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Vom innersten Grunde

 

[Aus:

Meister Eckhart Mystische Schriften, Aus dem Mittelhochdeutschen in unsere Sprache übertragen von Gustav Landauer, Berlin 1903, Abgeschrieben von Andreas Marschler · www.marschler.at]

 

 

Es spricht ein Meister: »Gott ist ein Mensch geworden, davon ist das ganze Menschengeschlecht erhöht und geehrt. Darüber können wir uns wohl freuen, dass Christus, unser Bruder, aus eigener Kraft über alle Chöre der Engel gefahren ist und zur rechten Hand des Vaters sitzt.«

 

Dieser Meister hat recht gut gesprochen; aber wahrlich, ich mache mir nicht viel daraus.

Was hülfe es mir, wenn ich einen Bruder hätte, der ein reicher Mann wäre und ich ein armer, er weise und ich ein Tor?

 

  • Der Gedanke ‚Gott ist ein Mensch geworden‘ trifft nach Katholischer Lehre nicht die ganze Wahrheit, wie Meister Eckhart hier feststellt.
  • KKK 481: Jesus Christus hat zwei Naturen, die göttliche und die menschliche; sie sind nicht miteinander vermischt, sondern in der einzigen Person des Sohnes Gottes vereint.
  • Dass in der einzigen Person des Sohnes Gottes göttliche und menschliche Natur vereint sind, und zwar unvermischt und ungetrennt, besagt mehr als dass Gott ein einzelner Mensch geworden ist.
  • Deshalb heißt es weiter KKK 483:
    Die Inkarnation (Menschwerdung) ist somit das Mysterium der wunderbaren Vereinigung der göttlichen und der menschlichen Natur in der einen Person des Wortes.
  • In der Person des Sohnes Gottes ist also Gott mit der ganzen menschlichen Natur vereint.
  • KKK 464 … Er ist wahrhaft Mensch geworden und dabei doch wahrhaft Gott geblieben.
  • Diesem Geheimnis geht Meister Eckhart nun im Folgenden genauer nach.
  • Ja, es ist wahr: Was hilft es uns Menschen, wenn Jesus Christus als einzelner Mensch in die Herrlichkeit des Vaters, nach seinem Leiden, eingegangen ist, der Zustand unserer menschlichen Natur aber nicht geändert wurde.
  • Die Erlösungstat Jesu Christi hat Auswirkung auf unsere menschliche Natur, wenn auch noch nicht auf vollkommene Weise, da die Erlösung unseres Leibes noch aussteht.

 

Gott hat menschliche Natur angenommen

 

Ich spreche etwas anderes und dringenderes:

Gott ist nicht allein Mensch geworden, sondern er hat menschliche Natur angenommen.

 

Es sagen die Meister gewöhnlich, alle Menschen seien gleich edel von Natur.

Aber ich sage wahrhaftig: Alles Gute, was alle Heiligen besessen haben, und Maria die Gottesmutter, und Christus gemäß seines Menschtums, das ist mein eigen in dieser Natur.

 

  • Alle Menschen sind Träger der menschlichen Natur und haben deshalb Anteil an allem, was dieser Natur zugehört.
  • Deshalb haben alle Menschen auch untereinander teil an allem Guten jedes einzelnen Menschen, seien diese Menschen nun noch in dieser Welt oder schon in der Ewigkeit.
  • Das Gute, das ein Mensch in Christus aus Liebe getan hat, ist Gemeinschaftsgut aller Menschen geworden.
  • Wenn ich etwas wahrhaft Gutes tue, geht es ein in das Guthaben der Menschheit, der menschlichen Natur. Es ist ein Beitrag auf das ‚Konto’ aller Menschen.
  • Oder anders gesagt: In der Gemeinschaft der Kirche, des Leibes Christi, gibt es eine große Communio aller Güter.

 

Wo der Vater seinen Sohn im innersten Grunde gebiert, da hat diese Natur ein Hineinschweben. Diese selbe Natur ist eins und einfach.

