Beten, nur wie?
Wie stellt man dies an: beten? Wie betet man richtig? Gibt es überhaupt richtiges und falsches Beten? Kann man beten lernen? Wie fange ich es an, wenn ich es schon lange nicht mehr getan habe?
Diese und ähnliche Fragen beschäftigen sie vielleicht. In aller Kürze versuche ich hier ein paar Vorschläge zusammenzustellen.
Persönliches Gespräch
Wir kennen dies alle von uns Menschen: Um mit einem Menschen Kontakt aufzunehmen, ist es gut, ihn anzusprechen, auf ihn zuzugehen und ein paar ganz einfache Worte finden. Wir sagen dann ganz automatisch: Sie oder Du, je nach Vertrautheit. Ich als Person spreche zu einer anderen Person. Der andere kann hören und ich kann hören. Sprechen und Hören gehören dann zusammen. Und so entsteht ein Gespräch.
Im Grunde genommen ist es überhaupt nicht anders, wenn wir mit Gott reden: ER ist eine Person. Der einzige Unterschied zu den Menschen: Die menschlichen Personen können wir sehen, die göttlichen Personen bleiben unsichtbar. Wir kennen diese Situation vom Telefon her: Wir sehen den anderen nicht, aber wir hören ihn. Obwohl wir ihn nicht sehen, sind wir fest davon überzeugt, dass es den anderen gibt, mit dem wir sprechen. Nun denken wir uns das Telefon weg, - die andere Person gibt es trotzdem. Wir kennen es aus einer anderen Situation: Wir denken an jemanden, der weit weg ist, den wir nicht sehen und nicht per Telefon hören können. Wir wissen aber dennoch genau: Es gibt den anderen. Das liegt daran, dass jeder Mensch sozusagen zwei Seiten hat: eine sichtbare und eine unsichtbare. Die unsichtbare Seite des Menschen nennen wir Seele. Aus eigener Erfahrung kennen wir dies auch: Wir sind mit einer guten Freundin, einem guten Freund zusammen, machen vielleicht eine Wanderung, und reden lange Zeit gar nichts. So entsteht ein Miteinandersein unserer Seelen, das wortlos bleibt, aber wunderschön sein kann.
Hier nun liegt der Übergang zum Gespräch mit Gott. Wir Christen sind davon überzeugt, dass Gott viel grundlegender gegenwärtig ist als wir Menschen alle zusammen. Weil ER der Schöpfer des Himmels und der Erde ist, ist ER allgegenwärtig und kennt jeden einzelnen von uns mehr und tiefer als wir uns selbst kennen. ER ist uns näher als wir uns selbst nahe sind. Das einzige, was es zu tun gilt: Nicht ein Selbstgespräch führen, sondern aus sich selbst heraustreten und auf den ganz Anderen innerlich zugehen. So ist der Beginn eines ganz persönlichen Gespräches mit Gott: Ich sage ihm, was mir auf dem Herzen liegt, und vertraue darauf, dass ER mich versteht. Auch da gilt es zu vertrauen, dass ER mich besser versteht als ich mich selbst. Es geht da nicht um wohlgeformte Worte. Stammeln und Stottern versteht ER sehr genau. Wichtig ist, dass wir nicht meinen, wir werden nur verstanden, wenn wir eine uns gewohnte Antwort erhalten.
Eintreten in den großen Strom der Beter aller Zeiten
Eine andere Möglichkeit, um mit Gott ins Gespräch zu kommen, sind die großen Zeugnisse von Betern durch die Zeiten hindurch. Auf dem Buchmarkt gibt es viele Bücher, die uns aus diesem reichen Strom eine Auswahl bieten. Ich will hier nur Ausgaben von Gebeten von Mutter Teresa, der Gründerin der Missionarinnen der Nächstenliebe, nennen. Vergleichbare Beispiele gibt es viele.
Die berühmtesten Beispiele aus der jüdisch-christlichen Tradition sind die Psalmen, 150 an der Zahl, im Alten Testament der Bibel. Sie sind viele hundert Jahre vor Christus im Volk der Juden entstanden und herausragende Beispiele, wie Menschen, vor allem der König David, mit Gott gerungen haben. Sie spiegeln ein breites Spektrum von Lebenslagen, die bis heute Relevanz haben.
