Das ewige Du – Gott
Aus: Martin Buber, Ich und Du, S. 132ff.
Martin Buber nennt Gott das ‚ewige Du‘. Von ihm sagt er:
Das ewige Du kann seinem Wesen nach nicht zum Es werden.
Seine Begründung:
- weil es seinem Wesen nach nicht in Maß und Grenze, auch nicht in das Maß des Unermeßlichen und die Grenze des Unbegrenztseins gesetzt werden kann;
- weil es seinem Wesen nach nicht als eine Summe von Eigenschaften, auch nicht als eine unendliche Summe zur Transzendenz erhobener Eigenschaften gefaßt werden kann;
- weil es weder in noch außer der Welt vorgefunden werden kann;
- weil es nicht erfahren werden kann;
- weil es nicht gedacht werden kann;
- weil wir uns an ihm, dem Seienden verfehlen, wenn wir sagen: „Ich glaube, daß er ist“ – auch „er“ ist noch eine Metapher, „du“ aber nicht.
Gott also ist – das ist jüdische und christliche Auffassung – ohne Maß und Grenze. Und selbst wenn wir sagen: Gott ist unermesslich und unbegrenzt!, sagen wir nur, was Er nicht ist, nicht was er ist.
Wir können Gott auch nicht hinreichend durch Eigenschaften beschreiben. ER entzieht sich grundsätzlich aller hinreichenden Beschreibung. Wohl können wir Eigenschaften nennen, die Ihm zukommen: Güte, Liebe, Barmherzigkeit, Allmacht etc. Kurz: Er entzieht sich jeder Beschreibung.
Wenn wir ‚Welt‘ Seine Schöpfung nennen, so ist ER weder in noch außerhalb der Welt. ER hat eben keinen Ort, der in Beziehung zur Welt gebracht werden kann. Dies gilt für Ihn als Gott.
Und dennoch können wir als Christen sagen: Durch die Inkarnation des Sohnes Gottes, der mit dem Vater und dem Heiligen Geist der eine Gott ist, geschieht etwas Neues: Jesus ist zugleich Gott als der Sohn Gottes und Mensch unter Menschen. Dieses Geheimnis hat uns Jesus offenbart und gebracht: Gott ist zugleich der Immanuel, der Gott mit uns, Fleisch geworden und wohnend unter uns. Und mit der Himmelfahrt des Auferstandenen ist der Mensch in das Geheimnis der Dreifaltigkeit aufgenommen, zusammen mit Maria und allen Heiligen.
So gilt für den Christen paradoxerweise beides: Gott kann nicht in oder außer der Welt vorgefunden werden, und zugleich ist Gott mitten unter uns, in der Krippe. Der Unerfahrbare wird erfahrbar, denn Maria hat ihn in ihrem Leib getragen, geboren und auf ihren Händen getragen. Der Unausdenkbare ist als das Wort Gottes Fleisch geworden, der Logos Gottes ist Fleisch geworden, und kann von Menschen gedacht werden.
Derjenige, der sich – wieder christlich gesprochen – allem unserem ‚Zugriff‘ entzieht, von dem kann gesagt werden: Was von Anfang an war, was wir gehört und mit unseren Augen gesehen haben, was wir betrachtet und was unsere Hände betastet haben, vom Wort des Lebens – und das Leben ist erschienen, und wir haben gesehen und bezeugen und verkündigen euch das ewige Leben, das beim Vater war und uns erschienen ist – was wir gesehen und gehört haben, das verkündigen wir euch … (1 Joh 1,1-3)
Und doch machen wir das ewige Du immer wieder zum Es, zum Etwas, machen Gott zum Ding – unserem Wesen nach. Nicht aus Willkür. Die dingliche Geschichte Gottes, der Gang des Gott-Dings durch die Religion und ihre Randgebilde, durch ihre Erleuchtungen und Verfinsterungen, ihre Lebenserhöhungen und -zerstörungen, der Gang vom lebendigen Gott weg und wieder zu ihm hin, die Wandlungen von Gegenwart, Eingestaltung, Vergegenständlichung, Verbegrifflichung, Auflösung, Erneuerung sind ein Weg, sind der Weg. …
Hier macht Martin Buber auf eine Gefahr aufmerksam, die gerade für uns Christen immer wieder besteht und auf die in der Kirchengeschichte immer wieder hingewiesen wurde von Seiten des Lehramtes.
