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Bedeutung des Todes für den Menschen

 

Aus: Ferdinand Ulrich, Leben in der Einheit von Leben und Tod, Schriften II, Johannes Verlag Einsiedeln 1999 [Zitate kursiv]

 

Der folgend zitierte Abschnitt stammt aus der zweiten Meditation mit dem Titel: Dia-bolische und sym-bolische „Einheit“ von Leben und Tod in Formen menschlichen Daseins (S. 39 – 108), dem VI. Abschnitt: Der Tod im „umsonst“ der Liebe als Einheit von Leben und Tod.

Der Titel deutet schon an, dass es zweierlei, einander ausschließende Formen von ‚Einheit‘ gibt: dia-bolische und sym-bolische. Die sym-bolische Einheit ist die heile, wahre Gestalt, die dia-bolische Form ist der Versuch, scheinbare Einheit herzustellen.

Die Grundbeobachtung in unserer menschlichen Existenz: Es gibt Leben, und es gibt Tod. Doch was ist ‚Leben‘, was ist ‚Tod‘? Es geht darum, was wahre Wesen von beiden zu entdecken, die Wahrheit über Leben und Tod.

Wenn wir Christen auf unseren Herrn Jesus Christus schauen, wird uns gezeigt: Der Weg zum Leben geht durch den Tod. Der Tod ist nicht die Negation des Lebens. Es gibt ein Leben in der Einheit von Leben und Tod, wie es Ferdinand Ulrich nennt. Aber es gibt auch ein ‚Leben‘ im Gegensatz von Leben und Tod, das nicht wert ist Leben genannt zu werden.

Lassen wir uns auf die Denkwege von Ferdinand Ulrich (+2020) ein, der der Wahrheit des Seins als Liebe nachspürt. Weil Gott Liebe ist, ist alles Sein von Liebe durchwoben.

 

Ist die Einheit von Reichtum und Armut des Seins als Liebe zerspalten, die Vermittlung von „urbildlicher Einheit“ und „Todestrennung“ im Verhältnis von Schenkendem und Gabe zerstört, dann ist auch, wie sich immer wieder zeigte, das „Umsonst“ der Liebe verloren. Die Freiheit wird ihrer ausgeruhten „Gegenwart“ beraubt und flieht entweder, durch Identifikation mit dem Ursprung, ins Gewesene oder (da die Identifikation: Nein zum Ursprung besagt) wurzellos, aller Tradition verschlossen: in die Zukunft. (104)

Das Sein als Liebe: Liebe ist die innerste Eigenschaft allen Seins, von allem, was ist. Dies ist Wahrheit der christlichen Offenbarung, aber auch durch Anschauen von allem, was ist, zu erkennen.

In der Liebe bilden Reichtum und Armut eine Einheit in dem Sinne, dass die Liebe immer überreich ist an Liebe, Liebe ist immer überfließend, immer je mehr. Liebe verschenkt ohne Maß, ist nie ‚kleinlich‘, eingrenzend, be-grenzend. Liebe ist aber auch zugleich arm, da sie sich nie aufzwingt, aufdrängt. Sie gibt, ohne zu erwarten. Sie gibt ohne Bedingung, sie lässt ganz und gar frei, sie entlässt in uneingeschränkte Freiheit. In diesem Sinne sind reich und arm keine Gegensätze, sondern bedingen sich einander. Weil die Liebe reich ist, kann sie sich auch ganz zurücknehmen, arm sein. In diesem Sinne gibt es die urbildliche Einheit: Vom Ursprung her ist alles, was ist, von dieser Einheit umfasst: Armut und Reichtum reichen sich die Hand, verwenden sich füreinander (auch eine Sprechweise Fernd. Ulrichs).

Gott ist als Schöpfer der Geber von allem, was ist. Alles Geschaffene ist die Gabe des Gebers, des Schenkenden. Zwischen Geber und Gabe gibt es in der Liebe eine ‚Todestrennung‘ in dem Sinne, dass der Geber die Gabe ganz und gar freigibt, ab-gibt. In Liebe trennt sich der Schenkende vom Geschenk, Er stirbt in die Gabe hinein. ‚Urbildliche Einheit‘ und ‚Todestrennung‘ sind vermittelt, keine gegenseitig ausschließende Gegensätze. In diesem Sinne waltet ein ‚Umsonst‘ zwischen Geber und Gabe in der Liebe: Der Geber gibt immer ‚umsonst‘, ohne eine Gegengabe einzufordern.