Hier kann wohl etwas herausschauen und herzuhängen, das ist das eine Nichts.

 

  • ‚Der innerste Grund‘:
    • Gott hat einen innersten Grund, ebenso der Mensch.
    • Der innerste Grund ist das, was im Tiefsten das Wesen ausmacht, die Quelle des eigenen Seins.
    • Lehre der Kirche ist: Im Geheimnis der Dreieinigkeit zeugt = gebiert der Vater den Sohn, d. h. der Vater gibt sein eigenes Wesen dem Sohn, so dass der Vater Gott bleibt und der Sohn ganz und gar Gott ist: Gott von Gott, wahrer Gott vom wahren Gott. (Credo)
    • Die göttliche Natur des Vaters ‚schwebt hinein‘ in den Sohn, so die Ausdrucksweise von Eckhart.
    • Wenn der Sohn die menschliche Natur annimmt, dann ‚schwebt hinein‘ in die göttliche Natur die menschliche Natur und die göttliche Natur in die menschliche.
    • Es gibt allerdings einen wichtigen Unterschied: der Sohn ist Gott von Natur, der erlöste Mensch ist vergöttlich aus Gnade.
    • Diese selbe Natur ist eins und einfach:
      • Der Vater gibt seine Natur an den Sohn derart, dass die göttliche Natur eins und einfach bleibt; sie ist ungeteilt. Vater und Sohn (im Heiligen Geist) sind Träger der einen göttlichen Natur.

 

Von der Nacktheit der menschlichen Natur ohne Mittel

 

  • Die menschliche Natur hat Mittel, um sich mitzuteilen und zu wirken.
  • Diese Mittel sind die verschiedenen Fähigkeiten und Kräfte der Seele und des Leibes.
  • Doch hier wird abgesehen von all diesen Mitteln, es wird geblickt auf die ‚Nacktheit der menschlichen Natur‘, ihr Wesen ohne die Mittel der Mitteilung.
  • Es geht um den Wesenskern der menschlichen Natur.

 

Ich spreche von einem anderen und von einem schwereren.

 

Wer in der Nacktheit dieser Natur ohne Mittel dastehen soll,

 

(zum ersten:)

der muss aus aller Person herausgegangen sein,

sodass er dem Menschen, der jenseits des Meeres ist, den er nie von Angesicht erblickt hat, ebenso sehr Gutes gönnt als dem, der bei ihm ist und sein trauter Freund.

Solange du deiner Person mehr Gutes gönnst als dem Menschen, den du nie gesehen, solange bist du wahrlich im Unrecht und du schautest nie einen Augenblick in diesen einfachen Grund.

Du hast freilich in einem abgezogenen Bild die Wahrheit wie in einem Gleichnis gesehen, es war aber nicht das Beste.

 

Zum zweiten sollst du reinen Herzens sein, und das Herz ist allein rein, das alle Erschaffenheit vernichtet hat.

 

Zum dritten sollst du das Nichts los sein.

 

