Vision über die Eucharistie
Aus: Hildegard von Bingen, Wisse die Wege, LIBER SCIVIAS, Beuroner Kunstverlag 2010, 2. Auflage 2012, S. 194ff., 6. Vision des 2. Teils
Wenn die Kirche die Hl. Messe feiert, geschieht geheimnisvolles. Einblicke in dieses Geschehen gewährte ein Gott der Hl. Hildegard in verschiedenen Visionen. Einige Schwerpunkte daraus seien hier zusammengefasst.
Als Christus Jesus, der wahre Sohn Gottes, an seinem Marterholz hing, wurde die Kirche in der Verborgenheit der himmlischen Geheimnisse mit ihm verbunden und mit seinem purpurnen Blut als Brautgabe beschenkt. (200)
Das Blut Christi als Brautgabe für die Kirche: Indem Blut und Wasser aus der Seite Christi am Kreuz fließen, empfängt die Kirche das, was sie zur Kirche macht, das Blut Christi. Indem dies am Kreuz geschieht – und in jeder Hl. Messe vergegenwärtigt wird –, geht die Kirche wie ein heller Glanz eilig aus dem ewigen Ratschluss hervor und wird Christus, dem Bräutigam, durch göttliche Kraft zugeführt. Dies geschieht durch ein abgrundtiefes Mysterium aus dem geheimen Ratschluss der göttlichen Geheimnisse im Himmel durch die höchste Majestät mit dem Eingeborenen Gottes verbunden.
Die Kirche, das ist die Gemeinschaft der erretteten Seelen: Als nämlich aus der verwundeten Seite meines Sohnes Blut strömte, begann alsbald die Errettung der Seelen. Vorbild für das Verhältnis der Seelen zu Christus ist das von Braut und Bräutigam: Demut und Liebe (caritas) sind die grundlegenden Tugenden. Die Kirche empfängt von ich die Wiedergeburt aus Geist und Wasser zusammen mit der Rettung der Seelen zur Wiederherstellung des Lebens. (201) Damit wird geheilt, was der Teufel mit seinem Anhang an Schaden angerichtet hat unter den Menschen. Was dieser durch Gewalt erreicht hat, wollte Gott durch Seinen Sohn nicht mit Macht, sondern mit Demut, Gerechtigkeit und Liebe heilen: Doch so hat Gott nicht gehandelt, denn er widerstand dem Werk der Bosheit durch äußerste Güte; er sandte nämlich seinen Sohn in die Welt. (202)
Weil also Gott der Vater die Welt durch die Hingabe seines Sohnes gerettet hat, indem der Sohn in seinem menschlichen Leib das Leiden des Kreuzes auf sich nahm, bringt die Kirche aus Dank und zu ihrer ständigen Erneuerung immer wieder diese Brautgabe dem Vater dar: Dort legt die Kirche in beständiger Aufmerksamkeit die Spuren ihrer Beispiele als ihre Brautgabe nieder, nämlich den Leib und das Blut des Gottessohnes, und opfert sie, indem sie diese mit größter Hingabe betrachtet, dem Schöpfer des Alls vor den Augen der lebendigen glühenden Leuchten, nämlich der Himmelsbürger, in der Unterwerfung des demütigen Gehorsams. (203)
Dabei birgt die Konsekration der Gaben von Brot und Wein durch die Herabrufung des Hl. Geistes ein besonderes Geheimnis: Wie das Fleisch meines eingeborenen Sohnes im unversehrten Schoß der Jungfrau Maria entstand und dann für das Heil der Menschen ausgeliefert wurde, so wird auch jetzt sein Fleisch immer wieder in der Unversehrtheit der Kirche vermehrt und zur Heiligung der Gläubigen ausgeteilt. Es besteht also ein Zusammenhang zwischen der Menschwerdung des Gottessohnes im Schoß der Jungfrau und Mutter Maria und der Verwandlung der Gaben von Brot und Wein in den Leib und das Blut unseres Herrn Jesus Christus: Es geht um ein und dasselbe Geheimnis, Geheimnis des Glaubens! Gottvater verherrlicht das Fleisch und Blut seines Sohnes durch die Heiligung des Heiligen Geistes in der Wandlung und teilt dann das Verherrlichte den gläubigen Menschen zu ihrem Heil aus.
