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Vergebung

 

Aus: Ferdinand Ulrich, Gabe und Vergebung, S. 604f.

 

Die Vergebung selber macht diesen „ersten Schritt“ der bedingungslosen Liebe zu ihrer „Bedingung“, zur „Bedingung des Unbedingten“: „wenn ihr einander nicht vergebt, dann wird euch auch euer Vater nicht vergeben“. Hier geht es keineswegs um ein endliches Bedingungsverhältnis: „wenn-dann“. Vielmehr wird gesagt: „Euer einander Vergeben ist der gelebte, in der Liebe wirkende, fruchtbare Glaube an das absolute voraussetzungslose, un-bedingte Umsonst der Vergebung des Vaters. Euer erster Schritt ist in Fleisch und Blut das lebendige Zeugnis des absolut ersten Schrittes, den der Vater durch den Sohn im Hl. Geist der Liebe für euch und in euch tut. Euer Verzeihen ist die Fruchtbarkeit eures Geliebtseins, der Gegenwart Gottes in euch. Denn die ungeschuldete Zu-kunft meines Erbarmens seid ihr selbst geworden; ihr lebt aus dieser Vergebung, die das Herz des geschaffenen Seins als Gabe ist. Dieses Vergeben ist die Quelle eueres unbedingten Liebes-einsatzes. Ihr seid selbst zur voraussetzungslosen Vergebung ermächtigt. Ihr habt durch den einen Sohn, der euch das Gleichnis erzählt, die Vollmacht empfangen, selber Kinder Gottes zu werden, vollkommen wie euer Vater im Himmel vollkommen ist. Indem ihr Vergebung bedingungslos tut, glaubt ihr, daß sie euch un-bedingt geschieht, daß ihr sie bedingungslos empfangen habt. Ihre gelebte Gewesenheit in euch ist ihre unverfügbare Zukunft für euch.

So radikal abhängig hat sich die absolute Liebe des Vaters gemacht, dass sie aus uns, aus der reinen Endlichkeit, aus dem geschaffenen Geliebt-sein, aus der endlichen Freiheit, die voll der Liebe umsonst ist (gratia plena), ihren absolut „ersten Schritt“, den Sohn (die Vergebung in Person) erwartet: das Tun der Vergebung in Fleisch und Blut, das bezeugt, daß sich der Vater im Sohn vorbehaltlos weggeschenkt hat, daß das Wort Fleisch geworden ist, daß der Schöpfer, die ewige Liebe, aus seinem Geschöpf geboren wird, daß dieses Geschöpf der geschaffene Schöpfer seines ungeschaffenen Schöpfers ist: creatrix Creatoris creata, die Mutter der Barmherzigkeit.

 

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Hier beschreibt der Autor das wahre Wesen der Vergebung. Schritt für Schritt wollen wir uns diese Gedanken zu erschließen versuchen.

‚Bedingung‘ der bedingungslosen Liebe: Bedingung ist mit Bedacht in Anführungsstrichen gesetzt. Denn es handelt sich um eine Bedingung, die keine Bedingung ist. Denn es geht nicht um ein endliches Bedingungsverhältnis im Sinne von „wenn-dann“. Es handelt sich um eine Bedingung, die völlig offen lässt, in Liebe, was folgt, eine Bedingung, die in voller Freiheit einlädt, ohne irgendwie etwas zu erzwingen als Wirkung. Denn diese Bedingung stellt die bedingungslose Liebe, eine Liebe also, die keine Bedingungen stellt. Wahre Liebe nimmt sich völlig zurück, macht sich selbst völlig arm an Bedingungen. Sie ist reine Erwartung im Sinne von Bereitschaft zu empfangen. Sie ist eine Liebe, die sich ganz in die Hände des anderen legt und auf seine Freiheit im Tun hofft.

Es geht um eine Bedingung des Unbedingten: ein reines Angebot, ein reiner Hinweis, ein reines Darreichen, Darbieten, das den Angesprochenen völlig frei lässt.

Zitiert wird hier ein Wort Jesu zur Erklärung des Sinnes des Herrengebetes. In Mt 6,14f. heißt die Erklärung Jesu so: Wenn ihr nämlich den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, dann wird euer Vater auch euere Verfehlungen nicht vergeben. Wenn – dann: Wenn man anderen vergibt, dann vergibt der Vater; wenn man anderen nicht vergibt, dann wird auch Gott nicht vergeben. Hier geht es – nach F. Ulrich – um kein endliches Bedingungsverhältnis, wie wir leicht es versucht sind zu verstehen. Wie aber dann ist es zu verstehen?

