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Die Natur der Seele

 

(Aus: Meister Eckhart, Mystische Schriften, Aus dem Mittelhochdeutschen in unsere Sprache übertragen von Gustav Landauer, Berlin 1903, abgeschrieben von Andreas Marschler, www.marschler.at, Von der Überfahrt zur Gottheit, S. 57)

 

Die Seele ist ihrer Natur nach dergestalt: Wo sie nirgends ist, da ist sie ganz und gar, in jedem Glied ist sie ganz und gar, und das kommt daher: Wo irgend Natur ist, da ist sie ganz und gar. Darum ist die Gottheit an allen Orten und in allen Kreaturen und in jeder ganz und gar.

Die ungenaturte Natur naturt nur insoweit, als sie sich naturen lässt. Sonst naturt sie nicht, der Vater naturt seinen Sohn in der genaturten Natur, und doch ist der Vater der ungenaturten Natur so nahe wie der genaturten Natur, denn sie ist eins mit ihm. Der Vater ist in der ungenaturten Natur allein und auch der Erste in der genaturten Natur. Und in der genaturten Natur ist der Sohn mit dem Vater naturend, und der Sohn naturt den heiligen Geist, und der heilige Geist ist mit dem Vater und dem Sohne in der genaturten Natur, und er naturt nicht. In der ungenaturten Natur sind sie eins, und die genaturte Natur unterscheidet die Personen, und die Personen sind so ewig in ihren Personen, wie die ungenaturte Natur in ihrer Natur ist, und die genaturte Natur ist so ewig an sich wie die ungenaturte Natur, und dies ist nichts als ein Gott und drei Personen, die Naturen die Kreatur, jede in ihrer Natur, und geben ihnen Kraft und Werk, wie es ihnen am besten bekommt. Eine jede Kreatur hat ihre Natur so lieb, dass sie keine andere haben wollte. Ein Meister spricht: Könnte Gott von Reue ergriffen werden, so reute ihn, dass er nicht allen Kreaturen göttliche Natur geben konnte.

Gott ist an sich selbst ein einfaches Gut und ungeteilt. Alle Namen, die die Seele Gott gibt, nimmt sie aus sich selbst. Er ist dreifaltig und doch eins und allen Kreaturen gemein, und er ist den verbrannten Geistern und denen, die im Brande erloschen und in ihm zunichte geworden sind, eine einfache Substanz.

Selig ist die Seele, die sich hinüberschwingt, um alle Dinge in der bloßen Gottheit zu empfangen. Die Seele soll begraben werden im Angesichte Gottes, sie soll in den Himmel gezogen werden, wo die drei Personen in der Einheit ihrer Natur darin wohnen. Das ist die verborgene Gottheit, über die man nicht sprechen kann. Selig sind, die die Überfahrt machen: Denen werden alle Dinge, die doch allen Kreaturen unbekannt sind, in der Wahrheit bekannt.

 

Wo irgend Natur ist, da ist sie ganz und gar.

Dies gilt offenbar für die göttliche Natur, denn: Darum ist die Gottheit an allen Orten und in allen Kreaturen und in jeder ganz und gar. Gott ist allgegenwärtig, auch in seinen Geschöpfen. Analog gilt dies offenbar nach Eckhart auch für die Seele im Leib des Menschen.

An anderer Stelle führt Eckhart aus (dass. S. 45: Von den Stufen der Seele):
Gott ist dreifach von Personen und ist einfach von Natur, Gott ist auch an allen Orten und an jedem ist Gott zugleich. Das heißt so viel, als ob alle Orte ein Ort Gottes wären. So steht es auch um die Seele. Gott hat Vorsehung aller Dinge und bildet alle Dinge in seiner Vorsehung. Das alles ist Gott nätürlich. So steht es auch um die Seele. Sie ist auch dreifach an Kräfte und einfach von Natur. Die Seele ist auch in allen Gliedmaßen und in jedem Glied ist sie zugleich. Daher sind alle Glieder ein Ort der Seele.

Nun nimmt Eckhard eine Gegenüberstellung vor von: Ungenaturte Natur – genaturte Natur, ungewöhnliche Worte, die wohl eine Kreation von ihm selbst sind.

So formuliert er:

Der Vater ist in der ungenaturten Natur allein
und auch der Erste in der genaturten Natur.

Die Person des Vaters können wir unterscheiden von seiner göttlichen Natur, der Gottheit nach.
Allein ist der Vater in der ungenaturten Natur: seine Natur ist ‚ungenaturt‘, die des Sohnes ‚genaturt‘. Naturen heißt somit soviel wie: die eigene Natur weitergeben, ungeteilt, ganz.

Die genaturte Natur ist so ewig an sich wie die ungenaturte Natur.

Der Vater ist ewig, wie auch der Sohn ewig ist: der Sohn hat die eine göttliche Natur vom Vater empfangen, ist der Einziggeborene des Vaters.

Der Vater ist der ungenaturten Natur so nahe wie der genaturten Natur, denn sie ist eins mit ihm.
Die genaturte Natur ist nämlich die eine göttliche Natur, an den Sohn weitergegeben, ungeteilt, ganz.

Der Vater naturt seien Sohn in der genaturten Natur.
Der Sohn ist mit dem Vater naturend in der genaturten Natur.

Ein neuer Aspekt: in der genaturten Natur, die die Natur des Sohnes ist, die der Vater ihm geschenkt hat, ist der Sohn auch naturend, mit dem Vater. Deshalb heißt es:

Der Sohn naturt den heiligen Geist.

Die Frage ist, ob ‚naturen‘ gleichbedeutend ist mit: hervorgehen lassen, wie es im Großen Glaubensbekenntnis heißt: ‚der aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht‘?

Der Heilige Geist naturt nicht.
Der heilige Geist ist mit dem Vater und dem Sohne in der genaturten Natur.

In der ungenaturten Natur sind sie [Vater-Sohn-Hl.Geist] eins,
die genaturte Natur unterscheidet die Personen.

In der ‚ungenaturten Natur‘ gibt es nur Einssein, nicht die Unterscheidung der Personen.

Die Personen sind so ewig in ihren Personen, wie die ungenaturte Natur in ihrer Natur ist,
die genaturte Natur ist so ewig an sich wie die ungenaturte Natur,
und dies ist nichts als
ein Gott und drei Personen, die Naturen die Kreatur, jede in ihrer Natur.

Gott ist an sich selbst ein einfaches Gut und ungeteilt. Er ist dreifaltig und doch eins und allen Kreaturen gemein.

Die Seele soll begraben werden im Angesicht Gottes, sie soll in den Himmel gezogen werden, wo die drei Personen in der Einheit ihrer Natur darin wohnen.

Die Seele soll so in Gott vereint sein, dass es ihr vorkommt, es sei nichts mehr als Gott allein.

Eine jede Kreatur hat ihre Natur so lieb, dass sie keine andere haben wollte.