  • In der Nacktheit der Natur stehen, also ohne jegliche Mittel, heißt für den Menschen:
    • aus der eigenen Person herausgegangen sein,
    • reinen Herzes sein,
    • das Nichts los sein.
    • Aus der eigenen Person herausgegangen sein:
      • Das Geheimnis der Person – bei Gott wie beim Menschen, Seinem Abbild – ist die Liebe.
      • Liebe gibt sich ganz und gar hin.
      • Liebe verlässt sich ganz zum anderen hin.
      • Liebe geht aus sich heraus in den anderen ein.
      • Dies geschieht in vollkommener Freiheit, ohne jeglichen Zwang.
      • Liebe gibt sich hin zum freien Empfang durch den anderen.
      • Sich selbst verlieren an einen anderen.
      • Dieses Herausgehenkönnen ist eine Wesenseigenschaft der Person: die Person vermag so über sich selbst zu verfügen, dass sie sich selbst zu verlassen vermag und doch bei sich selbst zu bleiben vermag.
      • Reinen Herzes sein:
        • Reinheit bedeutet hier: alle Erschaffenheit vernichtet haben.
        • Ganz im Schenkenden sein, der das Geschaffensein schenkt.
        • Rein ist das Herz, das nicht aus dem eigenen lebt, sondern ganz und gar aus dem lebt, der das Leben schenkt.
        • Alle Erschaffenheit vernichtet haben heißt nicht, das Geschaffensein zu negieren, sondern das Sich-geschenkt-Sein dankbar annehmen, aber dabei nicht sich selbst an die Stelle des Schöpfers stellen.
        • Das Nichts los sein:
          • ‚Nichts‘ ist alles, was getrennt vom Ursprung der eigenen Existenz ist.
          • Wenn ich mein Sein rein empfange, bin ich; wenn ich mein Sein zum eigenen Besitz mache, bin ich nicht. Ganz im Sinne des Wortes der Hl. Caterina von Siena: Ich bin nicht, du bist, der IST.
          • Ich bin nur, wenn ich mich dankbar als Geschenk annehme. Ich bin nichts, wenn ich mein Geschenktsein verleugne.
          • Dieses Nichts wird nun Thema der weiteren Gedanken.

 

Das Nichts brennt in der Hölle, nicht der Eigenwille

 

Es ist eine Frage, was in der Hölle brenne?

Die Meister sagen gewöhnlich: Das tut der Eigenwille.

Aber ich sage wahrlich: Das Nichts brennt in der Hölle.

 

  • ‚Nichts‘ ist hier nicht von etwas gemeint, dass nicht existiert, sondern von der Beschaffenheit von etwas.
  • ‚Nichts‘ meint: etwas in seiner Unvollkommenheit.

 

Ein Gleichnis:

Man nehme eine brennende Kohle und lege sie auf meine Hand. Sagte ich, die Kohle brenne meine Hand, so täte ich ihr gar Un- recht. Soll ich eigentlich sagen, was mich brennt? Das tut das Nichts, weil die Kohle etwas in sich hat, was meine Hand nicht hat. Seht, eben dieses Nichts brennt mich. Denn hätte meine Hand alles das in sich, was die Kohle ist und leisten kann, so hätte sie völlige Feuernatur. Wenn einer dann alles Feuer, das je brannte, nähme und auf meine Hand schüttete, so könnte es mich nicht schmerzen.

 

In gleicher Weise also spreche ich:

Weil Gott und alle die, die im Angesicht Gottes sind, in der rechten Seligkeit etwas in sich haben, was die nicht haben, die von Gott getrennt sind, dieses Nichts allein peinigt die Seelen mehr, die in der Hölle sind, als Eigenwille oder irgendein Feuer.

 

Ich sage wahrlich:

So viel Nichts dir anhaftet, so sehr bist du unvollkommen.

Wollt ihr darum vollkommen sein, so müsst ihr das Nichts los ein.

 

  • Der vollkommene Mensch ist im eigentlichen Sinne, der unvollkommene ist nicht.
  • Ich bin, wenn ich vollkommen bin, ich bin nicht, wenn an mir noch Unvollkommenes ist.
  • Frage ist, wie Meister Eckhart den Läuterungsort der Seelen, das Fegefeuer, deutet.
  • Die von Gott getrennten ernten die Hölle.

 

Darum heißt ein Wörtlein: »Gott hat seinen eingeborenen Sohn in die Welt gesandt«,

das sollt ihr nicht für die äußere Welt verstehen, wie er mit uns aß und trank, ihr sollt es für die innere Welt verstehen.

 

Der innerste Grund

 

So wahr der Vater mit seiner einfachen Natur den Sohn natürlich gebiert,

so wahr gebiert er ihn in des Geistes Innigstem, und das ist die innere Welt.

Hier ist Gottes Grund mein Grund und mein Grund Gottes Grund.

