Ihre Browserversion ist veraltet. Wir empfehlen, Ihren Browser auf die neueste Version zu aktualisieren.

Gelassenheit nach Meister Eckhart

 

[Aus: Meister Eckhart Mystische Schriften, Aus dem Mittelhochdeutschen in unsere Sprache übertragen von Gustav Landauer, Berlin 1903, Abgeschrieben von Andreas Marschler · www.marschler.at]

 

Gelassenheit ist eine wahre Gottesgabe. Wir wünschen sie uns alle, doch so schwer ist sie zu erlangen.

 

Einige Gedanken von Meister Eckhart zu diesem Thema mögen uns Hilfe sein auf der Suche nach dem rechten Weg zur Gelassenheit.

 

Was ist Gelassenheit? – Jene Tugend, die uns fähig macht, unser Leben ganz in die Hände Gottes zu legen, mit einem großen Vertrauen, dass ER für uns sorgt. Wer gelassen ist, kann ganz aus Gott leben, denn der Glaube lässt uns ja aus Gott geboren sein, wie es Johannes im Prolog seines Evangeliums uns beschreibt: Allen, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind. (Joh 1,12f.)

 

Dieses Wort unseres HERRn macht schon deutlich: Wenn wir durch den Glauben aus Gott geboren sind, so sollen wir auch ganz und gar aus IHM leben. Doch aus eigener Erfahrung wissen wir alle, dass dies nicht so einfach ist. Zu sehr hängen wir an den Dingen dieser Welt und leben aus ihnen und ihrer Kraft. Doch zu unserem Verhängnis.

 

Wie also finden wir den Weg, ganz an Gott gelassen zu leben?

 

Einen ersten Hinweis gibt uns Meister Eckhart mit diesem Gedanken:

 

Alle Liebe dieser Welt ist auf Eigenliebe gebaut. Hättest du die gelassen, so hättest du alle Welt gelassen. (Sprüche Nr. 18)

 

Die Eigenliebe und die Liebe zur Welt bindet uns und lässt uns nicht ganz und gar frei sein für Gottes Wille, für das Leben in Gott und aus Gottes Kraft.

Die Ursache zur falschen Liebe zur Welt ist die ‚Eigenliebe‘, die nicht gleichzusetzen ist mit der ‚Selbstliebe‘, wie sie Jesus formuliert in den Gebot: Du sollst Gott lieben und deinen Nächsten wie dich selbst. In dieser Dreifaltigkeit Liebe zu Gott – Liebe zum Nächsten – Liebe zu sich selbst ist der Schlüssel die Liebe zu Gott, dem Dreifaltigen. Denn: Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott bleibt in ihm. (1 Joh 4,16) Wer aus Gott geboren ist, lebt aus der Liebe, die Gott selbst ist. Und wer in der Liebe bleibt, der liebt – in Gott – den Nächsten, der liebt – in Gott – sich selbst. Liebe heißt hier die uneingeschränkte Hingabe seiner selbst an den anderen. Wer sich an Gott hingibt, kann nicht anders als aus der ‚Verschwendung‘ Gottes zu leben. Lieben heißt: das eigene Leben hingeben bis in den Tod. Sich selbst lieben heißt in diesem positiven Sinn selbst in der Liebe Gottes sein in allen Aspekten des eigenen Daseins, das eigene Sein in Gott lieben als totale Hingabe an Ihn.

‚Eigenliebe‘ dagegen ist das sündhafte an sich selbst haften und festhalten, und ist deshalb keine Liebe. ‚Eigenliebe‘ ist deshalb Selbstbezogenheit, Gefangenschaft in sich selbst, Verlust der Hingabefähigkeit. Selbstliebe heißt, sich lieben um Gottes willen, auf Gott hin und von Gott her; Eigenliebe heißt Bezogenheit auf sich selbst und um seiner selbst willen.

 

In seinen Sinnsprüchen wird von Meister Eckhart weiterhin überliefert:

 

Bruder Eckhart predigte und sprach: Sankt Peter sprach: Ich habe alle Dinge gelassen. Da sprach Sankt Jakob: Wir haben alle Dinge weggegeben. Da sprach Sankt Johannes: Wir haben gar nichts mehr. Da sprach Bruder Eckhart: Wann hat man alle Dinge gelassen? So man alles das lässt, was der Sinn greifen kann, und alles, was man sprechen kann, und alles, was Farbe machen kann, und alles, was man hören kann, dann erst hat man alle Dinge gelassen. Wenn man so alle Dinge lässt, so wird man von der Gottheit durchklärt und überklärt. (Sprüche Nr. 8)

 

Ziel unseres Lebens sei es also: von Gott durchklärt und überklärt werden.