Diese Einheit kann aber zer-spalten werden: Reichtum und Armut können zu Gegensätzen werden, Schenkender und Gabe.

Zwischen Liebenden, dem Gebet und der Gabe, herrscht Freiheit in ‚ausgeruhter Gegenwart‘. Es waltet ein Friede, der sich gegenseitig beschenkt, nichts aber gegenseitig erwartet, fordert.

Wird diese Einheit zerstört, kann für die Freiheit zweierlei geschehen:

Sie „flieht entweder, durch Identifikation mit dem Ursprung, ins Gewesene“. Sie flüchtet sich aus der Gegenwart des Beschenkenden, des Gebers, der mir das Dasein je neu schenkt, in eine gedachte Vergangenheit. Der Mensch, der solches tut, ‚klammert‘ sich an seinen Ursprung als einen Gewesenen in seiner Erinnerung. Er lebt aber nicht mehr in Seiner Gegenwart.

Die andere Richtung zu fliehen: „wurzellos, aller Tradition verschlossen: in die Zukunft“. Im Grunde ist dies die Folge der Flucht zum Ursprung, da dies eigentlich ein „Nein zum Ursprung“ ist.

Die heile Freiheit bedeutet: in der lebendigen Gegenwart des Gebers leben.

Der Tod jedoch, der „nur einmal“ gestorben wird, setzt der Flucht ins „Gewesene“ der nicht entäußerten Einheit von Geber und Gabe und der Flucht ins bloße Ausstehende, kommende einer sich vorenthaltenden Zukunft, also dem „Fruchtmachen“ und dem Sich-erleisten-wollen der an sich „umsonst“ geschenkten Liebe (in der zerbrochenen Zeitlichkeit), ein Ende. (104)

„Der Tod, der ‚nur einmal‘ gestorben wird, setzt der Flucht … ein Ende.“ Jesus Christus ist der Eine, der für alle gestorben ist, ein einziges Mal für immer. ER ist den Tod gestorben, der die Trennung von der Gemeinschaft mit Gott aufgehoben hat, durch seinen eigenen Tod am Kreuz.

Von diesem Tod spricht der Hl. Petrus: Christus ist der Sünden wegen ein einziges Mal gestorben, er, der Gerechte, für die Ungerechten, um euch zu Gott zu führen; dem Fleisch nach wurde er getötet, dem Geist nach lebendig gemacht. (1 Petr 3,18)

Es gibt die „entäußerte Einheit von Geber und Gabe“. Gott ist der Geber aller Gaben. Gott der Vater hat den Sohn ‚gezeugt‘, nicht geschaffen, was heißt: Der Vater hat dem Sohn in der ‚Zeugung‘ das eigene göttliche Wesen übergeben, so dass der Sohn Gott ist wie der Vater. Im Sohn hat der Vater sich entäußert: Er ist geblieben, wer Er ist, und doch ist der Sohn Gott wie Er. Dies könnte man die innergöttliche Entäußerung nennen. Es gibt aber auch die Entäußerung des Sohnes in die menschliche Natur: Der Sohn wird Mensch. Der Vater und der Sohn bilden eine entäußerte Einheit: Der Vater gibt sich in den Sohn hinein, der Vater stirbt in den Sohn hinein, ohne ihn von sich zu trennen oder sich von ihm zu trennen.

Gott ist umsonst geschenkte Liebe: Die Liebe, die er schenkt, ist umsonst, kann sich nicht erleistet werden. Diese Liebe bringt Frucht hervor, aber macht keine Frucht.

Er fordert den Menschen zur äußeren Entscheidung heraus: ob er das Sein als Liebe wählen wolle oder nicht. Der Tod ist diese Entscheidung! Er verlangt von uns, dass wir darüber „befinden“, ob wir „umsonst“, d. h. bedingungslos, voraussetzungslos (in diesem Sinne „ver-geblich“) und arm, aber zugleich eben deshalb reich, überströmend, (aus der Einheit von vanité und gratuité) leben und sterben wollen oder nicht. (104)

Der Tod fordert den Menschen zur äußeren Entscheidung heraus. Durch den Tod steht der Mensch vor der Frage, wie er das Sein anerkennen will. Will er es als „Sein als Liebe“ annehmen? Wenn das Sein nämlich Liebe ist, dann kann beides, Leben und Sterben, als Liebe gestaltet werden. Ich kann als Mensch, den Tod vor Augen, mich entscheiden, mein ganzes Sein als reich und arm zugleich annehmen. Ich kann mein Sein vollziehen als umsonst, bedingungslos, voraussetzungslos, in diesem Sinne arm. Ich kann es zugleich als reich, überströmend leben, verschwenderisch, freigebig.

