Ihre Browserversion ist veraltet. Wir empfehlen, Ihren Browser auf die neueste Version zu aktualisieren.

Geber und Gabe des Seins in der Einheit von Leben und Tod

 

Aus: Ferdinand Ulrich, Leben in der Einheit von Leben und Tod, S. 70ff.

 

a. Die urbildliche Identität von Geber und Gabe („Leben“)

Die urbildliche Identität von Geber und Gabe nennt Ulrich: „Leben“,
die Trennung von beiden: „Tod“.

Einerseits muss unterschieden werden zwischen Geber und Gabe, Gabe und Schenkendem,
andererseits gibt es eine Beziehung zwischen beiden: genannt Leben und Tod.

Zunächst geht es um die ‚Identität von Geber und Gabe‘. Wie sieht sie aus?

Wenn „alles Wirkliche ein Sich-ähnliches erwirkt“, dann ist das Leben des Seins „Gleichnis Gottes“, der es schafft und erwirkt.

Es gilt der Grundsatz: Alles Wirkliche erwirkt ein Sich-ähnliches.

Das gilt für Gott, den Schöpfer, selbst; das gilt aber auch für den Menschen.

Was der Mensch schafft und wirkt in dieser Welt, das hat Ähnlichkeit mit ihm: In allem sieht man seine Prägung. Besonders deutlich wird dies in der Kunst. Jeder Künstler hat ‚seine Handschrift‘.

Besonders gilt dies für den Schöpfergott selbst. Vom Menschen heißt es: Er schuf ihn nach ‚seinen Bild‘, ihm ähnlich. (Gen 1)

Denn je tiefer und ursprünglicher eine Gabe von Herzen kommt, der Innerlichkeit dessen, der sie schenkt, entstammt, um so reiner zeichnet sich die Gestalt des Gebers in sie ein, um so gegenwärtiger ist der Ursprung seiner Gabe, desto inniger ist die „urbildliche Einheit“ von Schenkendem und Gabe.

Etwas, das von Herzen kommt, trägt die Spuren seines Schöpfers. Eine Gabe wird dem Ursprung dieser Gabe um so ähnlicher, je inniger sie aus der Mitte des Gebers stammt.

Die „urbildliche Einheit“ von Schenkendem und Gabe: Gabe und Gebet sich zwei, und doch gibt es diese geheimnisvolle Einheit von Urbild und Bild. Die Einheit ist gewährleistet durch das Schenken aus Liebe: Der Schenkende gibt sich in der Gabe. Und es ist Aufgabe der Philosophie, diese Ähnlichkeit zu beschreiben.

Wer daher die Gabe dessen sieht, der aus seinem eigenen Leben mitteilt, der sieht in ihr den Ursprung selbst. Auf ihn ist die Gabe als Bild des Gebers bis ins kleinste „durchsichtig“. Sie ist ja ein Zeichen der mitgeteilten Wirklichkeit, die sich in ihr bekundet und bezeugt.

Was die Ähnlichkeit stiftet: die Liebe. Sie wirkt die Mitteilung der Wirklichkeit. Die Liebe wirkt ein Bekunden und Bezeugen.

Jede Gabe lebt aus dieser Einheit mit ihrem schöpferischen Ursprung, in dem sie geborgen, aufgehoben und bewahrt ist: als Leben vom Leben.

Leben vom Leben: Das Leben der Gabe besteht gerade darin, dass der Ursprung sich schöpferisch mitteilt. Weil der Schöpfer Leben ist, ist die Gabe auch Leben. Kopieren ist ein toter Akt: eine Kopie ist nichts Lebendiges. In der Welt des Lebendigen gilt: Leben kann Leben zeugen. In der Welt der Technik gilt: Totes kopiert Totes. Man kann ein totes Objekt kopieren: Das Kopierte ist tot.

Das gilt erst recht für das Seinswort des absoluten Lebens schlechthin. Was Gott schenkt, kann ihm nicht äußerlich sein. Er kennt keine Voraussetzungen endlicher Art; er gibt „umsonst“.

Gott ist das absolute Leben. Wenn Gott spricht, entsteht Leben. Der Sohn ist der Logos. Durch dieses Wort Gottes, den Sohn, den Logos, ist alles geworden, was geworden ist. Was durch das Wort Gottes geworden ist, in ihm ist Sein Leben. Das geschaffene Leben trägt das Bild des ungeschaffenen Lebens.

Und das Gott durch den Logos erschafft, das schenkt Gott. Und dieses Geschaffene kann IHM nicht äußerlich sein. Für das, was Gott erschafft, gibt es keinen Grund: ER schafft „umsonst“; ER selbst ist der Grund. Gott selbst ist die Voraussetzung von allem, was ER wirkt. Voraussetzungen endlicher Art gibt es in dem nicht, was er schafft.

Es ist dem Wesen der Liebe eigen, dass sie „umsonst“ gibt, ohne jegliche Bedingungen und Voraussetzungen. Bei Johannes lesen wir: Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott bleibt in ihm. (1 Joh) Gott schenkt uns umsonst: in IHM zu bleiben. Und dieses In-Ihm-Bleiben ermöglicht uns erlöste Menschen, zu lieben, wie ER uns liebt: „umsonst“.