Das Ewige Du kann nicht zum Es werden, ist kein Etwas und kein Ding, nicht Objekt unserer Erfahrung. Und doch wird der Sohn des Vaters Fleisch, wird Mensch unter Menschen, bleibt Mensch als der Auferstandene und sitzt als verherrlichter Mensch zur Rechten des Vaters – nach christlichem Bekenntnis. Wie ist beides in einem möglich?
Der Hl. Paulus ist ein lebendiges Bespiel für die Vereinbarkeit dieser beiden Wahrheiten. Als er, der Christenverfolger, dem Auferstandenen begegnet vor Damaskus, wird ihm die Gnade zuteil, wird ihm von Christus selbst offenbart, was es mit diesem Geheimnisses der Inkarnation auf sich hat. Und er wird bis zu seinem Tod in Rom für dieses Geheimnis Zeugnis geben.
Beten wir Christen nicht genau dies im Vater-unser: … Dein Reich komme … Dein Wille geschehe … wie im Himmel so auf Erden?
Nicht umsonst betont Paulus immer wieder in seinen Briefen dies: Paulus, Diener Christi Jesu, berufener Apostel, ausgesondert für die Frohbotschaft Gottes, die Er im voraus durch seine Propheten in heiligen Schriften angekündigt hat, von seinem Sohn, der nach dem Fleisch aus dem Geschlecht Davids hervorgegangen, machtvoll nach dem Geist der Heiligkeit auf Grund der Auferstehung von den Toten als Gottessohn eingesetzt, von Jesus Christus, unserem Herrn … (Röm 1,1-4)
Wie sehr sich Gott unserem Verstehen entzieht und wie sehr wir eher das von Gott erkennen, was er nicht ist, das hat der Hl. Thomas von Aquin gut zum Ausdruck gebracht:
Denn die Substanz Gottes übersteigt jede Form, die unser Verstand erreicht, durch ihre Unermesslichkeit, und so können wir sie nicht begreifen, indem wir erkennen, was sie ist. Wir haben jedoch gewisse Erkenntnis von ihr, indem wir erkennen, was sie nicht ist. Und so nähern wir uns umso mehr der Kenntnis von ihm, je mehr wir durch unseren Verstand von ihm verneinen können.
(Thomas von Aquin: Summa contra gentiles I,14)
Also kann unser Verstehen Ihn zwar nicht erreichen. Dabei bleibt es aber nicht. Unser Herz darf Ihm begegnen. Gott wird uns zum Du und wir werden Gott zum Du. Dies ist aber nur möglich in einem völlig herrschaftsfreien Verhältnis, frei von jeder Bedingtheit, frei von jedem Habenwollen, frei von jedem Begehren.
Der Mensch ist in einer großen Gefahr. Christlich gesprochen ist es die Sünde schlechthin:
Der Mensch begehrt Gott zu haben; er begehrt nach einer Kontinuität des Gotthabens in der Zeit und im Raum. Er will sich mit der unaussprechlichen Bestätigung des Sinns nicht begnügen, er will sie ausgebreitet sehen als etwas, was man immer wieder vornehmen und handhaben kann, ein zeitlich und räumlich lückenloses Kontinuum, das ihm das Leben an jedem Punkt und in jedem Moment versichert. …
Das Begehren zu haben, in Besitz zu nehmen: Wurzel des Ur-Sünde des Menschen, nach katholischem Verständnis: Wir wissen es aus der Sündenfallerzählung: Indem der Mensch nach der Frucht des Baumes griff, verlor er das wahre Leben. Leben ist Geschenk, reines Geschenk, völlig gratis. Der Baum des Lebens inmitten des Gartens steht dafür. Die Frucht des Lebens sollte dem Menschen zum Geschenk gemacht werden. Der Sohn Gottes als der Menschgewordene sollte diese Frucht des Lebens sein und zugleich das Leben selbst. Indem sich der Mensch die Frucht nahm, raubte, verlor er dieses Leben. In Christi Tod und Auferstehung wird es uns wieder zuteil.
