Ihre Browserversion ist veraltet. Wir empfehlen, Ihren Browser auf die neueste Version zu aktualisieren.

Die Weisheit des Angelus Silesius
im Cherubinischen Wandersmann

 

Gott schaut man mit Gelassenheit (I 164)

Der Engel schauet Gott mit heitern Augen an,
Ich aber noch viel mehr, so ich Gott lassen kann.

Ich will Gott schauen – unsere tiefste Sehnsucht im Herzen des Geschöpfes. Als Geschöpf den Schöpfer sehen dürfen, - das ist keine unerfüllbare Hoffnung. Wir werden IHN sehen dürfen, wie er ist.

Doch auf dem Weg dorthin, in unserer irdischen Pilgerschaft, gibt es Annäherungen daran. Und diesen ist Angelus Silesius in seinen Sinnsprüchen auf der Spur.

‚Gelassenheit‘ ist hier die Tugend. Der nicht gefallene Engel hat das Schauen Gottes nie verloren. Sein Auge, sein Wesen blieb stets frei von jedem Makel. Voll lauterer Heiterkeit ist sein ganzes Wesen. Sein Geschöpfsein hat er nie als Raub missbraucht, sondern ist immer in dieser dankbaren Erwiderung geblieben, die ihm als Geschöpf der Liebe entsprach.

Dem Menschen ist ‚noch viel mehr‘ geschenkt. Eine atemberaubende Perspektive. Uns, die wir der Pforten des Paradieses einst verwiesen worden sind, uns wird ein göttliches Geschenk zuteil: Selig, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen! – hören wir in der Bergpredigt. Was heißt reinen Herzens sein? Gott lassen können. In der Sehnsucht ganz ruhen können, ohne Sehnsucht voll Sehnsucht sein. Das eigene Geschenktsein ganz zum Geschenk machen, - sich ganz lassen. Jede Verfügungsgewalt über sich dahin lassen. Nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen Dir, so betet der Hl. Bruder Klaus. Gott und Geschöpf, wir sind abgrundtief getrennt, doch weil mein Sein ein geschaffenes Geschenk der Liebe der ungeschaffenen Liebe ist, ganz in Liebe hingegeben, ohne Anspruch, ganz im Selbstverschenken aufgehend, ganz ich selbst sein und doch ganz Ihm anheim gegeben sein.

 

Das ewige Licht (I 161)

Ich bin ein ewig Licht, ich brenn ohn Unterlaß:
Mein Docht und Öl ist Gott, mein Geist, der ist das Faß.

Wir denken an das Gleichnis von den Jungfrauen, der klugen und den törichten. Den törichten fehlt das Öl zu den Lampen, das unteilbar ist und ihnen von den klugen nicht vermittelt werden kann. Auch kann man es sich nicht kaufen.

Zwar bin ich Geschöpf, endlich, doch endliches Sein aus unendlicher Liebe. Mir ist die Ewigkeit in den Schoß gelegt, nicht als Besitz, sondern als Geschenk, gratis, umsonst, ungeschuldet. Dieses Geschenktsein soll ich brennen lassen, verschenken im Leuchten, ohne Unterlass. Mein Geist ist das Fass, in dem das Öl des Hl. Geistes das Öl durch den Docht brennen lässt. Solange ich selbst noch Docht und Öl sein möchte, brenne ich nicht ewig. Solange mein Geist nicht Fass sein will, brenne ich nicht ewig. Ich bin das Fass, in dem der Docht Gottes vom Öl Gottes die Flamme bildet. So entsteht ewiges Licht, durch IHN und durch mich.

 

Gott selbst ist unsre Weide (I 156)

Schaut doch das Wunder an! Gott macht sich so gemein,
Daß er auch selber will der Lämmer Weide sein.

Wir kennen es aus Ps 23: Der Herr ist mein Hirte! – Nicht nur ist ER selber unser Hirte, ja, ER selbst ist auch die Weide, auf die ER uns führt. Nicht etwas Geschaffene, diese vergängliche oder die Ewige Welt ist unsere Weise, sondern ER selbst, der Dreimalheilige selbst, der Dreifaltige, Vater-Sohn-Hl. Geist ist die Weide. – Wie erkenne ich, ob ich auf IHM weide oder doch woanders? Wenn die Weise grundlos, grenzenlos, ohne Horizont, ohne Anfang und Ende, ohne Himmel und Erde, ohne Ausdehnung und ohne Finsternis, nicht Gegenstand unserer Wahrnehmung, ursprunglos, ein reines Nichts ist, dann bin ich am rechten Ort, der keiner ist.

