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Von der Armut

 

(aus: Meister Eckhart, Mystische Schriften, Aus dem Mittelhochdeutschen in unsere Sprache übertragen von Gustav Landauer, Berlin 1903, Abgeschrieben von Andreas Marschler, www.marschler.at) [Zitate: kursiv gedruckt]

 

„Selig sind die Armen des Geistes oder an Geist.“ … Etliche Leute haben mich gefragt, was Armut sei? Darauf wollen wir antworten.
Bischof Albrecht sagt, der sei ein armer Mensch, dem alle Dinge, die Gott je schuf, nicht Genüge tun, und das ist gut gesagt. Aber wir sagen es noch besser und nehmen Armut in einem höheren Sinne. Das ist ein armer Mensch, der nichts will und nichts weiß und nichts hat. Von diesen drei Punkten will ich sprechen.

Der sei ein armer Mensch, dem alle Dinge, die Gott je schuf, nicht Genüge tun. Dieses Wort kann von Armut im negativen Sinne verstanden werden: Alle Dinge, die Gott schuf, sind in der überfließenden Fülle geschaffen. Sollte einem Menschen in der Schöpfung etwas fehlen, so ist er deshalb arm zu nennen, weil er nicht erkennen kann, in welcher Fülle Gott erschaffen hat; er ist arm im Sinne von blind, arm im Sinne von unersättlich und undankbar. Diese Armut kann aber auch im positiven Sinne gemeint sein: Der Mensch ist wahrhaft arm, der erkennt, dass alles Erschaffene ihm nicht genügen kann, sondern dass nur Gott ihm genügen kann, denn für Gott ist der Mensch geschaffen, nicht für die Geschöpfe oder das Geschaffene.

Meister Eckhart aber will die Armut nun in einem höheren Sinne verstanden wissen. Und er bringt es auf den Punkt: Das ist ein armer Mensch, der nichts will und nichts weiß und nichts hat. Armut wird hier im ganz positiven Sinne verstanden, als eine höchst lobenswerte Tugend. Diese Armut drückt sich in dreierlei Weisen aus: nichts wollen – nichts wissen – nicht haben.

Nichts wollen: Der ist ein armer Mensch, der nichts will.

‚Nichts wollen‘ kann im negativen Sinne verstanden werden; Meister Eckart nennt sie Esel. Was ist gemeint?

Der Mensch solle so sein, dass er an keinen Dingen seinen Willen mehr erfülle, vielmehr danach trachten solle, dem allerliebsten Wille Gottes zu folgen. Hier ist ein Gegensatz: den eigenen Willen erfüllen – Gottes Willen folgen. Der eigene Wille wird als im Gegensatz zu Gottes Willen verstanden. Der eigene Wille kann im Gegensatz zu Gottes Willen stehen; der eigene Wille kann ein falsches Ziel haben, kann im Gegensatz stehen zu Gottes Willen. Dann gilt es, den Willen Gottes zu erfüllen und auf den eigenen, falschen Willen zu verzichten. Ein ‚falscher‘ Wille ist einer, der auf ein Ziel ausgerichtet ist, das nach Gottes Willen nicht gut ist. Es gilt aber auch das andere: mit meinem Willen kann ich – vielleicht, wie Meister Eckhart sagt – gute Absichten verfolgen, ich kann mit meinen guten Absichten – vielleicht – das Himmelreich erlangen, aber von dieser Armut, von der ich jetzt künden will, von der wissen sie nichts. Meister Eckhart verurteilt sie nicht, einerseits, aber andererseits sagt er: doch sage ich, dass sie Esel sind, die von göttlicher Wahrheit nichts verstehen. Mit ihren guten Absichten können sie vielleicht das Himmelreich erlangen, aber von dieser Armut, von der ich jetzt künden will, von der wissen sie nichts.

Was also versteht er unter Armut nach göttlicher Wahrheit? Wer ist also ein armer Mensch, der nichts will?

Solange der Mensch das hat, was in seinem Willen ist, und solange sein Wille ist, den allerliebsten Willen Gottes zu erfüllen, der Mensch hat nicht die Armut, von der wir sprechen wollen, denn dieser Mensch hat einen Willen, mit dem er dem Willen Gottes genug tun will, und das ist nicht das Rechte.

