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Ich verlasse mich auf Dich!

 

Wenn wir so sprechen, sagen wir etwas ganz Erstaunliches, ohne es vielleicht zunächst zu merken.

Wenn ich zu jemandem sagen: „Ich verlasse dich!“, so meinen wir doch: „Ich gehe nun von Dir weg! Ich trenne mich von Dir!“

Sage ich: „Ich verlasse mich!“, so gehe ich von mir weg, trenne mich von mir selbst, bin nicht mehr bei mir, sondern gehe woanders hin.

Wenn ich mich also auf jemanden verlasse, so muss ich mich zuallererst selbst verlassen, muss mich von mir selbst trennen, muss von mir selbst weggehen, um so dann bei jemand anderem zu sein.

„Ich verlasse mich auf Dich!“ bedeutet somit: Ich verlasse mich selbst, gehe auf Dich hin, indem ich von mir selbst weggehe und auf Dich hin mich ausrichte. Ich bin nicht mehr in mich eingeschlossen bei mir selbst, sondern mein ganzes Sein ist auf Dich hin ausgerichtet, so dass ich bei Dir sein kann.

Somit wäre es absoluter Egozentrismus, wenn ich sagte: „Ich verlasse mich auf mich!“ Denn so hätte ich mich gar nicht verlassen, sondern bliebe bei mir.

Liebe ist also: sich auf jemand anderes verlassen, sich auf jemand hin so ausrichten, dass man sich verlässt, eben auf jemand anderes hin.

Da nun Gott die Liebe ist und ER uns einlädt, in Seiner Liebe zu bleiben, da wir andererseits von Ihm, der Liebe, geschaffen sind und von Seiner Liebe leben, ist es also das Höchste, sich auf Ihn zu verlassen. (vgl. 1 Joh)

Sage ich also: „Ich verlasse mich auf Gott!“, so vollziehe ich, was dem Wesen der Liebe entspricht: sich selbst verlassen auf den hin, von dem und aus dem ich bin.

So verstehen wir die Worte Jesu: „So kann auch keiner von euch, der sich nicht von allem, was er hat, lossagt, mein Jünger sein.“ (Lk 14,33)[1] und erahnen, warum Jesu so deutlich wird, wenn er spricht: „Wenn jemand zu mir kommt und nicht Vater und Mutter, Frau und Kinder, Brüder und Schwestern und dazu auch noch sein eigenes Leben hasst, kann er nicht mein Jünger sein.“ (Lk 14,26)[2]

In anderer Übersetzung: „Wer sich mir anschließt und mein Jünger sein will, der muss das Band zwischen sich und Vater, Mutter … zerschneiden, sie gleichsam hassen. Er muss auch sich selbst, sein eigenes irdisches Leben, hassen.“ „Wer mein Jünger oder meine Jüngerin sein will, muss alles ablegen, was ihm gehört.“[3]

Wer also sich selbst versteht zu verlassen, der lebt aus der Freiheit, ganz auf den anderen hin zu sein. Es geht um Liebe als Hingabe. Wer sich selbst verlassen kann, der kann hingegeben sein an den anderen. Wer sich selbst festhält, bleibt bei sich und kann sich nicht auf einen anderen verlassen.

Weil wir Menschen aber unser Leben nicht aus uns selbst haben, sondern vom Gott der Liebe empfangen haben, gilt: Leben erfüllende Hingabe darf nur Gott, dem Schöpfer gelten.

Somit ist die Erfüllung des Gesetzes, die Jesus Christus gebracht hat: Ich verlasse mich auf Gott, der die Liebe ist! Dieser Liebe gilt eine wunderbare Verheißung: „Niemand hat Haus, Brüder, Schwestern … um meinetwillen und um des Evangeliums willen verlassen, der nicht hundertfach, jetzt in dieser Zeit, Häuser, Brüder, Schwestern … erhält, wenn auch unter Verfolgung, und in der künftigen Welt das ewige Leben.“ (Mk 10,30)

„Ich verlasse mich auf Jesus!“ ist also der Weg in die Fülle. „Denn es gefiel der ganzen Fülle (Gottes), in ihm Wohnung zu nehmen.“ (Kol 1,19)

Wenn ich mich auf Ihn verlasse, dann erfahren wir die Erwiderung: Gott verlässt sich auf uns. Denn schon bevor ich mich auf Ihn verlasse, verlässt er sich auf mich. Denn: Gott hat schon immer Sein Leben uns hingegeben. Er hat schon immer sich auf uns hin verlassen, indem Er uns erschaffen hat. Noch mehr: Gott hat sich ganz auf uns verlassen, indem Sein Sohn am Kreuz starb. Am Kreuz hat Jesus Christus, der Ewige Sohn des Vaters, sich auf uns verlassen, sich uns ganz und gar hingegeben. Bei jeder Eucharistie spricht er doch: „Nehmt uns esst, das ist mein Leib! Nehmt und trinkt, das ist mein Blut!“ – für uns hingegeben. Jesus verlässt sich also auf uns: Welch ein überwältigendes Wunder! Wie sollten wir uns da nicht auf IHN verlassen!

 

R. Gabriel M. Maiwald, Sept. 2019



[1] Die Bibel, Verlag Herder, Freiburg im Breisgau 2007

[2] Ebd.

[3] Das Neue Testament und frühchristliche Schriften, übersetzt von Klaus Berger und Christiane Nord, Insel Verlag, 3. Aufl. 2017