Von der Abgeschiedenheit nach Meister Eckhart
[Aus: Meister Eckhart Mystische Schriften, Aus dem Mittelhochdeutschen in unsere Sprache übertragen von Gustav Landauer, Berlin 1903, Abgeschrieben von Andreas Marschler · www.marschler.at]
Auf er Suche nach der Tugend, die uns Menschen am ehesten Gott gleich macht, stößt Meister Eckhart auf die ABGESCHIEDENHEIT: Und wenn ich alle Schriften durchforsche, so gut meine Vernunft zu ergründen und erkennen vermag, so finde ich nichts anderes als reine Abgeschiedenheit, die aller Kreaturen entledigt ist. Darum sprach unser Herr zu Martha: »unum est necessarium«, das heißt so viel wie: Wer getrübt und rein sein will, der muss eines haben, und das ist Abgeschiedenheit.
Abgeschiedenheit ist nach Meister Eckhart: aller Kreatur entledigt sein, rein sein, ganz bei dem einen Notwendige sein: Gott, wie es Maria zu Füßen Jesu war.
Im Vergleich zu anderen Tugenden erweist sich die Abgeschiedenheit als die höchste auf den Wege der Ähnlichkeit zu Gott.
Warum steht sie über der Liebe?
Ich aber lobe die Abgeschiedenheit mehr als alle Liebe.
Zum Ersten darum, weil das Gute an der Liebe ist, dass sie mich zwingt, Gott zu lieben.
Nun ist es viel mehr wert, dass ich Gott zu mir zwinge, als dass ich mich zu Gott zwinge.
Und das kommt daher, dass meine ewige Seligkeit daran liegt, dass ich und Gott vereinigt werden; denn Gott kann sich passender mir anpassen und besser mit mir vereinigen als ich mit ihm.
Seine Argumentation ist also:
Die Liebe zwingt mich, Gott zu lieben. Inwiefern? Meine Reaktion als Geschöpf auf die Liebe, die Gott mir entgegenbringt: Ich liebe Ihn. Liebe erwidert Liebe. Ich zwinge mich zu Gott, zwinge mich Gott zu lieben (‚zwinge‘ im Sinne von: alles drängt darauf hin).
Nun behauptet Eckhart, dass es viel mehr wert ist, wenn „ich Gott zu mir zwinge“. Inwiefern?
Meine Seligkeit ist es, „dass ich und Gott vereinigt werden“. Das scheint klar.
Was ist da der passendere Weg? – Gott passt sich mir an und vereinigt sich mit mir, - als ich Ihm.
Deshalb ist es von größerem Wert, wenn „ich Gott zu mir zwinge“.
Und wie geschieht dies? – Durch Abgeschiedenheit, wie er meint.
Dass Abgeschiedenheit Gott zu mir zwingt, das bewähre ich damit:
Ein jedes Ding ist doch gerne an seiner natürlichen Eigenstätte.
Ist unmittelbar einleuchtend.
Nun ist Gottes natürliche Eigenstätte Einfachheit und Reinheit; die kommen von der Abgeschiedenheit. Darum muss Gott notwendig sich selbst einem abgeschiedenen Herzen hingeben.
Einfachheit und Reinheit erreiche ich durch Abgeschiedenheit, so sein Argument.
Denn so genau definiert er Abgeschiedenheit: aller Kreatur entledigt sein, rein sein, ganz bei dem einen Notwendige sein: Gott.
Weil also Gott ein reines, aller Kreatur entledigtes Herz, das ganz bei Ihm sein will, liebt, deshalb liebt und sucht er einen abgeschiedenen Menschen gern.
Zum Zweiten lobe ich die Abgeschiedenheit mehr als die Liebe, weil die Liebe mich dazu zwingt, alles um Gottes willen auf mich zu nehmen, während die Abgeschiedenheit mich dazu zwingt, dass ich für nichts empfänglich bin als für Gott.
Inwiefern?
Nun steht es aber viel höher, für gar nichts als Gott empfänglich zu sein, als um Gottes willen alles zu ertragen. Denn in dem Leiden hat der Mensch noch einen Hinblick auf die Kreatur, von der er zu leiden hat. Die Abgeschiedenheit dagegen ist aller Kreatur entledigt.
Dass aber die Abgeschiedenheit für nichts als für Gott empfänglich ist, das beweise ich:
Denn was empfangen werden soll, das muss irgendworin empfangen werden.
Nun ist aber die Abgeschiedenheit dem Nichts so nahe, dass kein Ding so zierlich ist, dass es in der Abgeschiedenheit enthalten sein kann als Gott allein.
Der ist so einfach und zierlich, dass er wohl in dem abgeschiedenen Herzen sich aufhalten kann.