 

  • Wer ist der Vater und wer ist der Sohn im Geheimnis der Dreifaltigkeit?
    • Der Vater gebiert = zeugt den Sohn, der Sohn ist der vom Vater Gezeugte.
    • Bedeutet: Der Vater gibt seine einfache göttliche Natur an den Sohn, so dass der Sohn mit dem Vater der eine Gott ist, in der Einheit des Hl. Geistes.
    • Nun schaut Meister Eckhart auf die innere Welt des Menschen.
    • Im Innersten des menschlichen Geistes gebiert = zeugt der Vater den Sohn.
    • Hier berühren Gottes Grund und der Grund des Menschen einander.
    • Die innere Welt meines Geistes:
      • Jener Raum, in dem in mir der Vater seinen Sohn gebiert.

 

Hier lebe ich außer meinem Eigenen, wie Gott außer seinem Eigenen lebt.

 

  • Im Sohn lebt der Vater ‚außer seinem Eigenen‘: Der Vater lebt ganz hingegeben an Seinen Sohn, denn Er ist ja Liebe.
  • Da ich als Mensch Geschöpf der Liebe Gottes bin, vollzieht sich in meinem Geist, in meinem innersten Grund, genau dieses Geheimnis: Wenn ich lebe, lebe ich ‚außer meinem Eigenen‘. Ansonsten bin ich tot, ein Nichts.
  • In meinem innersten Grund lebe ich ‚außer meinem Eigenen‘, bedeutet:
    Ich bin mir von meinem Schöpfer geschenkt, der über mir, außer mir ewig ist, und doch in mir. Um wahrhaft zu leben, muss ich in IHM leben, also außer meinem Eigenen.

 

Wer nur einen Augenblick in diesen Grund geblickt hat, dem Menschen sind tausend Pfund rotes geschlagenes Gold nicht mehr als ein falscher Heller.

 

  • Ein Mensch, dem dieses Geheimnis einmal ‚aufgegangen‘ ist, der erkennt darin seinen ganzen Reichtum, der ihn glücklich macht.
  • Wer diese Gottesgeburt in sich einmal erkannt hat, für den gilt: Gott allein genügt!
  • Dies ist inbegriffen in den Worten Jesu: Wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen. (Joh 14,23)
  • Aus dieser Haltung heraus sollen wir unser Wirken gestalten, wie im Folgenden deutlich wird.

 

Aus diesem innersten Grund heraus sollst du alle deine Werke wirken ohne ein Warum.

Ich sage wahrlich: Solange du deine Werke um das Himmelreich oder um Gottes oder um deiner ewigen Seligkeit willen von außen her wirkst, so lange bist du wahrlich im Unrecht. Man kann dies freilich so hingehen lassen, aber es ist nicht das Beste.

 

  • Aus dem innersten Grund heraus wirken ohne ein Warum:
    • Liebe gibt gratis, und das Empfangene soll gratis weitergegeben werden.
    • Liebe ist bedingungslos, und alles, was aus Liebe getan ist, kennt keinen Grund außer der Liebe selbst.
    • Solange ich wirke nicht aus reiner Liebe, sondern aus einem anderen Grund als der grundlosen Liebe,  so hat mein Wirken keinen ewigen Wert.
    • Im Johannesbrief lesen wir: Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott bleibt in ihm.
      Alles also wirken in dieser Liebe, die Gott selber ist.

 

Gott ohne Weise suchen

 

Denn wahrlich, wenn du glaubst, du gelangest durch Innigkeit, durch Andacht, durch Willfährigkeit oder besondere Anstalten eher zu Gott als am Herd oder im Stall, so tust du nichts anderes, als wenn du Gott nähmest und wickeltest ihm einen Mantel um den Kopf und stecktest ihn unter eine Bank.

Denn wer Gott in einer Weise sucht, der nimmt die Weise und lässt Gott, der in der Weise verborgen ist.

 

Aber wer Gott ohne Weise sucht, der nimmt ihn, wie er an sich selbst ist, und dieser Mensch lebt mit dem Sohne, und er ist das Leben selbst.

