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ICH-DU und ICH-ES – Das zwiefältige Ich

 

Aus: Martin Buber, Ich und Du, S. 76ff.

 

In seiner Schrift ICH UND DU spielt die Unterscheidung von Ich-Du und Ich-Es eine wichtige Rolle. Sie ist grundlegend, um die Liebe zu verstehen. Buber nennt sie die Grundworte unseres Lebens: Ich-Es und Ich-Du. Sie sind zu unterscheiden, aber sie bedingen sich auch einander, denn unser menschliches Ich ist ein ‚zwiefältiges Ich‘, wie er es nennt.

Das Ich des Grundworts Ich-Du ist ein andres als das des Grundworts Ich-Es.

Dem Ich-Es ordnet Buber zu: Eigenwesen, Subjekt, Abgehobenheit, Sichabsetzen,
dem Ich-Du: Person, Subjektivität, Verbundenheit, Beziehung.

ICH-ES

ICH-DU

Eigenwesen

Person

Subjekt

Subjektivität

Abgehobenheit

Verbundenheit

Sichabsetzen

Beziehung

 

Das Ich des Grundworts Ich-Es erscheint als Eigenwesen und wird sich bewußt als Subjekt (des Erfahrens und Gebrauchens).

Als Ich-Es hat unser Ich Eigenwesen, einen eigenständigen Bestand, durch den es sich von anderen Ich unterscheidet. Unser Ich kann sich als eigenständiges Subjekt bewusst werden, indem es Erfahrungen mit anderen Ich und den Dingen in dieser Welt macht, indem es Dinge dieser Welt gebraucht, mit ihnen umgeht, sie erlebt.

Das Ich des Grundworts Ich-Du erscheint als Person und wird sich bewußt als Subjektivität (ohne abhängigen Genitiv).

Als Ich-Du erlebt sich unser Ich als Person, die in Beziehung treten kann zu anderen Ich. Es erkennt sich als einzigartig, als ungeteilte Einheit mit Einmaligkeit, die mit anderen Ich in Relation steht, das gewisse Eigenschaften hat, das über sich selbst verfügen kann, das ‚ohne abhängigen Genitiv‘ existiert in dem Sinne, dass dieses Ich sich nicht definiert aus seinen Eigenschaften und Besitzungen.

Eigenwesen erscheint, indem es sich gegen andere Eigenwesen absetzt.
Person erscheint, indem sie zu andern Personen in Beziehung tritt.

Eigenwesen meint das, was mich unterscheidet von anderen Eigenwesen. Person meint: Ich kann mit Selbstbewusstsein und Selbststand in Beziehung treten zu anderen Personen. Dies ist die Quelle dafür, dass Ich und Ich als Ich und Du begegnen können: Das Geheimnis der Liebe.

Das eine ist die geistige Gestalt der naturhaften Abgehobenheit, das andre die der naturhaften Verbundenheit.

Der Zweck des Sichabsetzens ist das Erfahren und Gebrauchen, und deren Zweck das „Leben“, das heißt das eine menschliche Lebensfrist dauernde Sterben.

Das Eigenwesen jedes einzelnen ermöglicht, Erfahrungen miteinander und Gebrauch voneinander zu machen. Eigenwesen haben einen Zweck füreinander und voneinander.

Als Eigenwesen kann ich von anderen Menschen, die auch Eigenwesen besitzen, etwas erfahren: Wie sie denken, was sie wollen, welche Gefühle sie haben etc. Sie können wir für irgendetwas dienlich sein, können mir helfen. Andere Menschen können sich mir entgegenstellen, haben Eigenwillen, der meinem Willen entgegen sein kann. Ich kann Eigenschaften an einem anderen Menschen wahrnehmen und in meine Überlegungen und Handlungen einbeziehen.

Der Zweck der Beziehung ist ein anderer:

Der Zweck der Beziehung ist ihr eigenes Wesen, das ist: die Berührung des Du. Denn durch die Berührung jedes Du rührt ein Hauch des ewigen Lebens uns an.

Wer in der Beziehung steht, nimmt an einer Wirklichkeit teil, das heißt: an einem Sein, das nicht bloß an ihm und nicht bloß außer ihm ist.

Die ‚Berührung des Du‘ ist mehr als ein Erfahren und Gebrauchen. Es ist die Berührung ohne Mittel der Sinne. Zwei Geistwesen begegnen einander von Angesicht zu Angesicht.

Beziehung = Anteilnehmen an einer Wirklichkeit; Wirklichkeit in wörtlichen Sinne gemeint: ein Wirken, an dem ich teilnehme.

Alle Wirklichkeit ist ein Wirken, an dem ich teilnehme, ohne es mir eignen zu können. Wo keine Teilnahme ist, ist keine Wirklichkeit. Wo Selbstzueignung ist, ist keine Wirklichkeit. Die Teilnahme ist um so vollkommener, je unmittelbarer die Berührung des Du ist.

Das Ich ist wirklich durch seine Teilnahme an der Wirklichkeit. Es wird um so wirklicher, je vollkommener die Teilnahme ist.

Wirklichkeit ist die Welt der Wirkungen, die eine Person verursacht durch ihre bloße Gegenwart. Die Person ist das Zentrum, die Ursache dieser Wirkungen. An dem, was eine andere Person wirkt, kann ich selbst teilnehmen, ohne diese Wirkung mir zum Besitz zu machen, zum ‚Ding‘, über das ich verfügen könnte.

Ein Geheimnis der Person: Das Ich ist wirklich durch seine Teilnahme an der Wirklichkeit.

Dass das Ich in Beziehung treten kann und all ihr Leben zu Beziehungsereignissen machen kann, ist Wirkung ihres Person-Seins.

