Die Ewige Frau
Von: Gertrud von le Fort, Verlag Kösel-Pustet München, 1941, S. 5ff.
Die symbolhafte Bedeutung der Frau
Im Vorwort erklärt le Fort die Grundabsicht: die symbolhafte Bedeutung der Frau darzustellen. (5)
Nicht geht es ihr um die psychologische, biologische, geschichtliche oder soziale Stellung der Frau.
Schon zur Zeit der Niederschrift dieser Abhandlung – 1934 wird sie das erste Mal herausgegeben – ist der Zugang zur „Sprache der Symbole“ nicht mehr leicht.
Die Sprache der Symbole war einst „die allgemeinverständliche Sprache eines lebendigen Denkens“. Ersetzt wurde sie durch die „Sprache des abstrakt-begrifflichen Denkens“. (5)
‚Lebendiges Denken‘ geschieht also mittels Symbolen, statisches Denken mittels abstrakter Begriffe.
Was nun sind ‚Symbole‘?
„Symbole sind Zeichen oder Bilder, in denen letzte metaphysische Wirklichkeiten und Bestimmungen nicht abstrakt erkannt, sondern gleichnishaft anschaubar werden: Symbole sind also die im Sichtbaren gesprochene Sprache eines Unsichtbaren.
Zu Grunde liegt die Überzeugung einer sinnvollen Ordnung aller Wesen und Dinge, die sich durch die Wesen und Dinge selbst als göttliche Ordnung auszuweisen vermag: eben durch die Sprache ihrer Symbole.“ (5)
Symbole sind also
- die im Sichtbaren gesprochene Sprache eines Unsichtbaren;
- Zeichen oder Bilder, in denen letzte metaphysische Wirklichkeiten und Bestimmungen gleichnishaft anschaubar werden.
Dem zugrunde liegt
- eine sinnvolle Ordnung aller Wesen und Dinge;
- eine göttliche Ordnung, auf die diese Wesen und Dinge hinweisen.
Wesentlich ist in dieser Anschauung
- die Existenz einer göttlichen Ordnung,
- die Existenz von letzten metaphysischen Wirklichkeiten.
Was wir also Wahrnehmen an der uns umgebenden Wirklichkeit ist Zeichen auf eine dahinter und darüber liegende Wirklichkeit. Die göttliche Ordnung spricht zu uns durch Wesen und Dinge. Die Sprache dazu sind die Symbole.
Was also zur Zeit Gertrud von le Forts schon ein Problem war, ist es in unserer Zeit noch viel mehr. Die Welt des Geistes, der sich in Seele und Leib ausspricht beim Menschen, ist heutzutage so gut wie ganz verschwunden für die meisten Menschen. Unsere Zeit ist geistlos geworden. Übriggeblieben ist bloße Empirie und Funktionalität.
„Das Symbol sagt also nicht den empirischen Charakter oder Zustand seines jeweiligen Trägers aus, sondern dessen metaphysische Bedeutung. Der Träger des Symbols kann vom Symbol abfallen, sein Symbol fällt damit nicht.“(6)
Unsere gesamte Wirklichkeit ist – so G. von le Fort – ist also symbolhaft und bleibt es auch, auch wenn der Mensch den Zugang dazu verloren hat.
Daraus ergibt sich für unsere Zeit die große Frage: Wie entdecken wir wieder den symbolhaften Charakter der Wirklichkeit?
G. von le Fort behauptet also:
- Die Frau ist ein Symbol. Wofür?
- Insbesondere Symbol für das Religiöse.
Der Frau ist besonderem Maße aufgetragen
- die Bildhaftigkeit des Religiösen,
- gleichnishafte Darstellung des Religiösen.
Die Frau hat in spezifischer Weide die Aufgabe der Offenbarung, nämlich der metaphysischen Wesenheit. (6)
Es gilt der Grundsatz: „die Offenbarung alles Wesens ist auf Erden stets eine doppelte“.
