Mit Jesus am Brunnen
Ich sitze mit Jesus am Jakobs-Brunnen,
zur Mittagshitze.
Ich bin hierher gekommen, ganz allein.
Niemandem wollte ich begegnen.
Und nun treffe ich Ihn hier,
kannte ihn vorher nicht.
Nie waren wir uns begegnet.
Doch Er kannte mich wohl schon immer,
ja, ich weiß jetzt: Von Ewigkeit her.
Seine Augen, seine Stimme, sein ganzes Wesen,
alles rührt mich an, bewegt mich bis ins Tiefste.
ER IST.
Er ist müde,
von der Wanderung
durch diese trostlose Welt.
Hier hat Er sich niedergelassen.
Als ich kam, saß Er schon dort.
Ich kam, mit meinem leeren Krug.
Schöpfen will ich von diesem Wasser,
aus diesem Brunnen,
auf diesem Grundstück,
das Jakob, unser Vater Jakob,
einst seinem Sohn Josef geschenkt,
immer wieder muss ich hierher kommen,
um zu schöpfen, denn es gibt
so wenig Wasser in dieser Gegend.
Da sitzt Er, am Rand des Brunnens,
als ich komme.
Ich traute mich nicht so recht,
ich schämte mich, hier
jemandem zu begegnen.
Niemandem wollte ich begegnen.
Er sitzt da, ganz allein,
Seine Jünger waren in die Stadt gegangen, nach Sychar,
um Lebensmittel einzukaufen.
Plötzlich schaut Er mich an,
wendet sich mir zu,
und spricht:
Gib mir zu trinken!
Sagt Er wirklich:
Gib mir zu trinken?
Er sagt es, Er, der ist.
Er spricht zu mir?
Er, ein Jude,
zu mir, einer Samariterin.
Das macht eine Jude nicht!
Und doch: Er spricht zu mir:
Gib mir zu trinken!
Als ich mich gefangen habe,
traue ich mich zu sagen:
Wie kannst du, ein Jude,
von mir, einer Samariterin,
zu trinken verlangen?
Und Er spricht noch einmal,
noch sanfter, noch inniger:
Wenn du die Gabe Gottes kennen würdest
und wer es ist, der zu dir sagt:
Gib mir zu trinken!,
dann hättest du ihn gebeten,
und er hätte dir
lebendiges Wasser gegeben.
Wer ist Er?
Welch seltsames Wasser verspricht Er?
Lebendiges Wasser?
Die Gabe Gottes?
Was meint Er?
Ist Er vielleicht wirr von der Hitze?
Sind dies wirre Worte?
Oh, wie konnte ich nur so blind
und so taub sein
für Ihn, der doch das WORT ist,
für Ihn, der ist?
Ich bin verwirrt, benommen
von diesem Wort,
das in schwindelerregende Höhen
und Tiefen führt.
Mir weicht unter den Füßen der Boden,
mein Herz wird mir entwunden.
Mich schwindelt,
und doch so sanft.
Ich fange mich, schwindelnd
antworte ich:
HERR, du hast kein Schöpfgefäß,
und der Brunnen ist tief.
Woher also hast du das lebendige Wasser?
Du bist doch nicht größer als unser Vater Jakob,
der uns den Brunnen geschenkt,
und selbst daraus getrunken hat
samt seinen Kindern und seinen Herden?
Du willst, dass ich Dir
zu trinken gebe.
Du willst mir
zu trinken geben.
Ich soll Dich bitten?
Du hast doch leere Hände.
Du hast kein Gefäß zu schöpfen.
Lebendiges Wasser?
Wo ist der Fluss?
Wir sind am Brunnen!
Du redest geheimnisvoll!
Soll ich Dir weiter zuhören?
Und nun geschieht mir seltsames:
Du sprichst, und es ist mir,
als hörte ich das Sprudeln eines Baches.
Du sprichst, und Deine Worte
sind wir ein Brunnen …
Doch nein.
Es ist Mittagshitze,
inmitten der Trockenheit dieser Welt.
Ich halluziniere.
Die Hitze des Tages
macht mich benommen.
Halt inne, mein Herz,
lass dich nicht verwirren,
werde nicht schwach, bleib stark!