Ein sehr bekanntes Beispiel ist der Psalm 23 von Gott, dem Hirten der Menschen: Der HERR ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen … Unter den Psalmen findet jeder Mensch in seinen je eigenen Lebenssituationen Worte, die ihm helfen können, wenn er keine Worte mehr findet. Diese Worte bieten Trost, Kraft und Orientierung. Sie helfen, das Vertrauen zu vertiefen und in schwierigsten Lebenslagen Halt zu finden.
Das Vater-unser
Aus dem Zeugnis des Evangeliums nach Lukas im Neuen Testamentes kennen wir die Frage der Jünger Jesu, wie sie denn beten sollten: Herr, lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jünger gelehrt hat. (Lk 11,1) Und Jesus lehrt sie das Vater-unser. Vor dieser Frage haben die Jünger erlebt, dass Jesus an einem Ort betete. Wir wissen nicht, was Jesus genau getan hatte, ob er es laut oder leise tat. Auf jeden Fall hat die Jünger tief angerührt, wie Jesus betete. Es ging etwas Besonderes von ihm aus, wenn er betete. Jesus lehrt die Jünger dann nicht bestimmte Techniken, bestimmte Verhaltensweisen. Er sagt lediglich: Wenn ihr betet, so sprecht! Und dieses kleine, kurze Gebet hat sieben Teile.
Vater! – Jesus lehrt uns etwas Wunderbares. Er lädt uns ein, Gott mit Vater anzusprechen. Etwas ganz Intimes leitet er uns an zu tun. In einer Zeit, in der wir – mit Recht – (wieder)entdeckt haben, dass Mann und Frau in ihrer Würde völlig gleichwertig sind, ist diese Anrede für viele Menschen schwierig, vielleicht sogar unmöglich. Denn wenn wir ‚Vater‘ hören, denken wir an einen Mann. Wo bleibt da die Frau und die ‚Mutter‘. Dazu ist grundsätzlich zu sagen: Gott ist weder Frau noch Mann, weder männlich noch weiblich. Gott steht über der Unterschiedenheit von Männlich und Weiblich. Diesen Unterschied gibt es in der geschaffenen Welt, nicht in Gott. In Gott kennen wir – wie Jesus uns offenbart hat – nur den Unterschied von Vater, Sohn, Hl. Geist, drei Personen, ein einiges Wesen. Und auch wenn da vom ‚Sohn‘ die Rede ist, ist nicht ein männliches Wesen gemeint. Gottes Wesen ist über alle geschöpflichen Unterschiede erhaben. Wenn uns Jesus dennoch einlädt, Gott unseren Vater zu nennen, so meint er all das, was wir im ganz positiven und vollkommenen Sinne verbinden mit der Liebe, die Eltern zu ihren Kindern pflegen, Vater und Mutter zu ihren Töchtern und Söhnen. Hier ist Gott gemeint, der uns so innig in Liebe umarmt, wie wir es von irdischen Eltern nie in dieser Fülle erleben können.
Dein Name werde geheiligt! – Ein Name steht für das tiefste Wesen einer Person. Wenn wir den Namen einer Person kennen, dann hat sich diese Person uns vorgestellt und zugewandt. Der Name ist nicht nur eine Nummer, sondern ein liebevolles Zeichen für einen Menschen. Im gewissen Sinne sind Name und Person eins. Gott, der Heilige, der all unser Vorstellen übersteigt, hat sich einst dem Mose mit einem Namen gezeigt: Ich bin der ich bin! Er nennt sich JHWH. Dies sind ursprünglich vier Buchstaben des hebräischen Alphabets. Dieser Name ist bis heute geheimnisvoll. Noch heute spricht ein frommer Jude diesen Namen, wenn er im hebräischen Alten Testament vorkommt, nicht aus. Stattdessen spricht er: Adonaj, was ins Deutsche übersetzt ‚Herr‘ heißt. Wenn wir also von Herr Jesus Christus oder von Gott, dem Herrn sprechen, meinen wir genau diesen Namen. In unserer religiösen Umgangssprache ist dieser Hintergrund verloren gegangen. Deshalb ist es so wichtig, sich dies immer wieder bewusst zu machen. Wenn also wir eingeladen werden, den Namen Gottes zu heiligen, bedeutet dies: Bewege in deinem Herzen diesen Namen als etwas höchst Heiliges! Mach dir bewusst, dass Gott der Heilige aller Heiligen ist, dass er der Allerheiligste ist. Und mache dies in Deinem Wollen und Tun deutlich.
