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Urphänomen Offenbarung

 

Aus: Martin Buber, Ich und Du, S. 129ff.

 

Quelle des Glaubens im jüdischen und im christlichen Sinne ist die Offenbarung Gottes.
Martin Buber beschreibt dieses ‚Urphänomen‘.

Er fragt:

Was ist das ewige: das im Jetzt und Hier gegenwärtige Urphänomen dessen, was wir Offenbarung nennen?

Zunächst nennt er die Wirkung von dem, was die Offenbarung Gottes ist:

Es ist dies, daß der Mensch aus dem Moment der höchsten Begegnung nicht als der gleiche hervorgeht, als der er in ihn eingetreten ist.

Die Begegnung, die Gott dem Menschen mit sich schenkt, verändert den Menschen im Innersten. Davon zeugen alle Erzählungen des Alten Testamentes: Abraham, Isaak, Jakob, Mose, die Propheten, - um nur einige zu nennen. Es geht um das Aufeinandertreffen von Gott und Mensch.

Der Moment der Begegnung ist nicht ein „Erlebnis“, das sich in der empfänglichen Seele erregt und selig rundet: es geschieht da etwas am Menschen. Das ist zuweilen wie ein Anhauch, zuweilen wie ein Ringkampf, gleichviel: es geschieht.

Durch die offenbarende Begegnung Gottes mit dem Menschen „geschieht etwas am Menschen“, das in solche Tiefe geht, so dass es nicht als ‚Erlebnis‘ erzählt werden kann. Diese Begegnung ist immer unbeschreiblich, aber wirklich.

Diese Offenbarung kann als ‚Anhauch‘ oder als ‚Ringkampf‘ erlebt werden. Zwei biblisch bezeugte Beispiele hat Buber hier im Sinn: Elija ab Berg Horeb (1 Kö 19,12) und Jakob im nächtlichen Kampf (Gen 32,26).

Der Mensch, der aus dem Wesensakt der reinen Beziehung tritt, hat in seinem Wesen ein Mehr, ein Hinzugewachsenes, von dem er zuvor nicht wußte und dessen Ursprung er nicht rechtmäßig zu bezeichnen vermag.

Gott offenbart sich im ‚Wesensakt der reinen Beziehung‘: in einer Begegnung von Herz zu Herz, von DU zu Du. Das ewige DU Gottes begegnet dem Du des Menschen. In dieser offenbarenden Begegnung geschieht immer ein Je-mehr. Vermehrung geschieht, ein Immer-mehr. Gott ist der alles Maß Übersteigende. Eine Begegnung mit Gott bedeutet für das Geschöpf Mensch immer eine maßlose Bereicherung.

Wie immer die wissenschaftliche Weltorientierung in ihrem befugten Streben nach einer lückenlosen Ursächlichkeit die Herkunft des Neuen einreiht: uns, denen es um die wirkliche Betrachtung des Wirklichen geht, kann kein Unterbewußtsein und kein anderer Seelenapparat taugen.

Die Sphäre der Begegnung gehört nicht jenem Bereich der Welt an, die wissenschaftlichen Betrachtungen zugänglich ist. Die Beziehung von Ursache und Wirkung ist ihr Kriterium. Was in einen Ursache-Wirkung-Zusammenhang gebracht werden kann, ist Objekt der Naturwissenschaft. Doch dieser Welt der Bedingtheiten gehört die Welt der Offenbarung Gottes an den Menschen nicht an.

Die Wirklichkeit ist, daß wir empfangen, was wir zuvor nicht hatten, und es so empfangen, daß wir wissen: es ist uns gegeben worden. Ich der Sprache der Bibel: „Die auf Gott harren, werden Kraft eintauschen.“ In der Sprache Nietzsches, der der Wirklichkeit in seinem Bericht noch treu ist: „Man nimmt, man fragt nicht, wer da gibt.“

Gott ‚gibt‘, Er gibt ohne Wenn und Aber, ohne Bedingung, gratis, umsonst. Er gibt aus Liebe, aus keinem anderen Grund. Aus Liebe hat er die Welt ins Dasein gerufen, geschaffen ‚aus Nichts‘ (ex nihilo). So ist die Welt, weil Gott es will, aus Liebe. Wer sich auf diese bedingungslose Liebe einlässt, der empfängt jene Kraft, aus der ist, was ist.

Der Mensch empfängt, und er empfängt nicht einen „Inhalt“, sondern eine Gegenwart, eine Gegenwart als Kraft.

Bei der Offenbarung Gottes geschieht ein Austausch von Person zu Person, von Ich und Ich. Das ewige Ich ist der Gebende, das geschaffene Ich der Empfangende.

In Seiner Liebe schenkt Gott Sich Selbst, Seine Gegenwart.

Die Gegenwart Gottes, die Er in der Offenbarung dem Menschen schenkt, umfasst drei Aspekte:
Fülle der Gegenseitigkeit – unaussprechliche Bestätigung des Sinns – Sinn für dieses Leben:

Diese Gegenwart und Kraft schließt dreierlei ein, ungeschieden, und doch so, daß wir es als drei gesondert betrachten dürfen.

1. Zum ersten die ganze Fülle der wirklichen Gegenseitigkeit, des Aufgenommenwerdens, des Verbundenseins; ohne daß man irgend anzugeben vermöchte, wie das beschaffen sei, womit man verbunden ist, und ohne daß das Verbundensein einem das Leben irgend erleichterte – es macht das Leben schwerer, aber es macht es sinnschwer.