Höre ich recht?
Jeder, der von diesem Wasser trinkt,
wird wieder Durst gekommen.
Du hast recht!
Jeden Tag muss ich hierher,
den mühsamen Weg,
mich den Blicken der Menschen aussetzen,
um Wasser zu schöpfen.
Denn: Der Krug wird immer wieder leer.
Höre ich recht?
Wer aber von dem Wasser trinkt,
das ich ihm geben werde,
wird in Ewigkeit nicht mehr Durst haben.
Du gibst Wasser?
In Ewigkeit nicht mehr Durst haben?
Du hast keinen Schöpfer?
Und die Ewigkeit?
Wer kennt sie? Wer weiß von ihr?
Was Durst ist, kenne ich.
Durst nach Glück, Erfüllung,
Liebe, Nähe.
All das habe ich mein Leben lang gesucht
und nie gefunden.
Durst nach tiefem Frieden.
Nur gegriffen hat man nach mir,
hat mir geraubt mein Leben,
meine Unversehrtheit …
Höre ich recht?
Das Wasser, das ich ihm gebe,
wird in ihm zu einer Quelle werden,
deren Wasser in das ewige Leben sprudelt.
Was spricht Du da?
Das Wasser, was ich hier hole,
verliere ich wieder.
Dieses elenden Wassers
bin ich überdrüssig.
Immer wieder muss ich hierher.
Es bleibt mir nie.
Ich schreie hinaus:
Herr, gib mir dieses Wasser,
damit ich keinen Durst mehr habe
und nicht mehr hierher zu kommen brauche,
um zu schöpfen.
Ja, bist Du denn der Schöpfer,
der Wasser und Quelle zugleich?
Ich bin ganz benommen,
Du bist wie das Wasser
und die Quelle zugleich.
Mich schwindelt,
hat nicht unser Vater Moses
mit dem Stab dem Felsen
das Wasser entlockt?
Bist Du den größer als unser Vater Moses?
Wer bist Du?
Ich möchte nicht mehr hierher kommen
und schöpfen müssen, immer wieder.
Dieses Wasser hier löscht nicht meinen Durst.
Ich dürste nach …
Sagtest Du nicht: Gib mir zu trinken?
Du kennst doch den Durst?
Sagtest Du nicht: Mich dürstet?
Du verstehst meinen Durst.
Doch nicht nach diesem Wasser, sondern …
Oh welch eine Qual durchbrennt mein Herz.
Meine Seele dürstet nach …
Nein, du kannst ihn nicht stillen!
Du kennst meine Not nicht!
Mich schwindelt!
Ohnmacht überkommt mich.
Die Not ist ein Abgrund.
Und plötzlich,
in diese Stille hinein,
reichst Du mir die Hand entgegen
und sprichst:
Geh, ruf deinen Mann
und komm wieder her!
Warum sprichst du davon?
Alle Schatten meines Lebens werden wach!
Soll ich davonlaufen,
mich aus dem Staub machen,
und keine Spur von mir ist mehr sichtbar?
Ich stammle:
Ich habe keinen Mann.
Ich habe keinen Mann.
Ja, das ist wahr!
Soviel Sehnsucht,
und keinen Mann.
Kein Gegenüber, das mir entspricht!
Ich bin kein Mensch,
denn ich habe keinen Mann.
Immer gesucht, nie gefunden.
Ich schaue DIR in die Augen,
ich lausche DEINEN Worten:
Du hast richtig gesagt:
Ich habe keinen Mann.
Denn fünf Männer hast du gehabt,
und der, den du jetzt hast,
ist nicht dein Mann.
Da hast du die Wahrheit gesagt.
DIE WAHRHEIT!
DU sagst sie?
DU bist sie?
Nur Gott kennt die Wahrheit.
Nur mein Schöpfer kennt die Wahrheit.
Nur Gott ist die Wahrheit.
Doch Du kennst mich.
Noch nie kannte mich ein Mensch.
Du kennst mich,
besser als ich mich selbst.
Kennst du mich ganz?
Herr, ich sehe,
dass du ein Prophet bist.
Ein Prophet ist von Gott gesandt.
