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Der Blick auf Jesus Christus

In: Ich und Du, Heidelberg Verlag Lambert Schneider, 9. Auflage 1977

 

(79ff.)

Der Mensch ist um so personhafter, je stärker in der menschlichen Zwiefalt seines Ich das des Grundworts Ich-Du ist.

Nach seinem Ichsagen – danach, was er meint, wenn er Ich sagt – entscheidet sich, wohin ein Mensch gehört und wohin seine Fahrt geht. Das Wort „Ich“ ist das wahre Schibboleth[1] der Menschheit.

Hört nur darauf!

Wie mißtönig ist das Ich des Eigenmenschen! Es kann zu dem großen Mitleiden bewegen, wenn es aus einem tragischen, vom Verschweigen eines Selbst-Widerspruchs gepressten Munde kommt. Es kann zum Grauen bewegen, wenn es aus einem chaotischen, den Widerspruch wild, sorg- und ahnungslos darstellenden Munde kommt.

Wenn es aus einem eitlen und verglättenden kommt, ist es peinlich oder widerwärtig.

Wer das abgetrennte Ich mit großem Anfangsbuchstaben spricht, deckt die Schande des Weltgeistes auf, der zur Geistigkeit erniedrigt worden ist.

Aber wie schön und rechtmäßig klingt das so lebhafte, so nachdrückliche Ich des Sokrates …

Wie schön und rechtmäßig klingt das volle Ich Goethes! …

Und um vorwegnehmend aus dem Reich der unbedingten Beziehung ein Bild hierher zu stellen: wie gewaltig, bis zur Überwältigung, ist das Ich-sagen Jesu, und wie rechtmäßig, bis zur Selbstverständlichkeit! Denn es ist das Ich der unbedingten Beziehung, darin der Mensch sein Du so Vater nennt, daß er selbst nur noch Sohn und nichts andres mehr als Sohn ist. Wann immer er Ich sagt, er kann nur noch das Ich des heiligen Grundworts meinen, das sich ihm ins Unbedingte hob. Rührt ihn je die Abgelöstheit an, die Verbundenheit ist größer; und nur aus ihr redet er zu andern. Vergebens sucht ihr dieses Ich auf ein in sich Mächtiges oder dieses Su auf ein in uns Wohnendes einzuschränken und wieder einmal das wirkliche, die gegenwärtige Beziehung, zu entwirklichen: es bleiben Ich und Du, jeder kann Du sprechen und ist dann Ich, jeder kann Vater sprechen und ist dann Sohn, die Wirklichkeit bleibt.

 

Hier konstatiert Martin Buber: Das Ich-Sagen Jesu sei einzigartig, weil sein Ich einzigartig sei.

Wie recht er hat, und wie trefflich beschrieben.

Da ganze Buch ICH UND DU handelt von dem Geheimnis der Beziehung und der Begegnung. Es handelt von Gott, dem Schöpfer, und seinem Ebendbild, dem Menschen. Es handelt davon, dass wir Menschen im Du-Sagen lernen, Ich zu werden, und zwar ein Ich-Du. Er unterscheidet das Ich-Es vom Ich-Du. Dem Menschen als Geistwesen ist es geschenkt, im Du-Sagen die Dinghaftigkeit der Objekte um ihn herum zu übersteigen und in einen vollkommenen Lebensaustausch mit Gott und den Menschen erhoben zu werden: Alles wirkliche Leben ist Begegnung. (18) Nur wo alles Mittel zerfallen ist, geschieht Begegnung. (19) Nicht in der Dingwelt findet der Mensch ein volles Du, sondern in der Ichwelt von Geistwesen.

Die Zuwendungsmöglichkeit des Menschen ist ‚zwiefaltig‘: Er kann sich den Dingen zuwenden und sie beobachten und analysieren. Er kann sich aber auch – und das ist eine höhere Fähigkeit – als Ich einem Du zuwenden. Nur dann ich es ein Ich-Du, das sich zuwendet in Liebe.

Der Mensch, der sich nur anderen und anderem als Ding, als Objekt seiner Erkenntnis, zuwenden kann, ist ein ‚Eigenmensch‘. Er hat sein Ich zu einem ‚abgetrennten Ich‘ gemacht, zu einem Ich, das nur mit Objekten umgehen kann, aber nicht als Person mit Personen.

Und diese Fähigkeit schreibt er in einzigartiger Weise Jesus zu.

Ich gehe davon aus, dass hier M. Buber die Wirkung beschreibt, die Jesus auf ihn persönlich ausübt, und auf diese Weise erfasst, wie es den Menschen – bis heute –  geht, die sich auf eine Begegnung mit ihm einlassen. Als herausragendes Beispiel aus der Geschichte mag uns der Hl. Paulus in den Sinn kommen, der vor Damaskus Christus begegnet.

Wenn Jesus Ich sagt, dann ist es ‚überwältigend‘ und ‚rechtmäßig‘, bis zur ‚Selbstverständlichkeit‘.

