Wir / Die Kirche: ein Leib?
Die Kirche als Leib Christi
In der zweiten Lesung des 3. Sonntags (Lesejahr C) lehrt uns Hl. Paulus (1 Kor 12,27):
Ihr seid der Leib Christi! (gr. σῶμα Χριστοῦ)
Was heißt dies?
Zunächst:
Wir sprechen von Jesus Christus, dem Sohn des Dreifaltigen Gottes, der Mensch geworden ist.
Wir sprechen von dem Menschen und Gottessohn Jesus Christus, geboren von der Jungfrau Maria.
Wir sprechen von Jesus Christus, der gestorben, auferstanden und in den Himmel aufgefahren ist.
Dieses Jesus Christus, in alle Ewigkeit als Mensch und Gott beim Vater, hat einen Leib.
Von diesem sagt Paulus: Ihr seid der Leib Christi!
Wenn von der Kirche als Leib Christi die Rede ist, dann berühren wir ein tiefes Geheimnis, das nur schwer in Worte zu fassen ist, - eben ein Geheimnis unseres Glaubens.
Kard. Henri de Lubac hat dies einmal so auf den Punkt gebracht (in: Die Kirche, Eine Betrachtung, Johannes Verlag, 1968, S. 105f.):
- Durch diese Bildrede bezeichnet der Apostel einen bestimmten Organismus, den er als völlig real ansieht.
- Einerseits ist dieser Leib eine sichtbare, gegliederte Sozietät, in der eine gewisse „Arbeitsteilung“ herrscht.
- Andererseits herrscht eine innige und geheimnisvolle Lebensgemeinschaft.
- Es meint ein Einziges in Christus Jesus.
- Wenn vom mystischen Leib Christi die Rede ist, bedeutet dies: es handelt sich um ein Geheimnis im strengen Sinne des Wortes.
Wenn wir ‚Leib‘ hören, denken wir zuallererst an unseren eigenen Körper. Auch dieser ist voller ‚medizinischer‘, biologischer Geheimnisse.
Dieser Körper hat eine bestimmte Gestalt in dieser Welt:
- Er bildet eine Einheit, ist etwas Ganzes.
- Dieser Leib wird auf unsichtbare Weise belebt:
- Kreislaufsystem mit dem Blut, das Herz als ‚Pumpe‘.
- Das Nervensystem, vom Gehirn ‚regiert‘.
- Das Lymphsystem, ein Flüssigkeitssystem mit wichtigen Funktionen.
- Das Knochensystem, das dem ‚Fleisch‘ eine gewisse Stabilität gibt.
- Und vieles mehr.
- Dieses ganze des Leibes hat viele Organe, viele ‚Glieder‘; jedes dieser Glieder hat seine bestimmte Bedeutung: Herz, Lunge, Magen, Nieren, Blase, viele andere mehr.
- Die Funktionen dieses Leibes in den einzelnen Organen werden von einer Zentrale ‚gesteuert‘, dem Gehirn und dem Nervensystem.
- Dass dieses Ganze des Leibes seine bestimmte Gestalt hat, wird (einfach gesagt)
- einerseits durch die sog. Gene gewährleistet,
- durch die Steuerung des Gehirns.
- Aber vor allem: durch die Seele, dieses unsichtbare Etwas.
- Diese Seele ist das unsichtbare belebende Prinzip, ohne das der Leib nicht auskommt:
- Die Verstandeskraft meiner Seele hat ein Ziel, wozu es sich des Körpers bedient.
- Die Willenskraft meiner Seele steuert die Richtung meiner Hand etwa.
- Beispiel: Wenn ich jemanden begrüßen möchte, strecke ich ihm die Hand entgegen.
Dies geschieht willkürlich, nicht unwillkürlich durch irgendwelche Automatismen.
- Was unseren Körper aber einschränkt, ist alles, was mit der Vergänglichkeit zusammenhängt:
- Gewisse Körperfunktionen können gestört sein oder aussetzen.