Hier bilden vanité und gratuité eine Einheit: vergeblich und freigebig zugleich.

„Umsonst“ kann verschieden verstanden werden: als vanité oder als gratuité (franz.).

Was aber bedeutet: Alles ist „umsonst“ im Sinne von vanité?

Im Tod kommt der Mensch an die Grenze, die ihm das existentielle Bekenntnis dazu abverlangt, dass alles, was er erstellt und produziert hat, ihm vorweg durch die Gabe des Seins als Liebe geschenkt worden ist. (104)

Der Mensch als Geschöpf Gottes erkennt angesichts des Todes: Alles ist ihm „durch die Gabe des Seins als Liebe geschenkt worden“. Über sein Dasein kann er nicht absolut verfügen. Alles, sein ganzes Dasein, ist ihm geschenkt, kann er nicht machen. Selbst was er erstellt und produziert hat, ist ihm geschenkt. Er hat sich nicht selbst ins Leben verfügt, und auch über den Tod kann er nicht verfügen: Er wird kommen. Selbst wenn er nicht wollte, er würde sterben, irgendwann einmal.

Der Tod verlangt die Einstimmung ins Geheimnis des Daseins, das da heißt: Es war alles „umsonst“! Das macht die Radikalität, den Ernst des Todes aus. Ich bin aufgerufen: ja dazu zu sagen, dass das Sein als Liebe im Ursprung nicht an-sich-hält, so dass ich es erst „nachträglich“ mir „aneignen“ müsste; ich muss bekennen, dass es seine Todestrennung durchgestanden, sich „umsonst“ in mich hinein verendlicht hat. (104f.)

Ich muss erkennen angesichts des Todes: Das Geheimnis des Daseins ist das „umsonst“. Alles ist „umsonst“.

Ursprüngliche Eigenschaft des Seins als Liebe: Es hält nicht an sich, sondern es hat sich in mich hinein verendlicht, und zwar „umsonst“: bedingungslos, voraussetzungslos, arm.

Das Sein als Liebe hat seine Todestrennung durchgestanden: In mich hinein ist das Sein als Liebe verendlicht, ganz konkret dieses geworden. Todestrennung in dem Sinne, dass es auf all seinen Reichtum verzichtet hat und arm in mich hinein geworden ist. Die Fülle des Seins ist dieses geworden.

Das Sein als Liebe verendlicht sich in mich hinein: ein Grundgedanke Ferdinand Ulrichs. Mein konkretes Dasein als Mensch hier und jetzt, in meiner konkreten Leiblichkeit, ist Zeichen einer ganz bestimmten Eigenschaft des Seins als Liebe. Weil das Sein Liebe ist, verschenkt es sich ins ganz Konkrete, es nimmt eine ganz bestimmte Gestalt an: Es erhält eine einzigartige endliche Gestalt. Verendlichung ist in diesem Sinne höchste und letzte Gestalt der Liebe, Einschränkung im positiven Sinne.

Nicht ich selbst bringe meine Vollendung hervor, sie ist mir vorweg übereignet. Die Frucht, die ich mehr oder weniger gelungen in die Ewigkeit einbringe, eben sie „wartet“ dort auf mich. Sie ist mir von Ewigkeit her bereitet, zugedacht in untrüglicher Verheißung, durch Gottes Treue. Alles „wird“ mir, kommt auf mich zu, weil ich schon empfangen habe. Ich werde unerbittlich darauf geprüft, ob ich mein Dasein verdanke oder nicht. Das enthüllt sich in der Erfahrung: Ich selbst, mit allem was ich bin und habe, bin „am Ende“, das meine Nichtigkeit enthüllt. Im Tod muss ich meinen Anfang bestehen, durch dessen Reichtum ich alles empfangen habe, denn dieser Gabe „ist nichts äußerlich, außer das Nicht-sein“ [Thomas von Aquin]. Das eben bedeutet die Herrschaft des Nichts im Tod. (105)

