Jesus: Bräutigam einer Braut?
Johannes der Täufer sagt über Jesus bei einer Gelegenheit etwas Erstaunliches: Wer die Braut hat, ist der Bräutigam! (Joh 3,29) Er selbst nennt sich ‚Freund des Bräutigams‘: Der Freund des Bräutigams, der dabeisteht und ihn hört, freut sich herzlich über die Stimme des Bräutigams. Diese meine Freude ist jetzt in Erfüllung gegangen. (ebd.)
Johannes also ist der Freund des Bräutigams, Jesus selbst ist der Bräutigam. Die Frage ist: Wer ist die Braut?
Schauen wir zuerst einmal genauer hin, in welchem Zusammenhang der Vorläufer Johannes diese Worte spricht. (Joh 3)
22 Darauf ging Jesus mit seinen Jüngern nach Judäa. Dort hielt er sich mit ihnen auf und taufte. 23 Aber auch Johannes taufte damals, und zwar in Änon bei Salim, weil dort viel Wasser war; und die Leute kamen und ließen sich taufen. 24 Johannes war nämlich noch nicht ins Gefängnis geworfen worden.
Johannes hält sich also am Jordan auf und tauft viele Menschen. Er tauft sie, damit sie sich reinigen lassen von ihren Sünden und so sich vorbereiten auf das Kommen des verheißenen Messias. Diese Vorbereitung gleicht derjenigen auf ein Hochzeitsfest. Die Propheten Israels hatten immer wieder davon gesprochen, dass Gott der Bräutigam ist und Israel seine Braut (vgl. den Propheten Hosea).
25 Da kam es zwischen den Jüngern des Johannes und einem Juden zum Streit über die Frage der Reinigung. 26 Sie gingen zu Johannes und sagten zu ihm: Rabbi, der Mann, der auf der anderen Seite des Jordan bei dir war und für den du Zeugnis abgelegt hast, der tauft jetzt, und alle laufen zu ihm.
Diese Auseinandersetzung nun ist eine Gelegenheit für Johannes zu erklären, wer dieses Jesus ist, für den er den Weg bereiten soll.
27 Johannes antwortete: Kein Mensch kann sich etwas nehmen, wenn es ihm nicht vom Himmel gegeben ist. 28 Ihr selbst könnt mir bezeugen, dass ich gesagt habe: Ich bin nicht der Messias, sondern nur ein Gesandter, der ihm vorausgeht.
Die Aufgabe, die also Johannes ausübt, ist ihm von ‚oben‘, von Gott geschenkt. Gott selbst ist sein Auftraggeber.
Und nun kommt eine überraschende Behauptung:
29 Wer die Braut hat, ist der Bräutigam; der Freund des Bräutigams aber, der dabeisteht und ihn hört, freut sich über die Stimme des Bräutigams. Diese Freude ist nun für mich Wirklichkeit geworden.
Johannes selbst bezeichnet sich als den ‚Freund des Bräutigams‘, der alles tut, damit sich die Menschen auf eine Hochzeit vorbereiten, die Hochzeit des Bräutigams Jesus mit seiner Braut, der Kirche. Er, Johannes, habe nur eine vorbereitende Sendung: 30 Er muss wachsen, ich aber muss kleiner werden.
Johannes kennt genau seine Aufgabe in diesem Erlösungsgeschehen. Er kennt die großen Unterschiede zwischen sich und Jesus: 31 Er, der von oben kommt, steht über allen; wer von der Erde stammt, ist irdisch und redet irdisch. Er, der aus dem Himmel kommt, steht über allen. 32 Was er gesehen und gehört hat, bezeugt er, doch niemand nimmt sein Zeugnis an.
Jesus kommt ‚von oben‘, vom Gott Vater. Als der Sohn Gottes steht er über allen. Jesus kommt vom Vater und gibt Zeugnis von dem, was er beim Vater gesehen hat. Und Johannes wirbt: 33 Wer sein Zeugnis annimmt, beglaubigt, dass Gott wahrhaftig ist. 34 Denn der, den Gott gesandt hat, verkündet die Worte Gottes; denn er gibt den Geist unbegrenzt.
Hier wird deutlich, wie groß der Unterschied zwischen ihm, den Vorläufer, und ihm, dem Sohn des Vaters ist: 35 Der Vater liebt den Sohn und hat alles in seine Hand gegeben. Diesem großen Geheimnis dient Johannes. Jesus ist es, der das ganz Neue bringt, den erlösenden Glauben: 36 Wer an den Sohn glaubt, hat das ewige Leben; wer aber dem Sohn nicht gehorcht, wird das Leben nicht sehen, sondern Gottes Zorn bleibt auf ihm.