Er [der Mensch] verlangt nach zeitlicher Ausbreitung, nach Dauer. So wird Gott zum Glaubensobjekt. Ursprünglich ergänzt der Glaube in der Zeit die Beziehungsakte; allmählich ersetzt er sie. An die Stelle der stets erneuten Wesensbewegung der Einsammlung und des Ausgehens tritt das Ruhen in einem geglaubten Es. Die Dennoch-Zuversicht des Kämpfers, der Gottferne und Gottnähe kennt, verwandelt sich immer vollständiger in die Sicherheit des Nutznießers, ihm könne nichts geschehen, weil er glaube, daß Einer sei, der ihm nichts geschehen lasse.
Die Sicherheit des Nutznießers ist etwas anderes als das vertrauensvolle Sich-offen-halten für das Geschenk.
Auch die Lebensstruktur der reinen Beziehung, die „Einsamkeit“ des Ich vor dem Du, das Gesetz, daß der Mensch, wie er auch die Welt in die Begegnung einbezieht, doch nur als Person zu Gott ausgehn und ihm begegnen kann, tut dem Kontinuitätsdurst des Menschen nicht Genüge. Er verlangt nach räumlicher Ausbreitung, nach der Darstellung, in der sich die Gemeinschaft der Gläubigen mit ihrem Gott vereint. So wird Gott zum Kultobjekt. …
Was Martin Buber hier beschreibt ist eigentlich – nach christlichem Verständnis – die Verfassung des Menschen, der in die Sünde gefallen ist. Die paradiesische Ich-Du-Beziehung zu Gott ist verloren gegangen. Für den Menschen ist Gott ein Es geworden.
Der Mensch kann der Beziehung zu Gott, deren er teilhaftig geworden ist, nur gerecht werden, wenn er nach seiner Kraft, nach dem Maß jedes Tages neu Gott in der Welt verwirklicht. Darin liegt die einzige echte Bürgschaft der Kontinuität. Die echte Bürgschaft der Dauer besteht darin, daß die reine Beziehung erfüllt werden kann im Du-werden der Wesen, in ihrer Erhebung zum Du, daß das heilige Grundwort sich in allen austönt; so bildet sich die Zeit des Menschenlebens zu einer Fülle der Wirklichkeit auf, und ob es auch das Esverhältnis nicht überwinden kann und soll, ist das Menschenleben dann so von Beziehung durchwirkt, daß sie in ihm eine strahlende, durchstrahlende Stetigkeit gewinnt; die Momente der höchsten Begegnung sind da nicht Blitze in der Finsternis, sondern wie aufsteigender Mond in einer klaren Sternennacht. Und so besteht die echte Bürgschaft der Raumstetigkeit darin, daß die Beziehungen der Menschen zu ihrem wahren Du, die Radien, die von all den Ichpunkten zur Mitte ausgehen, einen Kreis schaffen. Nicht die Peripherie, nicht die Gemeinschaft ist das erste, sondern die Radien, die Gemeinsamkeit der Beziehung zur Mitte. Sie allein gewährleistet den echten Bestand der Gemeinde.
Gott in der Welt verwirklichen … reine Beziehung im Du-werden … Beziehung der Menschen zu ihrem wahren Du … Gemeinsamkeit der Beziehung zur Mitte: So verstehe ich das Leben aus der Erlösung in Christus. Dies ist nur aus der Gnade möglich, die uns Christus als Mittler zwischen Gott und Mensch zuteil werden lässt. In diesen Worten Bubers scheint dies aus dem Bemühen des Menschen zu wachsen. Demgegenüber müsste man hier die Theologie des Paulus im Römerbrief entfalten, für die M. Buber keinen Zugang zu haben scheint. Fehlt diese Mittlerschaft, bleibt als Zugang nur das eigene Bemühen. Doch wie Paulus sagt: Alle haben die Herrlichkeit Gottes verloren. (Röm 3,23)