‚Geist‘. Ein anderer Begriff dafür ist Geistperson.

Der Völkerapostel Paulus spricht vom Menschen als Leib-Seele-Geist-Einheit.

Der Geist in uns ist das, was uns zu einem Gegenüber für Gott macht, der selbst Geist ist.
Unser Geist ist es, der Gott, der Geist ist, zu erkennen vermag.

‚Geist‘ ist von besonderer Art:

  • fähig zu Einheit und Freiheit und Vereinigung in Liebe;
  • er ist unteilbar einer, nicht zusammengesetzt;
  • zu Selbstbewusstsein fähig, zu Reflektion auf sich selbst;
  • er kann über sich selbst verfügen;
  • ist das Geheimnis des ‚Ich‘;
  • Geist ist fähig zu Vernunft, Verstand, Intelligenz, Denken, Fühlen etc.
  • Geist ist ‚Weisheit‘: Eine tiefsinnige Beschreibung bietet Salomo im Buch der WEISHEIT, Kap. 7,22-8,1: die Weisheit in Person. Einige Eigenschaften seien hier genannt: eins in sich, heilig, einzigartig, zart, beweglich, alles durchdringend, rein, klar, das Gute liebend, wohltätig, fest, sicher, alle Geister durchdringend, beweglicher als alle Bewegung, einig und doch alles vermögend, alles erneuernd ohne sich zu ändern, schöner als alles, strahlender als das Licht, gütig zu allen, unendlich reich, Mass und Gerechtigkeit, Klugheit und Tapferkeit lehrend, unvergänglich, erhaben über jede Zeit, über alles erhaben und alles durchwaltend.

 

 

Das Wort ‚Geist‘

Das griechische Wort für ‚Geist‘ ist pneuma und bedeutet so viel wie: Geist, Atem, Lebensgeist, Wind, Sturm. Es kann damit ein übernatürliches Wesen (Engel) gemeint sein, wie auch ein besonderer Aspekt des Menschen. Im Neuen Testament finden wir dieses griechische Wort an die 400 Mal vertreten, was die eminent wichtige Bedeutung sichtbar macht.

Von ‚Geist‘ wird einerseits in Bezug auf Gott gesprochen (der Heilige Geist also die dritte Person des Dreifaltigen Gottes), andererseits in Bezug auf Geschöpfe: Engel, Dämonen, Menschen.

 

Die geistige Seite der Wirklichkeit

Aus unserer Selbstbeobachtung können wir in unserem Leben eine äußere, materielle Seite erkennen sowie eine innere, geistige.

Bei der äußeren Welt handelt es sich um die körperliche, die wir vor allem durch unseren eigenen Körper mit seinen Sinnen wahrnehmen. Die Materie der physikalischen Welt ist das Material unseres Körpers; dieser Aspekt der Wirklichkeit ist Gegenstand der Naturwissenschaften mit seinen verschiedenen Richtungen.

Lebendigkeit für unseren Körper gibt es durch die geistige Seite unseres Leibes: Alltägliches Beispiel sind die Gedanken, die unseren Körper eine bestimmte Aktion durchführen lassen. Ich nehme mir mit meinem Willen eine bestimmte Tat vor, plane sie in Gedanken und führe sie dann durch meinen Körper aus.

Wie es für unseren Körper den Raum gibt, in dem er sich bewegt, so gibt es auch den geistigen Raum, in dem wir uns in unseren Gedanken bewegen. Diesen geistigen Raum nennen wir in unserem persönlichen Leben die Seele: In unserer Seele kennen wir Gefühle, Phantasien, Vorstellungen, Erinnerungen und vieles mehr an geistigen Bewegungen.

