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Vom Tod

 

Aus:
Meister Eckhart, Mystische Schriften, Aus dem Mittelhochdeutschen in unsere Sprache übertragen von Gustav Landauer, Berlin 1903; abgeschrieben von Andreas Marschler, www.marschler.at [Zitate in kursiver Schrift]

 

Anlass für die Erörterung zum Tod ist die Erinnerung an Märtyrer.

Unser Herr sprach zu seinen Jüngern: »Selig seid ihr, so ihr etwas leidet um meines Namens willen.«

Nun sagt die Schrift von diesen Märtyrern, dass sie um Christi Namen willen den Tod gelitten haben und durch das Schwert umgebracht worden sind.

Dreierlei erörtert Meister Eckart nun:

Das erste, dass sie tot sind. Was man in dieser Welt leidet, das endet. Sankt Augustin spricht: Alle Pein und alle Werke der Pein, das nimmt alles ein Ende, und der Lohn ist ewig.

Das ist für ihn Grundwahrheit: Alles Leiden dieser Welt nimmt ein Ende. Der Ewige Lohn in der himmlischen Herrlichkeit ist ohne jegliches Leid.

Nun schaut er tiefer: Dieses ganz irdische Leben ist tödlich.

Das zweite, das wir betrachten sollen, dass dies ganze Leben tödlich ist, dass wir alle Pein und alle Mühsal, die uns zustößt, nicht fürchten sollen, denn es nimmt ein Ende.

Alles in dem irdischen Leben ist tödlich in dem Sinne: es endet. Deshalb brauchen wir Pein und Mühsal nicht fürchten. Nicht in diesem irdischen Leben also ist frei von dieser Tödlichkeit; alles trägt diesen Stempel. Selbst die größte Freude steht unter diesem Schatten. Doch davon sollen wir uns nicht irre machen lassen; es soll uns nicht dauerhaft bedrücken. Ja, die Tödlichkeit ist in gewissen Sinne sogar Quelle der Erleichterung.

Darum kommt er zum Dritten:

Das dritte, dass wir uns verhalten, als wären wir tot, dass uns nichts trübe, nicht Freude noch Leid noch alle Qual.

Hier nennt Meister Eckhart den Schlüssel zu noch tieferer Weisheit: Wir sollen uns verhalten, als wären wir tot. Was heißt nun dies? Wie gelangen wir dorthin?Was ist dann die Frucht dieser Weisheit, wenn wir sie im Leben verwirklichen? Ist dies nicht wieder einmal ein Paradox, dem jeder Sinn entbehrt?

Es sagt ein Meister: Den Himmel kann nichts berühren. Das meint, der Mensch ist ein himmlischer Mensch, dem alle Dinge nicht so viel sind, dass sie ihn berühren können.

Ein himmlischer Mensch ist als einer, den das Leid dieser Welt nicht mehr berührt. Ist das möglich und erstrebenswert?

Es sagt ein Meister: Da doch alle Kreaturen so erbärmlich sind, woher kommt es denn, dass sie den Menschen so leicht von Gott abwenden? Die Seele ist doch in ihrem Erbärmlichsten besser als der Himmel und alle Kreaturen?

Er weist auf ein seltsames Phänomen hin, das wir alle aus eigener Erfahrung kennen: Alles Geschaffene dieser Welt ist so schwach, im Vergleich zu Gott zu unbedeutend, so gering. Im Vergleich zu Gott ist alles klein und von geringer Kraft. Und doch können den Menschen die Dinge dieser Welt von Gott abwenden, obwohl sie doch so gering und erbärmlich sind?

Und nun kommt eine interessante Wendung seiner Argumentation. Er richtet unseren Blick auf uns Menschen und sagt: Es gibt in unserer Seele etwas, das übertrifft sogar Himmel und alle Kreaturen. Die Himmel und die Kreaturen sind erbärmlicher als dieses Etwas in unserer Seele: Das Erbärmlichste in unserer Seele ist besser als Himmel und alle Kreaturen.

Wie aber, wenn dies so ist, kann sich die Seele denn dann von Gott abwenden?

Es antwortet ein Meister: Es kommt davon, dass er Gottes nicht so achtet, wie er sollte. Täte er das, es wäre fast unmöglich, dass er je abfiele.

Dieses Etwas in der Seele wird dann lebendig, wenn der Mensch Gott so achtet, wie es möglich ist. Wie aber ist dies möglich, Gott so zu achten, dass es fast unmöglich ist, sich von IHM abzuwenden? – Die Einschränkung ‚fast‘ ist zu beachten; die Freiheit wird dem Menschen nicht genommen.

