Aus Gott geboren sein
So manchem von uns ist das Wort von Angelus Silesius aus dem CHERUBINISCHEN WANDERSMANN bekannt, dass in der Weihnachtszeit immer wieder zitiert wird:
In dir muss Gott geboren werden (I 61)
Wird Christus tausendmal zu Betlehem geboren
Und nicht in dir, du bleibst noch ewiglich verloren.
Christus in uns geboren! Diese Wahrheit ist tief in der christlichen Botschaft verankert. Gerade im Johannes-Prolog finden wir dazu das Ur-Wort unsers Glaubens: Allen, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, denen, die an seinen Namen glauben, er, der nicht aus dem Blute und nicht aus dem Willen des Fleisches und nicht aus dem Willes des Mannes, sondern aus Gott geboren (gezeugt) wurde. [ ἐκ θεοῦ ἐγεννήθησαν] (Joh 1,12f.) Im ersten Johannesbrief finden wir einen gleichen Gedanken: Wir wissen, dass jeder, der aus Gott gezeugt ist, nicht sündigt. Sondern der aus Gott Gezeugte bewahrt ihn. [ὁ γεννηθεὶς ἐκ τοῦ θεοῦ] (5,18)
Fünfmal finden wir im Neuen Testament das Wort von den ‚Kindern Gottes‘ (τέκνα θεοῦ). Im 1. Johannesbrief (3,1.2) finden wir die Bemerkung: Seht, was für eine große Liebe uns der Vater geschenkt hat, dass wir Kinder Gottes genannt werden, und wir sind es. Deshalb erkennt die Welt uns nicht, weil sie ihn nicht erkannt hat. Geliebte, jetzt sind wir Kinder Gottes und noch ist nicht offen bar geworden, was wir sein werden.
Kinder Gottes zu sein bedeutet unendlich mehr als Geschöpfe Gottes zu sein, denn dies gilt für jeden Menschen dieser Schöpfung. Dass es etwas tieferes bedeutet, erklärt der Evangelist Johannes (1,12.13): Allen, die ihn aufnahmen, gab er (Voll-)Macht, Kinder Gottes zu werden, denen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind.
Geschöpf Gottes zu sein bedeutet: von Gott geschaffen sein. Gott ist der Schöpfer, der Mensch ist sein Geschöpf. Gott ist der Schöpfer bedeutet: Er ist der ursprungslose Ursprung von allem; Gott ist aus sich und nicht aus einem anderen. Geschöpf sein heißt: das eigene Dasein von einem anderen empfangen, nicht aus sich sein, sondern aus Gott. Geschöpf sein heißt: seinen Ursprung nicht in sich, sondern in einem anderen haben, nämlich in Gott, dem Schöpfer.
Kind Gottes sein aber heißt nach dem Evangelisten Johannes: aus Gott geboren sein. Das Geschöpf Gottes wird Kind Gottes durch seine Geburt aus Gott.
Paulus spricht von ihnen in Röm 8,12-17: Wir sind also, Brüder, nicht dem Fleisch verpflichtet, dem Fleisch gemäß zu leben. Wenn wenn ihr nach dem Fleisch lebt, müsst ihr sterben. Wenn ihr aber durch den Geist die Taten des Leibes tötet, werdet ihr leben. Denn all, die sich vom Geist Gottes leiten lassen, sind Söhne Gottes (υἱοὶ θεοῦ). Ihr habt doch nicht einen Sklavengeist empfangen, dass ihr euch wieder fürchten müsstet, sondern ihr habt den Geist der Sohnschaft (πνεῦμα υἱοθεσίας) empfangen, in dem wir rufen: Abba, Vater! Der Geist selbst bezeugt unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind. Wenn aber Kinder, dann auch Erben, Erben Gottes, Miterben Christi, wenn wir mitleiden, um auch mitverherrlicht zu werden.
Und in Phil 2,14.15: Tut alles ohne Murren und Widerstreben, damit ihr rein seid und lauter, Kinder Gottes ohne Makel mitten in einer verdrehten und verkehrten Generation, unter der ihr leuchtet als Lichter in der Welt.