Während wir ganz allgemein die Seele den geistigen, inneren Raum des Menschen nennen können, unterscheiden von alters her vor allem die Mystiker aller Kulturen jenen Bereich in unserer Seele, der im speziellen Sinn ‚Geist‘ oder ‚Spitze des Geistes‘ oder ‚Quelle des Geistes‘ oder ‚Grund der Seele‘ genannt wird. Gemeint ist in uns jener ‚Ort‘ im Raum unserer Seele, an dem wir unser Sein empfangen, das wir von Gott erhalten. Geist ist dann dasjenige in uns, was uns zu demjenigen macht, der wir sind, zu demjenigen einmaligen, unaustauschbaren Wesen, das wir sind. Man kann es auch unsere Geist-Person nennen: Wir sind nach dem Bilde Gottes geschaffen (Gen 1-3), jeder Mensch als dieser eine einmalige. Da Gott nicht nur der Schöpfer, sondern auch der beständige Erhalter allen geschaffenen Seins ist, empfängt jedes Geschöpf seine Existenz immerzu von Gott, seinem Schöpfer. Der Geist des Menschen ist es dann, der sich immerzu von Gott empfängt und als mit Selbstbewusstsein ausgestattet vor Gott steht. Im Geiste sind wir ein wirkliches Gegenüber für Gott, das sich im Angesicht Gottes also solches erkennt.

Diese Geist-Person ist ausgestattet mit drei Grundfähigkeiten: intelligentia – voluntas – memoria, Erkenntnis – Wille – Gedächtnis. Erkenntnis meint die Fähigkeit, etwas als solches und in der Verschiedenheit von anderem wahrzunehmen; Wille ist die Fähigkeit, das eigene Sein auf ein Ziel hin auszurichten und in Bewegung zu setzen; Erinnerung meint die Fähigkeit, durch äußere oder innere Sinne Wahrgenommenes in einen inneren Raum aufzunehmen und dort zu bewahren.

 

 

Gott von seinem Wesen her ‚Geist‘

Um Gottes Wesen zu beschreiben, bezeugt Jesus selbst (Joh 4,24): Gott ist Geist und alle, die ihn anbeten, müssen im Geist und in der Wahrheit anbeten. Um Gott, der Geist ist, in der Anbetung zu begegnen, muss der Mensch im Geist und in der Wahrheit sein. Die Anbetung Gottes ist ein Geschenk Gottes. Damit der Mensch Gott anbeten kann, wird er von Gott in Seinen Geist aufgenommen und in Seine Wahrheit. Dies ist ein Werk des Hl. Geistes: Der Mensch wird von der dritten Person Gottes erfüllt, wird zur Wohnung Gottes gemacht, damit der Geist des Menschen erleuchtet und fähig wird, Ihm zu begegnen. Der Sohn Gottes selbst in Jesus Christus ist die Wahrheit: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich. (Joh 14,6) Der Hl. Geist bewirkt, dass wir in Ihm, dem Sohn, wohnen können. Jesus selbst spricht davon, dass wir in Ihm bleiben sollen und Er in uns bleibt. (Joh 15) Die Anbetung ist eine Wirkung des Hl. Geistes auf den Geist des Menschen (Röm 8,16): Der Geist selber bezeugt unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind.

 

Das Geheimnis des Dreifaltigen Gottes: Vater – Sohn – Heiliger Geist

Während Gott grundsätzlich von Wesen her als ‚Geist‘ bezeichnet wird, hat uns Jesus offenbart, dass das innerste Geheimnis Gottes die Heilige Dreifaltigkeit ist.

Da Jesus von sich bezeugt, dass Er selbst der einzige Sohn des Vaters ist, als Sohn eines Wesens mit dem Vater ist, und Er allein den Vater gesehen hat, kann Er allein uns bezeugen, wer Gott in Seinem innersten Wesen ist. Er sagt uns, dass Er vom Vater kommt und zum Vater zurückkehrt. Es sagt uns, dass Er vom Vater den Heiligen Geist sendet.

Diese Sendung des Hl. Geistes fand zum ersten Mal in der Fülle zum Pfingstfest statt, von dem uns die Apostel berichten. (Apg 2) Seit der Erschaffung der Welt war es immer der Hl. Geist, der als Schöpfergeist wirkte: Er schwebte über den Wassern (Gen 1), Er sprach durch die Propheten des Alten Bundes im Volk Israel, Er ist die Salbung des Gottes- und Menschensohnes Jesus, weshalb Er der Christus, der Messias (= Gesalbte) genannt wird.