 

Die Gaben sind nicht Gott (I 174)

Wer Gott um Gaben bitt, der ist gar übel dran:
Er betet das Geschöpf und nicht den Schöpfer an.

Gabe und Geber: Sind sie eins? Der Geber gibt Gaben, sie sind von ihm verschieden. Ist der Sohn eine Gabe des Vaters? Nein, sie sind gleichen Wesens, ein Gott, Gott von Gott, Gott in Gott. Gott der Liebe kann nur sich selber geben, aber nicht als Gabe, sondern als der Eine. Wer Gott zu einer Gabe macht, der macht in zum Geschöpf. Weil der Sohn der Einziggezeugte des Vaters ist, eines Wesens mit Ihm, können auch wir aus Gott Gezeugte werden, die wir geschaffen sind: Söhne Gottes, Söhne im Sohn. Als im Hl. Geist aus Gott Gezeugte, haben wir Gemeinschaft mit Ihm, können wir bleiben, verweilen in Ihm. So sind wir uns in Ihm als Gott geschenkt, vergöttlicht in Ihm, Söhne Gottes im Sohn Gottes.

 

Warum wird Gott geboren? (I 201)

O Unbegreiflichkeit! Gott hat sich selbst verloren,
Drum will er wiederum in mir sein neugeborn.

Kann Gott sich verlieren? Hat Er sich je gefunden? Gott ist Gott. In Seiner Liebe kann er sich verlieren, verschenken, hingeben, ohne zu verlieren. Gott ist immer der Je-Größere. Sein Liebe ist immer je mehr. Armut und Reichtum verwenden sich in ihm gegenseitig, sind in Ihm kein Gegensatz. Gott ist so reich, dass er arm werden kann, um unseretwillen. Indem Gott arm wird, verliert er nicht. So ist Liebe: Sie gibt sich, weil ihre Armut kein Mangel ist. So wird Gott im Jesusknaben arm, der in der Krippe liegt, dem Ort Seiner Herrlichkeit. In dieser Armut verströmt Er seinen ganzen Reichtum. Denn Er, der reine Freiheit ist, bietet sich uns an, die wir frei werden sollen. So kann Er in uns neugeboren werden: Hervorgehen als das Ewige Licht, das in der Finsternis leuchtet. Er verliert dabei nichts, wir gewinnen dabei alles, Ihn selbst.

 

Gott ergreift man nicht (I 25)

Gott ist ein lauter Nichts, ihn rührt kein Nun noch Hier:
Je mehr du nach ihm greifst, je mehr entwird er dir.

Über aller Zeit, über allem Wandel dieser Welt erhaben ist ER. Dem Wandel der Zeit ist ER nicht unterworfen, Raum und Zeit transzendiert er, denn: Er ist Geist. Gegenstände dieser Welt kann man ergreifen. Doch nicht gegenständlich ist ER, sonst wäre ER nicht Gott, erhaben über alles. Er wohnt in unzugänglichem Licht. Zwar ist er nicht Nichts: Ich bin! JHWH ist seine Name. Er ist die Liebe: Er verschenkt sich, schenkt und gibt. Im Empfangen und Geben im Dank können wir IHM begegnen. Wollte ich ihn fassen, entzieht er sich, denn ER ist nicht endlich.

 

Eins des andern Anfang und Ende (I 276)

Gott ist mein letztes End: Wenn ich sein Anfang bin,
So weset er aus mir und ich vergeh in ihn.

Gott ist nicht da oder dort zu finden, außerhalb von mir, aber auch nicht an einem bestimmten Ort in mir zu finden, da oder dort. Gott ist nirgends und überall zugleich. Denn Er ist Geist, und Er will auf geistige Weise entdeckt werden.

