Gebet um das Einig-Sein
[aus: Arthur Maximilian Miller, Das Büchlein vom reinen Leben]
O Herr!
Das ist mein letztes und höchstes Verlangen, in das all mein Verlangen und Bitten mündet:
dass Du mich lassest einig sein!
Alle Uneinigkeit ist tödlich und eine tiefe Wunde in mir selbst.
Du Herr bist einig mit allem, selbst mit dem Sünder und den bösen Taten und verderblichen Geschehnissen.
Wie ist das?
Das ist ein großes Geheimnis.
Aber Du bist über alles, was wir denken und sinnen, begreifen oder mit Ahnung erfassen können.
So schließe ich denn meine Augen und blicke in die unterscheidungslose Nacht Deiner Einigkeit hinein.
Nicht die Dinge sind es, die sich so stellen, daß Du mit ihnen einig sein kannst: Du bist es vielmehr, der sich so stellt, daß Du mit den Dingen einig sein kannst.
Wie Dein göttlicher Sohn, o Vater, sich am Kreuz mit seinen Mördern einig gemacht hat, indem er sprach:«Vater verzeihe ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!» Und wie ei sich einig gemacht hat mit Seinem Leiden und allem Frevel, der an Ihm geschah, und daraus die Erlösung gewirkt hat. Nicht die Dinge sind es also, die mich nicht einig sein lassen, sondern ich selber bin es. Um meiner eigenen Uneinigkeit willen bin ich mit Dir und mit den Dingen nicht einig.
Wenn ich aber von mir lasse durch Deine Gnade, so lasse ich auch von meiner Uneinigkeit. Von dem, daß ich eigenwillig ein Abgetrennter sein will, der sich seiner Besonderheit freut und rühmt und nicht in das heilige Eins fallen will. Denn er fürchtet, darinnen verloren zu gehen. Im heiligen Eins aber kann man nicht verloren gehen, weil man in die Einigkeit mit sich selbst hineinfällt, und wie sollte man da etwas verlieren?
Dies vollende in mir, o Herr! Daß ich meiner Uneinigkeit ledig werde kraft Deiner alles durchdringenden Einigkeit. Daß ich in Dich falle, Herr, als in mich selber und in alle Dinge, und dieses Todes sterbe, in dem mein Eigensinn und meine Abgetrenntheit hingehen, und daß ich das Leben beginne, das ewig ist, das Leben des einigen Seins, ruhend in allem, lebend in allem, atmend in allem, getränkt von allem und
alles tränkend, bei Dir, bei mir, bei allem, voll Schweigen, voll Rede, voll Gesang, voll Kraft, voll Demut, voll jeglicher Offenbarung, in der Liebe, die alles liebt, weil sie Dich liebt und Du sie wieder liebst, und nicht mehr fragt, was das Deine und was das Ihre sei, wie Du willst, daß es sein soll:
Ich in euch und ihr in Mir.
Das ist die Erfüllung aller Reinheit, daß Du nach Deinem Tod am Kreuze auferstanden bist in dem neuen Leibe, in der Klarheit, in der Herrlichkeit, in der Unverweslichkeit.
Und daß Du dieses Leben uns, den Menschen, geben willst, wenn wir an Dich glauben, und durch uns der ganzen Welt zur Rettung aus dem Tode und zum ewigen Bleiben.