 

Gott sendet dem Menschen den Hl. Geist und macht ihn zu Seinem Tempel

Die Sendung des Hl. Geistes durch den Dreifaltigen Gott zu den Menschen ist Höhepunkt der Erlösungstat Jesu für Seine Schöpfung. Dieser Hl. Geist wird in die Herzen der Menschen gesandt: Die Hoffnung aber lässt nicht zugrunde gehen; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist. (Röm 5,5) Der Hl. Paulus unterscheidet zwischen dem ‚Geist der Welt‘ und jenem Geist, der aus Gott stammt (1 Kor 2,12): Wir aber haben nicht den Geist der Welt empfangen, sondern den Geist, der aus Gott stammt, damit wir das erkennen, was uns von Gott geschenkt worden ist. Ja noch mehr: Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt? (1 Kor 3,16) Dieses Geschenk des Geistes macht die Geschöpfe zu ‚Söhnen Gottes‘ im Sohn Jesus Christus: Weil ihr aber Söhne seid, sandte Gott den Geist seines Sohnes in unsere Herzen, den Geist, der ruft: Abba, Vater. (Gal 4,6)

 

Der Geist des Menschen im Zeugnis der Hl. Schrift

 

Der Geist des Menschen in Entsprechung zum Geist Gottes ist es, der überhaupt erkennt, was ist und wie etwas ist. Durch den Geist, den Gott dem Menschen geschenkt hat, kann er sich und Gott erkennen: Wer von den Menschen kennt den Menschen, wenn nicht der Geist des Menschen, der in ihm ist? So erkennt auch keiner Gott – nur der Geist Gottes. (1 Kor 2,11)

Der Geist des Menschen kann sich selber eine Ausrichtung geben. Er kann auf rein Irdisches gerichtet sein, aber auch auf Himmlisches, also auf Gott und Sein Reich ausgerichtet sein: Der irdisch gesinnte Mensch aber erfasst nicht, was vom Geist Gottes kommt. Torheit ist es für ihn und er kann es nicht verstehen, weil es nur mit Hilfe des Geistes beurteilt werden kann. (1 Kor 2,14)

Im Geist durch die Hilfe des Hl. Geistes kann der Mensch schon in seinem irdischen Leben Zutritt zur Neuen Welt Gottes, zum Himmlischen Jerusalem erhalten: Ihr seid hinzugetreten … zur Gemeinschaft der Erstgeborenen, die im Himmel verzeichnet sind, und zu Gott, dem Richter aller, und zu den Geistern der schon vollendeten Gerechten … (Heb 12,23) Dieser Zutritt ist ein Geschenk des Glaubens, ist Gabe der Gnade. Denn auch Toten ist das Evangelium dazu verkündet worden, dass sie zwar wie Menschen gerichtet werden im Fleisch, aber wie Gott das Leben haben im Geist. (1 Pe 4,6)

Wer an Christus glaubt und das Ewige Leben schon jetzt empfangen hat, ist schon dem Geist nach lebendig geworden: Denn auch Christus ist der Sünden wegen ein einziges Mal gestorben, ein Gerechter für Ungerechte, damit er euch zu Gott hinführe, nachdem er dem Fleisch nach zwar getötet, aber dem Geist nach lebendig gemacht wurde. (1 Pe 3,18) Die Sünde hatte den Zugang zu diesem neuen Leben verwehrt; durch das Opfer am Kreuz wurde dieser Zugang wieder erschlossen. Sinnbild dafür ist, dass der Vorhang im Tempel zerriss, als Jesus starb.