Dass nun Jesus es ist, der der ganzen Schöpfung die Hochzeit Gottes mit seiner Schöpfung bringt, wird offenbar in dem ‚Zeichen‘, das Jesus bei der Hochzeit zu Kana wirkt. Der Evangelist Johannes überliefert als einziger dieses Ereignis, und zwar als erstes von sieben Wundern, wie sie in diesem Evangelium überliefert werden. (1. Hochzeit zu Kana Joh 2; 2. Heilung des Sohnes des königlichen Beamten Joh 4,43; 3. Heilung des Kranken am Teich Betesda Joh 5,1; 4. Brotvermehrung Joh 6,1; 5. Jesus wandelt auf dem See Joh 6,16; 6. Heilung des Blindgeborenen Joh 9,1; 7. Auferweckung des Lazarus Joh 11,1; das achte Wunder ist die Auferstehung Jesu selbst.) Der Evangelist Johannes sagt selbst: Diesen Anfang der Zeichen machte Jesus zu Kana in Galiläa und offenbarte seine Herrlichkeit. (Joh 2,11) Die Folge: Seine Jünger glaubten an ihn. Jesus selbst offenbart sich also als den Bräutigam für seine Braut. Die Braut, die Jesus Christus sich bereitet, ist Sein neues Volk, die Kirche.
Wie Christus uns, sein Volk, seine Braut, für diese Hochzeit vorbereitet, erzählt Jesus in verschiedenen Gleichnissen. Zwei davon finden wir im Evangelium nach Matthäus, 22,1-14 und 25,1-13. Es handelt sich um Gleichnisse über das ‚Himmelreich‘.
Im Gleichnis vom königlichen Hochzeitsmahl (Mt 22,1-14) bereitet ein König die Hochzeit für seinen Sohn. Der König ist Gott-Vater, sein Sohn ist Jesus Christus. Der König sendet Knecht – die Propheten – aus, um die Eingeladenen zu rufen. Aber die Eingeladenen wollen nicht kommen. Noch einmal sendet er Knechte aus; auch diese bleiben erfolglos. Niemand folgt der Einladung. Der König wird zornig und sagt: Die Hochzeit ist zwar bereitet, aber die Eingeladenen waren nicht würdig. Gehet daher an die Straßenkreuzungen und ruft zur Hochzeit, wen immer ihr findet. So finden sich alle möglichen Menschen ein, Böse und Gute heißt es. Dann geschieht etwas Seltsames: Es findet sich unter den von der Straße eingeladenen einer, der kein Hochzeitsgewand anhat. Weil dieser aber auf eine Frage hin verstummte, wird er hinausgeworfen. Jesus schließt dieses Gleichnis mit den Worten: Viele sind gerufen, wenige aber auserwählt. Die Auserwählung besteht in der inneren Herzensbereitschaft, sich auf die Hochzeit einzulassen, auf die Vermählung mit Gott.
Das zweite Gleichnis ist jenes von den zehn Jungfrauen (Mt 25,1ff.). Sie alle ziehen dem Bräutigam entgegen. Die klugen Jungfrauen haben Öl in ihren Lampen, die törichten nicht. Als um Mitternacht der Ruf erschallt: Seht! Der Bräutigam kommt! Geht! Ihm entgegen!, können die klugen in den Hochzeitssaal einziehen, die törichten nicht. Ihnen wir gesagt: Wahrlich, ich sage euch: Ich kenne euch nicht! Jesus schließt mit der Bemerkung: Wachet also, denn ihr kennt nicht den Tag noch die Stunde.
In beiden Gleichnissen lädt uns Jesus zu einer großen Wachsamkeit des Herzens ein, damit wir fähig sind zu der Hochzeit. Er lädt uns ein zur Hochzeit des Lammes, wie es im letzten Buch der Heiligen Schrift heißt. Dort geht es um die Errichtung des himmlisches Reiches, der himmlischen Stadt: Lasst uns jubeln und fröhlich sein und ihm die Ehre geben; denn die Hochzeit des Lammes ist gekommen und seine Gemahlin hat sich bereit gemacht. (Offb 19,7)
Der Hl. Paulus im Brief an die Epheser denkt auch über dieses Geheimnis nach im Zusammenhang mit der Frage von Ehe und Ehelosigkeit. Er fasst zusammen: Dies Geheimnis ist groß. Ich deute es auf Christus und die Kirche. (Eph 5,32)