Es geht um den Glauben an das Umsonst der Vergebung des Vaters. Diese Vergebung ist absolut voraussetzungslos: frei von jeder Voraussetzung, frei davon, dass ein Gesetz aufgestellt wird, dass ein Wenn-dann beschreibt. Die Vergebung wird gewährt ohne Bedingung, sie ist un-bedingt umsonst. Dieser Glaube muss gelebt werden, in der Tat sich zeigen, wirksam in der tätigen, annehmenden Liebe. Dieser Glaube muss fruchtbar sein, sich im Gemeinschaftsleben zeigen, Raum geben dem anderen zum Tätigsein in gleicher Weise.

Unser erster Schritt ist eine Antwort auf Gottes ersten Schritt: der Vater tut durch den Sohn im Hl. Geist den ersten Schritt für uns und in uns. Gott geht immer vor all unserem Tun auf uns zu. ER macht den ersten Schritt und wartet auf unseren ersten Schritt. ER kommt auf uns zu, macht für uns diesen ersten Schritt. Sein Warten wartet darauf, dass wir dann zulassen, dass ER in uns diesen ersten Schritt tut. Diesen ersten Schritt sollen wir in Fleisch und Blut tun, denn ER, der Sohn des Vaters, ist für uns Fleisch geworden, um in unserem Fleisch diesen ersten Schritt zu tun.

Diesen ersten Schritt tut der Vater durch den Sohn im Hl. Geist. Der Hl. Geist ist der Geist der Liebe. Der Vater handelt durch den Sohn: durch IHN und mit IHM und in IHM (Worte aus dem Hochgebet der Hl. Messe). Der Vater handelt im Hl. Geist: denn Gott ist ja die Liebe, der Hl. Geist ist die Liebe in Person.

Euer Verzeihen ist die Fruchtbarkeit eures Geliebtseins, der Gegenwart Gottes in euch. Wir sind von Ewigkeit her, von allem Anfang an von Gott geliebt: ER hat uns zuerst geliebt, schon immer, vom Ursprung her. Dass wir geliebt sind, bedeutet: ER ist selbst mit Seiner Liebe in uns. Diese Gegenwart des liebenden Gottes in uns bringt Frucht: Diese Frucht ist unser Verzeihen. Gott wird niemals sagen: Weil ich in dir bin, musst zu verzeihen, nein, seine Gegenwart in uns bringt Frucht und ist nicht eine von uns geforderte Leistung.

Denn die ungeschuldete Zu-kunft meines Erbarmens seid ihr selbst geworden; ihr lebt aus dieser Vergebung, die das Herz des geschaffenen Seins als Gabe ist. Alles geschaffene Sein ist geschaffenes Sein als Gabe. Das uns geschenkte Sein ist Gabe, Geschenk, uns übereignet, anvertraut, übergeben, uns in die Hand gegeben. Das Herz dieses geschaffenen Seins als Gabe ist die Vergebung: Ver-gebung im Sinne von Hingebung, Hingeben von Geschenktem, Zurückgabe einer Gabe, erwiderte Gabe. Somit ist unser ganzes Leben vom Wesen her Ver-gebung. Von Gott her kommt auf uns zu Sein Erbarmen, und zwar ungeschuldet, umsonst, gratis, ohne Vorbedingung, einfach so. Etwas, was auf mich zukommt, ist meine Zukunft, Zu-kunft. Unser Wesen als Geschöpfe des liebenden Gottes ist, dass wir ganz von dem Leben, was uns Gott zukommen lässt. So kann gesagt werden: Denn die ungeschuldete Zu-kunft meines Erbarmens seid ihr selbst geworden.

Dieses Vergeben ist die Quelle eueres unbedingten Liebes-einsatzes. Ihr seid selbst zur voraussetzungslosen Vergebung ermächtigt. Da wir Geschenk der Liebe sind, in unserem wahren Wesen, erwächst aus uns die tätige Liebe. Liebt einander, wie ich euch geliebt habe. Da wir uns gegeben sind, können wir anderen geben, können wir anderen ver-geben. Das uns die Vergebung gratis geschenkt, können wir sie gratis an andere weiterschenken: beschenken aus dem Beschenkt-sein.