In den Briefen des Johannes wird eine ganz eigene Geistlehre entfaltet. Eine zentrale Bemerkung diesbezüglich ist diese: Daran erkennt ihr den Geist Gottes: Jeder Geist, der Jesus Christus bekennt als im Fleisch gekommen, ist aus Gott und jeder Geist, der Jesus nicht bekennt, ist nicht aus Gott. Das ist der Geist des Antichrists, über den ihr gehört habt, dass er kommt. Jetzt ist er schon in der Welt. Wir aber sind aus Gott. Wer Gott erkennt, hört auf uns; wer nicht aus Gott ist, hört nicht auf uns. Daran erkennen wir den Geist der Wahrheit und den Geist des Irrtums. (1 Joh 4)

 

Der Mensch als Einheit von Leib-Seele-Geist nach der Lehre des Neuen Testamentes

Der Heilige Paulus geht von einer Dreieinigkeit des menschlichen Wesens aus; für ihn ist der Mensch eine Einheit von Leib-Seele-Geist: Er selbst, der Gott des Friedens, heilige euch ganz und gar und bewahre euren Geist, eure Seele und euren Leib unversehrt, damit ihr ohne Tadel seid bei der Ankunft unseres Herrn Jesus Christus. (1 Thess 5,23)

In seinen Erörterungen über das Geheimnis der Auferstehung des Fleisches geht Paulus der Frage nach, welcher Art denn der Auferstehungsleib sein wird, den Jesus Christus durch Seine Auferstehung schon empfangen hat und mit dem Er jetzt seit Seiner Himmelfahrt zur Rechten Gottes, des Vaters, lebt, den wir Menschen aber erst empfangen werden bei der Vollendung der Welt. Glaube der Kirche ist es, dass Maria, die Mutter unseres Herrn, diesen unsterblichen Auferstehungsleib schon jetzt empfangen hat (Aufnahme Marias in den Himmel mit Leib und Seele).

Die zentralen Gedanken von Paulus sind diese:

35 Nun könnte einer fragen: Wie werden die Toten auferweckt, was für einen Leib werden sie haben? 36 Du Tor! Auch das, was du säst, wird nicht lebendig, wenn es nicht stirbt. 37 Und was du säst, ist noch nicht der Leib, der entstehen wird; es ist nur ein nacktes Samenkorn, zum Beispiel ein Weizenkorn oder ein anderes. 38 Gott gibt ihm den Leib, den er vorgesehen hat, und zwar jedem Samen einen eigenen Leib. … 42 So ist es auch mit der Auferstehung der Toten. Was gesät wird, ist verweslich, was auferweckt wird, unverweslich. 43 Was gesät wird, ist armselig, was auferweckt wird, herrlich. Was gesät wird, ist schwach, was auferweckt wird, ist stark. 44 Gesät wird ein irdischer ( = psychischer) Leib, auferweckt ein überirdischer ( = geistiger) Leib. Wenn es einen irdischen/psychischen Leib gibt, gibt es auch einen überirdischen/geistigen. 45 So steht es auch in der Schrift: Adam, der erste Mensch, wurde ein irdisches Lebewesen. Der letzte Adam wurde lebendig machender Geist. 46 Aber zuerst kommt nicht das Überirdische; zuerst kommt das Irdische, dann das Überirdische. 47 Der erste Mensch stammt von der Erde und ist Erde; der zweite Mensch stammt vom Himmel. 48 Wie der von der Erde irdisch war, so sind es auch seine Nachfahren. Und wie der vom Himmel himmlisch ist, so sind es auch seine Nachfahren. 49 Wie wir nach dem Bild des Irdischen gestaltet wurden, so werden wir auch nach dem Bild des Himmlischen gestaltet werden. 50 Damit will ich sagen, Brüder und Schwestern: Fleisch und Blut können das Reich Gottes nicht erben; das Verwesliche erbt nicht das Unverwesliche. 51 Seht, ich enthülle euch ein Geheimnis: Wir werden nicht alle entschlafen, aber wir werden alle verwandelt werden – 52 plötzlich, in einem Augenblick, beim letzten Posaunenschall. Die Posaune wird erschallen, die Toten werden als Unverwesliche auferweckt, wir aber werden verwandelt werden. 53 Denn dieses Verwesliche muss sich mit Unverweslichkeit bekleiden und dieses Sterbliche mit Unsterblichkeit. (1 Kor 15)

Paulus unterscheidet also einen von den Kräften der Seele beherrschten Leib von einem durch den Geist beherrschten Leib. ‚Beim letzten Posaunenschall‘, beim letzten Gericht, werden alle Toten in ihrem Auferstehungsleib erstehen, die noch Lebenden aber werden in diesen Auferstehungsleib verwandelt.