Aber das Ich, das aus dem Beziehungsereignis in die Abgelöstheit und deren Selbstbewußtsein tritt, verliert seine Wirklichkeit nicht. Die Teilnahme bleibt in ihm angelegt und lebendig bewahrt; mit einem andern Wort, das von der höchsten Beziehung gesprochen, auf alle angewandt werden darf, „der Same bleibt in ihm“. Dies ist der Bereich der Subjektivität, darin das Ich seiner Verbundenheit und seiner Abgelöstheit in einem innewird.

Die echte Subjektivität kann nur dynamisch verstanden werden, als das Schwingen des Ich in seiner einsamen Wahrheit.

Hier zeigt sich der tiefe Sinn der Wort aus der Genesis: Gott schuf den Menschen nach Seinem Bild, ihm ähnlich. Christlich gesprochen: Gott, der in Seinem göttlichen Leben dreifaltig, dreieinig ist, ist zugleich der Einzige in Seinem göttlichen Wesen und zugleich Beziehung der Liebe von Vater – Sohn – Geist. Gott, der die Liebe ist, ist in sich Beziehung, Relation. Der Mensch, nach Seinem Bild geschaffen, ist Abbild dieser Relationalität des Dreifaltigen Gottes.

Mit Bubers Worten hier: Gott ‚ein seiner einsamen Wahrheit‘ ist das ‚Schwingen‘ des Vaters zum Sohn im Heiligen Geist. So kann Jesus sagen: Wer mich sieht, sieht den Vater. Der Heilige Geist ist in diesem ‚ewigen Schwingen‘ die Liebe in Person.

Hier auch ist der Ort, wo das Verlangen nach immer höherer, unbedingterer Beziehung, nach der vollkommenen Teilnahme am Sein sich bildet und emporbildet. In der Subjektivität reift die geistige Substanz der Person.

Im Lichte der christlichen Offenbarung: Wer durch den Glauben und die Salbung des Heiligen Geistes in das Leben des Dreifaltigen Gottes getaucht (getauft) ist, also im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes leben darf, der nimmt vollkommen teil am Sein Gottes.

Die Person wird sich ihrer selbst als eines am Sein Teilnehmenden, als eines Mitseienden, und so als eines Seienden bewußt.
Das Eigenwesen wird sich seiner selbst als eines So-und-nicht-anders-seienden bewußt.

Wieder christlich gesprochen: Wer als menschliche Person am Dreifaltigen Leben Gottes teilnehmen darf (und genau das ist das Geschenk der Erlösung in Jesus Christus), der wird ‚Mitarbeiter‘ (synergos) Gottes, der nimmt teil am Ewigen Leben, von dem Jesus spricht.

Die Person sagt: „Ich bin“,
das Eigenwesen: „So bin ich“.

„Erkenne dich selbst“
bedeutet der Person: erkenne dich als Sein,
dem Eigenwesen: erkenne dein Sosein.

Person und Eigenwesen des Ich ergänzen also einander und brauchen einander.

Indem das Eigenwesen sich gegen andre absetzt, entfernt es sich vom Sein.

Damit soll nicht gesagt sein, daß die Person ihr Sondersein, ihr Anderssein irgend „aufgäbe“; es ist ihr an ihr nur nicht Blickpunkt, nur eben da, nur eben die notwendige und sinnvolle Fassung des Seins.

Das Eigenwesen allerdings kann eine ‚Eigendynamik‘ entfalten, die das Personsein des Ich in den Hintergrund drängt:

Das Eigenwesen dagegen schlemmt an seinem Sondersein; vielmehr zumeist an der Fiktion seines Sonderseins, die es sich zurechtgemacht hat. Denn sich erkennen bedeutet ihm im Grund zumeist: eine geltungskräftige und es selbst immer gründlicher zu täuschen fähige Selbsterscheinung herstellen und sich in deren Anschauung und Verehrung den Schein einer Erkenntnis des eigenen Soseins verschaffen; dessen wirkliche Erkenntnis es zur Selbstvernichtung – oder zur Wiedergeburt führen würde.

Die Person schaut ihr Selbst, das Eigenwesen befaßt sich mit seinem Mein: meine Art, meine Rasse, mein Schaffen, mein Genius.

Das Eigenwesen nimmt an keiner Wirklichkeit teil und gewinnt keine. Es setzt sich gegen das Andere ab und sucht so viel davon als es kann in Besitz zu nehmen, durch Erfahren und Gebrauchen. Das ist seine Dynamik: das Sichabsetzen und die Besitznahme, beides am Es, beides im Unwirklichen geübt.

Das Subjekt, als das es sich erkennt, mag sich noch so viel zu eigen machen, ihm wächst keine Substanz daraus, es bleibt punkthaft, funktionell, das Erfahrende, das Gebrauchende, nichts weiter. All sein ausgedehntes und vielfältiges Sosein, all seine eifrige „Individualität“ kann ihm zu keiner Substanz verhelfen.

Es gibt nicht zweierlei Menschen; aber es gibt die zwei Pole des Menschentums.

Kein Mensch ist reine Peron, keiner reines Eigenwesen, keiner ganz wirklich, keiner ganz unwirklich. Jeder lebt im zwiefältigen Ich.

Aber es gibt Menschen, die so personbestimmte sind, daß man sie Person, und so eigenwesenbestimmte, daß man sie Eigenwesen nennen darf. Zwischen jenen und diesen trägt sich die wahre Geschichte aus.

Je mehr der Mensch, je mehr die Menschheit vom Eigenwesen beherrscht wird, um so tiefer verfällt das Ich der Unwirklichkeit. In solchen Zeiten führt die Person im Menschen und in der Menschheit eine unterirdische, verborgne, gleichsam ungültige Existenz – bis sie aufgerufen wird.