Ihr habt durch den einen Sohn, der euch das Gleichnis erzählt, die Vollmacht empfangen, selber Kinder Gottes zu werden, vollkommen wie euer Vater im Himmel vollkommen ist. So beschreibt der Johannes-Prolog das Geschenk der Erlösung: Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, denen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind. (Joh 1,12f.) In diesem Lichte darf man das andere Wort Jesu aus der Bergpredigt verstehen, nicht also Forderung (ihr sollt, ihr müsst), sondern als Bevollmächtigung durch die Gnade: (Mt 5,48) Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist.

Indem ihr Vergebung bedingungslos tut, glaubt ihr, daß sie euch un-bedingt geschieht, daß ihr sie bedingungslos empfangen habt. Ihre gelebte Gewesenheit in euch ist ihre unverfügbare Zukunft für euch.

Dies hat nun weitreichende, atemberaubende Konsequenzen für uns, die wir mit dem Hl. Geist Gottes gesalbt sind:

Der absolut erste Schritt Gottes, des Vaters, ist Sein eigener Sohn Jesus Christus. Die absolute Liebe des Vaters erwartet von uns diesen absolut ersten Schritt, seinen eigenen Sohn. Wir dürfen dem Himmlischen Vater den Sohn schenken, den ER uns schon längst geschenkt hat: So radikal abhängig hat sich die absolute Liebe des Vaters gemacht, dass sie aus uns, … den Sohn (die Vergebung in Person) erwartet.

Das ist möglich, wenn wir ganz rein geworden sind, reine Geschöpfe des Anfangs: aus der reinen Endlichkeit, aus dem geschaffenen Geliebt-sein, aus der endlichen Freiheit, die voll der Liebe umsonst ist (gratia plena), ihren absolut „ersten Schritt“. Das Schauen auf Maria, die Unbefleckte Empfängnis, kann hier zum Verständnis helfen. Als Geschöpfe des Unendlichen Gottes sind wir: endlich. Reine Endlichkeit macht unser Geschöpf-sein aus. Der ungeschaffene Geliebte ist der Sohn Gottes selbst, der Geliebte des Vaters. Da wir nach Seinem Bild geschaffen sind, sind wir die geschaffenen Geliebten; unser Sein ist geschaffenes Geliebt-sein. Die göttliche Freiheit hat uns mit der endlichen Freiheit ausgestattet. Diese ist voll der Liebe umsonst: Der Engel sagt zu Maria und beschreibt ihr geschöpfliches Sein: Du bist voll der Gnade. Ihr Wesen ist: voll der Gnade. Ihr Name ist: Voll der Gnade. Sie, Maria ist die Unbefleckte Empfängnis selbst, ihr Wesen ist Empfängnis, Gott Empfangen, ganz, ungeteilt, voll.

Wir als erlöste Geschöpfe, gesalbt von Hl. Geist, sind vom Wesen das Tun der Vergebung in Fleisch und Blut: Unser Fleisch und Blut, unser Sein im Fleisch und Blut, im Leibe, ist genau dies: Tun der Vergebung, Tun, das von der Gabe lebt und diese Gabe ver-gibt an andere. Unser Leib ist Ver-gebung: hingeschenktes geschaffenes Sein als Gabe und Liebe.

Unsere Sendung ist zu bezeugen, daß sich der Vater im Sohn vorbehaltlos weggeschenkt hat, daß das Wort Fleisch geworden ist, daß der Schöpfer, die ewige Liebe, aus seinem Geschöpf geboren wird, daß dieses Geschöpf der geschaffene Schöpfer seines ungeschaffenen Schöpfers ist: creatrix Creatoris creata, die Mutter der Barmherzigkeit.

Maria ist die creatrix Creatoris creata: creatrix = Schöpferin, geschaffene (creata) Schöpferin, vom Schöpfer geschaffene Schöpferin des Schöpfers, Gottes selbst. Sie darf schöpfen, was sie geschöpft ist: voll der Gnade. Der ungeschaffene Schöpfer ist in seinem Ebenbild, den Menschen, selbst als Schöpfer gegenwärtig: der Mensch geschaffener Schöpfer, der schaffen darf in IHM.

Maria und mit ihr und in ihr alle erlösten Geschöpfe: geschaffene Schöpfer ihres ungeschaffenen Schöpfers.

Dies ist Barmherzigkeit: Maria – Mutter der Barmherzigkeit.