Ihre Browserversion ist veraltet. Wir empfehlen, Ihren Browser auf die neueste Version zu aktualisieren.

Vatersein Gottes

 

Hildegard von Bingen († 1179)

Aus dem Brief an den Magister Odo von Paris.

 

Das Vatersein Gottes 
  
Von einem gewissen Manne, der vor Gelehrsamkeit überströmt und mich befragte, hörte ich, dass das Vatersein des höchsten Gottes und seine Gottheit nicht identisch sei mit Gott. Und er bat mich winziges Wesen, ich möchte hierüber mit besonderer Aufmerksamkeit zum wahren Licht emporblicken. Und ich schaute. Und erfuhr – schauend in das wahre Licht, nicht durch mich und nicht in mir selber forschend: dass das Vatersein und die Gottheit Gott ist. Denn der Mensch kann nicht von Gott sprechen wie von der menschlichen Natur des Menschen und wie von der Farbe eines von Menschenhand geschaffenen Werkes. 
Das lebendige Licht also spricht im geheimen Wort der Weisheit: Gott ist ganz und unversehrt und ohne zeitlichen Anfang. Darum kann er nicht – wie der Mensch – durch Reden in Teile unterscheiden werden. Denn Gott ist – wie kein anderer – ein Ganzes. Nichts kann von ihm abgezogen und nicht zu ihm hinzugefügt werden. Denn auch sein Vatersein und seine Gottheit ist er, der da ist, wie es heißt: Ich bin der "Ich bin" (1) und der ist, besitzt die Fülle. Inwiefern? Im Wirken, Hervorbringen, Vollenden. 
Wer immer also sagt, das Vatersein und die Gottheit seien nicht Gott, der nennt einen Mittelpunkt ohne Kreis. Und wer einen Mittelpunkt haben will ohne Kreis, der verneint den, der ewig ist. Wer immer also verneint, dass das Vatersein und die Gottheit Gott ist, verneint Gott, da er behauptet, in Gott sei ein Art Leere, was nicht ist. Denn Gott ist die Fülle und was in Gott ist, ist Gott. Gott kann nicht durchsucht und durchsiebt werden nach Menschenart, weil in Gott nichts ist, was nicht Gott ist. Das Geschöpf aber hat einen Anfang. Daher sucht die menschliche Vernunft Gott in Begriffen zu erfassen, wie sie selbst, entsprechend ihrer Eigenart, von Begriffen voll ist. 

1 Vgl. Ex 3,14.