Jesus, der HERR?
Traditionell nennen wir Jesus den ‚Herrn‘. Mit dieser Bezeichnung können Menschen heute zunehmend weniger anfangen, ja so manche(r) nimmt sogar Anstoß daran.
Deshalb die Frage: Was steckt eigentlich hinter dieser traditionellen Bezeichnung ‚Herr‘?
Der heilige Gottesname JHWH
Ein Schlüsselereignis im Glauben des jüdischen Volkes, der Wurzel des christlichen Glaubens, ist die Gotteserscheinung, die Moses in der Wüste hatte. (Buch Exodus Kap. 3) In einem brennenden Dornbusch begegnet ihm Gott. Das Besondere: Der Dornbusch brannte und verbrannt dennoch nicht. Außerdem hört Mose eine Stimme, die ihn mit Namen ruft und spricht: „Ziehe deine Schuhe von deinen Füßen, denn der Ort, auf dem du stehst, ist heiliger Boden!“ (3,5)
Die Stimme wird deutlicher: „Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Israels und der Gott Jakobs!“ (3,6) Als Mose sich nach dem Namen desjenigen erkundigt, der da zu ihm spricht, hört er: „Ich bin der Ich-bin!“ und weiter: „So sollst du zu den Israeliten sprechen: JHWH, der Gott eurer Väter, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs, hat mich zu euch gesandt. Dies ist mein Name für alle künftigen Zeiten.“ (3,14ff.)
JHWH steht für vier hebräische Buchstaben mit den Bezeichnungen: Jot – He – Waw – He. Ein geheimnisvoller Name, dessen Herleitung im Dunkel ist. Man nennt diesen Namen das Tetragramm (das ‚Vierbuchstabenwort‘). Es hat sich im Judentum herausgebildet, dass wann immer im Alten Testament dieses Tetragramm vorkommt, man dieses Wort nicht ausspricht, sondern anstelle dessen das hebräische Wort für ‚Herr‘, nämlich Adonaj spricht.
Der Katechismus der Katholischen Kirche fasst dies so zusammen (206): Indem er seinen geheimnisvollen Namen JHWH — ,,Ich bin der, der ist" oder ,,Ich bin der Ich-bin" — offenbart, sagt Gott, wer er ist und mit welchem Namen man ihn anreden soll. Dieser Gottesname ist geheimnisvoll, wie Gott selbst Geheimnis ist. Er ist ein geoffenbarter Name und zugleich gewissermaßen die Zurückweisung eines Namens. Gerade dadurch bringt er jedoch das, was Gott ist, am besten zum Ausdruck: der über alles, was wir verstehen oder sagen können, unendlich Erhabene. Er ist der ,,verborgene Gott" (Jes 45,15); sein Name ist unaussprechlich [Vgl. Ri 13,18.]; und er ist zugleich der Gott, der den Menschen seine Nähe schenkt.
Und weiter heißt es dort (213): Die Offenbarung des unaussprechlichen Namens ,,Ich bin der Ich-bin" enthält somit die Wahrheit, dass allein Gott ist. In diesem Sinn haben schon die Übersetzung der Septuaginta und die Überlieferung der Kirche den Namen Gottes verstanden: Gott ist die Fülle des Seins und jeglicher Vollkommenheit, ohne Ursprung und ohne Ende. Während alle Geschöpfe alles, was sie sind und haben, von ihm empfingen, ist er allein sein Sein, und er ist alles, was er ist, von sich aus.
Aus diesem Grund sind auch wir Christen eingeladen, diesen Heiligen Namen Gottes JHWH nicht auszusprechen, sondern nach alter Tradition stattdessen HERR zu sprechen.[1]
HERR Jesus Christus
Auf diesem Hintergrund wird deutlicher, dass mit der Benennung ‚Herr‘ etwas doch anderes gemeint ist, als wir es normalerweise gewohnt sind.
Gewohnt sind wir im öffentlichen Leben, einen Mann mit ‚Herr‘ anzusprechen und eine weibliche Person mit ‚Frau‘. Es geht dabei um einen Akt der Freundlichkeit und Ehrfurcht vor diesen Personen. Manchmal wird diese Anrede mit einem Titel verbunden: Frau Doktor, Frau Professor o.ä.
Wenn wir aber Jesus mit diesem Namen ‚Herr‘ ansprechen, geht es aber um viel, viel mehr. HERR bedeutet hier etwas, was das tiefste Wesen von Jesus Christus bezeichnet. Wir haben im Deutschen und auch in den anderen Sprachen kein eigenes Wort, das wir anstelle dessen setzen könnten.
Zunächst ist es eigentlich keine männliche Bezeichnung. Wenn wir Jesus HERR nennen, meinen wir keine geschlechtsspezifische Eigenschaft. Als der Sohn Gottes ist Jesus mit dem Vater und dem Heiligen Geist im Geheimnis der Dreifaltigkeit der HERR des Himmels und der Erde, womit wir meinen: Er ist der Schöpfer von allem, über alle Geschöpfe erhaben, weder Mann noch Frau, - eben über alles weit erhaben.
HERR ist somit ein Titel, der all die Eigenschaften beinhaltet, die wir in Bezug auf Gott nennen könnten.
ICH BIN
Jesus sagt einmal etwas Erstaunliches: Ehe Abraham war, bin ich! (Joh 8,58) Und im letzten Buch der Heiligen Schrift, der Offenbarung des Johannes, hören wir Jesus sagen: Ich bin das Alpha und das Omega, … der ist und der war und der kommt, der Allherrscher! (Offb 1,8) Mit solchen Worten erhalten wir Einblick in das tiefste Wesen Jesu. Bevor die Welt war, bevor Gott durch sein Wort, den Logos, die Welt erschuf, ist der Sohn Gottes mit dem Vater und dem Heiligen Geist der eine Gott. In Jesus von Nazareth, so ist es Glaube der Christen, wird der Sohn Gottes Mensch und lebt und wohnt unter uns. Hier rühren wir an den Heiligen Gottesnamen IHWH.
Wenn wir nach Worten aus den Evangelien suchen, mit denen Jesus sich selbst beschreibt, dann stoßen wir auf die sogenannten ICH-BIN-Worte Jesu. Der Evangelist Johannes überliefert uns sieben dieser Art. Und diese Worte beschreiben am ehesten, was mit dieser Benennung HERR gemeint ist.
Ich bin das Brot des Lebens. (Joh 6,35)
Ich bin das Licht der Welt. (Joh 8,12)
Ich bin die Tür. (Joh 10,9)
Ich bin der gute Hirte. (Joh 10,11)
Ich bin die Auferstehung und das Leben. (Joh 11,25)
Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. (Joh 14,6)
Ich bin der wahre Weinstock. (Joh 15,1)
Pfr. R. Gabriel M. Maiwald, Juli 2018
[1] Entsprechende "Direktiven zum Gebrauch des Gottesnamens in der Liturgie" wurden als Brief der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung am 29. Juni 2008 von Kardinal Francis Arinze und Erzbschof Malcolm Ranjith an die Bischofskonferenzen aller Welt gerichtet.