Hier hören wir also die geheimnisvolle und gewaltige Botschaft: Wir sind aus Gott Geborene, aus Gott Gezeugte.
Aus Gott geboren sein: In seinem Werk GABE UND VERGEBUNG geht Ferdinand Ulrich auf dieses Geheimnis ein (S. 215, Anm. 86). Seine Hinweise können uns helfen uns darein zu vertiefen.
Sowohl im Evangelium nach Johannes wie auch in den Briefen des Johannes finden wir die ersten Hinweise darauf. Im Prolog finden wir die Worte: die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind. (Joh 1,13) Im griechischen Original: ἐκ θεοῦ ἐγεννήθησαν . Im Gespräch mit Nikodemus erwähnt Jesus: Was aus dem Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; was aber aus dem Geist geboren ist, das ist Geist. (Joh 3,6) (τὸ γεγεννημένον ἐκ τοῦ πνεύματος). Und im ersten Brief lesen wir: Wir wissen: Wer von Gott stammt, sündigt nicht, sondern der von Gott Gezeugte bewahrt ihn und der Böse tastet ihn nicht an. (1 Joh 5,18; ὁ γεννηθεὶς ἐκ τοῦ θεοῦ). Dieses Aus-Gott-geboren-Sein hat nach Paulus die Wirkung, dass wir alle Einer im Sohn sind: denn ihr alle seid »einer« in Christus Jesus (πάντες γὰρ ὑμεῖς εἷς ἐστε ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ; Gal 3,28).
Der Einzig-geborene des Vaters ist Jesus als der Sohn Gottes (lat. uni-genitus). Er ist durch den Hl. Geist in der Virgo-Mater (Maria als Jungfrau und Mutter zugleich) der Erst-geborene in vielen Brüdern (Röm 8,29; primo-genitus). Seiner göttlichen Natur nach ist Jesus der Einzig-geborene des Vaters, aus Gott geboren vor aller Zeit, und so auch der einzige. In diesem Sinne gibt es nur einen Sohn Gottes, und nicht viele. So ist uns das Geheimnis der Dreifaltigkeit offenbart. Seiner menschlichen Natur nach ist Jesus aber der Erst-geborene unter vielen Brüdern, nämlich allen Getauften. Jesus ist unter uns der Erst-geborene, und wir sind in dem einzigen Sohn des Vaters durch den Hl. Geist aus Gott geboren, also seine Söhne (und Töchter; Sohnsein ist hier nicht als geschlechtliche Aussage zu verstehen). [im Griechischen: Röm 8,29: πρωτότοκον ἐν πολλοῖς ἀδελφοῖς; Kol 1,15: ὅς ἐστιν εἰκὼν τοῦ θεοῦ τοῦ ἀοράτου, πρωτότοκος πάσης κτίσεως]
Im Brief an die Galater führt Paulus dieses Geheimnis weiter aus (4,4-6): Denn „als die Zeit erfüllt war sandte Gottseinen Sohn, geboren von einer Frau, dem Gesetz untertan, damit er die unter dem Gesetz freikaufe (loskaufe), damit wir die Sohnschaft empfangen (wiedererlangen). Weil ihr aber Söhne seid hat Gott den Geist seines Sohnes in unsere Herzen gesandt, der ruft: ‚Abba, Vater‘“. Dieses Geheimnis tritt ein „als die Zeit erfüllt war“ (die Fülle der Zeit gekommen war: ἦλθεν). Aus dem absoluten Geheimnis der trinitarischen Liebe heraus sendet Gott seinen Sohn aus: Der Sohn tritt heraus aus dem Dreifaltigen leben in unsere Welt, ohne aber diese Gemeinschaft des Dreifaltigen zu verlassen. Er tut dies im Liebes-Gehorsam als der im Hl. Geist Gezeugte, ganz und gar freiwillig, ohne Zwang und Nötigung. Der Vater sendet also „seinen Sohn, geboren von einer Frau, dem Gesetz untertan“ (unterstellt), „damit er die unter dem Gesetz freikaufe (loskaufe), damit wir die Sohnschaft (υἱοθεσία: die Annahme an Sohnes statt) empfangen (wiedererlangen).