Doch wer kann Ihn kennen?
Unsere Priester erzählen uns von ihm. …
Doch wer kann ihn kennen.
Er ist der Ferne …
Doch seltsam:
Du bist mir so nahe!
Gott ist mir so fern!
Wir haben unsere Gottesdienste.
Doch Gott ist so fern!
Unsere Väter haben auf diesem Berg angebetet,
aber ihr sagt, in Jerusalem sei die Stätte,
wo man anbeten muss.
Verstehst Du dies?
Du verstehst doch mich!
Und nun scheint mir,
als wenn von Ewigkeit her
eine Stimme an mein Ohr,
an mein Herz dringt,
die ich immer ersehnt,
aber noch nie gehört habe:
Glaub mir, Frau, …
Frau sagt er zu mir, als wäre ich Seine Frau …
So sprach zu mir noch keiner.
Glaub mir, Frau,
es kommt die Stunde,
wo ihr weder auf diesem Berg
noch in Jerusalem
den Vater anbeten werdet.
Ihr betet an, was ihr nicht kennt;
wir beten an, was wir kennen,
denn das Heil kommt von den Juden.
Ja, wir beten an, was wir nicht kennen.
Wer kennt Ihn schon, den Ewigen, den Fernen.
Vor Seinem Angesicht kann niemand bestehen.
Wer sind wir schon, wir sind doch Staub …
Ihr betet an, was ihr kennt?
Ja, so sagen die Propheten:
Das Heil kommt von den Juden.
Du bist doch Jude!
Bist Du es wirklich?
Einer wie Du ist mir noch nie begegnet.
Wer spricht da:
Wir beten an, was wir kennen?
Wer bist Du?
Es kommt die Stunde
und sie ist schon da …
Welche Stunde?
… wo die wahren Anbeter
den Vater im Geist und in der Wahrheit
anbeten werden.
Denn solche Anbeter sucht der Vater.
Den Vater?
Den Geist?
Die Wahrheit?
Wovon sprichst Du?
Von welchem Vater sprichst Du?
Wer bist Du,
dass Du so sprechen kannst?
Gott ist Geist
und alle, die ihn anbeten,
müssen
im Geist und
in der Wahrheit
anbeten.
Was sagst Du da
geheimnisvolles?
Gott ist Geist?
Im Geist?
In der Wahrheit?
Anbeten?
Auf unserem Berg, dem Garizim,
beten wir.
Unsere Priester beten dort, täglich.
Wie betest Du?
Wo betest Du?
Nicht in Jerusalem?
Was tun Eure Priester?
Ich kann nur stammeln:
Ich weiß, dass der Christus kommt –
das heißt: der Gesalbte.
Wenn er kommt,
wird er uns alles verkünden.
So sagen uns die Gelehrten.
Darauf vertraue ich.
Darauf hoffe ich.
Sie werden es wissen.
Doch Du sprichst anders:
Gott ist Geist!
Den Vater im Geist und in der Wahrheit anbeten!
Wer bist Du?
ICH BIN, DER MIT DIR REDET.
So hast DU, DER IST, mit mir gesprochen.
So sprichst DU jeden Tag neu zu mir: ICH BIN.
ICH BIN, DER ICH BIN, JHWH, der HERR.
Du, der Sohn des Vaters, DU BIST mit dem VATER in der Einheit des Heiligen Geistes der EINE GOTT.
Das Wasser, dass du schenkst,
sprudelt aus Deinem Herzen.
Es ist der Geist, der lebendig macht.
Du schenkst den Geist in Fülle,
aus den Tiefen Deines Herzens.
Dein Geist ist Geschenk Deines Leidens,
denn am Kreuz flossen Blut und Wasser
aus Deinem Herzen.
Zu Nikodemus sagtes Du doch:
Wer nicht aus Wasser und Geist geboren wird,
kann nicht in das Reich Gottes eingehen.
Was aus dem Geist geboren ist, ist Geist.
Komm, Du Geist, der Leben schafft,
komm Du Geist, der Leben ist.
Das Wasser, das Du, Jesus mir schenkst,
quillt in meinem Herzen als lebendige Quelle.
Ich, Deine Samariterin.
17. 3. 2020