Und es ist nur eine gute Lehre, dass sich der Mensch in dieser Welt so verhalten soll, als ob er tot wäre. Sankt Gregorius sagt, niemand habe so viel Gott, als der, der im Grunde tot sei.

Der Rat: Sich so verhalten, ab ob man tot wäre. Dieser Rat stützt sich auf den großen Kirchenvater Gregor, (wahrscheinlich ist der Papst gemeint): Niemand hat so viel Gott, als der, der im Grunde tot ist.

Im Grunde tot sein: Hier ist Tod offenbar in einem ganz bestimmten und ungewohnten Sinn gemeint. Die Erklärung folgt:

Die vierte Lehre ist die allerbeste. Er sagt, dass sie tot sind. Der Tod gibt ihnen ihr Wesen.

Die Märtyrer sind tot, ja. In einem ersten Sinn scheint dies klar: Ihre Leiber sind getötet, und sie sind in Gottes Herrlichkeit eingegangen. Das besondere an der Sichtweise des Meister Eckhart ist der Hinweis: Der Tod gibt ihnen ihr Wesen! – Durch den Tod, im Tod empfangen sie ihr eigentliches Wesen. Was bedeutet dies?

Es sagt ein Meister: Die Natur zerbricht nie, ohne dass sie ein Besseres dafür gibt.

Welche Beispiele können wir dafür nennen? Nehmen wir das Weizenkorn, von dem Jesus in einem Gleichniswort spricht: Wenn es in die Erde des Ackers fällt und keimt, bringt es Frucht. In unseren Breitengraden ‚stirbt‘ die Natur, die Bäume verlieren ihre Blätter, die Natur sinkt in einen Todesschlaf, doch im Frühjahr erwacht diese Natur zu neuem, noch schönerem Leben.

Wenn das die Natur tut, wie viel mehr tut es Gott: Der zerbricht niemals, dass er nicht ein Besseres gäbe.

Noch mehr also gelte dies von Gott, dem Schöpfer selbst: Wo Gott etwas zerbricht, da schenkt ER ein Besseres daraus.

Die Märtyrer sind tot, sie haben ein Leben verloren und haben ein Wesen empfangen.

Die Märtyrer verlieren ein ‚Leben‘ und empfangen ein ‚Wesen‘. Es geht also um das Wesen des Lebens, um die wahre Lebendigkeit.

Ich bin gewiss, erkennte eine Seele das Geringste, was Wesen hat, sie wollte sich keinen Augenblick davon abkehren.

Dies ist die Einladung, auf das Wesen von allem zu schauen, auf den Wesenskern von allem Geschaffenen. Schaut man das Wesen der Dinge, kehrt man sich nicht ab. Das Wesen von etwas schauen hießt: sich erkennend und anerkennend diesem anvertrauen, darin wohnen und es in sich aufnehmen, in sein eigenes Wesen.

Das Erbärmlichste, was man in Gott erkennt, wie wenn einer eine Blume verstünde, so wie sie ein Wesen in Gott hat, das stünde höher als die ganze Welt. Das Erbärmlichste, das in Gott ist, wie es Wesen ist, ist besser, als wenn einer einen Engel erkennte. Und dies sollte der Mensch leidenschaftlich begehren und betrachten, dass das Wesen so hoch steht.

Hier lehrt uns Meister Eckhart ein Erkennen, das das Wesen von allem berührt: ein berührendes Erkennen in Liebe. Die Grundhaltung für dieses Erkennen: in Gott erkennen. Das Wesen meiner eigenen Seele in Gott sein lassen, in Gott ruhen lassen: in Gott wohnen, damit Gott in uns wohnt. So erhalten wir Zutritt zum Wesen von allem. Hier wird das Beispiel einer Blume genannt: etwas vergleichsweise Geringes in der Schöpfung. Habe ich Zutritt zum Wesen dieser Blume, habe ich mehr erreicht als die ganze Welt in ihrem äußeren Erscheinungsbild. Ja, sogar ist das Wesen einer Blume mehr als die Engel.

Das Trachten und die Sehnsucht des Menschen sollen also sein: zum Wesen Zugang suchen, zur wesentlichen Mitte von allem. Ein ‚wesentlicher‘ Mensch werden.

Wir preisen den Tod in Gott, auf dass er uns in ein Wesen wandle, das besser ist als ein Leben; ein Wesen, darin unser Wesen lebt, wo unser Leben ein Wesen wird.