“ Wir also, die Erlösten, empfangen die ‚Sohnschaft‘, die uns aus Gott geboren sein lässt. Paulus weiter: „Weil ihr aber Söhne seid (ἐστε υἱοί) hat Gott den Geist seines Sohnes“ (seines Einzig-geborenen) „in unsere Herzen gesandt, der ruft (schreit: κρᾶζον): ‚Abba, Vater‘“ (Gal 4,4-6)
Wir Menschen, wir Geschöpfe, gehören zur Schöpfung, und diese Schöpfung ist das geschaffene Sein als Liebe. Gott ist das ungeschaffene Sein als Liebe. Die Schöpfung war in ihrem Urzustand Abbild des Seins als Liebe, doch durch den Sündenfall hat sie die Ähnlichkeit mit Gott, der die Liebe ist, verloren. Der Gottmensch Jesus Christus hat durch sein Opfer die Erlösung gebracht, so dass die Ähnlichkeit wiederhergestellt wurde. F. Ulrich zitiert sodann Dante aus seiner Göttlichen Komödie: „Und jetzt schau in das Angesicht, das Christus am ähnlichsten“ (denn es ist das Bild, die Ikone, des Sohnes vom Vater, vgl. Röm 8,29), „weil ihre Klarheit nur dich vorbereiten kann, den Sohn zu schauen“, so Bernhard v. Clairvaux zu Dante (Div. Dom., Para. 32, 85-87). Der Vater will, dass wir diesem Bild seines Sohnes (τῆς εἰκόνος τοῦ υἱοῦ αὐτοῦ Röm 8,29) gleichgestaltet (συμ-μόρφους) sind.“ [Röm 8,29: ὅτι οὓς προέγνω, καὶ προώρισεν συμμόρφους τῆς εἰκόνος τοῦ υἱοῦ αὐτοῦ, εἰς τὸ εἶναι αὐτὸν πρωτότοκον ἐν πολλοῖς ἀδελφοῖς]
Besonders aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang der sogenannte Kolosser-Hymnus (Kol 1,12-20). Hierin ist das ganze Geheimnis Jesu als des Christus zusammengefasst.
12 Dankt dem Vater mit Freude!
Er hat euch fähig gemacht, Anteil zu haben am Los der Heiligen im Licht.
13 Er hat uns der Macht der Finsternis entrissen und
in das Reich seines geliebten Sohnes versetzt.
14 In ihm haben wir die Erlösung, die Vergebung der Sünden.
15 Er ist das Bild [εἰκὼν τοῦ θεοῦ τοῦ ἀοράτου] des unsichtbaren Gottes,
der Erstgeborene der ganzen Schöpfung [πρωτότοκος πάσης κτίσεως].
16 Denn in ihm wurde alles erschaffen
im Himmel und auf Erden,
das Sichtbare und das Unsichtbare,
Throne und Herrschaften, Mächte und Gewalten;
alles ist durch ihn und auf ihn hin geschaffen.
17 Er ist vor allem,
in ihm hat alles Bestand.
18 Er ist das Haupt des Leibes, der Kirche.
Er ist der Ursprung [ἀρχή],
der Erstgeborene aus den Toten [πρωτότοκος ἐκ τῶν νεκρῶν ];
so hat er in allem den Vorrang.
19 Denn es gefiel der ganzen Fülle, in ihm Wohnung zu nehmen [πᾶν τὸ πλήρωμα ]
20 und durch ihn und auf ihn hin alles mit sich [in sich hinein] zu versöhnen
[ διʼ αὐτοῦ ἀποκαταλλάξαι τὰ πάντα εἰς αὐτόν],
indem er Frieden stiftete durch sein Blut am Kreuz,
sei es auf der Erde oder im Himmel.
