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Atemraum der unverzweckten Ruhe

 

Aus: Ferdinand Ulrich, Gabe und Vergebung [Zitate in kursiver Schrift]

 

Der jüngere (wie der ältere) Sohn im Gleichnis vom Vater und den zwei Söhnen (Lk 15) verlässt das Haus seines Vaters, weil er sich ‚noch nicht gefunden‘ hat. Als er unter den Schweinen weilt, packt ihn eine große Sehnsucht nach etwas, das er in seinem Vater zu finden meint. Deshalb kehrt er zurück, in der Hoffnung, zu finden, was er vermisst: „den Atemraum der unverzweckten Ruhe“.

Welcher Art ist dieser ‚Atemraum‘, nach dem wir uns alle sehnen?

Nirgendwo finde ich den Atemraum der unverzweckten Ruhe, in der ich gelassen, frei, um meiner selbst willen verweilen, aus mir selbst heraus (aut-ex-ousion) leben, bei mir wohnen und aus diesem Gelassen-sein heraus wirken kann. Wo entdecke ich die mich von unterhalb meiner selbst tragende hypo-stasis, das gestillte, erfüllte Frei-sein, dessen fruchtbares Erdreich die Wurzeln des ausgeruhten Daseins und sinnvoller Arbeit halten und nähren? (87)

Dieser Atemraum ist eine ganz bestimmte Art zu sein:

  • Gelassen sein: nicht sich selbst festhalten, weil man ständig meint sich zu verlieren, sondern gelassen sein können, in die Hand Gottes nämlich, des Schöpfers;
  • Frei sein: nicht einem ständigen Muss unterworfen sein, sondern aus der Liebe heraus umsonst = gratis leben;
  • Um meiner selbst willen verweilen können: nicht ständig um eines bestimmten Zweckes willen leben, und dennoch auf ein Ziel hin, auf das hin mich die Liebe hinzieht;
  • Aus mir selbst heraus leben können: ohne aber in mich hinein verschlossen zu bleiben;
  • Bei mir wohnen können: nicht ständig auf der Flucht, in der Fremde leben, sondern verweilen können, Heimat gefunden haben, ohne sich in sie hinein verkrampft zu haben;
  • Aus dem Gelassen-sein heraus wirken können: beide Hände frei haben;
  • In einer von unterhalb meiner selbst tragende hypo-stasis sein: aus einem Getragensein leben und doch ganz aus sich selbst heraus leben; wissen: eine Hand trägt mich, und doch ganz frei dabei bleiben;
  • In einem gestillten, erfüllten Frei-sein leben können: frei von jeder Unsicherheit, und doch nicht in falscher Selbstsicherheit verharrend;
  • Auf einem fruchtbaren Erdreich leben, das die Wurzeln meines ausgeruhten Daseins und sinnvoller Arbeit halten und nähren: Gott, mein Schöpfer, ist dieses Erdreich, doch meine Wurzeln ragen einerseits in ihn hinein und tragen mich andererseits aus ihn heraus.

Unser tägliches Dasein ist allerdings nicht von diesem freien Atemraum geprägt, sondern ist von anderer Art. Es gibt darin

Eine immer wieder auftauchende Versuchung, die uns dazu verführen möchte, unser Dasein i Allgemeinen, unser eigenes Leben und das unserer Mitmenschen, aber auch das Geheimnis Gottes, dem wir uns verdanken, als eine bedrückende Last, als eine fortwährende Forderung, als ein bedrohliches, uns unaufhörlich beunruhigendes Sollen wahrzunehmen und auszulegen, das nach Erfüllung verlangt. (85)

Hier folgt nun eine ausführliche Diagnose dieser Versuchung. Wovon ist dieser Zustand gekennzeichnet? (85f.)

  • Ich muß etwas werden (: ich bin noch nichts).
  • Ich muß eine Existenz gründen (: ich existiere noch nicht).
  • Ich muß aus meinem Leben (und dem des Anderen) etwas machen (: an mir selbst bin ich und ist der Andere bedeutungslos).
  • Ich muß mir ein Vermögen verschaffen (: ich selbst vermag nichts).
  • Zwar komme ich in der Welt vor, ‚es gibt mich‘, aber im Grunde bin ich mir das eigentliche Sein, meinen wahren Wert selbst schuldig.
  • Mein Leben ist ein Bündel diffuser Möglichkeiten, biophysischer Potenzen, die gleichsam von mir fordern: ‚mache etwas mit uns, aus uns und so aus dir, verwirkliche dich selbst, - nicht: werde, der du selbst bist, nicht: lebe dein Leben als Gabe fruchtbar‘.
  • Von innen und außen überwältigen mich Sollens-Ansprüche und maßlose Erwartungen.
  • Immerfort will ‚man‘ und will ich selber etwas von mir; wollen Andere etwas für mich, - und ich will nicht, daß sie es wollen u.s.w.
  • Von allen Seien höre ich Vorwürfe: erwerbe dies, besitze jenes; leiste dir etwas; sei gut zu dir; werde glücklich; du bist noch nicht wirklich: verwirkliche dich selbst; du bist unfrei, im Käfig deines Ich gefangen: lerne dich zu vergessen, übe die ‚Nicht-Ich-haftigkeit‘, werde ‚leer‘, frei.
  • Also: ich bin mir und dem Anderen die Freiheit schuldig.