Der Auferstehungsleib ist also ganz und gar durchlebt vom Geist des Menschen, der ganz in Gott eingegangen ist und mit Ihm vereint ist. Wenn der Mensch Gott schauen kann von Angesicht zu Angesicht, so wird auch sein Leib ganz und gar an der Gemeinschaft mit Gott teilhaben.

 

Gottes ist ungeschaffener Geist und die geschaffenen Geister

Gott ist Geist, und weil Er Gott ist, ist Er ungeschaffener, ewiger Geist.

Gott bringt in Seiner Schöpfermacht geschaffene Geister hervor. Sie sind durch Sein Wort geschaffen.

Solche geschaffenen Geister sind nach biblischem Verständnis Engel und Menschen. Engel sind leiblose geschaffene Geister, Menschen geschaffene Wesen in der Einheit von Geist-Seele-Leib. Denn Gott nahm von der Erde und hauchte dem Menschen Lebensodem ein. So entstand der Mensch. (Gen 1)

Damit geschaffene Geister Gott erkennen können, müssen sie aus Gottes Geist sein, wie uns Johannes in seinem ersten Brief lehrt (1 Joh 4,2f.): Daran erkennt ihr den Geist Gottes: Jeder Geist, der Jesus Christus bekennt als im Fleisch gekommen, ist aus Gott, und jeder Geist, der Jesus nicht bekennt, ist nicht aus Gott. Das ist der Geist des Antichrists, über den ihr gehört habt, dass er kommt. Jetzt ist er schon in der Welt.

 

Die Armut des menschlichen Geistes als Tugend

Jesus preist in der Bergpredigt diejenigen selig, die arm dem Geiste nach, die arm im Geiste sind (Mt 5,3) Dies ist die Voraussetzung, zusammen mit der Reinheit, die den Menschen Gott schauen lässt und teilnehmen lässt am Himmelreich.

Hier ist – nehmen wir die vielen anderen Aussagen Jesu hinzu – jene Haltung im Geist des Menschen gemeint, die ganz und gar empfänglich ist für die Geschenke Gottes. Maria ist dafür das größte Zeichen. Sie spricht: Mir geschehe nach Deinem Wort! – und empfängt den Gottessohn als ihren Sohn.

Der Mensch in Seinem Geist ist also Gottes fähig, ist also fähig, Gott in seinem Geist zu empfangen, etwas überaus staunenswertes, weil doch Gott der Schöpfer ist und der Mensch Sein Geschöpf. Gottes Schöpferliebe geht also so weit, ein Geschöpf hervorzubringen, das Ihn gebären kann, das Ihn hervorbringen kann. Hierin erkennen wir das Wunder von Gottes Gnade an den Menschen.

 

Der Mensch aus Wasser und Geist geboren

Im dritten Kapitel des Evangeliums nach Johannes wird uns das Gespräch Jesu mit Nikodemus überliefert. Darin erschließt Jesus diesem Pharisäer, einem führenden Mann unter den Juden (v.1), wie der Mensch das Reich Gottes sehen könne (v.3): Wer nicht von neuem geboren wird, kann das Reich Gottes nicht sehen. Des Nachts kommt Nikodemus zu Jesus und sagt (v.2): Rabbi, wir wissen, dass du als Lehrer von Gott gekommen bist. Denn niemand kann diese Zeichen tun, die du tust, wenn nicht Gott mit ihm ist. Soweit also reicht die Erkenntnis dieses gelehrten Mannes: Jesus ist ein Lehrer, der von Gott gekommen ist. Er anerkennt, dass Jesus Zeichen wirkt, die Zeugnis geben, dass Gott mit ihm ist.