Jesus Christus ist als der Ewige Sohn des Vaters vor aller Schöpfung; Er ist der Ursprung von allem. Durch ihn und auf ihn hin hat Gott alles geschaffen. Er, der Sohn Gottes, ist das Bild, die Ikone des unsichtbaren Gottes. Der Mensch, Gottes Geschöpf, ist nach / gemäß diesem Bild, das der Sohn des Vaters ist, erschaffen, in vollkommener Ähnlichkeit. Durch die Überschattung des Hl. Geistes ist der Sohn des Vaters der vollkommene Mensch geworden in Maria, der Jungfrau, in vollkommener Ähnlichkeit. In Ihm, dem Gottmenschen, wohnt die ganze Fülle Gottes. So ist Er der Erstgeborene der ganzen Schöpfung; er hat den geschaffenen Menschen, Adam, in seiner ursprünglichen Vollkommenheit, in Seine Ewige Geburt als Sohn des Vaters aufgenommen. Durch seine vollkommene Hingabe, das vollkommenes Opfer seiner selbst, hat der den Menschen aus der Un-Ähnlichkeit befreit. So ist er der Erstgeborene der Toten durch Seine Auferstehung. So fasst er den Menschen in sich zusammen, in der Kirche, die Sein Leib ist, wovon Er das Haupt ist.
Schauen wir nun, wie Angelus Silesius in seinem CHRUBINISCHEN WANDERSMANN dieses Geheimnis immer wieder versucht zu umkreisen, in seiner Sprache voller Mystik.
Die geheime adelige Geburt (VI 234)
Aus Gott bin ich geborn, erzeugt in seinem Sohn,
Geheiligt im Geist, dies ist mein Adelskron.
Ebenfalls im Johannes-Prolog wird Jesus der Einziggeborne und Gott genannt, der im Schoß des Vaters ist: μονογενὴς θεὸς ὁ ὢν εἰς τὸν κόλπον τοῦ πατρὸς. Im Credo beten wir dies immer wieder: Filium Dei Unigenitum. Jesus ist als Sohn Gottes der Einziggeborene des Vaters, der eine Gott, aus dem Vater gezeugt in Ewigkeit, nicht geschaffen, eines Wesens mit Ihm.
Die große Gnade, die uns nun zuteilwird: Wir dürfen – durch das Wirken des Hl. Geistes – in seinem Sohn auch aus Gott geboren werden. Der Ewige Sohn gibt uns, Geschöpfen, Anteil an dieser Geburt seines Vaters. Der Sohn ist der Ewig Gezeugte, ich darf in meinem Geschaffensein in diese Ewige Geburt eingehen.
Er, durch den und auf den hin ich geschaffen bin, durch den und auf den hin alles erschaffen ist, Er lässt mich teilnehmen an Seiner Ewigen Geburt aus dem Vater; Er nimmt mich auf in diese einzigartige Gemeinschaft, die Er mit dem Vater im Hl. Geist ist. Er krönt mein Geschöpfsein mit der Krone der Gottheit. Er, der mein Anfang ist, Er lässt mich eingehen in den Schoß des Vaters, lässt mich mit Ihm ruhen an der Brust des Vaters. Oh großes Geheimnis, das mir zuteilwird!
Von Gott geboren werden ist gänzlich Gott sein (VI 134)
Gott zeuget nichts als Gott; zeugt er dich seinen Sohn,
So wirst du Gott in Gott, Herr auf des Herren Thron.
Nun wagt sich Angelus Silesius noch weiter vor. Gott zeuget nichts als Gott. Zeugen heißt: das eigene Wesen weitergeben, so dass es das eigene Wesen bleibt. Wenn der Vater den Sohn zeugt, dann ist der Sohn der eine Gott mit Ihm selbst. Im Hl. Geist zeugt Gott nun mich zu seinem Sohn im Sohn Jesus Christus. An seiner Sohnschaft erhalten wir Anteil. Jesus der Sohn, ich Sohn in Jesus, Seinem Sohn. Alle, die sich vom Geiste leiten lassen, sind Söhne Gottes (vgl. Röm 8,14). Durch den Glauben sind wir alle Söhne Gottes in Christus Jesus (Gal 3,26). Gott erhebt uns in Seinen Sohn auf den Ewigen Thron.
