Die Schöpfung im Vorauswissen Gottes
Hl. Hildegard v. Bingen, Liber Divinorum Operum; 1. Teil, 1. Vision, Kap. 7
Hrsg. Von der Abtei St. Hildegard, Rüdesheim/Eibingen, 2012
Alles, was Gott gewirkt hat, hatte er vor dem Beginn der Zeit in seinem Vorauswissen. In der reinen und Heiligen Gottheit nämlich erschien alles Sichtbare und Unsichtbare ohne Zeitpunkt und Zeitablauf vor aller Zeit, wie Bäume oder andere Geschöpfe, die nahe am Wasser stehen, in diesem gesehen werden, obwohl sie in ihm nicht leibhaftig vorhanden sind. Aber dennoch erscheint ihre ganze Gestalt im Wasser.
Als aber Gott sprach: „Es werde“, da wurde alles mit Seiner Gestalt umkleidet, was Sein Vorauswissen vor aller Zeit ohne Körper schaute. Wie nämlich in einem Spiegel alles, was vor ihm steht, aufleuchtet, so erscheinen in der Heiligen Gottheit all Ihre Werke ohne jede Zeit.
Und wie könnte Gott sein ohne Sein Vorauswissen Seines Werkes, da doch jedes Werk von Ihm, nachdem es von seinem Körper bekleidet ist, in seiner Funktion, die es hat, vollkommen ist, denn die Heilige Gottheit wusste im Voraus, dass es Ihr mit seinem Wissen, Erkennen und dienst beisteht. Denn wie auch jeder Lichtstrahl jeden Umriss eines Wesens durch den Schatten zeigt, so schaute das reine Vorauswissen Gottes jede Gestalt der Geschöpfe, bevor sie in ihrem Körper war. Denn jedes Werk, das Gott schaffen wollte, strahlte in Seinem Vorauswissen, noch bevor eben dieses Werk seine Gestalt erhielt, in dieser Ähnlichkeit, so wie der Mensch den Glanz der Sonne erblickt, bevor er die Sonne selbst anschauen kann. Und wie der Glanz der Sonne diese selbst anzeigt, so offenbaren die Engel durch ihr Lob Gott. Und wie es unmöglich ist, dass die Sonne ohne ihr Licht ist, so ist auch die Gottheit nicht ohne das Lob der Engel. Das Vorauswissen Gottes ging also voraus, und Sein Werk folgte, und wenn das Vorauswissen Gottes nicht vorausgegangen wäre, wäre Sein Werk nicht erschienen, wie man den Körper eines Menschen nicht erkennt, wenn man sein Gesicht nicht sieht. Wenn man aber das Gesicht eines Menschen sieht, lobt man auch seine Gestalt. So sind im Menschen das Vorauswissen Gottes und sein Werk.
[Schluss dieser Vision:] Jeder Mensch also, der Gott fürchtet und liebt, soll sich mit der Hingabe seines Herzes diesen Worten öffnen. Er soll wissen, dass sie zum Heil des Leibes und der Seele nicht von einem Menschen verkündet sind, sondern von Mir, der Ich Bin (Ex 3,14).
Ehrfurchtgebietende, gewaltige Worte, die wir hier vernehmen!
Zunächst überrascht der Schluss dieser wie aller Texte, mit denen die Hl. Hildegard ihre Visionen beschließt: Sie beansprucht, dass die vermittelten Einsichten nicht ihrem eigenen Denken entspringen, sondern tatsächlich ihren Ursprung bei dem Dreifaltigen, Heiligen Gott haben, wenn es auch Hildegard ist, der sich die Heilige Gottheit als Vermittlerin bedient.
Heute wie zu allen Zeiten ruft dies Widerspruch auf den Plan: Wie soll solches möglich sein?
Doch das Phänomen ist nicht neu: Alle Propheten des Volkes Israel haben in diesem Anspruch gesprochen. Wie bei allen Personen in dieser Reiche ist nicht die Frage, ob solches möglich ist – denn das war für das Volk Israel ungefragt klar –, sondern ob es sich hier um einen wahren oder falschen Propheten handelt.
Mit solchen Fragen wurde Hildegard von ihren Zeitgenossen auch konfrontiert. Zu ihren Lebzeiten hat Papst … die Wahrhaftigkeit ihrer Visionen bestätigt. Mit der Ausrufung zur Kirchenlehrerin im Oktober 2012 durch Papst Benedikt XVI. bestätigt die Kirche die göttliche Inspiration all ihrer Visionen.
Somit gebietet die Ehrfurcht vor dem heiligen Gott, auf Ihre Stimme auch in unserer Zeit zu hören.
Der zu Anfang zitierte Text ist eine Betrachtung über die Vorsehung Gottes. Er soll an dieser Stelle helfen, die Vorsehung Gottes für unser eigenes, persönliches Leben in den Blick zu nehmen, im Lichte dieser Vision.