Nun spricht Jesus aber davon, dass, um Gott zu erkennen, der Mensch ‚von oben‘, ‚von neuem‘ geboren werden muss. Im Griechischen ist dieser Ausdruck zweideutig. Deshalb kommt Nikodemus auf die Idee zu fragen: Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er ein Greis ist? Kann er etwas zum zweiten Mal in den Schoß seiner Mutter gehen und geboren werden? Nikodemus geht also davon aus, dass Jesus von einer irdischen Geburt spreche. Doch die Rede von der Geburt von oben meint etwas anderes. Ganz feierlich spricht Jesus, mit tiefer Bedeutung, die von Gott her kommt (v.5): Wer nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann nicht in das Reich Gottes eingehen. Was aus Fleisch geboren ist, ist Fleisch; was aus dem Geist geboren ist, ist Geist.

Jesus spricht also bei Menschen von einem geistigen Geschehen: Gottes Geist wirkt etwas im Geist des Menschen. Dies Geschehen nennt Jesus: aus Wasser und Geist geboren werden. Der Zugangsweg zum Reich Gottes ist dies. Nach christlicher Tradition geschieht dies genau durch die Taufe mit Wasser im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, wie der Taufbefehl Jesu bei seiner Himmelfahrt lautet (Mt 28,19).

Aus Wasser und Geist geboren werden. Zwei Elemente werden hier genannt: Wasser und Geist. Mit Wasser ist zwar einerseits das irdische Wasser gemeint, mit dem die christliche Taufe gespendet wird, vielmehr aber andererseits ist das Wasser des Lebens gemeint, das demjenigen zuteil wird, der von oben geboren wird. Von diesem Wasser ist im Gespräch Jesu mit der Samariterin am Brunnen die Rede (Joh 4). Dieses ‚himmlische‘ Wasser wird nämlich im Glaubenden zu einer Quelle, die hinüberfließt ins Ewige Leben (Joh 4,14). Andererseits ist das Wasser auch eine Anspielung auf jenes, das bei der Schöpfung genannt wird und über dem der Geist Gottes schwebt (Gen 1,2). Wasser ist in der geschaffenen Welt jenes Element, das durch die Überschattung des Hl. Geistes zur Quelle des Lebens für die Schöpfung wird.

Aus Wasser und Geist geboren werden. Mit Geist ist die Person des Hl. Geistes gemeint, die im Geist des Menschen eine Neuschöpfung bewirkt: Was aus Geist geboren ist, ist Geist. Der Geist des Menschen muss aus dem Hl. Geist geboren werden, damit er Gottes Reich sehen kann, was nichts anderes bedeutet als: Glauben, die Gnade des Glaubens, vom Hl. Geist eingegossen in das Herz des Menschen.

Was aus dem Geist geboren sein bedeutet, erklärt Jesus dem Nikodemus noch in einem Bild (vv.7ff.): Wundere dich nicht darüber, dass ich zu dir sagte, ihr müsst von neuem geboren werden. Der Wind weht, wo er will, und du hörst sein Brausen; aber du weißt nicht, woher er kommt noch wohin er geht. So verhält es sich mit jedem, der aus dem Geist geboren ist.

Derjenige Mensch also, der sich vom Hl. Geist führen lässt in seinem eigenen Geist, macht die Erfahrung des Windes: der Geist nimmt Geist wahr durch ein ‚Brausen‘, ohne aber sagen zu können, woher er kommt noch wohin er zieht. Wenn der Geist des Menschen sich der Führung durch den Hl. Geist überlässt, bleibt der Hl. Geist absolut souverän. Es geht um ein hörendes Folgen den Hinweisen des Hl. Geistes. Von Seiten des menschlichen Geistes ist Ge-horsam, Hin-gabe, Aus-lieferung, vertrauensvolles Sich-Ergeben gefragt, mit einer selbstlosen Verfügbarkeit und Indifferenz.