Um Ihn zu finden, muss ich an mein letztes End gehen, ganz weit weg, in die unerreichbare Ferne mich hinauslehnen. Meine Sehnsucht muss mich überfordern, herausfordern an jene Grenze, die ich nie erreichen kann und doch erreichen soll. Ich muss im Geiste hingelangen an das Ziel aller Ziele. Kann ich es denn überhaupt erreichen? Ich kann es erreichen und doch nicht. Ich kann es erreichen, wenn ich mich auf das Unerreichbare ausstrecke, und mich dort abholen lasse, mich mir nehmen lasse. Gott ist mir der Höchste, der Ewige, der alles Übersteigende. Ich darf dann meine Arme ausbreiten und mich umarmen lasse von dem Unerreichbaren. Er nimmt mich dann zu Seinem Anfang; sein Beginn bin ich dann, und dann geschieht das Wunder Seiner Gnade: ER west aus mir, aus meinem Wesen steigt auf Sein Wesen, und ich vergeh in ihn. Es geschieht eine Übergabe, Auslieferung, Weihe. Da ja Gott ohne Anfang und Ende ist, und ich doch Sein Anfang werde, verwandelt Er mich in sich hinein, ich darf weilen an Seinem heiligen Ort, in seinem Herzen. So entsteht Wachsamkeit.

 

Heute ist der Tag des Heils (I 260)

Braut, auf! Der Bräutigam kommt! Man geht nicht mit ihm ein,
Wo man des Augenblicks nicht kann bereitet sein.

Hier wird Bezug genommen auf das Gleichnis Jesu über die fünf klugen und die fünf törichten Jungfrauen. Es ist ein Gleichnis zur Wachsamkeit. Die törichten Jungfrauen können nicht in den Hochzeitssaal einziehen, weil sie kein Öl für ihre Lampen vorbereitet hatten. Sie werden nicht eingelassen, weil der Bräutigam sie nicht kennt. Die Weisheit dieses Gleichnisses ist hier gut auf den Punkt gebracht: Bereitschaft üben heißt, diesen Augenblick nutzen. Für das Kommen des Bräutigams jetzt bereit sein, denn Er ist der Kommende, derjenige, der jeden Augenblick kommt. Wer sich einrichtet für eine Ankunft irgendwann in der Zukunft, ist nie bereit.

 

An Gott ist nichts Kreatürliches (I 271)

Liebst du noch was an Gott, so sprichst du gleich dabei,
Daß Gott dir noch nicht Gott und alle Dinge sei.

An Gott etwas lieben heißt doch: Etwas, das mit unseren endlichen Mitteln der Erkenntnis wahrnehmen und für dies besondere Aufmerksamkeit haben. Damit bin ich nur bei den Gaben, die Gott uns in der Natur schenkt, aber noch nicht bei Ihm selbst, dem Unvergänglichen und Unbegreifbaren. Gott lieben ist mehr; Gott lieben ist über alles Kreatürliche hinaus. Gott lieben ist nur in Gott möglich. Der Glaube versetzt uns in Gott hinein, lässt uns in Ihm verweilen und wohnen. Diese Liebe Gottes, die in unsere Herzen ausgegossen ist, vermag uns so lieben zu lassen, dass wir Gott um seiner selbst willen lieben können, über alle Gaben. Denn Gott ist alles in allem.

 

Gott sterben und Gott leben (II 58)

Stirb oder leb in Gott, du tust an beiden wohl,
Weil man Gott sterben muß und Gott auch leben soll.

 

 

Eben von derselben [Gelassenheit] (II 136)

Geh aus, so geht Gott ein; stirb dir, so lebst du Gott;
Sei nicht, so ist Er; tu nichts, so gschichts Gebot.

 

 

Die Selbstvernichtung (II 140)

Nichts bringt dich über dich als die Vernichtigkeit;
Wer mehr vernichtigt ist, der hat mehr Göttlichkeit.

 

 

 

 

Die geheimste Gelassenheit (II 92)

Gelassenheit fäht Gott; Gott aber selbst zu lassen,
Ist ein Gelassenheit, die wenig Menschen fassen.

 

 

Du auch mußt für ihn sterben (II 257)

Des Herren Christi Tod hilft dir nicht eh, mein Christ,
Bis auch du selbst für ihn in ihm gestorben bist.

 

 

Die geistliche Geburt (II 103)

Berührt dich Gottes Geist mit seiner Wesenheit,
So wird in dir geborn das Kind der Ewigkeit.

 

 

 

Die geistliche Schwängerung

Ist deine Seele Magd und wie Maria rein,
So muß sie augenblicks von Gotte schwanger sein.

 

 

 

Aus und ein, Gebären und Geborensein (II 112)

Wenn du in Wahrheit kannst aus Gott geboren sein
Und wieder Gott gebärn, so gehst du aus und ein.