Mann und Frau nach der Hl. Hildegard
(Scivias, 2012, S. 28)
Das Wesen von Mann und Frau wird der Hl. Hildegard folgendermaßen erklärt:
Eva wurde aus der Rippe Adams durch die Wärme und Lebenskraft, die in ihr waren, geformt. Und deshalb empfängt jetzt die Frau aus der Kraft des Mannes und seiner Glut den Samen, um ein Kind zur Welt zu bringen. Der Mann ist nämlich seinem Wesen nach Sämann, die Frau aber ist die, die den Samen empfängt (susceptrix). Daher bleibt auch die Frau unter der Herrschaft des Mannes, denn wie sich die Härte des Steines zur Weichheit der Erde verhält, so verhält sich auch die Kraft des Mannes zur Hingabe der Frau. ... Er, der die Frau vom Mann nahm, hat diese Verbindung gut und ehrenhaft begründet, indem er Fleisch aus Fleisch bildete. Wie deshalb Adam und Eva ein Fleisch waren, so werden auch jetzt Mann und Frau in der Liebesvereinigung ein Fleisch zur Vermehrung des Menschengeschlechts. Und deshalb muss in diesen beiden die Liebe (caritas) vollkommen sein wie in jenen ersten (Menschen).
Der Mann Sämann, die Frau die Empfangende, zwei Pole ein und desselben Geheimnisses. Der den Samen Spendende braucht die den Samen Empfangende. Da gibt es keinen Unterschied im Wert: ergänzende Gegenseitigkeit. Die Verbindung ist die wahre Liebe (caritas). Diese macht eins, ein Fleisch. Alles, was diese vollkommene Liebe stört, zerstört. Es geht um das wahre Leben, das auch das wahre Glück ausmacht. Wie Gott Leben spendet, so ist der Mensch bestimmt Leben zu spenden. Das tiefe Geheimnis des Wesens des Menschen hat seinen Ursprung im Wesen Gottes, der das Leben ist. Leben gibt Leben, spendet Leben, gibt Leben weiter. Diesem heiligen Ziel ist alles in der Beziehung von Mann und Frau untergeordnet.