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Das Wirken der göttlichen Liebe

Hildegard von Bingen, Liber Divinorum Operum, Achte Vision des Gesamtwerkes

Drei Gestalten: Liebe, Weisheit und Demut

 

Ich sah auch gleichsam in der Mitte des beschriebenen südlichen Bereiches drei Gestalten.

Der südliche Bereich ist jene Himmelsrichtung, in der in unseren Breiten die Sonne ihren höchsten Stand am Himmel hat. Es ist der Bereich des Lichtes.

Die drei Gestalten sind – wie dann unten erwähnt wird – Liebe, Weisheit und Demut.

 Zwei von ihnen standen in einem ganz klaren Brunnen [lebendiger Quell, s.u.], der ringsum eingefasst und oben mit einem runden, durchbohrten Stein geschmückt war, als ob sie in ihm verwurzelt wären, wie Bäum bisweilen im Wasser zu wachsen scheinen.

Der klare Brunnen ist der lebendige Quell, aus dem alles hervorgeht: der Geist Gottes (siehe unten).

Die eine war von Purpurglanz,
die andere von einem strahlend weißen Glanz so umgeben, dass ich sie nicht voll anschauen konnte.
Die dritte aber stand außerhalb des Brunnens auf dessen Randstein, mit einem leuchtendweißen Gewand bekleidet.

Die Liebe trägt das Gewand in Purpurglanz, die Weisheit in strahlendem Weiß, die Demut in leuchtendem Weiß.

Die dritte Gestalt, die Demut, steht auf dessen Randstein, weil sie die Dienerin (s.u.) von allem ist.

Ihr Antlitz leuchtete in solcher Helligkeit, dass diese auf mein Gesicht zurückschlug.

Die Demut ist es, die wahre Liebe und wahre Weisheit von allen Scheinformen derselben abhebt. An der Demut entscheidet sich wahre Liebe und wahre Weisheit. Kommen Liebe und Weisheit in einem anderen Gewand als der Demut daher, sind sie entlarvt als Täuschungen.

Und vor ihnen erschienen die seligen Ordnungen der Heiligen gleich Wolken. Auf sie blickten die Gestalten aufmerksam.

Die Heiligen sind geworden, was sie sind, durch diese Drei: Liebe, Weisheit und Demut.

Es spricht die Liebe

 

Die erste Gestalt sprach:

Ich, die Liebe (caritas), bin die Herrlichkeit des lebendigen Gottes.
Die Weisheit hat in mir ihr Werk gewirkt, und
die Demut, die im lebendigen Quell verwurzelt ist, ist meine Gehilfin.

Diejenige, die der Hl. Hildegard diese Schauungen schenkt, ist die Liebe. Sie spricht grammatikalisch in der ersten Person.

Die Liebe ist die Herrlichkeit des lebendigen Gottes, die Glorie Gottes. Wissen wir doch aus der Offenbarung des Neuen Testamentes, dass Gott die Liebe ist (1 Joh).

In der Liebe hat die Weisheit ihr Werk gewirkt: Die Liebe ist also die Quelle allen Wirkens Gottes, und was Gott wirkt, wirkt er in Liebe, seinem Wesen entsprechend. In der Liebe offenbart der Dreifaltige Gott sein tiefstes Wesen (s.u.).

Und was heißt: Die Demut ist die Gehilfin? – Alles, was die Liebe in ihrer Weisheit wirkt, trägt das Gepräge der Demut. Was nicht die Eigenschaft der Demut hat, ist nicht Werk der Liebe.

Die Demut ist im lebendigen Quell verwurzelt: sie wächst aus dem lebendigen Quell, dem Geist Gottes. Alles, was also in Demut getan ist, erwächst aus dem Geist Gottes. Welchem es an Demut fehlt, ist nicht verwurzelt in Gott.

Die Weisheit „hat in mir ihr Werk gewirkt“: Die Weisheit wirkt in der Liebe ihre Werke. Die Weisheit kann gar nicht anders als in der Liebe wirken. Denn beide erwachsen sie aus dem lebendigen Quell, dem Geist Gottes.

Mit ihr[der Demut] ist der Friede verbunden.

Die Demut bringt unter diesen drei Gefährtinnen den Frieden.

Die Liebe ist die Klarheit

 

Und durch die Klarheit, die ich bin, leuchtet das lebendige Licht der seligen Engel.
Denn wie der Strahl durch das Licht leuchtet, so leuchtet diese Klarheit den seligen Engeln.
Sie dürfte nicht sein, ohne zu leuchten, wie es ohne Leuchten kein Licht gibt.

