Wirkliche Beziehung
Aus: Martin Buber, Ich und Du, S. 94
Jede wirkliche Beziehung zu einem Wesen oder einer Wesenheit in der Welt ist ausschließlich. Losgemacht, herausgetreten, einzig und gegenüber wesend ist ihr Du. Es füllt den Himmelskreis: nicht als ob nichts anderes wäre, aber alles andre lebt in seinem Licht.
Mit Welt ist hier die von Gott geschaffene Welt gemeint, sichtbare wie unsichtbare. Sie ist verschieden von Gott, denn ER, der Ungeschaffene, bedingt ihre Existenz. Gott ist Gott, weil ER nicht aus oder durch einen anderen ist, sondern aus und durch Sich. Geschöpflichkeit dagegen heißt: von einem anderen, nämlich von Gott, geschaffen sein, nicht aus sich existierend. Gott verdankt sein Sein nicht einem anderen, sondern einzig sich selbst. Das Geschöpf verdankt sich dem Schöpfergott, nicht sich selbst.
Jede Beziehung, die der Mensch eingeht, sei es zu Gott, sei es zu den Geschöpfen, sichtbare oder unsichtbare, ist ‚ausschließlich‘, was bedeutet:
Dasjenige oder der-/diejenige, mit dem der Mensch in Beziehung tritt, ist ein Verschiedener von ihm (losgemacht von ihm),
ist herausgehoben aus allem anderen, was es noch in der Welt gibt (herausgetreten),
ist als ein Einziger jetzt in der Begegnung im Unterschied zu allem anderen (einzig)
und wird als eine eigene Wirklichkeit mit Selbststand von ihm wahrgenommen und als wirkliches Gegenüber (gegenüber wesend).
Womit wir Menschen in Beziehung treten ist auch ausschließlich in dem Sinne, dass es den Mittelpunkt für uns bildet in Bezug zu allem anderen in der Welt. Unsere ganze Aufmerksamkeit gilt im Augenblick der Begegnung diesem Bezugspunkt.
Die Bezugsperson oder das Bezugsobjekt bildet den Mittelpunkt der Gegenwart für mich.
Solang die Gegenwart der Beziehung währt, ist diese ihre Weltweite unantastbar. Sowie jedoch ein Du zu Es wird, erscheint die Weltweite der Beziehung als ein Unrecht an der Welt, ihre Ausschließlichkeit als eine Ausschließung des Alls.
In der Beziehung zu Gott sind unbedingte Ausschließlichkeit und unbedingte Einschließlichkeit eins. Wer in die absolute Beziehung tritt, den geht nichts Einzelnes mehr an, nicht Dinge und nicht Wesen, nicht Erde und nicht Himmel; aber alles ist in der Beziehung eingeschlossen. Denn nicht von allem absehen heißt in die reine Beziehung treten, sondern als im Du sehen; nicht der Welt entsagen, sondern sie in ihren Grund stellen.
Die Beziehung zu Gott ist eine absolute: ausschließlich und einschließlich in eins. Warum?
Gott ist für den Menschen über alles Maß, über alles Vorstellbare, über alles Kraft und Macht. Deshalb entzieht ER sich jeder Verfügbarkeit des Menschen. ER IST. ER ist jenseits von allem für den Menschen.
So ist das Credo des Volkes Israel:
Sach 14,9: Dann wird der Herr König sein über die ganze Erde. An jenem Tag wird der Herr einzig sein und sein Name einzig.
Deut 6,4: Höre, Israel! Der Herr, unser Gott, der Herr ist einzig.
Weil es neben und über dem HERRN keinen Gott gibt, ist die Beziehung zu Ihm ausschließlich. Weil ER aber der Schöpfer von allem ist, ist alles, was ER geschaffen hat, einbezogen. Somit ist die Beziehung zu IHM einschließlich.
In dem DU Gottes ist alles eingeschlossen. Und da die Welt, die Schöpfung, ihren Grund in Gott selbst hat, sieht in den Grund von allem, was ER geschaffen hat.
Von der Welt wegblicken, das hilft nicht zu Gott; auf die Welt hinstarren, das hilft auch nicht zu ihm; aber wer die Welt in ihm schaut, steht in seiner Gegenwart.
Das ist unsere Aufgabe als Gläubige: die Welt in Gott schauen! Wer dies tut, steht in Seiner Gegenwart, steht vor Seinem Angesicht, wovon in den Psalmen so oft die Rede ist.
Ps 27,8: Mein Herz denkt an dich: / Suchet mein Angesicht! Dein Angesicht, Herr, will ich suchen.
In Beziehung treten zum DU Gottes schließt dies mit ein. Wer allerdings Gott zu einem Es macht, vermag dies nicht. – Was anders ist dies als Gott lieben, wie ER uns liebt.
„Hier Welt, dort Gott“ – das ist Es-Rede; und „Gott in der Welt“ – das ist andre Es-Rede; aber nichts ausschalten, nichts dahinterlassen, alles – all die Welt mit im Du begreifen, der Welt ihr Recht und ihre Wahrheit geben, nichts neben Gott, aber auch alles in ihm fassen, das ist vollkommne Beziehung.
Man findet Gott nicht, wenn man in der Welt bleibt, man findet Gott nicht, wenn man aus der Welt geht. Wer mit dem ganzen Wesen zu seinem Du ausgeht und alles Weltwesen ihm zuträgt, findet ihn, den man nicht suchen kann.
Gewiß ist Gott „das ganz Andere“; aber er ist auch das ganz Selbe; das ganz Gegenwärtige. Gewiß ist er das Mysterium tremendum [furchterregende Geheimnis], das erscheint und niederwirft; aber er ist auch das Geheimnis des Selbstverständlichen, das mir näher ist als mein Ich.
Wenn du das Leben der Dinge und der Bedingtheit ergründest, kommst du an das Unauflösbare, wenn du das Leben der Dinge und der Bedingtheit bestreitest, gerätst du vor das Nichts,
wenn du das Leben heiligst, begegnest du dem lebendigen Gott.
In der wirklichen Beziehung bilden Ich und Du einander ein Gegenüber, zwei werden eins und bleiben doch zwei. Bleibende Verschiedenheit und bleibende Einheit in eins. Das Geheimnis der Liebe.