Selbstverleugnung
Wir finden das Wort ‚verleugnen‘ (ἀπαρνέομαι, das insgesamt nur 11 Mal in MT vorkommt) im negativen und im positiven Sinne in den Evangelien.
Verleugnung im negativen Sinne:
Auf seinem Leidensweg ‚verleugnet‘ Petrus Jesus: er weist weit von sich, Jesus zu kennen, um sich selbst zu schützen. Dieses ‚Verleugnen‘ bereut Petrus sehr.
Mt 26: 33 Petrus erwiderte ihm: Und wenn alle an dir Anstoß nehmen – ich niemals! 34 Jesus entgegnete ihm: Amen, ich sage dir: In dieser Nacht, noch ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. 35 Da sagte Petrus zu ihm: Und wenn ich mit dir sterben müsste – ich werde dich nie verleugnen. Das Gleiche sagten auch alle anderen Jünger.
Par. Mk 14: 29 Da sagte Petrus zu ihm: Auch wenn alle (an dir) Anstoß nehmen – ich nicht! 30 Jesus antwortete ihm: Amen, ich sage dir: Noch heute Nacht, ehe der Hahn zweimal kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. 31 Petrus aber beteuerte: Und wenn ich mit dir sterben müsste – ich werde dich nie verleugnen. Das gleiche sagten auch alle anderen.
Par. Lk 22: 33 Darauf sagte Petrus zu ihm: Herr, ich bin bereit, mit dir sogar ins Gefängnis und in den Tod zu gehen. 34 Jesus erwiderte: Ich sage dir, Petrus, ehe heute der Hahn kräht, wirst du dreimal leugnen, mich zu kennen.
Die Reue des Petrus ist groß, weil er Jesus verleugnet hat:
Mt 26: 75 und Petrus erinnerte sich an das, was Jesus gesagt hatte: Ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Und er ging hinaus und weinte bitterlich.
Par. Mk14: 71 Da fing er an zu fluchen und schwor: Ich kenne diesen Menschen nicht, von dem ihr redet. 72 Gleich darauf krähte der Hahn zum zweiten Mal, und Petrus erinnerte sich, dass Jesus zu ihm gesagt hatte: Ehe der Hahn zweimal kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Und er begann zu weinen.
Par. Lk 22: 60 Petrus aber erwiderte: Mensch, ich weiß nicht, wovon du sprichst. Im gleichen Augenblick, noch während er redete, krähte ein Hahn. 61 Da wandte sich der Herr um und blickte Petrus an. Und Petrus erinnerte sich an das, was der Herr zu ihm gesagt hatte: Ehe heute der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. 62 Und er ging hinaus und weinte bitterlich.
Hier also finden wir ‚verleugnen‘ in dem Sinne, dass man nicht zu jemanden in Schwierigkeiten stehen kann, an seiner Seite bleiben kann, wenn es zu schweren Situationen kommt.
In ähnlicher Weise finden wir dieses Verhalten erwähnt bei Lukas:
Lk 12: 8 Ich sage euch: Wer sich vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem wird sich auch der Menschensohn vor den Engeln Gottes bekennen. 9 Wer mich aber vor den Menschen verleugnet, der wird auch vor den Engeln Gottes verleugnet werden. 10 Jedem, der etwas gegen den Menschensohn sagt, wird vergeben werden; wer aber den Heiligen Geist lästert, dem wird nicht vergeben.
Vgl. Lk 9,25-26: Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, sich selbst aber verliert und zugrunde geht? Denn wer sich meiner und meiner Worte schämt (ἐπαισχύνομαι), dessen wird sich der Menschensohn schämen, wenn er kommen wird in seiner Herrlichkeit und der des Vaters und der heiligen Engel.
Vgl. Mk 8: 38 Denn wer sich vor dieser treulosen und sündigen Generation meiner und meiner Worte schämt, dessen wird sich auch der Menschensohn schämen, wenn er mit den heiligen Engeln in der Hoheit seines Vaters kommt.
Hier also geht es darum, sich zur Wahrheit eines Menschen, in diesem Fall Jesu Christi, zu bekennen. Das Gegenteil ist die Verleugnung.
