Anleitung zum Gebet der Hl. Mutter Teresa von Kalkutta
- Beten fällt schwer, wenn man nicht recht weiß, wie man beten soll. Um beten zu können, müssen wir lernen zu schweigen. Menschen, die beten können, sind Menschen, die das Schweigen lieben. Wir können uns nicht unmittelbar vor Gott stellen, wenn wir nicht innerlich und äußerlich still werden. Das heißt, wir müssen uns bemühen, unsere Gedanken, unsere Augen und unsere Zunge zum Schweigen zu bringen.
- Wenn unsere Zunge schweigt, werden wir vieles lernen: Wir werden lernen, mit Christus zu sprechen, im Zusammensein mit ihm werden wir eine neue Freude erfahren, und wir werden entdecken, dass wir ihm vieles zu sagen haben. In der Gemeinschaft spricht Christus durch andere zu uns, bei der Meditation spricht er direkt mit uns. Das Schweigen macht uns Christus ähnlich, der für diese Haltung eine besondere Vorliebe hatte.
- Das "Schweigen unserer Augen" hilft uns, Gott zu sehen. Unsere Augen sind wie Fenster, durch die entweder Christus oder die Welt in unser Herz gelangt. Oft erfordert es Mut und Entschiedenheit, nicht alles anzuschauen. Manchmal denken wir im Nachhinein: "Hätte ich mir das doch nicht angesehen!" Und doch geben wir uns so wenig Mühe, nicht alles sehen zu wollen.
- Das Schweigen des Geistes und des Herzens können wir von Maria lernen. Sie "bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen" (Lk 2,19). Durch ihr Schweigen konnte sie Jesus so nahe sein, dass sie nie etwas bereuen musste. Als der heilige Josef beunruhigt war und überlegte, ob er sich von ihr trennen sollte, hätte sie ihm mit einem Wort Klarheit geben können. Doch sie schwieg. Und der Herr selbst hat ihre Unschuld bezeugt. Wären wir doch wie Maria von der Notwendigkeit des Schweigens überzeugt! Ich glaube, dann würden wir klar erkennen, wie wir zu einer tieferen Einheit mit Gott finden können.
- Im Schweigen sehen wir alles in einem neuen Licht. Wenn wir lernen zu schweigen, können wir andere Menschen innerlich anrühren. Es kommt nicht darauf an, was wir sagen, sondern was Gott zu uns und durch uns sagt. Jesus wartet immer im Schweigen auf uns. In der Stille hört er uns zu und spricht zu uns, da hören wir seine Stimme.
- Innerlich still werden ist schwierig und kostet Mühe. Aber es ist eine Voraussetzung, um beten zu können. In der Stille schöpfen wir neue Kräfte, finden zur Einheit mit Gott und werden so alles gut tun können. In Gott finden wir unsere Kraft, und unsere Gedanken werden eins mit seinen Gedanken, unsere Gebete mit Jesu Gebeten, unser Tun mit seinem Tun, unser Leben mit seinem Leben. All unsere Worte nützen nichts, wenn sie nicht von innen kommen. Worte, die nicht das Licht Christi weitergeben, mehren die Dunkelheit.
- Innerlich still werden verlangt viele Opfer, aber wenn wir wirklich beten wollen, müssen wir bereit sein diese Mühe auf uns zu nehmen. Es ist nur der erste Schritt hin zum Gebet, doch wenn wir den ersten Schritt nicht mit Entschiedenheit tun, gelangen wir nie zum Ziel: einem Leben in der Gegenwart Gottes.
- Damit das Gebet fruchtbar wird, muss es aus dem Herzen kommen und das Herz Gottes erreichen. Seht, wie Jesus seine Jünger beten lehrte: Nennt Gott euren Vater; lobt und verherrlicht seinen Namen. Tut seinen Willen wie die Engel und die Heiligen im Himmel; bittet um das tägliche Brot, das geistliche wie das irdische; bittet um Vergebung eurer Sünden und darum, dass ihr den anderen vergeben könnt; bittet auch um die Gnade, nicht in Versuchung zu geraten, und schließlich um die Befreiung vom Bösen, das in uns ist und uns umgibt.
- Die Apostel baten Jesus: Lehre uns beten! Er lehrte sie ein herrliches Gebet: das Vaterunser. Ich stelle mir vor, wie Gott jedesmal, wenn wir das Vaterunser beten, auf uns schaut. "Seht, wie der Ton in der Hand des Töpfers, so seid ihr in meiner Hand" (Jer 18,6). Wir sind in seinen Händen, mit denen er uns geformt hat, und er schaut uns an. Wie wunderbar ist doch die zärtliche Liebe unseres großen Gottes!
- Wir sollten Spezialisten des Gebetes werden. Die Apostel haben das begriffen. Als sie vor einer Fülle von Aufgaben standen, in denen sie sich hätten verlieren können, fassten sie den Beschluss, sich dem beständigen Gebet und dem Dienst am Wort zu widmen (vgl. Apg 6,4). Wir müssen beten auch im Namen derer, die nicht beten.
- Bete liebevoll wie ein Kind mit dem aufrichtigen Wunsch, viel zu lieben und dass Liebe finde, wer nicht geliebt wird.
- Wir sollten uns unsere Einheit mit Christus bewusst sein, wie er sich seiner Einheit mit dem Vater bewusst war. Unser Dienst ist nur in dem Maße apostolisch, wie wir Christus in uns und durch uns wirken lassen und erfüllt sind von seiner Kraft und sehnsüchtigen Liebe.
- Im Grunde gibt es nur ein wahres Gebet: Christus selbst. Es gibt nur eine einzige Stimme, die sich von der Erde zum Himmel erhebt: die Stimme Christi. Seine Stimme führt alle Stimmen zusammen, die sich im Gebet an Gott Wenden, und vereint sie in sich.