Polarität
nach: Getrud von le Fort, Die Ewige Frau
Eine Grundeigenschaft alles Geschaffenen ist diese: die Offenbarung alles Wesens ist auf Erden stets eine doppelte! (6f.)
Das „mysterium caritatis“, das hier als Schöpfungsgeheimnis aufgefasst wird, heißt in der profanen Sprache: die schöpferische Bedeutung des Polaren als männliche und weibliche Kräfte. Auf dem Prinzip ihrer Zusammenwirkung ruht alles Leben, ihr Kraftfeld schwingt durch das gesamte All. Unter diesem Kraftfeld der Polarität steht auch das Gebiet der geistig-kulturellen Schöpfung. Es geht also nicht mehr um die selbständige Leistung der Frau in der Kultur, sondern um ihre Rolle in der Zusammenwirkung mit dem Mann, ihre Rolle innerhalb seines Werkes, es geht um die Annahme eines mysterium caritatis auch im Geistig-Kulturellen, um den hochzeitlichen Charakter der Kultur. (55)
Mann und Frau sind nach der Auffassung der Kirche nicht nur „eines Fleisches“, sondern auch eines Geistes. (57)
… die sponsa als Braut des männlichen Geistes besagt: die sponsa als die andere Hälfte des Mannes ist die andere Hälfte des Seins überhaupt. Auch für die geistige Schöpfung gilt der wunderbare Ausdruck der Bibel, dass der Mann das Weib „erkennen“ muss. Er erkennt in ihr die andere Dimension des menschlichen Seins. Polarität ist Totalität: sie stellt die Voraussetzung jedes ganz großen Werkes dar. … Der Mann „erkennt“ das Weib, das Weib aber wird erkannt in der Haltung der Hingabe … Sondern Hingebung ist hier Offenbarung, ist eine Gabe: die dem Manne, gleichviel in welcher Form, hingegebene Frau bringt ihm als Mitgift die Hälfte einer Welt zu! In der Hingebung der Frau als Offenbarung dieser andern Welthälfte steckt der weibliche Anteil an der geistig-kulturellen Schöpfung des Mannes. Hingebung ist Offenbarung, aber eine verhüllte. … Wie die Frau nur vom Manne erkannt zu werden vermag, wenn er ihr in tiefer Liebe naht, so erkennt auch er sich selbst erst ganz in ihrer Liebe. (60ff.)
Das Wesen der Kultur aber ist das Wesen alles Lebendigen, an das Zusammenwirken der das ganze All durchwaltenden Kräfte der Polarität. (70)
In der Unlösbarkeit der sakramental gebundenen Ehe spiegelt sich nur die Rolle der Geschlechter im Kosmos wieder: ihre Unauflöslichkeit bedeutet – metaphysisch gesehen – die Untrennbarkeit der beiden einander zugeordneten Seinssphären, die urhafte Gegebenheit, dass Gott eben die eine Hälfte des Seins unwiderruflich weiblich setzte. (80)