 

  • Gott in einer Weise suchen:
    IHN nicht um Seiner selbst willen suchen, sondern aus einem anderen Grund als ER selbst.
    Gott um eines irgendwie gearteten Vorteils willen suchen.
  • Gott ohne Weise suchen:
    Zu Mose sagt Gott, der HERR: Ich bin, der ich bin.
    Gott kann nicht durch anderes als sich selbst erklärt werden.
    Ebenso will ER nur um seiner selbst willen gesucht werden.
    Hierher gehört das Wort Jesu: Wer mir nachfolgen will, verleugne sich selbst.
    Ebenso: Sucht zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, dann wird euch alles andere hinzugegeben werden.

 

Das Leben lebt aus seinem eigenen Grund, ohne Warum

 

Wer das Leben tausend Jahre lang fragte: Warum lebst du? Wenn es antworten sollte, spräche es nichts anderes als: Ich lebe darum, weil ich lebe.

Das kommt daher, dass das Leben aus seinem eigenen Grund heraus lebt und aus seinem Eigenen quillt. Darum lebt es ohne Warum, indem es sich selber lebt.

Wer nun einen wahrhaften Menschen, der aus seinem eigenen Grunde heraus wirkt, fragt: Warum wirkst du deine Werke? Wenn er recht antworten sollte, spräche er nichts anderes als: Ich wirke, weil ich wirke.

 

  • Dies gilt für das ungeschaffene Leben (Gott) wie für das geschaffene Leben (das Geschöpf).
  • Gott sagt zu uns: Ich lebe, weil ich leben. Ich bin, der ich bin!
  • Sein Leben ist ewig, ohne Anfang und Ende, ohne Grund. Es ist, weil es ist.
  • Ebenso ist es mit dem geschaffenen Leben: Gott bringt geschaffenes Leben hervor, einfach, weil ER es will. Das geschaffene Leben ist ein Abbild Seines Lebens.
    Das sündenlose geschaffene Leben sagt deshalb auch: Ich lebe darum, weil ich lebe.
    Liebe ist umsonst und gibt umsonst.

 

Gott Gott in dir sein lassen

 

Wo die Kreatur endet, da beginnt Gott zu sein. Nun begehrt Gott nichts anderes von dir, als dass du aus dir selbst in kreatürlicher Weise hinausgehst und Gott Gott in dir sein lassest.

 

  • Aus sich selbst in kreatürlicher Weise hinausgehen:
    • Weil Gott selbst ‚aus sich heraus‘ gegangen ist, indem Er Seinen Sohn zeugte und uns Menschen nach des Sohnes Bild erschuf,
      sollen auch wir hinausgehen aus uns selbst.
    • Dies meint die Selbstverleugnung, von der Jesus spricht.
    • Aus mir selbst hinausgehen bedeutet: Mein Leben verlieren an den, der es mir geschenkt hat aus selbstloser Liebe. Lieben heißt gerade das Leben hingeben, aus der Hand der Selbstverfügung geben, in die Hände des anderen geben: Vater, in Deinem Hände lege ich meinen Geist! Und ER hauchte sein Leben aus.
    • Gott Gott in dir sein lassen:
      • Gott in sich derjenige sein lassen, der Er ist, nämlich der Schöpfer und Geber aller Gaben.
      • Gott ist alles in allem, auch in mir. Ihn so sein lassen, denn Er ist: Ich-bin-der-Ich-bin, JHWH.
      • Da Gott der unfassbare ist, IHN nicht irgendwie fassen wollen, sondern IHN sein lassen, der ER ist: der Unfassbare.

 

Das geringste kreatürliche Bild, das sich in dir bildet, ist ebenso groß wie Gott. Warum? Weil es dich eines ganzen Gottes beraubt. Denn wo dies Bild hineingeht, da muss Gott und seine ganze Gottheit weichen. Aber wo dies Bild hinausgeht, da geht Gott hinein.