Alles Wesen offenbart sich in doppelter Weise, auch der Mensch
„Maria als Vertreterin der gesamten Kreatur vertritt gleicherweise Mann und Frau.“ (7)
Zu dieser Quintessenz kommt man auf folgender Weise:
Der Mensch ist nach dem Bilde Gottes geschaffen; er ist nach Gen 1 als männlich und weiblich geschaffen. Das Wesen des Menschen offenbart sich also auf Erden in doppelter Weise: als weiblich und männlich. Den Menschen gibt es nicht, es gibt ihn nur in der männlichen und weiblichen Erscheinung.
(Dass es Menschen gibt, die sich vom Phänotyp nicht als Mann oder Frau bezeichnen lassen, entkräftet diese Betrachtungsweise nicht. Tatsächlich nämlich trifft es nur für einen geringen Prozentsatz der derzeit lebenden Menschen zu, dass sie sich nicht als männlich oder weiblich bezeichnen würden.)
Beispiele für diese doppelte Offenbarung:
- Die größten Formen des männlichen Wesens:
Der Mann als Held, der auch große Barmherzigkeit zeigt – zum ritterlichen Mann gehört der Schutz der Kleinen und Schwachen.
(Beispiel: Hl. Vinzenz von Paul nimmt sich als Priester mütterlich verlassener Kinder an)
(Beispiel: Hl. Aloisius von Gonzaga bezeugt die Jungfräulichkeit auch als männliche Tugend) - Von weiblicher Seite her: Hl. Caterina von Siena fordert als Frau männliche Eigenschaften für alle Christen.
- Lauretanische Litanei (dogmatisch bestimmtes Gebet):
- Mater amabilis – virgo potens
- Rosa mystica – Spiegel der Gerechtigkeit / Turm David
- Maria wird so mit männlichen und weiblichen Eigenschaften besungen:
Vertreterin der gesamten Kreatur (Mann und Frau).
Der Mensch als Mann und Frau ist in diesem Sinne Symbol für ein tiefes Geheimnis, das Gott mit der Erschaffung des Menschen als Mann und Frau in die Welt setzt: Der Mensch ist Offenbarung Gottes. Un nur wenn wir den Menschen so verstehen, verstehen wir ihn wahrhaft, und Gott dazu.
Die Ewige Frau
Von ‚Ewiger Frau‘ könne man nur sprechen, wenn man unterscheide zwischen
- zeitlicher Bedingtheit und
- dem zeitlos Unbedingten. (11)
Ein Mensch mit seinen „metaphysischen Instinkten“ kenne diesen noch.
Im Angesicht der Ewigkeit erkenne der Mensch als Geschöpf „seine eigene Relativität“.
Das Geschöpf, der Mensch ist „Gedanke und Spiegel eben des Ewigen, als sein Gleichnis oder Gefäß.“
Als gefallenes Geschöpf ist nötig der Weg der Läuterung, „jeder religiösen Hingebung“.
Um das Wesen der Frau zu entdecken, gehe es „um das kosmisch-metaphysische Antlitz der Frau, um das Weibliche als Mysterium, um seinen religiösen Rang, um sein Urbild und sein Endbild in Gott“. (12)
Katholische Dogmatik über die Frau
Die katholische Dogmatik habe „die gewaltigsten Aussagen gemacht (hat), die je über die Frau gemacht worden sind. Neben diesen Aussagen verschwinden all anderen Versuche der metaphysischen Deutung des weiblichen als bloßes Nachhallen der Theologie oder als religiös inhalts- und bedeutungslos.“ (13)
Zwei Hinweise dafür:
- Die Kirche vergleicht die Frau in der Lehre vom Sakrament der Ehe mit sich selbst.
- Eine Frau ist Königin des Himmels, Mutter des Erlösers, Mutter der göttlichen Gnade.
Damit ist nicht „die Inkarnation des Weiblichen an sich gemeint“, sondern Maria, die Eine, die gebenedeit unter den Frauen ist.
Maria ist damit „Symbol des weiblichen“ und doch „unendlich mehr … als das Symbol des Weiblichen“.