Dein Reich komme! – Jesus hat uns das Himmelreich, das Königreich der Himmel gebracht, wie er es ausdrückt. Es ist ein eigenes Reich inmitten unserer Welt. Es ist das Reich, indem nur Liebe, Erbarmen und Gerechtigkeit herrschen. Es ist ein Reich, das er baut, nicht wir. Allerdings baut er es mit uns, nicht ohne uns. Wenn wir Gott flehentlich bitten, Sein Reich zu uns kommen zu lassen, dann bekennen wir, dass er allein es schenken kann. Die Gaben dazu schenkt der Hl. Geist. Dieses Himmelreich ist wie ein kleines Samenkorn, der in die Erde fällt und stirbt, dann aber aufwächst zu einem großen Baum. Jesus versteht dies als ein Bild für sein eigenes Leben: Er, der Sohn Gottes, ist als Mensch unter uns geboren, hat als Mensch unter uns gelebt, ist am Kreuz gestorben, aber von den Toten auferstanden. Als der Auferstandene lebt er mitten unter uns und sammelt Menschen um sich, mit ihm dieses Himmelreich auszubauen.
Gib uns täglich unser notwendiges Brot! – Die meisten Menschen heute verstehen unter dieser Bitte das Brot für unseren Magen. Was hier mit ‚notwendig‘ übersetzt ist, ist ein einzigartiges Wort im Neuen Testament, dass tatsächlich nur hier vorkommt. In der griechischen Originalsprache des Neuen Testamentes steht hier ‚epiusion‘, was soviel heißt wie ‚überwesentlich‘. Wir können auch sagen: Es gibt das natürliche und das übernatürliche Brot. Schon die ersten Christen haben dieses ‚überwesentliche Brot‘ mit Jesus selbst identifiziert, der gesagt hat: Ich bin das Brot des Lebens. Dieses ‚himmlische‘ Brot wird uns in der Eucharistie geschenkt, bei der Jesus sagt: Das ist mein Leib! In der heiligen Kommunion empfangen wir dieses ‚Brot des Lebens‘, dieses überwesentliche Brot.
Und vergib uns unsere Sünden; denn auch wir vergeben jedem, der uns schuldet! – Mit dieser Bitte lehrt uns Jesus, dass nur Gott Sünden vergeben kann. Uns kann Gott aber nur die Sünden vergeben, wenn auch wir den Menschen vergeben, die an uns schuldig geworden sind. Er zeigt uns einen Weg, wie wir den bösen Kreislauf durch einen heilen Kreislauf ersetzen können. Nicht Böses mit Bösem vergelten, sondern immer Böses mit Guten vergelten. Dass wir dies nicht aus eigener Kraft schaffen, weiß Jesus. Deshalb diese Bitte.
Und führe uns nicht in Versuchung! – Diese Bitte bereitet vielen Schwierigkeiten, weil sie sagen: Kann denn Gott uns in Versuchung führen? Wenn wir die ganze Botschaft Jesu ernst nehmen, kann dies nur heißen: Gott lässt durchaus Situationen zu, dass wir vor die Möglichkeit gestellt werden, Gutes oder Böses zu tun. Gott bewahrt uns vor solchen Umständen nicht. Er verspricht uns allerdings, uns immer die Hilfe anzubieten, die zum allein Guten führt. Er überlässt uns die Entscheidung. Dazu gehört einerseits der Geist der Unterscheidung, was nun wirklich gut und was wirklich schlecht ist; da sind so manche Täuschungen möglich. Andererseits ist unsere Willenskraft gefragt, Böses zu überwinden mit den Mitteln des Guten. Dass wir Gott bitten, das Wollen und das Vollbringen uns zu schenken, in diese Richtung geht diese Bitte.
Mit diesen wenigen Andeutungen möchte ich Ihnen nur Mut machen, das Beten immer wieder zu versuchen. Auch dabei hilft uns Gott: Der Heilige Geist ist da der beste Freund. Und er ist nicht fern, sondern ganz nahe unserem Herzen.
Pfr. R. Gabriel M. Maiwald, Juli 2018