Es spricht die Liebe: Von den Engeln geht ein lebendiges Licht aus. In ihm leuchten sie. Dieses Licht leuchtet durch die Klarheit der Liebe.

Ein Vergleich soll helfen zu verstehen: Ein Strahl leuchtet durch das Licht. Die Klarheit, die von der Liebe ausgeht, sie leuchtet den Engeln. Diese Klarheit nehmen die Engel offenbar so in sich auf, dass auch sie durch diese Klarheit leuchten.

Wie es ohne Leuchten kein Licht gibt, so können die Engel nicht ohne ihr Leuchten sein: es macht ihr Wesen aus.

Die Liebe hat den Menschen entworfen und mit Wasser und Feuer gebildet

 

Ich habe ja den Menschen entworfen, der in mir gleich einem Schatten verwurzelt war, wie man den Schatten eines jeden Dinges im Wasser erblickt.
Daher bin ich auch der lebende Quell, weil alles, was geschaffen ist, wie ein Schatten in mir war.
Nach diesem Schatten ist der Mensch mit Wasser und Feuer gebildet, wie auch ich Feuer und lebendiges Wasser bin.
Deshalb hat der Mensch auch in seiner Seele (die Fähigkeit), alles zu ordnen, wie er will.

Im Ewigen Vorauswissen Gottes ist der Mensch vorausgeschattet (siehe erste Vision): „Im Menschen ist Gottes Vorauswissen und sein Werk.“

Um das tiefe Wesen des Menschen zu beschreiben, tauchen hier zwei Bilder auf: das des lebenden Quells und das des Schattens. Quell: aus Sich – nicht aus einem anderen – bringt Gott immer neues Leben hervor. Eine irdische Quelle braucht stets ‚Nachschub‘ sonst versiegt sie. Gott aber ist der quelllose Quell; Er hat seinen Ursprung in sich, nicht in einem anderen. Das, was aus diesem Quell hervorsprudelt, ist nicht göttliches Sein, sondern geschaffenes Sein, doch von besonderer Art. Hier kommt das Bild vom ‚Schatten‘ ins Spiel: Alles, was geschaffen ist, war wie ein Schatten in Gott, bevor es ins Werk gesetzt wurde. Das aus Ihm Quellende ist zwar unendlich verschieden von Ihm, und doch hat es große Ähnlichkeit. Nach Seinem Bilde – ad imaginem – ist der Mensch geschaffen.

Weiter heißt es: Gott ist Feuer und lebendiges Wasser. Nach dem Schatten, der in Gott ist, ist auch der Mensch mit Feuer und lebendigem Wasser gebildet. Die Folge davon: Der Mensch hat die Fähigkeit, alles zu ordnen, wie er will. Die Tatsache, mit Feuer und lebendigem Wasser gebildet zu sein, gibt dem Menschen die Fähigkeit, mit seinem Willen alles zu ordnen. Feuer brennt und lebendiges Wasser fließt: brennen und fließen, wärmen und sich bewegen sind die entscheidenden Tätigkeiten.

Lebewesen und ihr Schatten

 

Jedes Lebewesen hat einen Schatten, und was an ihm lebendig ist, geht in ihm wie der Schatten hierhin und dorthin.

Lebendigsein bedeutet: sich bewegen, hierhin und dorthin sich fortbewegen.

Gedanken

 

Gedanken sind nur im vernunftbegabten Lebewesen, nicht aber in den unvernünftigen Tieren, weil jene nur leben und Sinne haben, mit denen sie erkennen, was sie meiden oder was sie suchen sollen.

Nur die Seele, die von Gott eingehaucht ist, ist vernunftbegabt.

Die Gedankenkraft macht die menschliche Seele aus, im Unterschied zu unvernünftigen Tieren.

Die Klarheit überschattet die Propheten

 

Meine Klarheit hat auch die Propheten überschattet, die durch heilige Eingebung Zukünftiges voraussagten, wie in Gott alles, was Er schaffen wollte, Schatten war, bevor es wurde.

Das Phänomen der Prophetie wird so erklärt: Bevor etwas ins Werk gesetzt ist, ist es als Schatten in Gott. Von diesen Schatten strahlt eine Klarheit aus. Denn diese über Menschen kommt, werden sie zu Propheten und können die ‚Schatten‘ in Gott erkennen, die zu ihrer Zeit ins Werk gesetzt werden und in unserer Wirklichkeit erscheinen.

Die Vernunft aber spricht mit dem Klang; der Klang ist gleichsam der Gedanke und das Wort gleichsam das Werk (verbum quasi opus).

Aus diesem Schatten ist auch die Schrift SCIVIAS hervorgegangen durch die Gestaltung einer Frau, die gleichsam ein Schatten von Kraft und Gesundheit war, weil diese Kräfte in ihr nicht wirkten.