Wenn der Priester an den Altar tritt, geschieht ebenfalls geheimnisvolles: Daher siehst du auch plötzlich unter dem Geleit von Engeln einen sehr hellen Lichtglanz aus dem Himmel kommen, der diesen Altar ganz umstrahlt, wenn der Priester, mit heiligen Gewändern bekleidet, an den Altar tritt, um die göttlichen Geheimnisse zu feiern. Wenn er das Opfer des Lammes darbringt, erstrahlt plötzlich die große Herrlichkeit des himmlischen Erbes … unter dem Dienst der Engel leuchtet sie aus dem Geheimnis des Himmels. Um den Dienst der Heiligung in der Welt vollziehen zu können, ist die Kirche auf diese heilige Gabe angewiesen: Wenn die Kirche durch die Stimme des Priesters ihre Brautgabe zurückverlangt, d. h. den Leib und das Blutvergießen meines Sohnes, damit sie selbst zum Heil der Seelen zu einer seligen Geburt fähig wird, weil sie auch in diesem Vergießen des kostbaren Blutes durch die große Zahl der Völker Zuwachs erhalten hat, dann erleuchte ich, der ich das unvergängliche Licht bin, in meiner Heiligkeit den Ort seiner Heiligung zur Ehre des Leibes und Blutes dieses meines Eingeborenen. (204)
Der Hl. Hildegard wird von Gottvater erklärt, welche Wirkung auf IHN, den Heiligen und Allmächtigen, der mit dem Sohn und dem Hl. Geist der Eine Allheilige Dreifaltige ist, die Opferung des Priesters auf einem irdischen Altar hat: Die Darbringung von Brot und Wein lassen IHN darauf achten, dass mein Sohn mir Brot und Wein beim Abendmahl vor seinem Tod darbrachte, als er von der Erde hinübergehen sollte. Dann sieht der Vater, dass er in der Stunde seines Leidens mir das gezeigt hat: Als er am Kreuzesholz sterben sollte, bestimmte er damit, dass ich sein Leiden stets vor Augen haben und es nicht aus meinem aufmerksamen blick tilgen sollte, sooft mir die fruchtbare Gabe des hochheiligen Opfers durch den Dienst des Priesters dargeboten wird. Denn auch er selbst hat im Vergießen seines Blutes mir das Brot und den Kelch dargebracht und so den Tod vernichtet und den Menschen aufgerichtet.
Wieder und wieder betont die Hl. Hildegard den Heiligen Lichtglanz, der ihr von Gott bezüglich der Feier der Hl. Messe gezeigt wird: Und du siehst, dass der erwähnte Lichtglanz solange auf dem Altar bleibt, bis nach Vollendung dieses Messopfers der Priester den Altar verlässt. (206) Die Kraft, die von diesem Lichtglanz ausgeht, bleibt solange auch im Menschen, solange er in ihn verweilt: Es ist nämlich würdig, dass die göttliche Majestät ihre Kraft in diesem fruchtbaren Sakrament in ganzer Fülle kundtut und weil auch, solange der Mensch in dem verweilt, was Gottes ist, die Hilfe Gottes ihn nicht verlässt.
Den Höhepunkt erreicht dieses Leuchten beim Gesang des ‚sanctus, sanctus, sanctus …‘: Da senkt sich plötzlich aus dem offenen Himmel ein feuriges Aufleuchten von unvorstellbarer Helligkeit auf diese Opfergaben herab. (206) So beginnt das Geheimnis des Aufstrahlens der Morgenräte … senkt sich eine Helligkeit von unfassbarer Erhabenheit über die Geheimnisse dieses Sakramentes hernieder. Über die Verwandlung des Brotes und des Weines in den Leib und das Blut Christi erfährt die Hl. Hildegard so viel: Es wird diese Opfergabe in meinem glühenden Geist in tiefstem Staunen so mit meinem Sohn eins, dass sie mit wahrhaftigster Gewissheit sein Fleisch und Blut wird. Dadurch wird die Kirche in fruchtbarstem Gedeihen gekräftigt. (207)
Sodann gewährt der Himmlische Vater der Hl. Hildegard noch genaueren Einblick in das Geschehen bei der Konsekration der Gaben von Brot und Wein in den Leib und das Blut Christi:
Denn während der erwähnte Lichtglanz diese Opfergabe, wie bereits gesagt, durchstrahlt, hebt er sie unsichtbar zu den Geheimnissen des Himmels empor. Denn dieser feurige Blitz hebt, wie gesagt wurde, dieses Sakrament mit seiner Helligkeit, überflutet mit unsichtbarer Kraft, zu jenen verborgenen Bereichen empor, die kein menschliches Auge zu schauen vermag, und senkt sie wieder hinab auf den Altar. Denn in Erwartung seines Mitherabsteigens legt er sie ganz sanft auf den geheiligten Tisch zurück, wie der Mensch seine Atemluft einzieht und wieder ausatmet, während er selbst den Hauch der lebendigen Lebenskraft, durch den er lebt, nach der wunderbaren Anordnung Gottes in sich einzieht und ihn, um leben zu können, wieder aus sich strömen lässt; so ist diese Opfergabe wahres Fleisch und wahres Blut geworden, obwohl sie in den Augen der Menschen wie Brot und Wein erscheint. … Die Helligkeit, die über dem Leib des Sohnes Gottes erschien, als er im Grab bestattet war, und ihn aus dem Todesschlaf erweckte, erstrahlt auch über dem Sakrament des Leibes und Blutes des Eingeborenen Gottes und verhüllt es so vor dem Blick der Menschen. (207f.)
