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An Christus glauben: Gott in Maria berühren

 

Aus: Ferdinand Ulrich, Gabe und Vergebung (Zitate sind kursiv gedruckt)

 

Da Jesus Christus, der Sohn Gottes, Mensch geworden ist, leibhaft im Fleisch unter uns ist, geht es beim Glauben um ein Berühren durch eine besondere Form des Hörens.

Maria Magdalena, die am Grab des Auferstandenen kniet, wird von Christus aufgefordert, sie nicht zu berühren, obwohl sie es wünscht. Thomas, den Apostel, lässt er sich berühren. Das für den Glauben wichtige Berühren des HERRN hat also beide Seiten: loslassen und berühren.

Deshalb die Frage:

Gibt es ein Berühren, in dem beides in einem und zugleich vollzogen wird? Ja, - dies geschieht im Glauben.

Das wahre Berühren ist die Weise, in der der lebendige Glaube an Christus sich vollzieht: „Tangit Christum, qui credit in Christum“.  …

Vertrauendes, liebendes Berühren ist
ein lebendiges sowohl aktiv sein-lassendes als auch rezeptiv sich geschehen-lassendes Ja,
d. h. glaubende Zustimmung zur Macht der heilenden fleisch-gewordenen Liebe Gottes, die sich in absoluter Freiwilligkeit von selbst schenkt. (54)

Wir Menschen sind geistige Wesen in Fleisch und Blut, Geist in Fleisch und Blut.

Der Ewige Sohn Gottes wurde vom Vater in diese Welt gesandt, um Fleisch zu werden, Mensch unter Menschen, in einem menschlichen Leib. Im Leib Christi begegnet uns die heilende Liebe Gottes.

Sich im Leib berühren ist mehr als ein taktiler Kontakt. Im Tastsinn des Körpers entäußert sich die Geistseele des Menschen. Wenn also die Berührung vertrauend, liebend geschieht, entsteht ein Austausch. Die Geistseele des Menschen lässt den anderen zu, lässt den anderen sein als der, der er ist, und empfängt sich und den anderen geschehen lassend. Es geschieht ein Empfangen und Geben in einem.

Berühren ist die Geste der zärtlichen Liebe der sich umsonst verströmenden Liebe Gottes, die allein durch ihr Sein wirkt. (54)

Gott berührt uns, indem er Seine Liebe sich verströmen lässt, umsonst, gratis, ohne Vorbedingung und Leistung. Diese Liebe wirkt durch ihr eigenes Sein, nicht irgendwie von etwas außer ihr motiviertes.

Aber das Berühren geschieht
durch das Mysterium der sein-lassenden, freigebenden Differenz,
in und aus der Ur-distanz der Ehrfurcht gegenüber der Unantastbarkeit der Freiheit des Anderen: kraft der dialogischen Differenz (Wer zu Wer),
kraft der schöpferischen „Leere“ (aus Liebe) zwischen dem Berührenden und dem Berührten.

Die andere Seite:
Es berühren sich zwei, die verschieden sind. Zwischen ihnen herrscht ein Abstand, eine Differenz.
Da alles, was geschaffen ist, aus Liebe erschaffen ist, ist ihm die Freiheit zu eigen.
Jedes Geschöpf ist in dieser Freiheit erschaffen, zur Freiheit bestimmt.
Da jedes Geschöpf sich dieser bedingungslosen Liebe verdankt, muss die Art ihres Kontaktes untereinander von der Ehrfurcht gegenüber der Unantastbarkeit der Freiheit des anderen gekennzeichnet sein.
Die Freiheit, die jedes Geschöpf besitzt, gestaltet eine Ur-distanz untereinander.

Die dialogische Differenz meint: Personen stehen einander gegenüber (Wer zu Wer).

Zwischen den sich Berührenden gibt es diese „schöpferische Leere“: aus Liebe sind beide als Verschiedene geschaffen, der Abstand zwischen ihnen ist eine ‚Leere aus Liebe‘, die durch Liebe überwunden werden kann.

Wir erinnern uns an Michelangelos „Erschaffung des Adam“ in der Sixtina: in der (schöpferischen) „Leere“ der Distanz zwischen dem „digitus paternae dexterae“ – wie das Pneuma, der Schöpfer-Geist auch genannt wird – und dem Geschöpf enthüllt sich das Geheimnis der tiefsten Nähe beider, jenseits aller punktuellen Sym-metrie von Zeigendem (=Sprechendem) und (sit venia verbo) Ge-zeigtem, der in der Kraft des Pneuma durch das Wort vom Sprechenden ins lebendige Dasein gerufen wird.