Es ist nach ihm nicht recht, zu haben, was im eigenen Willen ist: Der Wille ist ausgerichtet auf etwas, was man haben kann; somit kann es das Gegenteil geben, etwas nämlich nicht zu haben, was man will. Der Wille ist ausgerichtet auf einen möglichen Gegensatz: dieses oder jenes haben zu wollen. Somit ist der Wille nicht auf die Fülle des Möglichen ausgerichtet, sondern auf etwas, das einen Gegensatz haben kann. Solch ein Wille ist unvollkommen. Auch ist es nicht recht, zu wollen den allerliebsten Willen Gottes zu erfüllen: man will etwas, was noch getrennt ist von mir, was ich noch nicht erreicht habe, worin ich noch nicht bin. Denn: zu wollen, dem Willen Gottes genug zu tun, ist nicht das Rechte. Denn: Man ist noch nicht vollkommen im Guten, das man will.

Die entscheidende Begründung: Denn will der Mensch wirklich arm sein, so soll er seines geschaffenen Willens so entledigt sein, wie er war, als er nicht war. Ist es möglich des eigenen geschaffen Willens so entledigt zu sein, wie man war, als man nicht war? Wie waren wir, als wir nicht waren? Als wir nicht waren, waren wir doch nicht, also kann man nicht nach einem Wie fragen, oder doch? Als wir nicht waren, gab es auch unseren Willen nicht, denn mit unserer Erschaffung wurden wir mit einem geschaffenen Willen ausgestattet. Kann ich ein Mensch sein, der nichts will und nichts erkennt und nichts begehrt? Dies sei ein armer Mensch! Wie ist dies möglich?

Als ich in meiner ersten Ursache stand, da hatte ich keinen Gott und gehörte mir selbst; ich wollte nichts, ich begehrte nichts, denn ich war ein bloßes Sein und ein Erkennen meiner selbst und wollte kein anderes Ding; was ich wollte, das war ich, und was ich war, das wollte ich, und hier stand ich ledig Gottes und aller Dinge.

In seiner ersten Ursache stehen: Was heißt dies? Die erste Ursache unserer selbst ist Gott selbst. Also heißt in seiner ersten Ursache stehen: in Gott, seinem Ursprung stehen! Gott schuf uns nach Seinem Bild, in Seinem Bilde, Ihm ähnlich (Gen 1). Wenn wir unter Bild den Sohn Gottes verstehen, das Eben-Bild des Vaters, wird verständlicher, was hier gemeint ist: Wir sind in Ihm geschaffen. Im Anfang war das Wort (Joh 1). In unseren Anfang, in unserem Ursprung war das Wort, der Logos. Alles ist durch den Logos erschaffen. In IHM, dem Logos, stehen wir durch unser Erschaffen-sein. Da ‚hatten‘ wir keinen Gott, da wir IN IHM waren. Wir gehörten uns selbst in dem Sinne: Gott war unser eigenes Selbst. Nicht das wir Gott wären, sondern wir waren IN IHM, Gott. Ich war ein bloßes Sein kann so verstanden werden: Im Stande der Urunschuld waren wir einfach gut, wir waren ein Erkennen meiner selbst. In mir erkannte ich Gott, in Gott erkannten ich mich selbst, vollkommene Einheit in dieser Differenz. Was ich wollte, das war ich, und was ich war, das wollte ich, denn: Wir waren in einfacher Weise mit Gott eins, in der Differenz des Geschaffen-seins, des aus Liebe Geschaffen-seins. Gottes ledig sein heißt: Da ich ganz und ungeteilt im Guten bin, fehlt mir nichts. Zwischen Wollen und Sein war keine Differenz: Ich konnte nichts wollen, was ich nicht war, denn ich stand ganz und gar in meiner ersten Ursache, in Gott.

