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Maria und Gottes Barmherzigkeit

 

Johannes Paul II.:

Maria, die Mutter des Erlösers, die an der Seite Christi bleibt auf seinem Weg zu den Menschen und mit den Menschen und die der Kirche auf der Pilgerschaft des Glaubens vorangeht, begleite mit ihrer mütterlichen Fürsprache die Menschheit ins nächste Jahrtausend in Treue zu dem, der »derselbe ist, gestern, heute und in Ewigkeit« (vgl. Hebr 13, 8), Jesus Christus, unser Herr, in dessen Namen ich alle von Herzen segne.[1]

  • Maria bleibt an der Seite Christi auf seinem Weg zu den Menschen und mit den Menschen
  • Maria geht der Kirche auf der Pilgerschaft des Glaubens voran

Maria, Mutter des Erbarmens[2]

 

Der österliche Christus ist die endgültige Inkarnation des Erbarmens, dessen lebendiges, heilsgeschichtliches und zugleich endzeitliches Zeichen. In diesem Geist legt uns die Liturgie der Osterzeit den Psalmvers auf die Lippen: »Die Erbarmungen des Herrn will ich ewig besingen«.

  • Am auferstandenen Herrn Jesus Christus wird Gottes Barmherzigkeit zu uns Menschen in herausragender Weise deutlich: Gott erbarmt sich uns Menschen, die wir dem Tod und der Sünde verfallen waren, und verheißt allen die Auferstehung von den Toten, einen Ewigen Leib bei Gott.

In dieser österlichen Worten der Kirche klingen - in der Fülle ihres prophetischen Gehaltes - die Worte Marias nach, die sie bei der Begegnung mit Elisabet, der Frau des Zacharias, gesprochen hatte: »Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht«. Sie eröffnen schon beim Morgenrot der Menschwerdung eine neue Perspektive der Heilsgeschichte. Nach der Auferstehung Christi wird diese Perspektive - geschichtlich und endzeitlich gesehen - neu lebendig. Seither lösen in immer größeren Dimensionen immer neue Geschlechter der riesigen Menschheitsfamilie einander ab; und auch im Volk Gottes folgen einander neue Geschlechter, welche die Male des Kreuzes und der Auferstehung tragen, das »Siegel« des Paschageheimnisses Christi, der absoluten Offenbarung jenes Erbarmens, das Maria auf der Schwelle des Hauses ihrer Verwandten pries: »Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht«.

  • Schon als Maria bei Elisabet eintrat, erkennt sie, dass nun das Große Erbarmen Gottes für die Menschheitsfamilie, für uns alle also, beginnt. Im Magnifikat spricht sie: „Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht.“
  • Lasst uns mit Maria auch staunen über das große Erbarmen Gottes zu uns Menschen.


Maria hat auch auf besondere und außerordentliche Weise - wie sonst niemand - das Erbarmen Gottes erfahren und ebenso auf außerordentliche Weise mit dem Opfer des Herzens ihr Teilnehmen an der Offenbarung des göttlichen Erbarmens möglich gemacht. Dieses Opfer lebt ganz aus der Kraft des Kreuzes, unter das sie als Mutter gestellt war; es ist eine einzigartige Teilnahme an der Selbstoffenbarung des Erbarmens, das heißt an der absoluten Treue Gottes zu seiner Liebe, zu seinem Bund mit dem Menschen, dem Volk und der Menschheit, den er von Ewigkeit her wollte und den er in der Zeit geschlossen hat; es ist die Teilnahme an jener Offenbarung, die im Kreuz ihren Höhepunkt gefunden hat. Niemand hat so wie die Mutter des Gekreuzigten das Geheimnis des Kreuzes erfahren, diese erschütternde Begegnung der transzendenten göttlichen Gerechtigkeit mit der Liebe, diesen »Kuß« zwischen Erbarmen und Gerechtigkeit. Niemand hat wie Maria dieses Geheimnis mit dem Herzen aufgenommen: die wahrhaft göttliche Dimension der Erlösung, die sich vollzog durch den Tod des Gottessohnes auf Golgota zusammen mit dem Herzensopfer seiner Mutter, zusammen mit ihrem endgültigen »Fiat«.