Nun kommt er wieder auf den Tod zu sprechen: den Tod in Gott. Dies ist ein überraschender Gedanke, weil wir normalerweise, in unserem unter-scheidenden Denken den Tod als das Gegenteil zum Leben anschauen, und weil Gott ja das Leben schlechthin ist, kann es keinen Ton in IHM geben. In diesem Denken haben wir das Leben als einen Gegensatz zum Tod reduziert. Das Leben ist aber in seiner reinen Lebendigkeit etwas, was keinen Gegensatz kennt, ein einiges Eins ist, das nicht unterteilt werden darf. Da das Leben aber im Innersten Hingabe, Weg-schenken, Selbst-vernichtigung ist, gehört der Tod der Hingabe in das Herz des Lebens. Diese Art von Tod sollen wir also in Gott preisen. Wir preisen den Tod in Gott, heißt dann: Wie Gott sich ‚trennt‘ von seinem Sohn und ihn hingibt in die Schöpfung, ihn sogar den Tod am Kreuz sterben lässt, Er aber zugleich ungetrennt von ihm bleibt, da Sie ja der eine Gott sind, so sollen wir in Gott hinein sterben. So werden wir verwandelt in sein Wesen, das besser ist als ein Leben.

Ein Wesen, darin unser Wesen lebt, wo unser Leben ein Wesen wird: Das Wesen von allem, auch von uns, ist dies, dass wir leben, das wir an der Lebendigkeit teilhaben, an der ‚Grünkraft‘ (viriditas), wie es die Hl. Hildegard nennt.

Der Mensch soll sich willig in den Tod vergeben und sterben, damit ihm ein besseres Leben werde. Es muss ein gar kräftiges Leben sein, in dem tote Dinge lebendig werden, in dem selbst der Tod ein Leben wird.

Sich in den Tod ver-geben und sterben: Hier wird die Richtung des Sinnes angezeigt, in die wir denken müssen, um zu verstehen. Sich in den Tod ver-geben: Sich so in den Tod hinein geben, dass ich ver-gehe, hineingehe in ein Nichts, das aber der Raum ist für ein größeres Leben. Durch die enge Pforte gehen, die ins Leben führt: eng ist sie in dem Sinne, dass ich ganz mit Christus eins werden muss, um hindurchzugelangen; durch‘s Nadelöhr gehen.

Hier geschieht dann ein Paradox: der Tod wird ein Leben. Hier kann also nicht Leben in dem einander ausschließenden Sinne von Tod und Leben gemeint sein, sondern der Tod im Leben, die Todeshingebe ins Leben, nicht der Tod der Trennung, sondern der Tod der Einung ins Leben.

Bei Gott stirbt nichts: Alle Dinge werden in ihm lebendig. Sie sind tot [spricht die Schrift von den Märtyrern] und sind in ein ewiges Leben versetzt, in das Leben, wo das Leben ein Wesen ist. Man soll im Grunde tot sein, dass uns nicht Freude noch Leid berühre. Wir bitten drum unsern lieben Herrgott, er möge uns helfen aus einem Leben, das geteilt ist, in ein Leben, das eins geworden ist. Das walte Gott. Amen.

Hier nennt Eckhart den Unterschied beim Namen: Leben, das geteilt ist – Leben, das eins geworden ist.

Das Leben nach dem Verlust des Paradieses, dem sog. Sündenfall, ist Leben, das geteilt ist in Leben und Tod. Tod hier heißt Verlust des Lebens.

Es gibt aber auch das Ewige Leben: Leben, das eins geworden ist in Gott, das nicht mehr den Sündentod kennt, der trennt (Ewige Verdammnis). Jesus selbst, das WORT DES VATERS, das WORT DES LEBENS, das LEBEN DES VATERS, hat als LAMM GOTTES die Sünde der Welt getragen, auf sich genommen, um durch seinen Liebes-Tod den Sünden-Tod zu vernichten.

Wenn wir – wie Paulus sagt – mit IHM gestorben sind, dann werden wir auch mit IHM leben:

Röm 6,4.8 Wir wurden mit ihm begraben durch die Taufe auf den Tod; und wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt wurde, so sollen auch wir als neue Menschen leben.  Sind wir nun mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden.

2 Kor 13,4 Zwar wurde er in seiner Schwachheit gekreuzigt, aber er lebt aus Gottes Kraft. Auch wir sind schwach in ihm, aber wir werden zusammen mit ihm vor euren Augen aus Gottes Kraft leben.

2 Tim 2,11 Das Wort ist glaubwürdig: Wenn wir mit Christus gestorben sind, werden wir auch mit ihm leben.