 

  • Darum das Gebot Gottes: Du sollst Dir kein bild machen …
  • Mache ich mir von Gott ein Bild, grenze ich IHN ein, den Grenzenlosen. Ich beraube IHN dann, besser: Ich beraube mich dann Gottes, d.h. ich setzte das Bild an Seine Stelle.
  • Wenn ich aber bilderlos bin, ohne jegliches Bild mich Gott öffne, dann kann Gott einziehen.
  • Genau dies hat Maria getan, die Unbefleckte Empfängnis: Ihr ganzes Wesen ist frei für Gott. Sie ist reinen Herzens. Sie ist uneingeschränkt empfänglich für Gott. Der Altar ihres Herzens ist frei für IHN.

 

Aus seinem Selbst herausgehen: ein einfach Eines

 

Gott begehrt so gewaltig danach, dass du aus dir selbst in kreatürlicher Weise hinausgehst, als ob all seine Seligkeit daran liege. Fürwahr, lieber Mensch, was schadet es dir, dass du Gott gönnst, dass er Gott in dir sei?

Geh doch Gott zulieb aus deinem Selbst heraus, so geht Gott dir zulieb aus seinem heraus!

 

  • Aus meinem Selbst herausgehen, aus mir selbst herausgehen:
    Damit Gott Gott in mir sein kann, muss mein Wesen frei sein von allem, was IHM im Wege stehen könnte.
  • Ich muss also aus meinem Selbst hinausgehen, damit Gott in mich eingehen kann.
  • Wie ist das aber möglich: Ich aus meinem Selbst hinausgehen?
    Das ist dem Geist möglich, der ganz in der Liebe wandelt.
  • Ich bin ganz ich selbst, wenn ich aus mir selbst hinausgehe: darin besteht die Liebe.
  • Sünde ist: Wenn ich nicht aus mir selbst hinausgehe, dann verliere ich mich selbst.

 

Wenn diese zwei hinausgehen, was dann zurückbleibt, ist ein einfach Eines.

In diesem Einen gebiert der Vater seinen Sohn in dem innersten Brunnen.

Da erblüht der heilige Geist und da entspringt in Gott ein Wille, der der Seele zugehört.

Und solange der Wille unberührt von allen Kreaturen und von aller Erschaffenheit steht, so lange ist der Wille frei.

 

  • Ein einfaches Eines ist dann,
    wenn Gott aus seinem herausgeht und ich aus meinem herausgehe.
  • Dann sprudelt im innersten Brunnen in mir das Wasser des Ewigen Lebens,
    wenn dieses eine einfache Eine in mir ist.
  • In Gott entspringt dann der wahrhaft freie Wille, von dem es heißt: Dein Wille geschehe.

 

 

Aus Nichts erschaffen

 

Christus spricht: »Niemand kommt in den Himmel, als wer vom Himmel gekommen ist.«

Alle Dinge sind aus Nichts erschaffen, darum ist ihr eigentlicher Ursprung Nichts.

Insofern sich dieser edle Wille zu den Kreaturen neigt, so verfließt er mit diesen Kreaturen in ihr Nichts.

 

Nun ist eine Frage, ob dieser Wille so verfließe, dass er niemals mehr wiederkommen könne.

Die Meister sagen gewöhnlich, er komme nie wieder, insofern er in der Zeit verflossen ist.

Aber ich sage: Wenn dieser Wille sich einen Augenblick von sich selbst und von aller Erschaffenheit wieder zu seinem Ursprung hinwendet, so steht der Wille in einer rechten freien Art da und ist frei, und in diesen Augenblick wird alle verlorene Zeit wiedergebracht.

 

Die Leute sagen oft zu mir: Bittet für mich.

Da denke ich: Warum geht ihr heraus? Warum bleibt ihr nicht bei euch selbst und greift in euer eigenes Gut? Ihr tragt doch alle Wahrheit wesenhaft in euch.

 

Dass wir so wahrhaft in ihm bleiben und alle Wahrheit ohne Mittel und ungeteilt in rechter Seligkeit besitzen mögen, das walte Gott. Amen.