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Vater unser – Führe uns nicht in Versuchung!

 

Zu dieser Vater-unser-Bitte eine Bemerkung von Dag Hammarskjöld (29.7.1905 - 18.9.1961)[1]:

Gewiß versucht uns Gott mit „Ebenbürtigkeit“, mit jeder Eigenschaft, die zu anderem Gebrauch lockt als seiner Verherrlichung. Je mehr er fordert, je gefährlicher ist das Rohmaterial, das er uns zuteilt für unseren Einsatz. Danken – auch für den Schlüssel zur Höllenpforte.

Dieser Eintrag in seinen Aufzeichnungen stammt auf dem Jahre 1954.

Er wirft ein interessantes Licht auf diese Bitte aus dem Vater-unser, die immer wieder zu Diskussionen Anlass gibt. Immer wieder wird vorgebracht, dass diese Formulierung ‚verbesserungswürdig‘ sei.

Vielleicht aber ist sie doch in der Fassung, wie sie uns in den Evangelien überliefert ist, von einer gewollten Mehrdeutigkeit bzw. Ungenauigkeit, die Raum gibt zur Forschung, was Jesus nun gemeint haben kann mit dieser Bitte.

Was meint Dag Hammarskjöld mit seinem Hinweis: Gott versucht uns mit „Ebenbürtigkeit“? Die Berufung des Menschen ist nach der Lehre der Katholischen Kirche die Heiligkeit des Menschen. Dies hat jüngst Papst Franziskus in seinem Apost. Schreiben GAUDETE ET EXULTATE erneut in Erinnerung gerufen. Heiligkeit ist die Berufung jedes Christen.

Die Berufung des Menschen, der das Geschöpf Gottes ist, ist gewaltig: Seid heilig! Da – eine alte Lehre der Kirche – die Gnade auf der Natur aufruht, ist der Blick auf die Erschaffung des Menschen richtungsweisend: Gott schuf den Menschen nach Seinem Bild! (Gen 1), wir können genauer sagen: Gott schuf den Menschen in Seinem Bild. Der Hl. Paulus lehrt uns in seinen Briefen: Durch Christus und auf Christus hin ist alles geschaffen! In Christus sind wir eine neue Schöpfung! Somit ist der Mensch, den Gott als Sein Gegenüber erschafft, zu dem berufen, was der Johannesprolog (Joh 1) die Geburt aus Gott nennt. Dies könnte mit dem Gedanken der „Ebenbürtigkeit“ gemeint sein: Nichts geringeres hat Gott im Sinn als im Menschen sich ein Geschöpf zu schaffen, das IHM ebenbürtig ist. Ein gewaltiger Gedanke, der aber ganz dem entspricht, was wir glauben: Gott ist die Liebe! Und Liebe will sich gleiches. Natürlich ist Gott Gott, und das Geschöpf Geschöpf. Und dennoch hat die Erlösung des Menschen die Verherrlichung des Menschen zum Ziel: zur Verherrlichung Gottes.

Herausragend können wir dies an Maria erkennen: Die Unbefleckte Empfängnis, die reine geschaffene Liebe ist sie. In ihr schafft sich Gott selbst die Braut, der ER sich vermählt, in der ER Mensch wird. In ihr schafft ER sich den Tempel, in dem ER wohnt.

Der Mensch, allen voran Maria, ist zur Verherrlichung Gottes bestimmt: Im Menschen will Gott sich verherrlichen, will ER seine ganze Herrlichkeit als Dreifaltiger offenbaren.

Wenn der Mensch aber zu dieser Verherrlichung Gottes bestimmt ist, so lauert dahinter die große Versuchung, die den Teufel zum Menschenmörder von Anfang sein lässt. Gott ebenbürtig sein ist etwas anderes als Gott gleich sein. Die Urversuchung aber ist genau dieses Gott-gleich-Sein. Der Widersacher Gottes, der Satan, von dem Christus spricht, dessen Versuchungsmacht er selbst am Anfang seines öffentlichen Wirkens und dann noch in seinen letzten irdischen Tagen erlebt hat, wird seine Macht dazu aufbieten, dieses Wunderwerk Gottes, Seine Verherrlichung im Menschen, zu hintertreiben versuchen. Er wird Eigenschaften aufbieten und dem Menschen anbieten, die die Verherrlichung des Menschen versuchen nachzuahmen, zu imitieren. Und je mehr wir hinaufsteigen auf der Leiter der Heiligkeit, desto heimtückischer werden die Mittel, die uns der Satan in Imitation anbietet, um scheinbar Gleiches mit anderen Mitteln zu erreichen.

Je mehr Gott von uns fordert in dem Sinne, dass ER es uns anbietet als Geschenk seiner Gnade, desto ähnlicher werden die Gegenangebote. Je reicher und anspruchsvoller die Gaben werden, die Gott uns zuteil werden lässt, desto größer wird die Versuchung, sie nicht in Demut sich schenken zu lassen, sondern sie sich zu erleisten durch eigenes Können.

Je größer die Gnaden, desto ärmer müssen wir werden. Je ähnlicher wir Gott werden, desto ärmer müssen wir werden. Denn ohne IHN können wir nichts. Der Widersacher wird uns immer subtiler die Angebote des Neognostizismus und des Neopelagianismus machen (siehe GAUDETE EX EXULTATE).

Die Schlüssel zum Himmelreich sind auch immer Schlüssel zur Höllenpforte. Denn: Jeder heilige Schlüssel kann von uns in unserer Freiheit missbraucht werden. Hier ist die Tugend der Demut gefragt. Jeder sich einschleichende Hochmut verwandelt den Schlüssel zum Himmelreich in einen Zugang zum Verderben.



[1] Dag Hammarskjöld, Zeichen am Weg, Droemer Knaur, 1967; S. 91f.