Gottes Klarheit geht von seiner Herrlichkeit aus, die die Cherubim und Seraphim anbeten, wenn sie unablässig rufen: Heilig, heilig, heilig, Gott Herr aller Mächte und Gewalten, erfüllt sind Himmel und Erde von deiner Herrlichkeit! – So beten wir es in jeder Eucharistiefeier, wenn der verherrlichte HERR Jesus Christus durch die Macht des Heiligen Geistes unter den Gestalten von Brot und Wein mit seinem Sterben und Auferstehen in unserer Mitte ist. Von Gott durchklärt und überklärt sind wir, wenn Gott mit uns Menschen ans Ziel gekommen ist, dass nämlich alles in allem Gott geworden ist.

 

Der Weg nun dorthin:

 

Alles lassen, was der Sinn greifen kann:

Was unseren körperlichen Sinnen zugänglich ist, das sind die Dinge der geschaffenen Welt, der sichtbaren Schöpfung, die Gott ins Dasein gerufen hat durch Sein Wort. Alles, was Gott geschaffen ist, ist ja gut geschaffen. Gut ist alles Geschaffene, weil es ein Abglanz der Gutheit Gottes ist. Alles Geschaffene aber ist Abbild Gottes. Und Verehrung gilt dem Urbild von allem, Gott selbst, nicht seinen Abbildern. Deshalb darf unser menschlicher Geist nicht bei den Abbildern bleiben, sondern zum Urbild selbst gehen.

 

Alles lassen, was man sprechen kann:

Sprechen kann man von allem Geschaffenen, dem wir einen Namen geben können, von dem wir einen Begriff bilden können. Doch darf unser Geist nicht bei den Namen bleiben, sondern bei dem allein bleiben, der über alle Namen ist, durch den alles einen Namen hat. Wir selbst sind nach dem Bild dessen geschaffen, der der Ursprung von allem ist: Gott. Gott allein genügt uns.

 

Alles lassen, was Farbe machen kann:

Farbe trägt alles, was unserem Sehen zugänglich ist. Doch das, was wir sehen können, und wir, die wir sehen können, sind von dem geschaffen, den nur einer gesehen hat, Jesus Christus. ER ist das Licht der Welt, in dessen Licht wir überhaupt sehen können. In Seinem Licht schauen wir das Licht, wie uns Psalm 36,10 sagt: Bei dir ist die Quelle des Lebens, in deinem Licht schauen wir das Licht. Unser höchstes Glück, weil unsere höchste Bestimmung ist, denjenigen zu schauen, der alles geschaffen hat. Damit wir IHN, den HERRn der ganzen Schöpfung aber schauen können, müssen wir alles lassen, was weniger ist als ER.

 

Alles lassen, was man hören kann:

Zu Mose im brennenden Dornbusch sagt Gott: Ich bin der ich bin. Damit deutet ER an, dass wir IHN nur hören und sehen und schmecken können, wenn wir IHN hören und sehen und schmecken. Dies aber ist nicht mit Mitteln des Geschöpfes möglich, weil es ja um denjenigen geht, der über aller Schöpfung ist, der Ewige.

 

Um IHN zu hören, muss man von allem Geschaffenen lassen und von SEINEM ungeschaffenen Licht und SEINER ungeschaffenen Stimme erreicht werden. Man muss von der Gottheit durchklärt und überklärt werden. Dies geschieht durch Gottes Gnade, die uns Menschen als reines Geschenk zuteil wird. Solcher Art ist die Liebe Gottes: ER durchklärt und überklärt uns mit SEINER göttlichen Liebe, damit wir in IHN verwandelt werden, auch wenn wir Geschöpf bleiben. Was Gott seiner Natur nach ist, werden wir durch Gnade: Wir werden Söhne Gottes, aus Gott geboren, aus dem Heiligen Geist geboren. Damit dies geschehen kann, ist diese Art der Gelassenheit nötig.

 

Einen anderen Zugang bieten Meister Eckhart mit diesem Gedanken:

 

Die Seele hat einen himmlischen Eingang in die göttliche Natur, wo ihr alle Dinge zunichte werden. Dieser Eingang ist auf Erden nichts anderes als reine Abgeschiedenheit. Und wenn die Abgeschiedenheit aufs Höchste kommt, so wird sie aus Bewusstsein bewusstlos und aus Liebe lieblos und vor Licht finster.

Darum können wir auch annehmen, was ein Meister spricht: Selig sind die Armen des Geistes, die Gott alle Dinge gelassen haben, wie er sie hatte, als wir nicht waren.