Der Schlüssel zum tieferen Verständnis dieser Wahrheit scheint mir in einer späteren Bemerkung beschrieben. Dort sagt Meister Eckhart:

… es ist ein Etwas in der Seele, aus dem fließt Erkenntnis und Begehren, das erkennt selbst nicht und begehrt nicht so wie die Kräfte der Seele. Wer dies erkennt, der erkennt, wovon die Seelheit abhänge. Dies Etwas hat weder vor noch nach, und es wartet nicht auf etwas Hinzukommendes, denn es kann weder gewinnen noch verlieren. Darum ist ihm jegliche Möglichkeit ganz und gar benommen, in sich zu wirken, es ist vielmehr immer dasselbe Selbe, das sich selbst in der Weise Gottes verzehrt. So, meine ich, soll der Mensch quitt und ledig dastehen, dass er nicht weiß noch erkennt, was Gott in ihm wirkt, und da kann der Mensch Armut sein Eigen nennen.

Ein Etwas in der Seele ist der Schlüssel, für das es offenbar keinen Namen gibt. Wie ist es beschaffen?

  • Aus diesem Etwas fließt Erkenntnis und Begehren: es ist ursprünglicher als erkennen und begehren und wollen.
  • Dieses Etwas erkennt selbst nicht und begehrt nicht, - so wie die Kräfte der Seele: die Kräfte der Seele erkennen, begehren, wollen, erstreben, verlangen etc.
  • Von diesem Etwas hängt die Seelheit ab: Dass die Seele Seele ist, rührt aus diesem Etwas; was die Seele zur Seele macht, hat seinen Ursprung in diesem Etwas.
  • Dies Etwas hat weder vor noch nach: es ist über-zeitlich, vor-zeitlich, vor jeder Zeit, über jeder Zeit.
  • Dies etwas wartet nicht auf etwas Hinzukommendes: es kann nicht ergänzt werden, kann keine Begleiter erhalten, kennt keinen Zuwachs und kein Wachsen.
  • Dies etwas kann weder gewinnen noch verlieren: es kennt keine Veränderung im Sinne von Gewinnen und Verlieren.
  • Diesem Etwas ist jegliche Möglichkeit ganz und gar benommen in sich zu wirken: es kann nicht in sich wirken, den Wirken bedeutet etwas verändern, hervorbringen, Frucht bringen etc.
  • Dies Etwas ist immer dasselbe Selbe, das sich selbst in der Weise Gottes verzehrt: es verzehrt sich selbst in der Weise Gottes, es verzehrt sich in Liebe, ist Liebe, die liebt, eine lebendige Flamme, die sich verzehrt und doch nicht verbrennt, wie es vom Dornbusch gesagt ist bei Moses; immer dasselbe Selbe, und doch lebendig.
  • Wer dies erkennt, der erkennt dieses Etwas: es entzieht sich der Beschreibung, des Zugriffs, der Handhabbarkeit, der Machbarkeit; es ist Sein der sich selbst verschenkenden und beschenkten Liebe.

Aber als ich aus meinem freien Willen hinausging und mein geschaffenes Wesen empfing, da bekam ich einen Gott; denn als keine Kreaturen waren, da war Gott nicht; er war, was er war.

Als keine Kreaturen waren, als Gott allein war und er nichts erschaffen hatte, vor aller Zeit, vor Anfang der Schöpfung, da war Gott nicht, in dem Sinne, dass Er einfach war, was Er war, ohne ein Geschöpf, das ihn Gott nennen konnte, das ihn als Gott erkennen konnte. ER war allein, mit sich, all-einig, sich selbst genügend. In Seiner Fülle war ER zugleich ganz arm, niemandem hingegeben als sich selbst. In diesem Sinne war er nicht, weil Er nur sich selbst war, keinem anderen war Er Gott.

Deshalb sollen wir bitten, dass wir Gottes entledigt werden und die Wahrheit vernehmen und der Ewigkeit teilhaft werden, wo die obersten Engel und die Seelen in gleicher Weise in dem sind, wo ich stand und wollte, was ich war, und war, was ich wollte.