Im Weinstocksgleichnis spricht Jesus genau von diesem Fruchtbringen: Wie die Rebe aus sich keine Frucht bringen kann, sondern nur, wenn sie im Weinstock bleibt, so könnt auch ihr es nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt. (Joh 15,4) Wer in mir bleibt und in wem ich, der bringt viel Frucht. Denn ohne mich könnt ihr nichts tun. (v.5)

Wir sollen ja als Jünger Christi Frucht bringen (v.8). Dieses Fruchtbringen hat aber eine ganz besondere Bewandtnis: Ich verdanke mein Dasein ganz und gar Gott. Darauf kommt alles an. Wer meint, seine Vollendung selbst hervorbringen zu können, unterliegt der Häresie des (Neo-)Pelagianismus. Alles ist mir vorweg übereignet. Die Frucht wartet auf mich. Darin gerade besteht Gottes Treue: „Alles ‚wird‘ mir, kommt auf mich zu, weil ich schon empfangen habe.“ Jesus Christus ist immer der Kommende. (Offb 1,4) Wenn ich versuche, aus mir selbst Frucht zu bringen, habe ich Ihn als den Kommenden aus den Augen verloren.

Meine Vollendung ist mir im vorweg übereignet: Vollendung ist Voll-endung, ans Ende kommen in voller Gestalt. Der Mensch ist zur Vollendung in der Ewigkeit bestimmt. Was heißt dies aber? Es ist die Vollgestalt der Liebe. Mehr lässt sich in der Allgemeinheit nicht sagen. Die Verwirklichung ist die Frucht. Und diese kennt Gott. Diese geschieht in Gott.

Worin zeigt sich, ob ich wirkliche liebe? „Ich werde unerbittlich darauf geprüft, ob ich mein Dasein verdanke oder nicht.“ Im Tod erweist sich dies. Kann ich ihn hingegeben sterben, dann bezeuge ich, dass ich mein Dasein verdanke. Halte ich aber auch nur ein Stückchen am eigenen Dasein fest, als wäre es mein Besitz, dann zeigt sich in der Angst meine mangelnde Liebe.

Mein ganzes Leben ist geschenkte Gabe, und für diese Gabe gilt: Ihr ist nichts äußerlich, außer das Nicht-sein. Diese Gabe ist unteilbar. Es gibt das Leben nicht in Stücken.

Nicht nur ein Stück meines Lebens „kann“ angesichts dieser Infragestellung meines Selbst entschwinden, nicht „ein Teil“ mir entzogen werden, ein anderer sich bewahren. Das Sein ist mir ja nicht in Teilen geschenkt, da „es nicht in Teilen partizipiert wird“. Es ist kein spaltbarer Gegenstand. Der Tod ist „endgültig“, alles wir „mir“ genommen, auch das „mir“, „das“ sich verliert. Diese Herausforderung betrifft mein äußerstes „Umsonst“; alles Woraufhin, an dem ich mich orientieren könnte, durch das ich Gründe du Begründungen für mein Handeln beibringen würde, wird vernichtet. Es gibt keinen Fleck von Wirklichkeit, an den ich mich halten könnte, am allerwenigsten an mich selbst. Je vernichtender, unüberspringbarer der Tod in seiner Schrecklichkeit als das Auslöschende erfahren wird, um so abgründiger geht das „Umsonst“ der Liebe auf, die sich auslöschen lässt. Ohne Rest, denn der Tod meint sie nicht „teilweise“, er verwundet sie nicht partiell, sondern „ganz“. Die Liebe ist stark „wie“ der Tod, nicht in irgendeinem Sektor sich bewahrend: „stärker“. Nichts kann sich vor dem Zerfall retten, keine Dimension des Daseins in solcher Armut aus eigener Kraft ins unzerstörte, unzerstörbare Leben zurücksteigen, die Kenosis ist vollkommen. Der Mensch hat die urbildliche Einheit seiner selbst als Gabe (an sich) mit dem absoluten Geheimnis des Ursprungs auszutragen, dem er sich rückhaltlos verdankt. Er muss dem „Umsonst“ seines Lebens sich überlassen, das ihm innerlicher ist, als er sich selbst je innerlicher sein kann; vor dem er sich also nicht schützen kann. (105f.)