 

Maria – Geist und Seele

Bei der Verkündigung des Engels Gabriel an Maria verheißt der Engel ihr, dass der Heilige Geist über sie kommen und Kraft des Allerhöchsten sie überschatten wird. So empfängt sie ohne Zutun eines Mannes ein Kind. Dieses ist der Sohn der Höchsten. (Lk 1,26ff.).

In Reaktion auf dieses Geschehen wandert Maria sogleich zu ihrer Verwandten Elisabeth, die noch in hohem Alter unerwartet ein Kind empfangen hatte. Ihr Sohn ist der Täufer Johannes, der Vorläufer Jesu.

Als die beiden Frauen sich begegnen am Wohnort der Elisabeth, spricht Maria vom Heiligen Geist erfüllt ein Gebet, das sog. Magnifikat. Es beginnt so: Hochpreist meine Seele den Herrn / und mein Geist jubelt in Gott, meinem Retter. (Lk 1,46f.).

Hier spricht Maria von ihrer Seele und ihrem Geist.

Ihre Seele ist fähig dazu, den HERRN, also Gott, hochzupreisen. Sowohl im griechischen Original des Lukasevangeliums wie auch in der lateinischen Übersetzung wird hier ein Verb verwendet, dass soviel bedeutet wie groß machen, erheben, hoch loben. Die Seele des Menschen vermag also mit all ihren Fähigkeiten in der Kraft Gottes Gott etwas zu geben, das Seinen Ruhm vermehrt, erhöht. Es sind dies die Kräfte des Gemütes, die Teil der Seele sind, die Freude, Erregung, Jubel etc. hervorheben können.

Über ihren Geist sagt Maria etwas noch Erstaunlicheres: Der Geist jubelt in Gott. Gott, der Geist ist, vermag den Geist des Menschen in sich aufzunehmen, so dass er in Gott zu jubeln vermag.

Paulus sagt einmal im Brief an die Römer: Gottes Geist teilt unserem Geiste mit, bezeugt unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind. (Röm 8,16) Der Geist des Menschen kann also mit Gottes Geist in Kontakt treten, so dass ein Austausch stattfindet. Gottes Geist teilt sich unserem Geist mit.

Für Maria heißt dies offenbar: Gott kann Seine Freude dem Geist Mariens mitteilen. Gottes Freude kann sich im Geist Mariens ausbreiten, und sie kann mit Worten diese ausdrücken. Der Geist wiederum kann alle Fähigkeiten der Seele des Menschen erheben zu einem Lob Gottes.

 

Gott und der Mensch

Zum Schluss einige Gedanken eines Vertreters der mystischen Tradition des Christentums.

Angelus Silesius (+ 1677) in ‚Der Cherubinische Wandersmann‘ kann uns in seinen aphoristischen Worten helfen, das Phänomen des Geistes des Menschen zu umkreisen. Dabei bedient er sich oft sehr paradox erscheinender Gedanken, die aber helfen können, eine Ahnung zu erhalten von dem, was dem Menschen im Geist möglich ist und was mit den Worten unserer Sprache nur schwer zu fassen ist.

Der Geist des Menschen hat eine Fähigkeit, zu der der Glaube an Christus ihn befreit. Silesius nennt es: Gott gebären. Er beschreibt dies so:

Die geistliche Maria

Ich muss Maria sein und Gott aus mir gebären,
Soll er mich ewiglich der Seligkeit gewähren.
(I 23)

Vergleichbar der Gottesmutter Maria, die den Mensch gewordenen Sohn Gottes in der Kraft des Heiligen Geistes geboren hat, so wird jeder Mensch, der sich der Gnade Gottes öffnet, befähigt Gott zu gebären. Gottes Geist macht unseren Geist fähig, Ihn zu empfangen und Ihn hervorzubringen.