Die Wahrheit vernehmen heißt: der Ewigkeit teilhaft werden. Der Ewigkeit teilhaft werden heißt: die obersten Engel und die Seelen sind in dem, wo ich stand, wo ich in einem solchen Stand bin, der bedeutet: Ich wollte, was ich war, und ich war, was ich wollte. D. h. mein Sein ist so vollkommen, dass ich über das, was ich bin, nichts hinaus wollen kann. Ich bin am Ziel, nämlich IN IHM. Die Sünde ist Minderung des Seins; das geschaffene Wollen bezieht sich auf den Zustand der Sünde, dass ich noch nicht bin, was ich will. Wenn ich vollkommen in Gott bin, dann bin ich, was ich will, und ich will, das ich bin. Dies ist ursprüngliche Reinheit: Wollen und Sein sind in absoluter Übereinstimmung.

So soll der Mensch arm sein des Willens und so wenig wollen und begehren, wie er wollte und begehrte, als er nicht war. Und in dieser Weise ist der Mensch arm, der nichts will.

Zum zweiten ist der ein armer Mensch, der nichts weiß. Was heißt wissen?

Zunächst unterscheidet Meister Eckhart: sich selbst leben – der Wahrheit leben – Gott leben. Meint: für sich selbst leben – für die Wahrheit leben – für Gott leben. Leben kann man ‚verzwecken‘, in dem man sein Leben auf etwas oder jemanden hin ausrichtet; seinem Leben kann man einen Sinn, eine Ausrichtung geben: auf sich selbst hin, auf die Wahrheit hin, auf Gott hin. In diesem Sinne soll das Leben ‚zweckfrei‘, ‚unverzweckt‘ sein: Wir haben manchmal gesagt, der Mensch sollte so leben, als ob er nicht lebte, weder sich selbst noch der Wahrheit noch Gott. Das Leben sollte ohne Bedingung, gratis, umsonst sein. Doch Meister Eckhart geht weiter: Der Mensch soll alles haben …, was er war, als er nicht lebte, in keiner Weise lebte, weder sich noch der Wahrheit noch Gott, er soll vielmehr alles Wissens so quitt und ledig sein, dass selbst nicht Erkennen Gottes in ihm lebendig ist.

Der ursprüngliche Stand des Menschen: Als der Mensch in der ewigen Art Gottes stand, da lebte in ihm nichts anderes: Was da lebte, das war er selbst. Sein und Leben in ursprünglicher Identität: Ich bin, was ich lebe; ich lebe, was ich bin, ohne Minderung. Frei dastehen, als wie er von Gott kam, soll der Mensch. So solle der Mensch seines eigenen Wissens entledigt sein.

Nun fragt Meister Eckhart, wovon allermeist die Seelheit abhänge. Wir sagen, sie hänge nicht von der Erkenntnis noch von dem Begehren ab, sondern es ist ein Etwas in der Seele, aus dem fließt Erkenntnis und Begehren, das erkennt selbst nicht und begehrt nicht so wie die Kräfte der Seele. (s.o.)

Nun geht er noch weiter: Die Meister sagen, Gott sei Wesen, und zwar ein vernünftiges Wesen, und erkenne alle Dinge. Aber ich sage: Gott ist weder Wesen noch Vernunft, noch erkennt er etwas, nicht dies und nicht das. Darum ist Gott aller Dinge entledigt, und darum ist er alle Dinge.

Erkennt nun Gott alle Dinge, oder erkennt er nicht? In sich ist Gott: ICH BIN DER ICH BIN. Sein Wesen und Sein Erkennen ist anderer Art als unser Erkennen und unser Wesen. ER ist ungeschaffen, Sein Wesen ist über alles Verstehen und Erkennen. ER ist ein Geheimnis. Wir kommen an eine Grenze. Wir dürfen – durch Seine Gnade – eine Grenze überschreiten, und dies heißt: IN IHM SEIN, der heißt: ICH BIN DER ICH BIN.

Der dritte Aspekt: Der ist ein armer Mensch, der nichts hat. Die wichtige Hinsicht ist nicht die leibliche, sondern eine andere. Nichts haben ist in anderer Hinsicht gemeint.