Des Weiteren wird der Hl. Hildegard gezeigt, dass im Sakrament des Altares wie in einem Spiegel die Geheimnisse der Geburt, des Leidens, der Grablegung, Auferstehung und Himmelfahrt Christi in wahrer Offenbarung erscheinen. (210) Gottvater erklärt: Daher blicke ich auch immer auf diese Geburt, wenn ich täglich den Leib und das Blut meines Sohnes auf dem Altar meinem Namen geweiht erhalte. (226)
Mit welcher Haltung dieses Sakrament empfangen werden soll und welches die Wirkung des Empfanges dieses Sakramentes ist, beschreibt sie folgendermaßen: Und in dieser Liebe müssen die Gläubigen glühen, damit dieses Brot, das denen, die davon kosten, das Leben gibt, ihre Sinne festigt, die stets in Unbeständigkeit schwanken, damit die Absicht ihres Herzens sich nicht dem Bösen zuneigt, sondern mutig zu dem emporstrebt, was das Leben ist. … Dieses Brot aber ist das Fleisch meines Sohnes … sodass die es würdig empfangen, an Seele und Leib mit himmlischem Licht überflutet und von den Makeln ihrer inneren Unlauterkeit wahrhaft gereinigt werden. (217)
Bei der Feier dieser Geheimnisse ist Maria das große Vorbild: Mein Sohn ist aus der unversehrten Jungfrau geboren, die keinen Geburtsschmerz kannte, sondern in der Grünkraft [viriditas] ihrer Unberührtheit verblieben, wie Gras, über das der Tau des Himmels fällt, in der Herrlichkeit seiner Grünkraft prangt. … Obgleich aber diese Jungfrau aus dem Willen eines Mannes und einer Frau hervorgegangen war, gebar sie dennoch diesen ihren Sohn nicht auf diese Weise, sondern sie gebar ihn, den wahren Gott und Menschen, der vom Himmel kam, ohne den Willen eines Mannes in ihrer Unversehrtheit als den Reinsten. Weil sie ihn in ihrer Jungfräulichkeit ohne Makel als den Reinsten geboren hat, muss auch jetzt das Brot, das wirklich in sein Fleisch verwandelt wird und in seiner Unberührtheit ganz rein ist, von den Gläubigen in Herzensreinheit und ohne Beimischung eines Widerspruches empfangen werden. (219)
Bei der Gabenbereitung wird ja dem Wein vom Priester Wasser beigemischt. Dies hat in folgendem seinen Grund: … weil aus der Seite meines Sohnes Blut und Wasser flossen, sodass im Wein seine Gottheit erkannt und im Wasser seine Menschheit wahrgenommen wird. (223)
Es besteht ein Zusammenhang zwischen der Fleischwerdung des Gottessohnes im Schoß der Jungfrau und der Wandlung von Brot und Wein: Durch das Wunder, in dem mein Sohn aus der Jungfrau Fleisch annahm, wird diese Opfergabe in der Wandlung zu seinem Fleisch und Blut. … Als mein Sohn bei den Menschen auf Erden weilte, war er auch bei mir im Himmel; und jetzt, da er bei mir im Himmel weilt, bleibt er auch bei den Menschen auf der Erde. Doch das ist geistlich, nicht fleischlich. (227)
Auch das Geheimnis der Dreifaltigkeit ist im Altarsakrament vergegenwärtigt, nämlich in Brot, Wein und Wasser: denn unter dem Wein versteht man den Vater, unter dem Brot den Sohn und unter dem Wasser den Heiligen Geist. Keines von den Dreien darf fehlen: Also darf es bei diesem Sakrament keine Trennung geben, weil auch ich, der unteilbar bleibt, in drei Personen der eine Gott bin, wie auch das Denken, der Wille und das Werk im Menschen eins sind, ohne die es den Menschen nicht gibt. (231)