Alles, was Gott gewirkt hat, hatte er vor dem Beginn der Zeit in seinem Vorauswissen. In der reinen und Heiligen Gottheit nämlich erschien alles Sichtbare und Unsichtbare ohne Zeitpunkt und Zeitablauf vor aller Zeit, wie Bäume oder andere Geschöpfe, die nahe am Wasser stehen, in diesem gesehen werden, obwohl sie in ihm nicht leibhaftig vorhanden sind. Aber dennoch erscheint ihre ganze Gestalt im Wasser.
„Vor dem Beginn der Zeit“, „ohne Zeitpunkt und Zeitablauf vor aller Zeit“ – diese Worte setzen voraus: Gott ist in Seiner Ewigkeit, und indem er Schöpfung ins Dasein verfügte, setzte er damit den Beginn der Zeit, die Zeitpunkte möglich machte und einen Ablauf in der Zeit. Zur Gestalt der geschaffenen Welt gehört die Zeit mit ihrem Nacheinander und Voreinander, mit Jetzt, Vergangenheit und Zukunft.
Bevor Gott alles gewirkt hat, hatte er es „in seinem Vorauswissen“, alles „erschien“ in Ihm, und zwar „ohne Zeitpunkt und Zeitablauf vor aller Zeit“. Es wird uns eine Verstehenshilfe gegeben: das Spiegelbild von etwas! Im Spiegel können wir etwas sehen, obwohl es nicht leibhaftig im Spiegel vorhanden ist. Im Spiegelbild erscheint die ganze Gestalt, sie ist aber nicht leibhaftig vorhanden.
Das Besondere am Spiegelbild von etwas ist, das es eben spiegelverkehrt erscheint. Der Schriftzug eines Wortes vor dem Spiegel erscheint im Spiegelbild ‚spiegelverkehrt‘, d. h. es kann nicht von links nach rechts gelesen werden, sondern muss in der entgegengesetzten Richtung von rechts nach links gelesen werden; dazu erscheinen die Buchstaben um eine Symmetrieachse in der Senkrechten der Mitte des Buchstabens ‚gespiegelt‘. Ein ganz und gar seltsames Phänomen. – Wie dieses Phänomen wirft dieser Vergleich viel Fragen auf, doch wollen wir diesen hier nicht nachgehen.
Entscheidend hier ist der Unterschied von leibhaftigem Vorhandensein und Erscheinen einer Gestalt. Mit diesem Unterschied erklärt diese Vision die Existenz von etwas im Vorauswissen Gottes und seinem leibhaftigen Vorhandensein in der Zeit mit Zeitpunkt und Zeitablauf.
Als aber Gott sprach: „Es werde“, da wurde alles mit Seiner Gestalt umkleidet, was Sein Vorauswissen vor aller Zeit ohne Körper schaute. Wie nämlich in einem Spiegel alles, was vor ihm steht, aufleuchtet, so erscheinen in der Heiligen Gottheit all Ihre Werke ohne jede Zeit.
In Seinem Vorauswissen „schaute“ Gott also „vor aller Zeit ohne Körper“, bevor er durch sein Wort erschuf. Dieses Schauen wird wieder mit dem Phänomen des Spiegelbildes aus unserer Erfahrung beschrieben: Die Heilige Gottheit ist wie in unserer Erfahrungswelt ein Spiegel; in ihm leuchtet auf, was vor ihm steht. So „erscheint“ in der Heiligen Gottheit jedes Ihrer Werke, und zwar „ohne jede Zeit“.
Ein Spiegelbild in unserer Welt entsteht ja nur mittels Licht: Ein Gegenstand vor einem Spiegel wird vom Licht beleuchtet; dieses Licht fällt auf die Spiegeloberfläche und wird reflektiert; das reflektierte Licht produziert in unserem Augapfel ein Bild, das wir dann wahrnehmen. Den Unterschied zwischen direkter Wahrnehmung eines Objektes und seines Spiegelbildet macht lediglich aus, dass ein Spiegel als Vermittler zwischen Objekt und Auge fungiert. Die Heilige Gottheit wird hier sowohl als Spiegel als auch als Licht gedacht. Sie schaut in Ihrem eigenen Licht alles.
Im Vorauswissen Gottes sind die Werke „ohne Körper“. Mit einer Gestalt umkleiden, heißt hier ins Werk setzen, einen Körper geben. Körperlichkeit heißt hier, der ‚Idee‘ im Vorauswissen Gottes eine Gestalt geben, und zwar in der Zeit.
Und wie könnte Gott sein ohne Sein Vorauswissen Seines Werkes, da doch jedes Werk von Ihm, nachdem es von seinem Körper bekleidet ist, in seiner Funktion, die es hat, vollkommen ist, denn die Heilige Gottheit wusste im Voraus, dass es Ihr mit seinem Wissen, Erkennen und Dienst beisteht.