Jesus spricht aber auch von einer positiven Haltung des Verleugnens, nämlich davon, dass wir uns selbst ‚verleugnen‘ sollen. Diese Haltung der ‚Selbstverleugnung‘ soll hier ein wenig genauer angeschaut werden. Was bedeutet: Sich selbst verleugnen? Bedeutet Selbstverleugnung nicht Selbstzerstörung? – In Kürze gesagt: Es geht darum, im positiven Sinne sich und der Welt und Gott zu sterben, um sich selbst, der Welt und Gott zu leben. Es geht um den Tod, der zum Leben gehört, der das Leben ausmacht, und nicht um den Tod, der das Leben zerstört. Es geht nicht um den Tod, der das Leben ausschließt, sondern um Tod und Leben, die sich selbig füreinander verwenden (Ferdinand Ulrich).
Im Evangelium nach Matthäus finden wir diese Worte Jesu:
Mt 16: 24 Darauf sagte Jesus zu seinen Jüngern: Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. 25 Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen. 26 Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sein Leben einbüßt? Um welchen Preis kann ein Mensch sein Leben zurückkaufen? 27 Der Menschensohn wird mit seinen Engeln in der Hoheit seines Vaters kommen und jedem Menschen vergelten, wie es seine Taten verdienen. 28 Amen, ich sage euch: Von denen, die hier stehen, werden einige den Tod nicht erleiden, bis sie den Menschensohn in seiner königlichen Macht kommen sehen.
‚Der verleugne sich selbst‘ ist im griechischen Original als Imperativ Aorist formuliert: Habe dich selbst verlassen! Habe auf dich als Besitz verzichtet! Dieser Vorgang ist abgeschlossen: Nicht mehr auf dem Besitz des eignen Selbst sitzend, sondern von sich selbst weggegangen sein. Nicht im Gefängnis des eigenen Ich geblieben sein, sondern das Ich zum Du gemacht haben. Es geht also um die wahre Hingabe des eigenen Lebens. Das Ich zum Ich machen, dass den Tod der Selbstbezogenheit gestorben ist und sich aufgemacht hat zur Hingabe des eigenen Lebens, an den Nächsten, vor allem an Gott.
Wesenszüge der Selbstverleugnung sind also:
- das eigene Kreuz auf sich nehmen,
- dieses Kreuz nicht von sich weisen, sondern annehmen,
- Christus nachfolgen, im Sinne von: ihm ähnlich werden;
- Christi Leben teilen, das ganz in Gott geblieben ist und doch sich entäußert hat
- Solch eine Gesinnung haben, wie sie auch in Christus Jesus war (Phil 2,5)
- Das eigene Leben um Jesu willen verlieren, um es zu retten, zu gewinnen.
- Das Ziel: das wahre Leben zu finden, zu gewinnen; in Jesus den lebendigen Gott finden (Mt 16,16).
Par. Mk 8: 34 Er rief die Volksmenge und seine Jünger zu sich und sagte: Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. 35 Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen und um des Evangeliums willen verliert, wird es retten. 36 Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sein Leben einbüßt? 37 Um welchen Preis könnte ein Mensch sein Leben zurückkaufen? 38 Denn wer sich vor dieser treulosen und sündigen Generation meiner und meiner Worte schämt, dessen wird sich auch der Menschensohn schämen, wenn er mit den heiligen Engeln in der Hoheit seines Vaters kommt.
In der Version von Markus wird noch hinzu betont: um des Evangeliums willen das eigene Leben, die eigene Seele verlieren. Dies heißt doch: das eigene Leben ganz und gar der Botschaft Jesu gemäß gestalten, also den Weg von Geburt, Tod und Auferstehung gehen, mit IHM und in IHM.
In einem anderen Wort zeigt Jesus eine Gefahr deutlich auf:
Lk 9,25-26: Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, sich selbst aber verliert und zugrunde geht? Denn wer sich meiner und meiner Worte schämt (ἐπαισχύνομαι), dessen wird sich der Menschensohn schämen, wenn er kommen wird in seiner Herrlichkeit und der des Vaters und der heiligen Engel.
Es gibt also die Gefahr, die ganze Welt zu gewinnen, aber sich selbst zu verlieren und sogar zugrunde zu gehen. Beides wird im Aorist formuliert: sich selbst verloren zu haben und zugrunde gegangen zu sein, endgültig, ein für alle Mal.