Bisher war die Rede von dem, was Meister Eckhard die ursprünglichste Armut nennt:

1. Der sei ein armer Mensch, der nicht den Willen Gottes erfüllen will, sondern so leben will, dass er seines eigenen Willens und des Willens Gottes so ledig sei, wie er war, als er nicht war.

2. Der sei ein armer Mensch, der die Werke Gottes in sich selbst nicht kennt.

Nun aber: Die dritte Armut, von der ich sprechen will, das ist die tiefste, nämlich dass der Mensch nichts hat.

Nichts haben: Was heißt das?

Solange es so um den Menschen bestellt ist, dass Gott eine Stätte in ihm zu wirken findet, so sagen wir: Solange das in dem Menschen ist, ist der Mensch nicht arm in der tiefsten Armut.

Das Entscheidende: Das ist eine Armut des Geistes, dass der Mensch Gottes und aller seiner Werke so ledig steht, dass Gott, wenn er in der Seele wirken will, selbst die Stätte sei, worin er wirken will, und das tut er gerne.

Nichts haben bedeute: Gott will selbst die Stätte sein, worin er in der Seele wirken will. Nicht soll die Seele aus sich selbst heraus wirken, sondern ihr Wirken soll das Wirken Gottes in ihr sein. Dies bedeutet nicht Untätigkeit der Seele, sondern ihr Wirken sei das Wirken Gottes in ihr und mit ihr und durch sie. Die Seele wirkt, und doch ist es Gott, der wirkt. Dies ist eine arme Seele.

Die weitere Erklärung: Denn findet Gott den Menschen so arm, so ist Gott sein eigenes Werk empfangend und ist eine Eigenstätte seiner Werke damit, dass Gott ein Wirken in sich selbst ist.

Gott ist sein eigenes Werk empfangend: Indem Gott in der Seele wirkt, wirkt er so, dass ER Sein Werk in der Seele und von der Seele empfängt.

Gott ist ein Wirken in sich selbst: Weil Gott die Fülle selber ist, die Vollkommenheit, alles in allem alles, deshalb ist ER ein Wirken in sich selbst. Er wirkt nicht nach außen, sondern in sich selbst, denn Er ist ohne Anfang und ohne Ende, un-endlich. Er ist eine Eigenstätte seiner Werke: Er selbst ist der ‚Ort‘, an dem Er wirkt. Dies macht sein Wesen aus.

Lässt der Mensch in sich Gott so wirken, dann gilt: Allhier erlangt der Mensch in dieser Armut das ewige Wesen, das er gewesen ist und das er jetzt ist und das er in Ewigkeit leben soll.

Da der Mensch nach dem Bilde Gottes, Ihm ähnlich geschaffen ist, und der Logos, das Wort des Vaters, der Sohn Gottes, im Anfang der Schöpfung war, im vollkommenen Menschen war, ursprünglich Anteil an dem hat, was den Logos ausmacht, so soll der Mensch in dieser Armut das ewige Wesen erlangen, das er gewesen ist, als Gott ihn erschaffen hat.

Über die folgenden Gedanken sagt Meister Eckhart selbst: Es ist nicht nötig, dies zu verstehen. Es ist nicht nötig, und dennoch kann man es wagen die Wahrheit dieser Aussagen wahrzunehmen, sich ihrer auszusetzen, in Anbetung sie in sich aufzunehmen, mit der Bitte, dass sie verwandelnde Kraft entfalten.

Der Mensch soll arm dastehen, soll bedeuten: der Mensch soll kein Raum sein und keinen haben, worin Gott wirken könne. Raum sein und Raum haben: im Raum ist Unterschiedenheit, ist da und dort, im Raum sind verschiedene Orte, die sich unterscheiden lassen. Wo Raum ist, da ist Ausdehnung, da ist ein Weg, Erstreckung, links und rechts, oben und unten, da und nicht dort.  Und das soll eben nicht sein. Gott soll allgegenwärtig sein können, ganz und gar alles erfüllend. Seine Gegenwart soll sein: ICH BIN DER ICH BIN. Raum würde bedeuten: in Unterscheidung von näher und ferner. Gottes absolute Einfachheit in seiner Gegenwart soll sein. Über Gott sein soll sein: nicht mehr die Unterscheidung von Gott und nicht Gott. Unwesenhaftes Wesen und Sein ohne Dasein: paradoxe Begriffe werden gewählt. Sie sollen helfen, zu einem Verstehen aufzubrechen, dass über dem Verstehen ist.