Welche Perspektive fehlt in all diesen Versuchungen?

Zwei Aspekte wurden schon genannt: Werde, der du selbst bist! Lebe Dein Leben als Gabe fruchtbar.

… nirgendwo Wirklichkeit als Gabe, die umsonst gegeben ist, der gegenüber ich als Empfangender nicht nochmals schuldig werde. (86)

Daraus kann die Frage erwachsen:

Werde ich einmal aus einem reinen, gelassenen Ja, einem heilen, freien Selbst-sein, einem reinen, nicht von Schuld befleckten Anfang, einer ‚libertas im-maculata‘ anfangen können: schuld-los zu leben, nicht bloß durch das Gesetz von außen, sondern aus mir selbst, d.h. durch das mir umsonst geschenkte Sein als Liebe bewegt, das mich wirklich, in Wahrheit, um meiner selbst willen dasein-läßt und ins fruchtbare, liebende Selbstsein hinein freigibt? (86)

Hier wird der unbefleckte, versuchungsfreie Weg beschrieben:
Anfangen können aus

  • einem reinen, gelassen Ja,
  • einem heilen, freien Selbst-sein,
  • einem reinen, nicht von Schuld befleckten Anfang,
  • einer ‚libertas im-maculata‘ = unbefleckten Freiheit,

Schuld-los zu leben bedeutet:

  • nicht bloß durch das Gesetz von außen bewegt,
  • durch das mir umsonst geschenkte Sein als Liebe bewegt.

Dieses umsonst geschenkte Sein als Liebe

  • lässt mich um meiner selbst willen dasein,
  • gibt mich ins fruchtbare, liebende Selbstsein hinein frei.

Das Gesetz, das hinter diesen Versuchungen steht, ist ein erbarmungsvolles Wenn-Dann:

  • Erst wen du das vom Sollen Geforderte entsprechend geleistet hast, bist du wer.
  • Rechtfertige deine Existenz dadurch, daß du das von dir Verlangte tust, daß du dein Plansoll erfüllst.
  • Nur unter dieser Bedingung kannst du von mir (von uns) ein anerkennendes Ja zu dir erwarten;
  • An dir selbst bist u nämlich gar nicht bejaht, nicht gewollt, nicht geliebt. (86)

Überall umgreift mich die Klammer von ‚Gabe und Rückgabe‘. Nirgendwo finde ich den Atemraum der unverzweckten Ruhe, in der ich gelassen … (s.o.)

Auf diese Weise gilt:

Meine Gegenwart ist fruchtloses Vergehen, Dahinschwinden von leerer, unerfüllter Zeit.

Diese Vergeblichkeit beschreibt F. Ulrich nun so:

Mein Leben überbietet sich ruhelos in der vergeblichen Hoffnung, den Ort zu finden, wo ich als der ‚der ich bin‘ gratis bejaht und so wie ich bin in Geduld angenommen werde; wo ich mich selber annehmen, bejahen und um meiner selbst willen dasein kann. Ich suche die Stille, das Schweigen, in dessen läuternder Einsamkeit: ich selber mit mir eins bin, so, daß ich alles jeweils ‚ganz‘ (nicht als Perfektionist des erfüllten Gesetzes, sondern aus Liebe ‚selber: mit mir selber: der selbe‘) zu tun vermag, in einem Leben, wo gehen: gehen; stehen: stehen, schlafen: schlafen, wachen: wachen … ist. (87f.)