Der Geist Gottes als lebendige Quelle von allem

 

Die lebendige Quelle ist also der Geist Gottes, den Er selbst in all Seine Werke verteilt.
Von Ihm leben sie, von Ihm haben sie das lebendige Leben, wie auch der Schatten von allem im Wasser erscheint.

Und doch gibt es nichts, was deutlich sieht, woher es lebt, sondern es spürt nur das, wodurch es bewegt wird.

Die Seele

 

Und wie das Wasser, das fließen lässt, was in ihm ist, so ist auch die Seele der lebendige Geisthauch (vivens spiraculum), der immer im Menschen fließt und ihn durch Wissen, Denken, Sprechen und Wirken gleichsam fließen lässt.

Die Weisheit, die alles lenkt

 

Auch in diesem Schatten hat die Weisheit alles im gleichen Maß zugemessen, damit nicht eines das andere an Gewicht übertrifft und auch nicht eines vom anderen in sein Gegenteil gedrängt werden kann; denn sie überwindet und fesselt alle Bosheit teuflischer Künste, weil sie vor dem Anfang aller Anfänge war und nach deren Ende in ihrer stärksten Kraft bestehen wird, und niemand wird ihr widerstehen können. Denn sie hat niemanden zur Hilfe gerufen und keinen gebraucht, weil sie die Erste und Letzte war. Von niemandem erhielt sie Antwort, da sie als Erste die Ordnung aller Dinge wirkte. In sich und durch sich selbst begründete sie alles gewissenhaft und gütig. Es wird auch von einem Feind mehr zerstört werden können, weil sie den Beginn und das Ende ihrer Werke in hervorragender Weise sah. Das alles richtete sie vollständig ein, sodass auch alle von ihr gelenkt wird.

Sie selbst betrachtete auch ihr Werk, das sie im Schatten des lebendigen Wassers zur richtigen Bestimmung ordnete, indem sie auch durch die eben erwähnte ungebildete Frau gewisse natürliche Kräfte verschiedener Dinge und Schriften über die Verdienste des Lebens und ebenso andere tiefe Geheimnisse eröffnete, die diese Frau in wahrer Vision schaute und dadurch sehr geschwächt wurde.

Aber vor allem hatte diese Weisheit die Worte der Propheten und anderer Weisen und ebenso die der Evangelien aus dem lebendigen Quell geschöpft und sie den Jüngern des Gottessohnes anvertraut, damit durch diese die Ströme des lebendigen Wassers über den gesamten Erdkreis ausgegossen werde, indem die Menschen wie Fische in ein Netz geleitet und zur Rettung zurückgeführt werden.

Reinheit

 

Ein springender Quell des lebendigen Gottes ist besonders die Reinheit. Auch in ihr spiegelt sich Seine Herrlichkeit, In diesem Glanz umfasst Gott mit großer Liebe alle Dinge, deren Schatten in dem springende Quell erschienen, bevor Gott ihnen befahl, in ihrer Gestalt hervorzugehen.

In mir, der Liebe, hat sich alles gespiegelt. Mein Glanz zeigt die Gestaltung der Dinge, wie der Schatten die Gestalt anzeigt. Und in der Demut, die meine Gehilfin ist, ging auf Anordnung Gottes die Schöpfung hervor. In derselben Demut hat Gott sich zu mir herab geneigt, um die trockenen Blätter, die abgefallen waren, in der Glückseligkeit emporzuheben, in der Er alles tun kann, was Er will. Weil Er jene aus Erde geformt hatte, hat Er sie daher auch nach dem Fall erlöst.

Denn der Mensch ist vollkommen das Gebilde Gottes (pleniter factura Dei).Er blickt auf zum Himmel und tritt auf die Erde indem er sie beherrscht; er befiehlt allen Geschöpfen, weil er durch die Seele zur Höhe des Himmels schaut. Deshalb ist er durch sie auch himmlisch, aber durch seinen sichtbaren Leib ist er irdisch. Gott hat so den Menschen, der in der Tiefe darniederlag, durch die Demut emporgehoben gegen den, der in Verwirrung vom Himmel hinab geschleudert wurde. Denn da die alte Schlange durch Hochmut die Eintracht der Engel spalten wollte, hielt Gott sie mit Seiner starken Macht fest, damit sie nicht von deren Wut zerrissen wurde. Satan nämlich, der in der Höhe großes gesehen hatte, rechnete bei sich, er könne tun, was er wolle und verliere deshalb nicht den Glanz der Sterne. Aber er wollte alles haben, und deshalb verlor er alles, was er hatte, weil er gierig nach allem trachtete.

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