Verlassenheit und Licht
Wir kennen alle das letzte Wort Jesu am Kreuz aus den Evangelien: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!
Diesem Wort, das viele Geheimnisse in sich birgt, gehe ich im Folgenden ein wenig nach.
Jesus betet am Kreuz offensichtlich den Psalm 22. Er beginnt mit den Worten: 2 Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen, bist fern meinem Schreien, den Worten meiner Klage?
Das hebr. Verb ‚verlassen‘ taucht im AT allein 214mal auf.
Das erste Vorkommnis bereits in Gen 2: 24 Darum verlässt der Mann Vater und Mutter und bindet sich an seine Frau und sie werden ein Fleisch. Hier ist das Verlassen Voraussetzung dafür, dass Mann und Frau ein Fleisch werden können. Hier also gibt es ein Verlassen mit positiver Wirkung.
Meist wird dieses Wort im Verhältnis zwischen Gott und Seinem Volk gebraucht. Gen 24,27: Gott verspricht, dass er es nicht an Huld und Treue fehlen lassen wird. Gen 28,15: Gott verspricht Jakob, dass Er ihn nicht verlassen wird, bis Er alles Versprochene erfüllt hat.
Dieses Wort wird auch im Sinne von ‚überlassen‘ verwendet: 6 Er [der Pharao] ließ seinen ganzen Besitz in Josefs Hand und kümmerte sich, wenn Josef da war, um nichts als nur um sein Essen. Josef war schön von Gestalt und Aussehen. (Gen 39,6)
Gott droht demjenigen, der Ihn verlässt, Schlimmes an (Dtn 28,20): 20 Verfluchtsein, Verwirrtsein, Verwünschtsein lässt der Herr auf dich los, auf alles, was deine Hände schaffen und was du tust, bis du bald vernichtet und bis du ausgetilgt bist wegen deines Tuns, durch das du mich böswillig verlassen hast. Hier ist die umgekehrte Situation: Jesus hängt am Kreuz und stirbt wie ein Verfluchter, stellvertretend für die ganze Menschheit. Auf ihm scheint der Fluch Gottes zu liegen und er fühlt sich verlassen. In Dtn wird angedroht, dass Gott denjenigen verflucht, der Ihn verlässt.
Dt 29,24 und an vielen andere Stellen ist die Rede davon, dass das Volk Israel den Bund Gottes verlassen hat. Andererseits, Dtn 31,6 und an vielen anderen Stellen, verspricht Gott, dass er sein Volk nicht verlassen wird.
Josua verspricht Gott – wie einst Mose – dass er ihn nie verlassen wird auf seinen Wegen. (Jos 1,5 u.a.)
Gott beklagt sich beim Propheten Samuel, dass das Volk ihn genauso behandelt wie es sich auch gegenüber Gott verhält: Das entspricht ganz ihren Taten, die sie (immer wieder) getan haben, seitdem ich sie aus Ägypten heraufgeführt habe, bis zum heutigen Tag; sie haben mich verlassen und anderen Göttern gedient. So machen sie es nun auch mit dir. (1 Sam 8,8) Hier wird Samuel Vorausbild für Jesus: Die Gegner Jesu behandeln ihn deshalb so, weil sie Gott ablehnen.
Oft klagt der Prophet Jesaja das Volk an, dass sie ihren Herrn verlassen haben (Jes 1,4): 4 Weh dem sündigen Volk, der schuldbeladenen Nation, der Brut von Verbrechern, den verkommenen Söhnen! Sie haben den Herrn verlassen, den Heiligen Israels haben sie verschmäht und ihm den Rücken gekehrt. Jes 1,28: 28 Doch alle Abtrünnigen und Sünder werden zerschmettert. Wer den Herrn verlässt, wird vernichtet.