- Das Älterwerden können wir – prinzipiell – nicht aufhalten, nur vielleicht verzögern.
- Vor schweren Krankheiten sind wir nicht grundsätzlich geschützt.
- Wir gehen unaufhaltsam auf den Tod zu.
- Der Tod des Körpers bedeutet: Die Seele verliert ganz und gar die Gewalt über die sterbliche Hülle unseres Leibes.
All diese Aspekte können uns helfen eine Ahnung zu bekommen, was es heißt, dass
- auch Jesus Christus einen Leib hat
- und wir Glieder am Leib Christi sind.
Jesus Christus hat einen Leib:
Dieser Gedanke ist zunächst überraschend, denn: Jesus hat ja diese unsere irdische Welt verlassen und ist in die Herrlichkeit des Vaters zurückgekehrt.
Aber: Die Apostel haben uns die leibhafte Auferstehung Christi gelehrt.
Der Leib, den Maria empfangen und geboren hat, der am Kreuz gestorben ist, der ins Grab gelegt wurde,
dieser Leib ins durch die Macht des Geistes auferweckt worden, als ein unsterblicher Leib.
Wir sprechen von dem Auferstehungsleib; Paulus spricht ganz viel darüber.
Mit diesem Auferstehungsleib ist Jesus in die Herrlichkeit des Vaters eingegangen. (Himmelfahrt)
Im Abendmahlssaal hat Jesus – im Sakrament der Eucharistie – diesen Leib uns geschenkt:
Unter der Gestalt von Brot und Wein ist sein Leib und sein Blut real präsent.
Jesus sagt: Nehmt und esst! Nehmt und trinkt! Das ist mein Leib!
Bei der Kommunion also empfangen wir den Auferstehungsleib
und werden durch unsere Kommunion in diesen Leib aufgenommen, indem wir ihn empfangen.
Wir sind Glieder an diesem Leib:
Schon in der Taufe sind wir ‚Glieder‘ an Christi Leib geworden.
Als Glieder sind wir eigenständige, einmalige, unverwechselbare Geschöpfe Gottes.
Aber andererseits sind wir auf vielfältige Weise in Beziehung zu allen anderen Gliedern.
Wir sind eine Gemeinschaft von Gliedern; diese Gemeinschaft ist aber unendlich mehr als eine Aneinanderreihung oder ein Beieinandersein.
Diese Glieder sind auf geheimnisvolle Weise auch ineinander.
Diese verschiedenen Aspekte sind der Grund, warum das letzte Konzil in seiner Dogmatische Konstitution über die Kirche: Lumen Gentium, gerade zum Thema ‚Leib Christi‘ richtungsweisendes und verbindliches gesagt hat.
Hier die grundlegenden Aussagen (LG 7):
- Durch den Tod und die Auferstehung des Gottmenschen Jesus Christus ist der Mensch ‚eine neue Schöpfung‘ (2 Kor 5,17) geworden, „zu einem neuen Geschöpf“.
- Durch die Mitteilung des Geistes hat er uns „in geheimnisvoller Weise gleichsam zu seinem Leib gemacht“.
- Durch die Sakramente sind wir „mit Christus … vereint“.
- „In jenem Leib strömt Christi Leben auf die Gläubigen“.
- Durch die Taufe sind wir „Christus gleichgestaltet“: Denn in einem Geiste sind wir alle getauft in einen Leib hinein. (1 Kor 12,13)
- „Beim Brechen des eucharistischen Brotes erhalten wir wirklich Anteil am Leib des Herrn und werden zur Gemeinschaft mit ihm und untereinander erhoben. "Denn ein Brot, ein Leib sind wir, die Vielen, alle, die an dem einen Brote teilhaben" (1 Kor 10,17).“
- „Derselbe Geist eint durch sich und durch seine Kraft wie durch die innere Verbindung der Glieder den Leib.“
- „Das Haupt dieses Leibes ist Christus.“
- „Er ist das Haupt des Leibes, welcher die Kirche ist.“
- Alle Glieder müssen ihm gleichgestaltet werden, bis Christus Gestalt gewinnt in ihnen (vgl. Gal 4,19).