Dieses Bild in der sixtinischen Kapelle zeigt Gott-Vater in einer Wolke, seine Hand und seinen Finger ausstreckend, indem er Adam erschafft, dessen Hand und Finger – fast – den Finger Gottes berührt. Der Finger Gottes wird als der Hl. Geist gedeutet (Finger der Rechten Gottes), wie es in einem Pfingst-Hymnus heißt.

Gott-Vater, der sprechend den Menschen erschafft, ihn ins Dasein ruft, durch Sein Wort, den Logos, Seinen Sohn, ist dem Menschen zutiefst nahe bei bleibender schöpferischen Distanz; die ‚Leere‘ zwischen Gottes und des Menschen Finger ist das Zeichen seiner sich ganz und gar zurücknehmenden Liebe.

Ebenso verhält es sich (analog) auch mit dem Glauben, der das ewige, durch das Pneuma der Liebe fleischgewordene Wort des Vaters berührt.

Wenn wir also glauben, vollzieht sich etwas ähnliches zwischen Gott und uns: Gott berührt uns und wir berühren ihn aus Seiner Gnade. Keiner vereinnahmt den anderen für sich; Gott ‚verschlingt‘ den Menschen nicht in sich; es vollzieht sich eine Vereinigung bei bleibender Differenz. Diese Differenz entspringt nicht einer Sünde (wie im Sündenfall des Paradieses), sondern der Liebe. Es gibt nämlich eine trennende Differenz, durch das Böse, und eine vereinende Differenz, durch das Gute.

Der in und aus Liebe wirkende, werkende, „hand“-elnde Glaube berührt:
den Leib der ewigen Liebe;
das im Liebesgehorsam sündelos in die Sünden-Fremde entäußerte Wort des Vaters (den wahren Sohn in der Fremde, in forma servi, in der Knechtsgestalt des Fleisches der Sünde) als das dem Vater wesensgleiche Wort, das im Pneuma der Liebe ewig beim Vater ist,
den wahren Sohn daheim …, der Gott gleich, der in göttlicher Gestalt, in forma Dei war (Phil 2,6).

Der Glaube „nimmt“, „faßt“ das fleischgewordene Wort:
Ihn, der uns das Gleichnis erzählt, in seinem unfaßlichen, ursprungslosen Ursprung;
den Menschen-Sohn, der Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott ist,
in seiner reinen, sündelosen Menschheit:
in Maria, die die geschaffene Person der geschaffenen menschlichen Natur der ungeschaffenen göttlichen Person (des Verbum unigenitum Patris) ist.

Zu erinnern ist in diesem Zusammenhang an den Anfang des ersten Johannesbriefes (1 Joh 1,1ff.):

Was von Anfang an war, was wir gehört, was wir mit unseren Augen gesehen, was wir geschaut und was unsere Hände angefasst haben vom Wort des Lebens – das Leben ist erschienen und wir haben gesehen und bezeugen und verkünden euch das ewige Leben, das beim Vater war und uns erschienen ist –, was wir gesehen und gehört haben, das verkünden wir auch euch, damit auch ihr Gemeinschaft mit uns habt. Wir aber haben Gemeinschaft mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus. Dies schreiben wir, damit unsere Freude vollkommen ist.

Derjenige, der uns das Gleichnis erzählt, ist Jesus Christus:

  • „in seinem unfaßlichen, ursprungslosen Ursprung“ bedeutet: Der Ursprung Jesu liegt im Vater: unfasslicher Ursprung – ursprungsloser Ursprung, über und jenseits von allem;
  • der Menschen-Sohn in seiner reinen, sündelosen Menschheit: die Finsternis der Sünde hat seinen Leib nicht berührt;
  • der Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott ist: eben der Gottmensch Jesus Christus.

Dieses Geheimnis gipfelt „in Maria, die die geschaffene Person der geschaffenen menschlichen Natur der ungeschaffenen göttlichen Person (des Verbum unigenitum Patris) ist.“

Jesus ist das Wort, der Logos (Joh 1,1), und zugleich der „einzige Sohn vom Vater“ (Joh 1,14: unigeniti a patre, Vulg.)

Maria ist Mensch: geschaffene menschliche Natur; sie ist als Mensch geschaffene Person.

Ihr Schöpfer ist die ungeschaffene göttliche Person des Sohnes: Jesus.

An Christus glauben heißt: Gott in Maria, in der Virgo-Mater, berühren, deren Erstgeborener ER in vielen Brüdern und Schwestern ist. Das ist der Glaube der Kirche, unser Glaube. (55)