Und dann die ganz andere Verheißung, die wie ein Wort des Vaters an seinen treuen Knecht, seinen Sohn, verstanden werden kann: Dafür, dass du verlassen warst und verhasst und niemand dich besucht hat, mache ich dich zum ewigen Stolz, zur Freude für alle Generationen. (Jes 60,15)
Und dann die große Verheißung an Zion, jene Stadt, die Gott nie mehr verlassen wird: 1 Um Zions willen kann ich nicht schweigen, um Jerusalems willen nicht still sein, bis das Recht in ihm aufstrahlt wie ein helles Licht und sein Heil aufleuchtet wie eine brennende Fackel. 2 Dann sehen die Völker deine Gerechtigkeit und alle Könige deine strahlende Pracht. Man ruft dich mit einem neuen Namen, den der Mund des Herrn für dich bestimmt. 3 Du wirst zu einer prächtigen Krone in der Hand des Herrn, zu einem königlichen Diadem in der Rechten deines Gottes. 4 Nicht länger nennt man dich »Die Verlassene« und dein Land nicht mehr »Das Ödland«, sondern man nennt dich »Meine Wonne« und dein Land »Die Vermählte«. Denn der Herr hat an dir seine Freude und dein Land wird mit ihm vermählt. 5 Wie der junge Mann sich mit der Jungfrau vermählt, so vermählt sich mit dir dein Erbauer. Wie der Bräutigam sich freut über die Braut, so freut sich dein Gott über dich. 6 Auf deine Mauern, Jerusalem, stellte ich Wächter. Weder bei Tag noch bei Nacht dürfen sie schweigen. Ihr, die ihr den Herrn (an Zion) erinnern sollt, gönnt euch keine Ruhe! 7 Lasst auch ihm keine Ruhe, bis er Jerusalem wieder aufbaut, bis er es auf der ganzen Erde berühmt macht. 8 Der Herr hat geschworen bei seiner rechten Hand und bei seinem starken Arm: Nie mehr gebe ich dein Korn deinen Feinden zu essen. Nie mehr trinken Fremde deinen Wein, für den du so hart gearbeitet hast. 9 Nein, wer das Korn geerntet hat, soll es auch essen und den Herrn dafür preisen. Wer den Wein geerntet hat, soll ihn auch trinken in den Vorhöfen meines Heiligtums. 10 Zieht durch die Tore ein und aus und bahnt dem Volk einen Weg! Baut, ja baut eine Straße und räumt die Steine beiseite! Stellt ein Zeichen auf für die Völker! 11 Hört, was der Herr bis ans Ende der Erde bekannt macht: Sagt der Tochter Zion: Sieh her, jetzt kommt deine Rettung. Siehe, er bringt seinen Siegespreis mit: Alle, die er gewonnen hat, gehen vor ihm her. 12 Dann nennt man sie »Das heilige Volk«, »Die Erlösten des Herrn«. Und dich nennt man »Die begehrte, die nicht mehr verlassene Stadt«. (Jes 60,1ff.)
In die gleiche Richtung gehen die Klagen des Propheten Jeremia: Dann werde ich mein Urteil über sie sprechen und sie strafen für alles Böse, das sie getan haben, weil sie mich verlassen, anderen Göttern geopfert und das Werk ihrer eigenen Hände angebetet haben. (Jer 1,16) Nicht anders Ezechiel.
In den Psalmen hören wir immer wieder das Versprechen: 11 Darum vertraut dir, wer deinen Namen kennt; denn du, Herr, verlässt keinen, der dich sucht. (Ps 9) 9 Verbirg nicht dein Gesicht vor mir; weise deinen Knecht im Zorn nicht ab! Du wurdest meine Hilfe. Verstoß mich nicht, verlass mich nicht, du Gott meines Heiles! 10 Wenn mich auch Vater und Mutter verlassen, der Herr nimmt mich auf. (Ps 27)
Was aber nun heißt es, dass Jesus klagt: Warum hast du mich verlassen? Was hat es mit dieser Verlassenheit auf sich?