Nichts Höheres ist als Gottes Sohn sein (VI 236)
Gotts Sohn ist Gott, mit Gott regiert auf einem Thron;
Nichts Höhers ist als ich, wenn ich bin dieser Sohn.
Der Ewige Sohn des Vaters nimmt uns hinein in die Herrlichkeit, die Er beim Vater von Ewigkeit in Ewigkeit hat. Wir sind getauft in den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Was dem Sohn von Ewigkeit her zuteil ist, das wird uns geschenkweise zuteil, gratis.
Höchste Geburt, höchste Freude (VI 131)
Die höchste Freud und Lust, die Gott mir kann gewährn,
Ist, dass er ewig wird mich, seinen Sohn, gebärn.
Nicht nur: von Gott geschaffen, aus reiner Liebe ins Dasein gegeben, das Dasein als Geschenk empfangen, verdankt sein aus grund-loser Liebe, sondern darüber hinaus mehr: ewig geboren werden als Sohn aus Gott, das ist für uns Geschöpfe die größte Freude. Das Ziel unseres geistlichen, inneren Lebens muss es also sein: alles, was uns ausmacht, aus Gott geboren sein lassen, - dies bedeutet dauerhaften Frieden, dies bedeutet: die Sünde besiegen. Denn Sünde ist Trennung. Aus Gott geboren sein heißt leben in Fülle, ohne Einschränkung. Aus Gott geboren sein ist wahre Lebendigkeit, Wachheit.
Wer will, wird Gott geboren (VI 129)
Von Gott wird Gott geborn; soll er dich denn gebärn,
So musst du ihm zuvor den Willn dazu gewährn.
Das Geheimnis unserer Vergöttlichung: Sie bedeutet nicht, dass wir Gott sind, denn das wäre Blasphemie, Gotteslästerung, sondern Vergöttlichung heißt: in Gott, in Jesus Christus, seinem Sohn, vom göttlichen Leben so durchdrungen sein, dass die Ähnlichkeit des Ursprungs (nach dem Bilde Gottes geschaffen, Ihm ähnlich) voll aufstrahlt und uns zu wahren Ikonen Gottes macht. Der Schlüssel zu dieser Gottähnlichkeit: der Wille. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. Gottes Willen Raum geben heißt: Gottes Herrlichkeit strahlen lassen in allen Fasern unseres Wesens und Daseins. Wille hießt Verfügungsgewalt über das eigene Wesen, Ausrichtung. Frei ist der Wille, wenn er der Liebe vollkommenen Raum geben kann. Der Wille vermag das eigene Wesen in die vollkommene Armut zu geben, denn: Selig die Armen dem Geiste nach, den ihnen gehört das Himmelreich. Diese Armut eröffnet Reichtum, eröffnet das eigene Wesen für den Reichtum der Fülle Gottes. So kann, wer will, Gott geboren werden.
Ähnlich heißt es so:
Die Vereinigung mit Gott ist leicht (VI 175)
Mensch, du kannst dich mit Gott viel leichter eines sehn
Als man ein Aug auftut; will nur, so ists geschehn.
Der Wille verfügt ein Geschehen in Nu, ohne zeitliche Erstreckung, hier und jetzt, unverzüglich.
Aus und ein, Gebären und Geborensein (II 112)
Wenn du in Wahrheit kannst aus Gott geboren sein
Und wieder Gott gebären, so gehst du aus und ein.
Heißt doch lieben: ein und aus gehen, nehmen und empfangen in eins, ganz arm werden, um für die Fülle offen zu sein. Da gibt es nicht mehr das verschlossene Innen, und das ist Außen nicht Ausschluss. Außen und innen sind einander hingegeben, tauschen einander aus, machen sich füreinander leer, damit sie füreinander voll werden. Mir geschehe nach Deinem Wort. Das Wort kann eintreten und austreten, hingeben und herein-geben.