Der Mensch als Geschöpf erlebt Gott, dem Schöpfer gegenüber: Fülle der wirklichen Gegenseitigkeit. Gott lässt den Menschen Ihm ein wirkliches Gegenüber sein. Gott schenkt dem Menschen, dass er Ihn als ein Du erleben darf. Gott tritt dem Menschen gegenüber wie ein Vater seinem Sohn; denken wir an das Gleichnis Jesu vom Vater und den zwei Söhnen (Lk 15).

Allerdings blendet hier und bei alle seinen Erörterungen Martin Buber jenes Phänomen aus, was gerade in diesem Gleichnis von Jesus thematisiert wird: Der jüngere Sohn (vorübergehend) wie der ältere teilen mit dem Vater nicht die wahrhafte Gemeinschaft. In dem Gleichnis schildert Jesus das dramatische Ringen Gottes um seine Kinder, die Menschen, mit denen Er alles teilen will: „Alles, was mein ist, ist dein.“ (Lk 15,31)

Sehr anrührend sind die Zeugnisse etwa von Abraham und Mose in ihrem Verhältnis zum HERRN: Gott macht sie zu seinen Freunden.

2. Und das ist das zweite: die unaussprechliche Bestätigung des Sinns. Er ist verbürgt. Nichts, nichts kann mehr sinnlos sein. Die Frage nach dem Sinn des Lebens ist nicht mehr da. Aber wenn sie da wäre, wäre sie nicht etwa zu beantworten. Du weißt den Sinn nicht aufzuzeigen und weiß ihn nicht zu bestimmen, du hast keine Formel und hast kein Bild für ihn, und doch ist er dir gewisser als die Empfindungen deiner Sinne. Was meint er nur mit uns, was begehrt er von uns, der offenbarte und verhohlene? Nicht gedeutet – das vermögen wir nicht -, nur getan will er von uns werden.

Durch die Gegenwart Gottes wird der Mensch von einem tiefen Sinn getragen, der alles durchzieht.

3. Dies ist das dritte: es ist nicht der Sinn eines „andern Lebens“, sondern dieses unseres Lebens, nicht der eines „Drüben“, sondern dieser unserer Welt, und er will in diesem Leben, an dieser Welt von uns bewährt werden. Der Sinn kann empfangen werden, aber er kann nicht erfahren werden; er kann nicht erfahren werden, aber er kann getan werden; und dies meint er mit uns.  …

Diesen Aussagen wären diejenigen von Jesus in den Evangelien zur Seite oder gegenüberzustellen, wenn Jesus etwa vom Himmelreich, dem Königreich der Himmel, spricht, das mitten unter uns ist, aber nicht mit dieser Welt gleichzusetzen ist. Er spricht ja vor Pilatus von seinem Königtum, das aber nicht von dieser Welt ist. Oder die Aussage von Paulus, dass die Gestalt dieser Welt vergehe. (1 Kor 7,31) Christlich gesprochen gilt es, in diesem Leben unseren Glauben zu bewähren. Doch hoffen wir auf die große Verwandlung dieser Welt und gehen zu auf das Himmlische Jerusalem, das von oben herab kommt. (Offb 21; Hebr 12)

Wir sind Gott nahe gekommen, aber einer Enträtselung, Entschleierung des Seins nicht näher. Erlösung haben wir verspürt, aber keine „Lösung“. Was wir empfangen haben, damit können wir nicht zu den andern gehen und sagen: Dieses ist zu wissen, dieses ist zu tun. Wir können nur gehen und bewähren. Und auch dies „sollen“ wir nicht – wir können – wir müssen.

Das ist die ewige, die im Jetzt und Hier gegenwärtige Offenbarung.

Ich weiß von keiner, die nicht im Urphänomen die gleiche wäre, ich glaube an keine. Ich glaube nicht an eine Selbstbenennung Gottes, nicht an eine Selbstbestimmung Gottes vor den Menschen.

Das Wort der Offenbarung ist: Ich bin da als der ich da bin.

Das Offenbarende ist das Offenbarende. Das Seiende ist da, nichts weiter.
Der ewige Kraftquell strömt, die ewige Berührung harrt, die ewige Stimme tönt, nichts weiter.

Hier deutet M. Buber das Wort des HERRN an Mose, das er im Dornbusch empfängt. (Ex 3,14) Hier erfährt Mose den Namen Gottes: JHWH, den wir mit HERR wiedergeben. Dies ist ein Name für alle künftigen Zeiten und dies meine Benennung von Geschlecht zu Geschlecht. (Ex 3,15)

Nichts weiter?

Hier wären die vielen Aussagen der Evangelien zu erwähnen, gerade im Evangelium nach Johannes, in denen Jesus deutlich macht: ER ist der Ich-bin.

Wir Christen glauben, dass in Ihm, in Jesus Christus, dem Mensch gewordenen Sohn Gottes, die Erfüllung aller Prophezeiungen ist: ER ist der Joshua (= Jesus), der ‚JHWH rettet‘.

In der Menschwerdung Gottes, des Sohnes Gottes, Gott von Gott, wird alles übertroffen, was wir uns Menschen erdenken und erhoffen können.

Kol 1,19: Denn Gott wollte mit seiner ganzen Fülle in ihm wohnen.