Wenn Gott Sein Volk anklagen muss, dass es den Herrn verlassen hat, weil es sich unrein gemacht hat, die Wege der Gerechtigkeit verlassen hat, Jesus aber der ganz Reine ist, der immer auf den Wegen Seines Vaters bleibt, dann kann diese Verlassenheit nur eine sühnende sein. Er durchleidet jene Verlassenheit, in der Sein Volk, die ganze Menschheit ist.
Wie aber kann der ganz Reine, der immer im Vater bleibt, das durchleiden, was nur dem Unreinen geschehen kann?
Hier leuchtet ein Geheimnis auf, das nämlich der Liebe, die so arm werden kann, dass sie auf alles verzichtet, sogar auf jeden Trost der Nähe Gottes. Die reine Liebe vermag einzutauchen in die größte Gottverlassenheit, damit in dieser Verlassenheit jenes Licht leuchtet, das nur aus Gott strahlen kann, hinein in alle Finsternis: Das Licht leuchtet in der Finsternis, die Finsternis aber hat es nicht ergriffen. (Joh 1,5)
Jesus, das Licht selbst, kann die Finsternis nicht ergreifen, wohl aber die Jünger, die Jesus davor warnt: 35 Da sagte Jesus zu ihnen: Nur noch kurze Zeit ist das Licht bei euch. Geht euren Weg, solange ihr das Licht habt, damit euch nicht die Finsternis ergreift. Wer in der Finsternis geht, weiß nicht, wohin er gerät. 36 Solange ihr das Licht bei euch habt, glaubt an das Licht, damit ihr Söhne des Lichts werdet. Dies sagte Jesus. Und er ging fort und verbarg sich vor ihnen. (Joh 12)
Hat nun die Finsternis, als Jesus am Kreuz hing, Ihn, den Heiligen, ergriffen?
Die Liebe aber kann nun so arm werden, dass die Finsternis sie berühren darf, nicht aber, damit sie darin untergeht und verschlungen wird, sondern dass sie, die Finsternis, von innen her durchdrungen wird. Nur wenn das Licht zulässt, dass die Finsternis sie berührt, kann sie diejenigen, die in der Finsternis sind, mit Licht durchdringen, - vorausgesetzt, diejenigen, die in der Finsternis sind, kehren um und lassen sich reinigen, damit sie von diesem Licht durchdrungen werden. Glauben an das Licht bedeutet: Die eigene Finsternis von dem Licht berühren und durchdringen zu lassen. Wir kennen dieses Phänomen in unserer Welt: ein kleines Licht in großer Dunkelheit kann alles lichten.
Dies ist das Geheimnis von Weihnacht: Das Licht Gottes leuchtet in MARIA auf und wird in Betlehem geboren. Das Licht leuchtet in einem kleinen Kind auf, in der Finsternis dieser Welt und unserer Herzen.
Jesu Verlassenheit am Kreuz wird so der Weg zur Vereinigung Gottes mit dem Menschen: und sie werden ein Fleisch. (Gen 2)
Weil Jesus ganz und gar frei war, alles zu lassen, sich ganz in den Vater hinein zu verlassen, weil der Vater ihn ja aus reiner Liebe ‚gezeugt‘ hat als Seinen Sohn der Liebe, deshalb konnte er auch so in die Finsternis herabsteigen, dass die Finsternis Ihn nicht ergreifen konnte, denn er war ganz und gar in den Willen des Vaters ge-lassen. Und dies ist der Weg, auf den der Sohn uns einlädt: Alles zu lassen, die Welt und sich zu ver-lassen, damit das Licht der Liebe siegen kann und nicht die Finsternis. Der Widersacher, Satan, der Jesus am Anfang seines öffentlichen Wirkens versucht hat zu ergreifen (die Finsternis hat es nicht ergriffen), konnte Ihm nichts anhaben, weil er bis zum Kreuz verlassen war von jeder Anhänglichkeit.
So hat Jesus die Pforten der Vereinigung des Menschen mit Gott eröffnet, dass in Seinem Fleisch wir alle ein Fleisch und ein Geist werden in Ihm für den Vater. Advent!