Dieser Atemraum der unverzweckten Freiheit wird nun weiter beschrieben:

Ich suche die Ortschaft des Friedens, der Gegenwart der Freiheit, wo ich die Energie meines Seins
nicht
im: ‚Ich will es recht machen‘,
nicht in der Sklaverei eines nie endenden Mich-entschuldigens fruchtlos verschwenden und veräußern muß,

sondern

wo ich aus der dankbaren Freude und dem Gelassensein

  • des Rechtseins,
  • des Gerechtfertigtseins (als ‚iustificatus‘),
  • des unbedingten Geliebtseins (als Kind Gottes) lebe;

wo ich mitten im funktionalen Netz der Zwecke, des Brauchens und Verbrauchens:
mich dem Anderen und mir selbst aus wahrem Selbstsein heraus frei, absichtslos, liebend zuwende, d.h. ‚für nichts‘, umsonst (gratis),
ohne den erdrückenden äußeren Zwang des Warum,
ohne den verschlingenden Sog des Wozu, aus der Herrschaft der Bedingungen, des ‚Wenn-dann‘ befreit: weilen, wohnen, da-sein kann. (88)

Das Hindernis für uns aber ist:

Wir wollen uns der Gabe und in ihr dem Geber nicht vertrauend überlassen,
d.h. nicht aus dem unbedingten Bejaht- und Geliebtsein heraus anfangen.
Wir verlangen zwar nach dem warumlosen Mehr der „Zu-gabe“, die uns, jenseits der Verklammerung von „Gesetz: Leistung: Lohn“, um unser selbst willen meint,
wehren uns aber mit aller Macht gegen die Wahrheit, daß das Ersehnte schon überreich in Fleisch und Blut „da“ ist:
nicht bloß als „Zugabe“ auf der Ebene des Lohns für das Getane;
nicht nochmals als eine Gabe: „wozu“;
als etwas Außerordentliches, „damit“ wir mit den Freunden ein Fest schuldloser, unverzweckter, befreiter Freiheit feiern können,
so der Vorwurf des älteren Sohnes gegenüber dem Vater,
sondern ganz umsonst, „einfach so“: aus Liebe, die uns „für nichts“ liebt. (89f.)

Sich der Gabe und in ihr dem Geber vertrauend überlassen: Die Gabe nicht zum Besitz machen, zu einem Ding, das man haben kann, und damit sie lösen aus der Verbindung mit dem Geber, sondern in der Gabe stets den Geber gegenwärtig lassen.

Sich vertrauend überlassen: vermittels durch die Gabe sich dem Geber dieser Gabe selbst als Gabe anbieten, liebend sich ihm anvertrauen.

Aus dem unbedingten Bejaht- und Geliebtsein heraus anfangen: anfangen, die Initiative zum Handeln nicht deshalb ergreifen, weil man dazu genötigt, gar gezwungen wird durch ein Gesetz, sondern aus völliger Freiheit, aus tiefstem Herzen heraus anfangen, weil man bejaht und geliebt ist; die bedingungslose Liebe auch durch bedingungslose Liebe beantworten.

Warumloses Mehr der Zu-gabe: Wer aus Liebe gibt, ist immer bereit mehr zu geben; das Geben aus Liebe hat keine Grenzen, fragt nicht nach einem Warum, sondern gibt aus freien Stücken.

Gesetz: Leistung: Lohn: jenes Gesetz, nur dann etwas zu ‚leisten‘, wenn ein Lohn dafür vorgesehen ist. Lohn wird nur dann gegeben, wenn etwas geleistet wurde. Aus dieser Verklammerung frei ist die Liebe: Sie gibt auch dann, wenn kein Lohn gegeben wird, sie wirkt auch dann, wenn keine Leistung erwartet wird.

Die Wahrheit, dass das Ersehnte schon überreich in Fleisch und Blut da ist: Durch das Geheimnis der Inkarnation des Gottessohnes ist uns diese Tat der Liebe gegeben. Das WORT ist Fleisch geworden, der Ewige Sohn Gottes ist – auf immer – Mensch geworden und unter uns. Die ganze Wahrheit, das ganze Lebensglück ist leibhaft unter uns im Immanuel: Gott mit uns = Jesus Christus.

Unersättlichkeit und gar Sucht entsteht dann, wenn eine Leistungsgabe gegeben ist und immer wieder erwartet wird: Ich gebe dir, wenn du geleistet hast. Diese Art der Gabe produziert eine Sucht: unersättlich verlange ich nach dieser Gabe, weil ich nie genug haben kann, weil sie nämlich nie erfüllt.

Es gibt die andere Art der Gabe, die Gabe der Liebe. Danach sehne ich mich immer, werde aber nicht süchtig. Es geht hier um die Gerechtigkeit, die überfließend reicher ist als die der Pharisäer.

Es gibt eben diese Liebe, die ganz umsonst ist, die „einfach so“ gegeben wird: eine Liebe, die aus Liebe geschieht, die uns „für nichts“ liebt.

Und diese Liebe hat ihren Ursprung eben im Geheimnis der Liebe des Dreifaltigen Gottes, wie sie uns Jesus Christus geoffenbart hat.

Deo gratias!