Gott kann gar nicht sein ohne sein Vorauswissen, so ist diese Auffassung von Gott.
Die Begründung: Jedes der Werke Gottes ist vollkommen. Die Werke Gottes können nur dann vollkommen sein, wenn es das Vorauswissen Gottes um diese Werke gibt. Ins Werk setzen heißt: vom Körper umkleidet werden. Wenn dieser Körper in seinen Funktionen vollkommen ist, kann er dies nur durch das Vorauswissen, das Gott von ihm hat. Das Ins-Werk-Setzen hat eine bestimmte Finalität: Das von Gott erschaffene Werk steht mit „seinem Wissen, Erkennen und Dienst“ der Gottheit bei. Damit dies möglich ist, braucht es das Vorauswissen der Gottheit für dieses Werk.
Denn wie auch jeder Lichtstrahl jeden Umriss eines Wesens durch den Schatten zeigt, so schaute das reine Vorauswissen Gottes jede Gestalt der Geschöpfe, bevor sie in ihrem Körper war.
Wieder soll helfen ein Gleichnis aus unserer Erfahrungswelt: Licht wirft Schatten. Jede körperliche Gestalt wirft, wenn Licht auf sie fällt, Schatten. Der Schatten eines Objektes zeigt seine Umrisse an. Diese Umrisse zeigt eine körperliche Gestalt im Vorauswissen Gottes, bevor es in dieser Welt verwirklicht ist.
Denn jedes Werk, das Gott schaffen wollte, strahlte in Seinem Vorauswissen, noch bevor eben dieses Werk seine Gestalt erhielt, in dieser Ähnlichkeit, so wie der Mensch den Glanz der Sonne erblickt, bevor er die Sonne selbst anschauen kann.
In Gottes Vorauswissen strahlt jedes Werk in „dieser Ähnlichkeit“, bevor es Gestalt annimmt in der Schöpfung. Wie strahle es aber in Gottes Vorauswissen vor der Annahme der Gestalt in der Zeit? – Wieder ein Vergleich: Der Mensch erblickt den Glanz der Sonne, bevor er die Sonne erblickt!
Die Besonderheit an diesem Vergleich: Die Sonne ist ja die Ursache und Quelle des Glanzes, der von ihr ausgeht. Wir Menschen sehen mit unseren Augen zuerst den Glanz und dann erst die Ursache dieses Glanzes. Die Sonne wird hier verglichen mit dem Werk, das seine Gestalt erhält, der Glanz mit dem Werk, das in Gottes Vorauswissen strahlt. Somit ist die körperliche Gestaltannahme eines Werkes die Folge des Aufstrahlens des Werkes in Gottes Vorauswissen. – Eine wunderbare Umkehrung!
Und wie der Glanz der Sonne diese selbst anzeigt, so offenbaren die Engel durch ihr Lob Gott. Und wie es unmöglich ist, dass die Sonne ohne ihr Licht ist, so ist auch die Gottheit nicht ohne das Lob der Engel.
Die Sonne und ihr Glanz war nun eine Hilfe, um Gott in seinem Vorauswissen seiner Werke zu verstehen: sein Vorauswissen ist der Glanz seiner Werke!
Diesen Glanz seiner Werke offenbaren die Engel durch ihr Lob. Ihr lobt zeigt an, dass Gott der Ursprung aller Werke ist, durch sein Vorauswissen.
Weil Gott Gott ist, gibt es das Lob der Engel. Gott kann gar nicht sein ohne die Engel, die sein Lob singen, nicht etwa, weil er sie für sich notwendig hätte, sondern weil Seine Liebe so verschwenderisch groß ist, dass Er nichts für sich behält, sondern ganz Geben und Verschenken ist.
Das Vorauswissen Gottes ging also voraus, und Sein Werk folgte, und wenn das Vorauswissen Gottes nicht vorausgegangen wäre, wäre Sein Werk nicht erschienen, wie man den Körper eines Menschen nicht erkennt, wenn man sein Gesicht nicht sieht. Wenn man aber das Gesicht eines Menschen sieht, lobt man auch seine Gestalt.
So sind im Menschen das Vorauswissen Gottes und sein Werk.
Die Schlussbemerkung ist eine gewaltige Aussage über den Menschen: IN IHM ist das Vorauswissen und sein Werk. Der Mensch ist derart die Krönung der Werke Gottes, dass Er alles in ihm zusammengefasst hat. So findet der Mensch, wenn er ganz rein und auf Gott ausgerichtet ist, sogar das Vorauswissen Gottes und seine ganzen Werke. Der Mensch kann alles in sich finden, sofern er frei ist von Sünde. Die rechtfertigende Gnade durch Jesus Christus schenkt ihm dies zurück.