Es gilt auch das umgekehrte:

Der Thron Gottes

Fragst du, mein Christ, wo Gott gesetzt hat seinen Thron?
Da, wo er dich in dir gebieret, seinen Sohn.
(I 50)

Indem Jesus Christus im Christen durch die Taufe und den Glauben geboren wird, gebiert er den Menschen in sich zu einem Sohn: der wiedergeborene Christ wird Sohn im Sohn. Das Herz, der Geist des Menschen wird zu Gottes Thron dort, wo der Ewige Sohn im Menschen geboren wird.

Die Berufung des Menschen, der nach dem Bilde Gottes geschaffen ist, ist die, dass Gott in ihm geboren werde:

In dir muß Gott geboren werden

Wird Christus tausendmal zu Bethlehem geboren
Und nicht in dir, du bleibst noch ewiglich verloren.
(I 61)

Dies geschieht nicht dem Leibe, sondern dem Geist nach: im Geist des Menschen wird Gott geboren und wohnt von da an in ihm. Dies ist das Geheimnis der Vergöttlichung des Menschen, wie es die orthodoxe Kirche nennt. Der Mensch wird nicht Gott, und dennoch verwandelt Gott den Menschen in sich zu Seinem vollkommenen Bild.

Damit dies geschehen kann, ist die Armut von Seiten des menschlichen Geistes vorausgesetzt:

Armut ist göttlich

Gott ist das ärmste Ding, er steht ganz bloß und frei:
Drum sag ich recht und wohl, daß Armut göttlich sei.
(I 65)

Noch einmal anders gesagt:

Warum wird Gott geboren?

O Unbegreiflichkeit! Gott hat sich selbst verlorn,
Drum will er wiederum in mir sein neugeborn. (
I 201)

Dabei geschieht eine Berührung im Geist des Menschen:

Die geistliche Geburt

Berührt dich Gottes Geist mit seiner Wesenheit,
So wird in dir geborn das Kind der Ewigkeit.
(II 103)

Eine andere Fähigkeit des Geistes des Menschen wird beschrieben: Geist kann in Geist eingehen und ausgehen.

Aus und ein, Gebären und Geborensein

Wenn du in Wahrheit kannst aus Gott geboren sein
Und wieder Gott gebärn, so gehst du aus und ein.
(II 112)

Wie es Jesus im Gespräch mit Nikodemus beschreibt (Joh 3), dass nämlich Glauben heißt, von oben, von neuem geboren sein:

Die geheime Wiedergeburt

Aus Gott wird man geborn, in Christo stirbet man
Und in dem heilgen Geist fäht man zu leben an.
(III 163)

Der glaubende Mensch durchwandert also jenen Weg, den Jesus auf seiner irdischen Wanderschaft zurückgelegt hat: empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten … gekreuzigt … begraben … auferstanden am dritten Tag. Der Heilige Geist führt über diese Etappen den Menschen zum wahren Leben.

Eine weitere Fähigkeit des Geistes: sich selbst in sich verlieren an Gott:

Fürwahr das ewge Wort wird heute noch geborn,
Wo da? Da wo du dich in dir hast selbst verlorn.
(III 188)

 

 

Wem wird dieser Weg eröffnet?

Jesus sagt uns ein sehr tröstliches Wort.

Er erhob sich einmal zu folgendem Gebet zum Vater vor seinen Jüngern (Mt 11,25ff.):

Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dieses vor Weisen und Klugen verborgen, Unmündigen aber geoffenbart hast. Ja, Vater, so war es wohlgefällig vor dir.

Und Er bezeugt dann:

Alles ist mir von meinem Vater übergeben. Und niemand kennt den Sohn als der Vater; und den Vater kennt niemand als nur der Sohn und wem der Sohn es offenbaren will.

Und weil Er unsere Lasten kennt, lädt Er ein:

Kommt zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid: Ich will euch erquicken. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und demütig von Herzen, und ihr werdet Ruhe finden für eure Seele. Denn mein Joch ist sanft und meine Last leicht.

Die Bitte an Ihn ist also der Schlüssel für die Tür.

 

R. Gabriel M. Maiwald, November 2019