Dass Gott in einem abgeschiedenen Herzen lieber ist als in allen anderen Herzen, das merken wir daran: Wenn du mich fragst, was Gott in allen Dingen suche, so antworte ich dir aus dem Buche der Weisheit, wo er spricht: »In allen Dinge suche ich Ruhe.« Es ist aber nirgends ganze Ruhe als allein in dem abgeschiedenen Herzen. (S. 52)

 

Gelassenheit geschieht also durch Abgeschiedenheit. In welchem Sinne?

 

Die von Gott geschaffene Seele ist von besonderer Art.

Zunächst ist sie geschaffen nach dem Bilde Gottes, durch IHN und auf IHN hin.

Gott, der Ungeschaffene, ist unendlich verschieden von allem Geschaffenen, auch unendlich erhaben über alles. Wie aber kommen Schöpfer und Geschöpf zusammen?

 

Nun hat – so Meister Eckhart – die Seele einen ‚himmlischen Eingang in die göttliche Natur‘. Es gibt also einen Zugang zu Gott, zu seiner göttlichen Natur. Sagt uns doch auch Jesus, dass wir aus Gott geboren werden können (im Gespräch mit Nikodemus, Joh 3) und dass wir IN IHM bleiben können (Joh 15), dass der Vater und Er zu uns kommen.

Diesen himmlische Eingang kann der Mensch nicht von sich aus durchschreiten, sondern Gott selbst nimmt die Seele auf durch diese Tür in seine eigene göttliche Natur.

Wenn die Seele diesen Eingang durchschreitet, dann werden „ihr alle Ding zunichte“.

Was mag dies bedeuten?

Alles Geschaffene in uns und an uns wird einer gewaltigen Verwandlung unterzogen. Alles Vergängliche wird in Unvergänglichkeit verwandelt, alles Unvollkommene in Vollkommenheit. Alles Selbstbezogenheit wird zu reiner Hingabe.

Auf Erden ist dieser Eingang die Abgeschiedenheit: Die Seele wird von sich selbst abgeschieden, in ihr wird alles zunichte, sie wird reine Empfängnis, Empfängnis aus Gott, der die Liebe ist, ganz nach dem Wort der Hl. Caterina von Siena: Ich bin, die nichts ist, Du bist, der IST. Die Seele ist reines Empfangen und Geben, Empfangen aus Gott und Geben in Gott hinein. Dies bedeutet nicht Selbstauslöschung, sondern ganz Sein in Liebe.

Abgeschiedenheit bedeutet: geschieden von allem, was die Seele irgendwie bindet an irgendein Geschöpf; was hindert im uneingeschränkten Dienst an Gott. Der Geist des Menschen muss ganz verfügen können über allem, was ihm im Bereich der Schöpfung zu Diensten gegeben ist, um frei zu sein in der Liebe zu Gott. Denn Gott hat den Menschen für sich geschaffen, alles andere aber für den Menschen. Es gibt eine Hierarchie in der Schöpfung: Der Mensch für Gott und die gesamte sichtbare Schöpfung für den Menschen.

 

Die Seele wird dann aus Bewusstsein bewusstlos und aus Liebe lieblos und vor Licht finster: bewusstlos meint nicht, ohne Bewusstsein zu sein, sondern einfach zu sein, alles lassend; lieblos bedeutet nicht ohne Liebe, sondern ganz Liebe geworden. Das Licht Gottes ist ohne Schatten, steht aber auch über allem geschaffenen Licht. Wenn der Geist des Menschen in dieses Licht getaucht ist, ist es ihm wie Finsternis, weil seine vergänglichen Sinne es nicht fassen können.

 

Selig sind die Armen des Geistes, die Gott alle Dinge gelassen haben, wie er sie hatte, als wir nicht waren. Die im Geiste Armen können alle Dinge Gott lassen, Ihm überlassen, so wie sie Ihm waren, als wir noch nicht geschaffen waren. Denn Gott schuf ja alles aus Nichts, und so sollen wir Gott alles, was Er aus Nichts geschaffen hat, zu Nichts lassen.

 

Wie der Himmel an allen Orten gleich fern von der Erde ist, so soll auch die Seele gleich fern sein von allen irdischen Dingen und dem einen nicht näher sein als dem andern, und sie soll sich gleichmütig halten in Liebe, in Leid, im Haben, im Entbehren, in alledem soll sie zumal gestorben, gelassen und darüber erhoben sein. (S. 28)

 

Dies bedeutet für die Seele frei von allem und frei für alles zu sein, or allem frei für den Dreifaltigen Gott. So findet sie Ruhe und Frieden – in Gott.

 

(vgl. Von der Abgeschiedenheit, Meister Eckhart)