Wer sich auf die Begegnung mit Jesus einlässt, dem geht die ‚Selbstverständlichkeit‘ auf: der versteht sein eigenes Ich, er erkennt, was Ich überhaupt ist, der erkennt im Ich Jesu sein eigenes Ich. Er wird überwältigt von einer Gegenwart, die nur derjenige inne haben kann, der von sich allein sagen kann – wie es oft im Johannesevangelium geschieht: Ich bin! In diesem Ich-bin hören wir, was einst Mose wiederfuhr im Dornbuscherlebnis: Ich bin der ich bin!

Im Ich Jesu begegnet uns die Gegenwart des lebendigen Gottes.

Buber beschreibt dies an anderer Stelle so (S.131f.):

Wir sind Gott nahe gekommen, aber einer Enträtselung, Entschleierung des Seins nicht näher. Erlsöung haben wir gespürt, aber keine „Lösung“, Was wir empfangen haben, damit können wir nicht zu den andern gehen und sagen: Dieses ist zu wissen, dieses ist zu tun. Wir können nur gehen und bewähren. Und auch dies „sollen“ wir nicht – wir können – wir müssen.

Das ist die ewige, die im Jetzt und Hier gegenwärtige Offenbarung, Ich weiß von keiner, die nicht im Urphänomen die gleiche wäre, ich glaube an keine, Ich glaube nicht an eine Selbstbenennung Gottes, nicht an eine Selbstbestimmung Gottes vor den Menschen. Das Wort der Offenbarung ist: Ich bin da als der ich da bin. Das Offenbarende ist das Offenbarende. Das Seiende ist da, nichts weiter. Der ewige Kraftquell strömt, die ewige Berührung harrt, die ewige Stimme tönt, nichts weiter.

Meisterhaft wird hier beschreiben ein Geheimnis, das nicht zu beschreiben ist.

Wer Jesus begegnet, begegnet ‚der unbedingten Beziehung‘. Diese Begegnung ist Gnade: bedingungslos im Sinne von: ohne Vorbedingung, als reines Geschenk, gratis, umsonst. Gott stellt keine Bedingungen. Was könnten wir für Bedingungen mitbringen müssen? Keine.

In Jesus begegnet der Mensch einem Du, das er Vater nennen darf. Sollen wir doch so beten: Vater unser im Himmel! Vor ihm ist der Mensch einfach ‚Sohn‘, Sohn des Vaters im Himmel, nichts weniger und nichts mehr. Wenn der Mensch im Angesicht von Jesus, dem Sohn Gottes, eines Wesens mit dem Vater, Ich sagt, kann er es nur als das ‚heilige Grundwort‘: Ich-Du sagen, nicht Ich-Es. Denn Gott kann man nicht zu einem Es machen.

Hier wie an so manchen anderen Stellen ist M. Buber ganz in der Nähe des Geheimnisses der Dreifaltigkeit, das er als Jude nicht kennt und nicht benennt. Doch er kommt ihm ganz, ganz nahe.

Das Geheimnis des Hl. Geistes als der ‚Liebe in Person‘ leuchtet hier auf, wie es der Hl. Johannes Paul II. immer wieder verkündet und beschrieben hat.

Im Hl. Geist werden ‚Abgelöstheit‘ und ‚Verbundenheit‘ eine Einheit: Im Geheimnis der Dreifaltigkeit sind drei Personen – Vater, Sohn, Geist – ein göttliches Wesen: drei und eins, eins im Wesen, drei in den Personen. In Gott sind Verschiedenheit und Verbundenheit eins: drei Personen, ein göttliches Wesen. Ein Geheimnis, das wir nie ‚verstehen‘ werden, das uns aber im Glauben wunderbar aufleuchtet.

Vom Menschen, der Jesus Ich sagen hört, gilt also: Rührt ihn je die Abgelöstheit an, die Verbundenheit ist größer; und nur aus ihr redet er zu den andern. Wenn ich mich auf das Ich Jesu einlasse, geschieht mir wunderbares: Ich als ein anderes, getrenntes Ich von Jesus, werde eins mit Ihm durch Sein Ich-Sagen: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Ich bin das Licht der Welt. …

Vergebens sucht ihr dieses Ich auf ein in sich Mächtiges oder dieses Su auf ein in uns Wohnendes einzuschränken und wieder einmal das wirkliche, die gegenwärtige Beziehung, zu entwirklichen: es bleiben Ich und Du, jeder kann Du sprechen und ist dann Ich, jeder kann Vater sprechen und ist dann Sohn, die Wirklichkeit bleibt.

 



[1] Schibboleth (hebr.): Strom, Strömung, Flut, Kennwort. Vgl. Ri 12,5+6: Gilead schnitt Efraim die Jordanfurten ab. Und wenn die Flüchtlinge aus Efraim sagten: Ich will hinüber!, fragten ihn die Männer aus Gilead: Bist du ein Efraimiter? Wenn er Nein sagte, forderten sie ihn auf: Sag doch einmal Schibbolet! Sagte er dann Sibbolet, weil er es nicht richtig aussprechen konnte, ergriffen sie ihn und machten ihn dort an den Furten des Jordan nieder. So fielen damals zweiundvierzigtausend Mann aus Efraim.