In Maria „allein ist das metaphysische Geheimnis der Frau Gestalt und darum fassbar geworden“. (14)
Dogma von der Immaculata
„Es steht am Anfang des Mysteriums, ja es steht am Anfang überhaupt: es taucht gleichsam in den Morgenglanz der Schöpfungsstunde zurück.“ (14)
Es „bedeutet die Verkündigung dessen, was der Mensch als noch nicht gefallene Kreatur war; es bedeutet das unentweihte Antlitz des Geschöpfes, das göttliche Ebenbild im Menschen.“
Es „liegt wenige Jahrzehnte … vor … dem ‚Sturz des menschlichen Bildes‘ …“
Die Immaculata ist „das unentweihte göttliche Ebenbild der Menschheit“.(15)
Die Jungfrau der Verkündigung ist deren „Repräsentantin“.
„Denn zu seiner Erlösung hat der Mensch Gott gegenüber nichts einzusetzen als die Bereitschaft der unbedingten Hingebung.
Das Passiv-Empfangende des Weiblichen … erscheint in der christlichen Gnadenordnung als das Positiv-Entscheidende: das marianische Dogma bedeutet … die Lehre von der Mitwirkung der Kreatur bei der Erlösung.“
„Das ‚fiat‘ der Jungfrau ist … das Offenbarwerden des Eigentlich-Religiösen. …
„… das Offenbarwerden des Eigentlich-Weiblichen“ als Hingebung.
„Maria ist also nicht allein Gegenstand der religiösen Verehrung,
sondern sie ist aus selbst das Religiöse, durch das Gott verehrt wird,
die Hingebungsgewalt des Kosmos in Gestalt der bräutlichen Frau.“
Schleier als Symbol des Metaphysischen auf Erden
„Der Schleier ist das Symbol des Metaphysischen auf Erden.
Es ist aber auch das Symbol des Weiblichen – alle großen formen des Frauenlebens zeigen die Gestalt der Frau verhüllt.“ (17) „Der Schleier ist geradezu der Ausweis jeder großen weiblichen Sendung.“ (19)
„… die größten Mysterien des Christentums {hielten} ihren Einzug in die kreatürliche Welt nicht durch den Mann, sondernd durch Frauen …“: die Verkündigung (Maria), die Osterbotschaft (Magdalena).
„… das Pfingstgeheimis aber zeigt den Mann in der weiblich-empfangenden Haltung.“ (17)
Geheimnis der Frau: Hingebung als metaphysisches Geheimnis, Hingebung als Erlösungsgeheimnis.
Bei Maria: in einzigartiger, aller Kreatur unendlich überlegener Vollkommenheit anschaubar – Bildnis der allerseligsten Jungfrau und Mutter.
„Wo immer die Frau zutiefst sie selbst ist, da ist sie nicht sie selbst, sondern hingegeben – wo immer aber sie hingegeben ist, da ist sie auch Braut und Mutter.“ (18)
Die Schöpfung ist gefallen
„Überall wo Hingebung ist, da ist auch ein Strahl vom Geheimnis der Ewigen Frau; wo aber die Frau sich selbst will, da erlischt das metaphysische Geheimnis: indem sie ihr eigenes Bild erhebt, vernichtet sie das ewige Bild. Erst von hier aus wird der Abfall der Frau verständlich, also die Eva.“ (20)
Der eigentliche Abfall „hängt nicht an der Versuchung durch die süße Frucht; er hängt aber auch nicht an der Versuchung zur Erkenntnis, sondern er hängt an dem ‚Ihr werdet sein wie Gott‘, an dem Gegensatz zu dem ‚fiat‘ der Jungfrau.“
Der eigentliche Sündenfall bedeutet „den Abfall der Frau; er bedeutet ihn, nicht weil Eva den Apfel zuerst nahm, sondern weil sie ihn als Frau nahm.
Die Schöpfung ist i ihrer weiblichen Substanz gefallen, denn sie fiel im Religiösen; darum schreibt die Bibel mit Recht Eva und nicht Adam die größere Schuld zu.“
Eva die Stärkere
Es sei ganz falsch, „zu sagen, dass Eva als die Schwächere fiel. Die Verführungsgeschichte der Bibel zeigt ganz deutlich, dass sie die Stärkere, die dem Manne Überlegene war.