- Der Weg: „Deshalb werden wir aufgenommen in die Mysterien seines Erdenlebens, sind ihm gleichgestaltet, mit ihm gestorben und mit ihm auferweckt, bis wir mit ihm herrschen werden (vgl. Phil 3,21; 2 Tim 2,11; Eph 2,6; Kol 2,12 usw.).
- Wir sind auf Erden in sein Leiden hineingenommen.
- „Er selbst verfügt in seinem Leib, der Kirche, die Dienstgaben“.
- Wenn wir „die Wahrheit in Liebe“ vollbringen, dann wachsen wir „in allem auf ihn hin“.
- Notwendig: wachsen. „Damit wir aber in ihm unablässig erneuert werden (vgl. Eph 4,23), gab er uns von seinem Geist, der als der eine und gleiche im Haupt und in den Gliedern wohnt und den ganzen Leib so lebendig macht, eint und bewegt, daß die heiligen Väter sein Wirken vergleichen konnten mit der Aufgabe, die das Lebensprinzip - die Seele - im menschlichen Leibe erfüllt.“
- „Christus aber liebt die Kirche als seine Braut; er ist zum Urbild des Mannes geworden, der seine Gattin liebt wie seinen eigenen Leib (vgl. Eph 5,25-28); die Kirche ihrerseits ist ihrem Haupte untertan (ebd. 23-24). "Denn in ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig" (Kol 2,9).“
- „Die Kirche, die sein Leib und seine Fülle ist, erfüllt er mit seinen göttlichen Gaben (vgl. Eph 1,22-23), damit sie sich ausweite und gelange zu der ganzen Fülle Gottes (vgl. Eph 3,19).“
Wenn wir uns die Frage stellen, wie denn wir, die Glieder an Seinem Leib, zur Vollgestalt Christi heranwachsen und reif werden, dann ist dieser Hinweis wichtig:
- Der Weg: „Deshalb werden wir aufgenommen in die Mysterien seines Erdenlebens, sind ihm gleichgestaltet, mit ihm gestorben und mit ihm auferweckt, bis wir mit ihm herrschen werden (vgl. Phil 3,21; 2 Tim 2,11; Eph 2,6; Kol 2,12 usw.).
- Wir sind auf Erden in sein Leiden hineingenommen.
Der Schlüssel zu diesem Geheimnis also: Wir sind aufgenommen in die Mysterien Seines Erdenlebens.
Der ganze Leib Christi auf Erden, auf der Wanderschaft, und jedes einzelne Glied daran, also die Kirche auf Erden und wir als Christen in dieser Zeit, gehen den Weg bis zur Wiederkunft Christi, den Jesus auf seinem Erdenweg gegangen ist: von der Verkündigung, über die Geburt, die dreißig verborgenen Jahre, das öffentliche Leben mit Predigt, Sündenvergebung und Heilungswundern, bis hin zum Kreuzweg hinauf nach Golgotha.
Als Leib Christi gehen wir den Weg durch den Tod hin zur Auferstehung.
Was bedeutet dies für jeden Einzelnen von uns?
Paulus bringt dies so auf den Punkt (1 Kor 12): 26 Wenn ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit; wenn ein Glied geehrt wird, freuen sich alle Glieder mit.
Kol 1: 24 Jetzt freue ich mich in den Leiden, die ich für euch ertrage. Ich ergänze in meinem irdischen Leben, was an den Bedrängnissen Christi noch fehlt an seinem Leib, der die Kirche ist.
In diesem Licht dürfen wir unser eigenes Leben sehen: Jedes Leid, in Geduld und Liebe getragen, hat diese Wirkung in den Leib Christi hinein: Dieses Leiden heilt, uns selbst und andere!
Die Freude auf diesem Weg: Durch das beständige Wirken des Heiligen Geistes, dem wir uns immerzu öffnen müssen, sind wir ein Leib und ein Geist in Christus.