Gnade und Mühsal
Gedanken zu Worten aus: Hildegard von Bingen, Wisse die Wege, S. 462ff.
All unsere Werke, die bestand haben, sind einerseits Geschenk Gottes, Gnade, andererseits aber auch Frucht unseres Mühens, ja unserer Mühsal. Ohne unsere Anstrengung kann die Gnade nicht Gestalt annehmen. Dieses Sowohl-als-auch spielt in diesem Werk der Hl. Hildegard eine wichtige Rolle.
Die Wichtigkeit unserer Mitwirkung gipfelt in dem Satz: Deshalb verlange ich von dir das Martyrium.[1] Der Grund: Christus hat unsere Erlösung durch Leiden, durch Sein heiliges Martyrium erwirkt. Da wir an der gefallenen Welt Anteil haben, durch unseren Leib mitten in sie hineingestellt sind, ist eine große Anstrengung von uns erwartet: Das Gute also, das du von mir hast, musst du gegen dich lieben. Denn du bist dem Geist nach himmlisch, doch irdisch im Fleisch.[2] Uns ist die Gabe der Erkenntnis von Gut und Böse geschenkt. Diese Erkenntnis soll gelebt werden durch unsere Taten. Wir haben keine Entschuldigung: Im Geist der schärfsten Erkenntnis, von der du erfüllt bist, hast du alles in dir, was dir nützlich ist.[3] Es bedarf aber unsererseits der Anstrengung, um gegen alle Versuchungen des Bösen anzugehen: Durch mich hast du nämlich all das, mit dem du dich mühen kannst.[4]
Ohne unser Mühen gibt es aber keine ewigen Früchte in unserem Leben: Viele aber wollen ohne Mühe ihres Geistes und ihrer Denkkraft zu mir gelangen.[5] Wie aber ist diese Mühe des Geistes zu verstehen?
Eine Antwort auf diese Frage vermittelt die Hl. Hildegard in Bezug auf ein Wort aus der Hl. Schrift (Offb. 21,10f.), wo es heißt: Er entrückte mich im Geist auf einen großen, hohen Berg! Diese Bemerkung wird so gedeutet: Der Geist erhebt den Geist. Wie? In seiner Kraft zieht der Heilige Geist den Geist des Menschen von der Last des Fleisches fort, damit er mit der Schau der Augen jenes Geistes, der das Innere sieht, sich emporhebt, ohne von der Blindheit der fleischlichen Begierde umdunkelt zu sein.[6] Es wird hier gegenübergestellt der Heilige Geist als die dritte Person der Heiligsten Dreifaltigkeit und der Geist des Menschen. Der Geist des Menschen wird vom Heiligen Geist von der Last des Fleisches fortgezogen. Dies ist nur möglich, weil unser menschlicher Geist vom ‚Fleisch’ angezogen werden kann, weggezogen werden kann. Unser menschlicher Geist hat die Möglichkeit, sich nach unten, zum Fleisch, oder nach oben, zu Gott zu wenden. Das ‚Fleisch’ gehört dem Bereich der Schöpfung an, die dem Geist untergeordnet sein sollte, nach ursprünglichem Schöpfungsplan Gottes. Hintergrund ist also eine von Natur gegebene Hierarchie: die geistige Natur soll die körperliche Natur regieren. Die Gefallenheit der Welt aber macht die Umkehrung möglich. Ursache ist: Der Engel, Luzifer, der dem Schöpfer untergeben sein sollte, macht sich selbst zum Schöpfer und kippte die natürliche Ordnung. In diese Unordnung zog er die gefallene Welt mit hinein, besser gesagt: Gott ließ zu, dass diese Unordnung möglich wurde.
Der menschliche Geist nun hat die Fähigkeit, mit der Schau der Augen das Innere zu sehen und sich so zu Gott zu erheben. So ist der von der Blindheit frei, die aus der fleischlichen Begierde rührt. Fleischliche Begierde heißt hier: die natürliche Hinordnung auf den Geist umzukehren: den Geist an sich zu ziehen. Der Geist ist für den Geist Gottes bestimmt, nicht für das Fleisch. Der Geist Gottes soll Herr sein des menschlichen Geistes, nicht das irdische Fleisch.
Deshalb heißt es klar: Was bedeutet das? Der Heilige Geist hebt den Geist des Menschen empor zum Berg der himmlischen Sehnsüchte, damit er klar die Werke zu sehen vermag, die im Geist vollbracht werden müssen.[7] Die beständige Tätigkeit des Geistes Gottes ist es, unseren menschlichen Geist mit Sehnsucht nach dem Himmel zu erfüllen. Lässt der menschliche Geist sich so anziehen, bewirkt er in uns eine Sehnsucht nach dem Himmlischen. Diese unsere Hinwendung unseres Geistes zu Gott hin macht uns fähig, die Werke zu sehen, die im Geist vollbracht werden müssen.
Hier wird ein entscheidendes Kriterium für unsere Werke genannt: sie sollen im Geist vollbracht werden. Dies heißt andererseits, dass es menschliche Werke gibt, die nicht im Geist vollbracht sind, also allein ‚fleischlich’ verursacht wurden. Bei Hildegard wird hier von der Größe der Werke Gottes gesprochen[8]. Die Größe der Werke Gottes macht aus, dass sie wie ein Berg sind, die die ebene Erde überragen, wie ein unerschütterliches Fundament. Diese Größe der Werke Gottes ist von solcher Höhe, dass ein sterblicher Mensch sie mit seinem Verstand nicht erklären kann.[9] Ein Werk, das im Geist vollbracht ist, hat seinen Ursprung eben nicht im Menschen, sondern in Gott, auch wenn es ein Werk ist, das der Mensch vollbracht hat. Genau das ist die Wirkung der heiligmachenden Gnade Gottes auf den Menschen.
Und so werden der gläubigen Seele die Werke des Geistes offenbart, wie auch das himmlische Jerusalem ohne die Arbeit von Händen aus Fleisch durch das vom Heiligen Geist geschenkte Wirken geistlich errichtet werden muss. Denn die Größe und Höhe der heiligen Werke erscheint im Geist in dem Maße, wie ben diese Stadt mit den guten Taten geschmückt werden wird, die durch die Berührung des Heiligen Geistes in den Menschen geschehen.[10]
Der sogenannte Jüngste Tag wird all dies offenbar machen und ans Licht bringen, was jetzt nur verhüllt und im Geheimnis schon begonnen hat. Das Ziel der ganzen Schöpfung ist das vollkommene Werk im Sohn Gottes. [11]