Der Mann steht, kosmisch betrachtet, im Vordergrund der Kraft,
die Frau lagert in ihrer Tiefe.
Wo immer die Frau unterdrückt wurde, geschah es niemals, weil sie schwach war, sondern weil sie als mächtig erkannt und gefürchtet wurde – mit Recht:
denn in dem Augenblick, wo die stärkere Gewalt nicht mehr die Hingebung, sondern die Selbstherrlichkeit sein will, entsteht natürlicherweise eine Katastrophe.“ (21)
„Weil sie nach ihrem ganzen Sinn und Sein nicht nur zur Hingebung bestimmt, sondern geradezu de Hingebungsgewalt des Kosmos selbst ist, darum bedeutet ihre Versagung etwas Dämonisches und wird auch so empfunden.“
„Zwar ist sie nie das Böse an sich – der gefallene Engel steht ihr im Abfall voran, der Teufel ist männlich –, aber sie teilt mit ihm de Verführungsgewalt.
Verführung ist Eigenwille, Gegenteil von Hingabe.
Wie der gefallene Engel schrecklicher ist als der abgefallene Mensch, so ist auch die abgefallene Frau schreckliche als der abgefallene Mann.“ (21)
„Die Geschichte des Sündenfalls wiederholt sich natürlich ständig.
Im tieferen Sinne ist die Frau schuld an jedem Abfall, und zwar nicht nur deshalb, weil sie die Mutter ist, in deren Schoß die Abfallenden wachsen, sondern weil jeder Abfall, auch der des Mannes, sich innerhalb der im besonderen Sinne der Frau anvertrauten Sphäre vollzieht.“ (22)
Die Hure Babylon
Das letzte Buch der Heiligen Schrift, die Offenbarung des Johannes, spricht von der Hure Babylon als das große Zeichen der Endzeit: Komm, ich zeige dir das Strafgericht über die große Hure, die an den vielen Gewässern sitzt. (Offb 17,1) Eine Frau erscheint, in Purpur und Scharlach gekleidet. Auf ihrer Stirn steht geschrieben: Babylon, die Große, die Mutter der Huren und aller Abscheulichkeiten der Erde.
Auf diese Frauengestalt wird Bezug genommen:
„Wie die abgefallene Frau zu Anfang der menschlichen Geschichte steht, so steht sie auch am Ende aller Geschichte.“ (22)
Der Antichrist ist ein Tier, kein Mann:
„Nicht der Mann ist die eigentlich apokalyptische Gestalt des Menschen, sondern das Wesen der ‚letzten Zeiten‘ ist gerade, dass die Gestalt des Menschen versinkt, weil er den nackenden Mächten der Zerstörung nicht mehr männlich zu gebieten vermag. Darum bezeichnet auch die Geheime Offenbarung den Antichrist nicht als Menschen, sondern als ‚Tier aus dem Abgrund‘.“
Die Hure stellt die Unfruchtbarkeit der Welt dar:
„Als erkennbare apokalyptische Gestalt des Menschen steht in der geheimen Offenbarung das Weib – nur in ihrer Bestimmung untreu gewordene Frau kann jene absolute Unfruchtbarkeit der Welt darstellen, welche ihren Tod und Untergang herbeiführen muss.“ (22f.)
An die Stelle von Hingebung tritt Preisgebung:
„… die ‚große Hure‘ ist das apokalyptische Bild der Endzeit.
Die Hure bedeutet die radikale Aufhebung der Fiat-Linie: an die Stelle der Hingebung tritt die letzte Form der innerlichen Versagung – die Preisgebung.“
Die Hure ist die Versklaverin der Triebhaftigkeit des Mannes:
„… die Hure dient nicht mehr als ‚Mitwirkende‘ im Geiste der Liebe und Demut, sondern sie dient als Ding – das Ding rächt sich durch Herrschaft: über dem in die Botmäßigkeit der Mächte gefallenen Mann erhebt sich triumphierend die Versklaverin seiner Triebhaftigkeit.“ (23)
„Der Apokalypse der Endzeit gehen die Apokalypsen der einzelnen Zeitalter und Kulturkreise voran.“ (24)