  • Um uns Menschen Anteil zu geben am göttlichen Leben durch die Auferstehung, musste der Sohn das größte Opfer aller Zeiten bringen, das Opfer seines Lebens am Kreuz. Dafür ist Maria nicht nur Zeugin, sondern sie hat ihr Leben mit ihrem Sohn am Kreuz geopfert, sie ist Miterlöserin geworden.


Maria also kennt am tiefsten das Geheimnis des göttlichen Erbarmens. Sie kennt seinen Preis und weiß, wie hoch er ist. In diesem Sinn nennen wir sie auch Mutter der Barmherzigkeit, Unsere Liebe Frau vom Erbarmen oder Mutter des göttlichen Erbarmens. Diese Namen haben einen tiefen theologischen Gehalt; denn Maria besaß die besondere Fähigkeit der Seele und der ganzen Persönlichkeit, in den verworrenen Ereignissen der Geschichte Israels und dann des Menschen und der ganzen Menschheit jenes Erbarmen wahrzunehmen, das uns nach dem ewigen Plan der heiligsten Dreifaltigkeit »von Geschlecht zu Geschlecht« geschenkt wird.

  • Maria besaß und besitzt die besondere Fähigkeit der Seele, in den verworrenen Ereignissen unserer Tage Gottes Barmherzigkeit wahrzunehmen.
  • Schauen wir auf sie, um mit ihr diese Wege der Barmherzigkeit heute, in unserem Leben, im Leben der anderen wahrzunehmen.

Vor allem aber meinen die genannten Namen Maria als die Mutter des Gekreuzigten und Auferstandenen; denn nachdem sie in außergewöhnlicher Weise das Erbarmen erfahren hatte, ist sie in gleicher Weise »erbarmenswürdig« geworden - während ihres ganzen irdischen Lebens und vor allem unter dem Kreuz ihres Sohnes; und sie wurde schließlich durch die verborgene und zugleich einzigartige Teilnahme an der messianischen Aufgabe ihres Sohnes ganz besonders dazu berufen, den Menschen die Liebe nahezubringen, die zu offenbaren er gekommen war und die am konkretesten den Leidenden, den Armen, den Unfreien, den Blinden, den Unterdrückten und den Sündern gegenüber sichtbar wird - wie sie Jesus mit der Prophezeiung Jesajas beschrieben hat, in der Synagoge von Nazaret zuerst und dann als Antwort auf die Frage der Abgesandten Johannes' des Täufers.
Gerade an dieser »sich erbarmenden« Liebe, die vor allem bei der Begegnung mit dem moralischen und physischen Übel wirksam wird, hatte das Herz derer, die dem Gekreuzigten und Auferstandenen Mutter war, in außergewöhnlicher Weise Anteil. In ihr und durch sie offenbart sich die erbarmende Liebe weiterhin in der Geschichte der Kirche und der Menschheit. Diese Offenbarung ist deshalb besonders fruchtbar, weil sie sich in Maria auf das einzigartige Taktgefühl ihres mütterlichen Herzens gründet, auf ihre besondere Empfindsamkeit und die Fähigkeit, alle Menschen zu erreichen, welche die erbarmende Liebe leichter von seiten einer Mutter annehmen. Das ist eines der großen und lebenspendenden Geheimnisse des Christentums, dem Geheimnis der Menschwerdung innig verbunden.

  • Maria hat in besonderer Weise die Aufgabe, uns Menschen die Liebe nahezubringen, mit der Gott uns Menschen liebt.
  • Sie kann uns helfen, immer in der Liebe zu bleiben, wie Jesus uns im Abendmahlssaal nahelegt.


»Diese Mutterschaft Mariens in der Gnadenökonomie dauert unaufhörlich an, von der Zustimmung, die sie bei der Verkündigung gläubig gab und unter dem Kreuz ohne Zögern festhielt, bis zur ewigen Vollendung aller Auserwählten. In den Himmel aufgenommen, hat sie diese heilbringende Aufgabe nicht niedergelegt, sondern fährt durch ihre vielfältige Fürbitte fort, uns die Gaben des ewigen Heils zu erwirken. In ihrer mütterlichen Liebe trägt sie Sorge für die Brüder ihres Sohnes, die noch auf der Pilgerschaft sind und in Gefahren und Bedrängnissen weilen, bis sie zum seligen Vaterland gelangen«.



[1] Johannes Paul II. , Centesimus annus , Schluss

[2] Die folgenden Zitate stammen aus: Johannes Paul II., Enz. Dives in misericordia, Nr. 8-9