Mann-Frau
Was Liebe ist, mein Freund, weiß nur das Herz,
und wenn das Herz dem Herzen sich verbindet
(dies ist das größte aller großen Wunder),
so stirbt das eine ganz dem andern hin,
und sterbend dringen beide in das Leben.
Denn einzeln sind sie nicht, zusammen eins,
ein einig Licht, ein einiges Erwachen.
[80]
Conduiramur:
Es ist ein Wort des ewgen Worts,
das ich geheim injeder Schrift erkenne.
Denn nicht die Schrift gewahr ich, nicht den Laut,
das Wort erscheint mir selber in der Seele.
Parzival:
So sagt mir, was es spricht.
…
Conduiramur:
So höret wohl!
Heut war ein wundersam Geheimnis klar:
Neu wie im Anfang werden die Naturen.
Gott ward ein Mensch. Und was vergangen ist,
was schon der Tod im dunklen Abgrund hüllt,
es steigt empor. Zur Dauer auferweckt.
Und was dem Wahn der Nichtigkeit verfiel,
was hingegossen war ins sinnlos Leere,
das nahm er auf in seinen heilgen Arm.
Denn siehe, nicht erleidet er Vermischung
und Teilung nicht in seiner Gänze. Ja.
Parzival:
Denn siehe, nicht erleidet er Vermischung -
wollt Ihrs auf dieses Wort hin wagen, Frau?
Conduiramur:
Ich will es.
Parzival:
Kommt.
Conduiramur (legt den Mantel ab):
Den Purpur laß ich fallen.
Der Schnee des Hemdes decke mich allein.
(legt sich neben ihn)
Parzival:
Wer seid Ihr, Frau? Mir fließen leicht und leichter
des Blutes Wellen durch die Adern fort.
Ihr seid bei mir und dennoch bin ich einsam
und wunderbar geborgen in mir selbst.
Seid Ihr es denn? Verrinnen unsre Wesen?
Bin ich allein inmitten aller Welt?
Ich weiß von zweien nicht, Indem ich rede,
spricht meine Seele mit mir selbst. Nie
empfand ich klarer mich in Gott begründet.
Conduiramur:
Bin ich in Euch und Ihr in mir beschlossen
so ist mein Kummer Euer Eigen auch,
und meine Not ist Not auch Eures Herzens.
Und wenn sie redet, wenn in Seufzern sie,
in stammelnden Gebeten sich erleichtert,
so nehmt sie auf in Euer innres Zelt
und setzt sie, einen qualerfüllten Becher,
in Purpur strahlend meiner Seele Leid,
auf den Altar, an dem zu Gott ihr betet.
…
Lebwohl. Ich will dich nehmen
in meiner Seele allertiefsten Schoß,
da niemand ist als Gott.
Parzival:
Hier will ich wohnen,
aufs neue Kind geworden, dass du mich
zu neuem, höhern Leben ausgebärest.
Lebwohl!
[102f.]
Conduiramur (zum Volk):
Er bot sein Leben
für meines dar. Ich bring das meine wieder
ihm frei zurück, wie Gott mirs übergab.
Denn schon ist Leib von Leib nicht mehr geschieden,
nicht Atem mehr von Ate, Geist von Geist,
Und wie der Strom, der sich ins Meer ergossen,
nicht fürder Strom mehr ist, und, selber Meer,
unendlich in die Fülle sich verbreitert,
so strömt mein Wesen ein in seinen Geist.
Tut auf das Tor, durch das die Bräute ziehen
ins Münster ein, und lasst mich, eine Magd,
die erste sein, die sich zum Danke hinneigt.
[110]
Conduiramur:
Du gehst, Du lässt mich hier, noch ehe
dein Arm mich ganz umfing.
Parzival:
Ich lasse
die ewig nicht. Ich ströme hin zu dir,
ich bin in dir, in wandle, wo ich wandl
stets nur in dir. …
Gib Urlaub mir. S ist nur wenge Tage.
Lass diese Nacht uns noch vereinigt sein,
lass wie ein Mantel sie um uns sich schlagen
voll Ewigkeit; denn Ewigkeit ist da,
wo wir hervor ausunsrer Tiefe brechen,
im Einigsein mit uns uns selbst erkennend,
und so im Atem stürzen aus der Zeit,
wie Adler in den Glanz der Sonne stürzen.
Gawan (zur Orgeluse):
Noch einmal zum Mädchen
macht dich das Kleid der Braut. Ich sehne mich
Den Kreis der Ewigkeit um uns zu schlingen.
Der Ewigkeit! Denn weder Mann noch Weib
sind ewig, dieses Wort gebührt dem Menschen,
und ihm allein, und dies ist Wahrheit nur:
kein Einzler ist der Mensch, ein Alles ist r,
die Heimkehr des Zerstreuten und das Haus
der Freude. Gott erfüll es uns!
[S. 304]
Orgeluse:
Um meinetwillen gehst du in den Kampf.
Ich reiche mit den Waffen dir mich selbst.
Denn alles, was das Weib besitzt, wird Wehr,
wenn es dem Mann se Rüstung darreicht.
Die Furcht wird Mut, das Bangen wird Begeistrung,
die Liebe Glut, die Demut tiefe Kraft.
Nimm nun das Schwert! Die Lanzen werden splittern:
das Schwert entscheidet, an die Lippen drück
ich seinen kalten, blanken, schweren Stahl
und flöße Leben ein dem starren Eisen.
Du streitest für das Licht und für das Heil.
Das Licht, das Heil umleuchte deine Glieder!
Gawan:
Hab Dank! Ein Wunder wird mir offenbar.
Mann bin ich nur im Äußern meines Wesens.
Doch in des Mannes Mitte kniet ein Weib
im reinen Weiß der fließenden Gewande
und trägt in ihren Händen Gottes Bild.
Das Weib ist ein Gebet, es schwebt inmitten,
der Erde nah, dem Himmel auch vertraut.
Orgeluse:
Und dennoch sind wir alles nur im Manne.
Er leitet uns zur Erde kräftig hin.
Gawan:
Und dennoch sind wir alles nur im Weib,
sie hebt uns in den Himmel liebend auf.
Orgeluse:
Geh in den Streit und siege für uns alle.
Gawan:
Wie Gott es will und du auf mich vertraust.
[S. 316]
Aus: Arthur Maximilian Miller, Der Gral