Wer „umsonst“ gibt, der gibt frei. Für den gibt es, außerhalb seiner selbst, kein Gesetz, keine Notwendigkeit seines Tuns. Der wird nur von sich selbst, aber von keinem Anderen bewegt: weil er liebt. Die Liebe gibt, ohne zu zählen und zu wägen. Sie schafft also, indem sie sich selbst bejaht.

Wer in der Liebe Gottes ist, kennt keinen anderen Beweggrund zu lieben, als die Liebe selbst. So ist man frei zu lieben, ohne jegliches Gesetzt, ohne jegliches Gebot. Wenn Jesus sagt: Dies ist mein Gebot: Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe!, so ist es kein Gebot, dass ER uns auferlegen muss, dem wir zu gehorchen haben. Die Liebe liebt aus sich, nicht aus einem von außen auferlegten Gebot.

Weil sie in ihrem Reichtum arm ist, ist sie auch ihr eigenes Motiv, der Beweggrund ihrer Selbstmitteilung. In diesem Geheimnis wurzelt die urbildliche Einheit von Gabe und Schenkendem. Man darf sie auch dadurch ausdrücken, daß man sagt: die Liebe tut immer den „ersten Schritt“; ihre Initiative ist nicht hintergehbar; ihr Lieben ist ein „absolutes Vorweg“.

Die Liebe ist „in ihrem Reichtum arm“, meint: Die Liebe ist ihrer selbst ganz entäußert, ganz und gar dienend, zurücktretend, nicht sich aufdrängend, reine Hingabe an den anderen. Sie tritt nicht mit ‚Macht‘ auf, sondern stirbt sich selber. Es reicht der Blick auf’s Kreuz: Jesus gibt sein Leben hin bis in den Tod. Die Liebe wird ganz und gar arm. Sie nimmt Knechtsgestalt an, sie wird bis zur Unkenntlichkeit entstellt.

Liebe ist ganz Selbstmitteilung; für diese Selbstmitteilung gibt es außerhalb ihrer keinen Grund. Liebe ist Geben ohne Grund. Sie ist sich selber der eigene Grund.

 

b. Die Trennung der Gabe vom Schenkenden („Tod“)

Und dennoch würde die Gabe dem Schenkenden nicht entsprechen, seiner Intention nicht gerecht werden, ihm nicht „gehorchen“, seinen Willen nicht erfüllen, bliebe sie in der urbildlichen Einheit mit dem Geber gefangen, würde sie den Reichtum ihres ursprünglichen „einen und ganzen“ Lebens, das wogende Meer ihrer „unendlichen Möglichkeiten“ gegen die Todesarmut der Entäußerung, gegen die Verendlichung und Todestrennung vom Ursprung retten wollen.

Die Gabe der Liebe: In der urbildlichen Einheit bleibt sie mit dem Geber nicht gefangen. Die Todesarmut der Entäußerung gehört zum Wesen der Liebe: Sie entäußert sich bis hinein in den Tod. Die Verendlichung und Todestrennung vom Ursprung ist ihr Ziel: Dies macht ihre Lebendigkeit aus.

Die Gabe entspricht ganz dem in Liebe  Schenkenden, indem sie gehorcht, seinen Willen erfüllt. Diesen Willen erfüllt sie, wenn sie den Reichtum ihres ursprünglichen einen und ganzen Lebens in den Tod entäußert, sich auf eine einzige Möglichkeit beschränkt, wenn sie eben ganz ‚Fleisch‘ wird, ganz bestimmte konkrete Gestalt annimmt.

Die Nabelschnur muß zerschnitten werden, damit sich der Blutkreislauf dessen, der die Gabe empfängt, verselbständige; damit er auf die eigenen Füße komme, sich be-haupte und aufrichte, seinen Weg gehe, auf den hin ihn das geschenkte „Ja“ des Seins ermächtigt und befreit. Mit dem Ursprung bloß verklammert, der Ungeschütztheit und Todesnot der Geburt nicht ausgesetzt würde er zur Totgeburt erstarren und verwesen.

 

Dann hätte die Gabe, die sich vom Schenkenden nicht trennt, demjenigen, der sie geben will, nicht innerhalb ihrer selbst Raum gewährt. Der Vollzug des Schenkens friert ein, das Leben der freien Selbstmitteilung wird vergegenständlicht, der Schenkende schrumpft zu einer isolierten Substanz mit sich zusammen. Die Gabe aber wird leer, nichtig und demonstriert eben dadurch auch die Ohnmacht ihres Ursprungs. Damit dieser in ihr sich wirklich aussage und schenke, damit also die urbildliche Einheit der Gabe mit dem Schenkenden, die Lebensfülle des Anfangs, aufleuchte und zur Sprache komme: ist die kenotische Todestrennung, die Fleischwerdung des „einen“ Seinswortes in der Vielheit des Endlichen notwendig; nicht in einem der urbildlichen Einheit äußerlichen, sondern ihr zutiefst innerlichen Sinne. Der Tod wäre dem Leben äußerlich, wenn die Gabe des Seins einer schon vorausgesetzten, hungrigen, ungestillten Endlichkeit (als des „Negativen“!) bedürftig wäre, damit sie aus der regressiven Bindung an den Geber befreit, vom Ursprung weg- und aus den himmlischen Gemächern in die Endlichkeit herausgetrieben werde. Nein, der Tod der Trennung darf nicht verdrängt werden, denn er gehört wesentlich in die Lebenseinheit des Schenkenden und seiner Gabe.