Der Sohn Gottes wird in dir geboren (V 252)
Mensch, schickst du dich dazu, so zeugt Gott seinen Sohn
All Augenblick in dir gleichwie in seinem Thron.
So verschwendet der Vater Seinen einziggeborenen Sohn: Immerwährend, ständig, ununterbrochen, fließend schenkt Gott die Geburt Seines Sohnes in mir und in dir, in uns, die wir eins sind in Ihm. Es ist der Thron der Krippe von Betlehem: die Krippe der Armut als Ort der Fülle. In dieser Armut geschieht unendlicher Austausch: Gott gibt seine Herrlichkeitsfülle in die große Armut, damit unsere Armut von seiner Fülle empfängt. Gott zeugt Sein Leben in uns hinein: lebendige Fülle der Liebe.
Die dreierlei Geburt (V 249)
Maria, die gebiert den Sohn Gotts äußerlich,
Ich inner mir im Geist, Gott-Vater ewiglich.
Äußerlich nicht im negativen Sinne: äußerlich im Sinne des Fleisches, des ‚letzten‘ Ortes der Selbstverschenkung des Geistes der Liebe. Der Geist Mariens in solch freier Empfänglichkeit, dass nichts den Geist in ihr hindert, Er Fleisch werden kann ohne Mangel und Einschränkung.
Zweierlei seiner selbst Verlierung (VI 170)
Ich kann mich selbst verliern? ja! bös ists, wenn in Tod;
Glückselig preis ich dich, verlierst du dich in Gott.
Zweierlei Verlieren gibt es: ein Verlieren hinein in den Tod, und ein Verlieren hinein in das Leben. Was macht den Unterschied? Ist nicht verlieren verlieren? Wir kennen das Wort Jesu: Wer sein Leben verliert, wird es gewinnen. Wer es aber zu gewinnen trachtet, der wird es verlieren. Geht es um ein festhaltendes Verlieren, so wartet der Tod. Geht es aber um ein freigelassenes Verlieren, dann wartet Gewinn. Es geht hier wieder um die Hingabe der Liebe. Ich kann aus Angst geben, dann verliere ich auf immer. Ich kann im Vertrauen geben, dann gewinne ich auf immer.
Gott ist unser Ziel (VI 152)
Was macht nicht Gott aus sich; er ist meins Herzens Ziel,
Ich schieße stets nach ihm, ich treff ihn, wenn ich will.
Hier geht es um den Schuss mit einem Pfeil aus einem Bogen: Ich selber bin der Pfeil, den ich auf Gott ausrichten muss. Wieder ist es der Wille, der den Pfeil lenkt, damit er in Ihm landet.
Das Überunmöglichste ist möglich (VI 153)
Du kannst mit deinem Pfeil die Sonne nicht erreichen;
Ich kann mit meinem wohl die ewge Sonn bestreichen.
Aus Gott geboren werden: eine Unmöglichkeit! Für uns ja, für Gott nicht. Die Sonne mit einem Pfeil erreichen ist unmöglich: unmöglich ist es aus uns Gott zu erreichen. Doch wenn Gott dies vollbringt: Nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen Dir, dann kann Gott den Pfeil der Liebe meines Herzens ihn selbst bestreichen. Das Überunmöglichste ist möglich: Bei Menschen ist es unmöglich, bei Gott ist alles über-möglich, nämlich durch das Nadelöhr zu Ihm zu gelangen.
Gott mit Gott werden ist alles mit ihm sein (VI 135)
Wer Gott mit Gott gewird, ist mit ihm eine Freud,
Ein ewge Majestät, ein Reich und Herrlichkeit.
Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen. Wie oft beten wir dies. Doch was bedeutet es? Hier ist es ins Wort gefasst. Gott kann durch die Geburt aus dem Hl. Geist wirken, dass wir alles mit ihm sind. Mit Gott können wir in Ihn eingehen, besser: Er lässt uns in Ihn eingehen mit Ihm. Wahre Freude, die nicht vergeht, sprudelt, wenn wir Gott mit Gott werden, wenn Gott uns so sich zu eigen gibt, dass ein Ineinander wird, wir in Ihm, Er in uns.
Wie man so selig als Gott wird (VI 133)
Gott ist das Seligste. Willst du selig sein,
So dring in die Geburt des Sohnes Gottes ein.
In die Geburt des Sohnes Gottes eindringen: dies kann in räuberischer Weise versucht werden, wird dann aber alles verlieren, wird in den Tod versinken. Wenn dies aber als ein Geschenk der Liebe angenommen wird, öffnet sich die unendliche Tür des Lebens und des Lichtes: Kommt alle, die ihr mühselig und beladen seid! Tretet ein! Kommt zum Mahl des Lebens! Ich bin Eure Speise.
Gottes einige Seligkeit (VI 132)
Gebärn ist selig sein. Gotts einge Seligkeit
Ist, dass er seinen Sohn gebiert von Ewigkeit.
Das ist die Freude der Ewigen Liebe, die Freude des Dreifaltigen Gottes. Darum ist die größte Gabe Gottes die Freude, Ewige Freude, Friede, Ewiger Friede: Der Friede sei mit Euch, spricht der Auferstandene unablässig zu uns, uns in unser Herz. Das Kind in der Krippe breitet die Hände aus uns spricht: Komm in meine Arme! Selig die Arm sind dem Geiste nach, denn ihnen gehört das Himmelreich.
Nichts werden ist Gott werden (VI 130)
Nichts wird, was zuvor ist; wirst du nicht vor zu nicht,
So wirst du nimmermehr geborn vom ewgen Licht.
Nichts werden? – Ein Widerspruch in sich? Wie kann, wer ist, zu nichts werden? Wer nichts geworden ist, ist, aber einer, der nicht für sich ist, sondern ganz hingegeben für IHN. Hier liegt der Schlüssel. Selbstvernichtung? Vernichtung des Selbst in ein Du, das ist Selbstwerdung. So werden wir selber, aber nicht selbst.
Hören wir weiter, sind doch wohl alle diese Worte aus eigener Erfahrung erwachsen, in der Begegnung mit dem Lebendigen, dem Dreifaltigen:
Wer zu Gott will, muss Gott werden (VI 128)
Wird Gott, willst du zu Gott; Gott macht sich nicht gemein,
Wer nicht mit ihm will Gott und das, was er ist, sein.
Alles um Alles (VI 105)
Die Seligkeit ist alls. Wer alles will erheben,
Der muss auch zuvoran hier alls um alles geben.
Die heilige Seele (VI 14)
Ein neus Jerusalem, ein ausgebautes Schloß,
Ein Reich, das jedem Feind zu stark ist und zu groß,
Ein Mägdlein, die versetzt in der Göttinnen Orden,
Ist, Jungfrau, deine Seel, die Gotts Gemahlin worden.
Die geistliche und ewige Geburt sind eins (V 250)
Die geistliche Geburt, die sich in mir eräugt,
Ist eins mit der, durch die den Sohn Gott-Vater zeugt.
Die Geburt Gottes währt immer (V 251)
Gott zeugt seinen Sohn; und weil es außer Zeit,
So währet die Geburt auch bis in Ewigkeit.
Wenn der Mensch Gott ist (V 233)
Eh als ich Ich noch war, da war ich Gott in Gott,
Drum kann ichs wieder sein, wenn ich nur mir bin tot.
Wer Gott siehet (V 165)
Gott ist ein ewger Blitz; wer kann ihn sehn und leben?
Wer sich in seinen Sohn, sein Ebenbild, begeben.
Du musst vergöttet werden (II 74)
Christ, es ist nicht genug, dass ich in Gott nur bin;
Ich muss auch Gottessaft zum Wachsen in mich ziehn.