Im Abendmahlssaal gibt Jesus ein Gleichnis; Er spricht über sich selbst und seine Verherrlichung. ER spricht über seine ‚Selbstverleugnung‘:
Joh 12,23 Die Stunde ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde. 24 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bringt es viele Frucht. 25 Wer sein Leben liebt, verliert es, und wer sein Leben in dieser Welt hasst, der wird es zu ewigem Leben bewahren. 26 Wenn einer mir dient, folge er mir, und wo ich bin, dort wird auch mein Diener sein. Wenn einer mir dient, wird ich der Vater ehren. 27 Jetzt ist meine Seele erschüttert, und was soll ich sagen: Vater, rette mich aus dieser Stunde? Aber deshalb bin ich in diese Stunde gekommen. 28 Vater, verherrliche deinen Namen.
Es geht um den Weg, sein Leben, seine Seele für das Ewige Leben zu bewahren. Dieser Weg geht durch: in die Erde fallen und sterben. Wer sein Leben liebt (gr. philein), verliert es, wer sein Leben hasst, bewahrt es. Hier ist der starke Ausdruck ‚hassen‘ verwendet: ‚hassen‘ heißt sich ganz und gar trennen.
Vom ‚hassen‘ ist in den Evangelien oft die Rede. Es kann im positiven Sinne und im negativen Sinne gemeint sein,
im negativen Sinn von ‚ablehnen‘, die Liebe verweigern:
Mt 5,43: Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch …
Mt 6,24: Niemand kann zwei Herren dienen. Denn entweder wird er den einen hassen und den anderen lieben oder an dem einen hängen und den anderen verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon. Vgl. Lk 17,13
Mt 10,22: Ihr werdet von allen gehasst um meines Namens willen. (vgl. Mt 24,9.10; Mk 13,13; Lk 21,17)
Lk 1,71: um uns Rettung zu schaffen vor unseren Feinden und aus der Hand aller, die uns hassen.
Lk 6,22: Selig seid ihr, wenn euch die Menschen hassen … 27 tut Gutes denen, die euch hassen.
Joh 3,20: Denn jeder, der Böses tut, hasst das Licht und kommt nicht zum Licht …
Joh 7,7: Euch kann die Welt nicht hassen; mich aber hasst sie, weil ich bezeuge, dass ihre Werke böse sind.
Joh 15,18 Wenn die Welt euch hasst, so bedenkt, dass sie mich schon vor euch gehasst hat. 19 … weil ich euch aus der Welt erwählt habe, darum hasst euch die Welt. 23 Wer mich hasst, hasst auch meinen Vater. 24 … Jetzt aber haben sie sie [seine Werke] gesehen und hassen dennoch mich und meinen Vater. 25 … Sie haben mich ohne Grund gehasst.
Joh 17,14 Ich habe ihnen dein Wort gegeben und die Welt hat sie gehasst, weil sie nicht von der Welt sind, wie auch ich nicht von der Welt bin.
Im positiven Sinn als ein Erfordernis auf dem Weg der Nachfolge finden wir das Wort ‚hassen‘ zweimal in den Evangelien, in Joh 12,25 und:
Lk 14,26 Wenn jemand zu mir kommt und nicht Vater und Mutter, Frau und Kinder, Brüder und Schwestern und dazu auch noch sein eigenes Leben hasst, kann er nicht mein Jünger sein. Wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, kann nicht mein Jünger sein.
Hier ist ein ‚Hassen‘ gemeint, das sein Vorbild in Jesus Christus selbst hat:
Phil 2: 5 Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht: 6 Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, 7 sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; 8 er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz. 9 Darum hat ihn Gott über alle erhöht und ihm den Namen verliehen, der größer ist als alle Namen, 10 damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde ihre Knie beugen vor dem Namen Jesu 11 und jeder Mund bekennt: »Jesus Christus ist der Herr.« – zur Ehre Gottes, des Vaters.
Es geht um die Selbst-Erniedrigung als Gehorsam bis zum Tod am Kreuz. Das große Geheimnis in diesem Vorgang: Jesus Christus, der Mensch gewordene Sohn Gottes bleibt ganz und gar eines Wesens mit dem Vater, wenn er Mensch wird, wenn er das Leiden auf sich nimmt und sogar den Tod am Kreuz stirbt. ER bleibt im Vater und zugleich durchwandert ER den Tod des Menschen. ER verliert alles und doch nichts. Er bleibt im Ewigen Leben und verliert das Leben, aber in einem besonderen Sinne: In deine Hände lege ich meinen Geist! – sind seine letzten Worte am Kreuz. ER übergibt seinen Geist in die Hände des Vaters, die sein Geist aber nie verlassen hat.
In diesem Sinne formuliert F. Ulrich: Tod und Leben verwenden sich selbig füreinander.