Es geht um einen Zustand, der so beschrieben wird: Da bin ich über allen Kreaturen und bin weder Gott noch Kreatur, sondern ich bin, was ich war und was ich bleiben soll jetzt und immerdar. Da erhalte ich einen Ruck, der mich über alle Engel schwingen soll. Von diesem Ruck empfange ich so reiche Fülle, dass mir Gott nicht genug sein kann mit alledem, was er Gott ist, mit all seinen göttlichen Werken, denn mir wird in diesem Münden zuteil, dass ich und Gott eins sind.

Hier geht es um eine Art von Einheit, die nur aus Liebe geschieht. Liebe macht sich zur Gabe ihrer selbst. Liebe verschenkt sich so, dass sie im anderen ganz arm wird, ganz in den anderen hineingestorben, und dieses Hineingestorbensein wiederum den Reichtum wachruft, der sich selbst verschenkt an den Liebenden. Weder Gott noch Kreatur sein ist ‚logisch‘ nicht möglich; das Denken in Ursache und Wirkung kennt nur: entweder verursacht oder verursachend, geschaffen oder schaffend. Hier ist ein Verhältnis angedeutet, dass darüber weit hinaus geht.

Am Schluss dieser Meditation weist Meister Eckhart noch einmal darauf hin:
Wer diese Rede nicht versteht, der bekümmere sein Herz nicht damit. Denn solange der Mensch dieser Wahrheit nicht gleicht, solange wird er diese Rede nicht verstehen, denn es ist eine Wahrheit, die nicht ausgedacht ist, sondern unmittelbar gekommen aus dem Herzen Gottes. Dass wir so leben mögen, dass wir es ewig empfinden, das walte Gott. Amen.

Eine Wahrheit, unmittelbar gekommen aus dem Herzen Gottes: ein Geschenk, das allein von Gott kommt. Daum bitten dürfen wir.

Das Geheimnis des innersten Innen in uns, das diesem Gedanken zugrunde liegt, beschreibt Meister Eckhart an anderer Stelle so [Von Gott und der Welt]: Gott gebiert seinen eingeborenen Sohn in das höchste Teil der Seele. Und während er seinen Sohn in mich gebiert, gebäre ich ihn wieder in dem Vater.

Die tiefste Armut, die man finden kann, beschreibt Meister Eckhart so: Da bin ich, was ich war, und da nehme ich weder ab noch zu, denn ich bin da eine unbewegliche Ursache, die alle Dinge bewegt. Allhier findet Gott keine Stätte im Menschen, denn der Mensch erlangt mit seiner Armut, dass er ewiglich gewesen ist und immer bleiben soll. Allhier ist Gott im Geist eins.

Da bin ich, was ich war: Da bin ich, was ich vom innersten Ursprung meiner Person her von Gott her und in Gott bin, nämlich Ebenbild, im Bild des Logos erschaffen, in voller Ähnlichkeit.

Da nehme ich weder ab noch zu: ohne jegliche Veränderung von weniger oder mehr, ganz im Guten gegründet, im immerwährenden je-mehr.

Ich bin da eine unbewegliche Ursache, die alle Dinge bewegt: In diesem höchsten Teil der Seele gründe ich ganz in der ersten Ursache, dem Logos. Von dort aus fließen alle Regungen der Seele, aus diesem höchsten Teil der Seele fließen alle Kräfte wie auch einer unbeweglichen Quelle.

Gott findet allhier keine Stätte im Menschen: da gibt es kein hier und dort, kein vorher und nachher, sondern stets Gegenwärtigkeit in der Liebe. Die geschaffene Liebe ruht in der ungeschaffenen Liebe, die Gott ist, doch in einer ganz und gar lebendigen Ruhe.

Allhier ist Gott im Geist eins.