Wie Gott sich den Menschen zeigt
(LIBER SCIVIAS – WISSE DIE WEGE, 2010, Beuroner Kunstverlag)
Mich selber aber wird keiner schauen, solange er im sterblichen Leib lebt, außer im Schatten meiner Geheimnisse, wie geschrieben steht: „Kein Mensch wird mich sehen und kann am Leben bleiben.“ (Ex 33,20) Das ist so: Wer sterblich ist, wird seinen sterblichen Blick nicht auf die Herrlichkeit meiner Gottheit richten, sodass er das sterbliche Leben in unvergänglicher Ashe haben könnte, solange er sich im Wandel der vergänglichen Zeit befindet, d. h. ein Leben verlässt und in ein anderes übergeht. Denn alles Lebendige hat durch mich Bestand, seil ich lebe und in mir keine Veränderung ist. Wie nämlich eine Mücke nicht am Leben bleiben kann, wenn sie sich in eine Feuerflamme stürzt, so könnte auch kein sterblicher Mensch bestehen, wenn er das Aufleuchten meiner Gottheit sähe. Ich aber zeige mich den sterblichen Menschen, solange sie von der Last der Sterblichkeit beschwert sind, so in einem Schattenbild, wie ein Maler das, was unsichtbar ist, den Menschen durch seine gemalten Bilder verdeutlicht. (S. 498)
Solange wir Menschen, ob gläubig oder nicht gläubig, auf dieser Erde weilen, können wie Gott nicht ‚von Angesicht zu Angesicht‘, unmittelbar, ohne Vermittlung schauen. Wir können nur im Schatten Seiner Geheimnisse schauen. Unsere sterblichen Augen können seine über alles erhabene Herrlichkeit nicht schauen, wohl aber in einem Schatten. Die Hl. Hildegard gibt einen Vergleich aus der Kunst: der Künstler hat etwas Unsichtbares ‚vor Augen‘ und stellt es durch seine Kunst dar. Am Betrachter ist es, das Unsichtbare in diesem Werk zu schauen. Dies ist ein besonderer Akt unseres Geistes.
Wie aber nun erkennen wir in Schatten Seiner Geheimnisse? Wie erkennen wir die „Kraft von Gottes Wundertaten“? An anderer Stelle erläutert Hildegard dies so: Es gibt den besonderen Spiegel des Auges Gottes im redlichen Menschen. In ihm sieht dieses Auge die Kraft seiner Wundertaten wie im Verlangen eines durchdringenden Schwertes. (S. 502) Eine überraschende Erkenntnis: Im für Gott offenen Menschen gibt es einen Spiegel. In diesem Spiegel spiegelt sich das Auge Gottes. ‚Auge Gottes‘ kann als Genitivus subjectivus oder objectivus verstanden werden: Auge, das Gott sieht, oder: Gott, der mit seinem Auge sieht. Vielleicht ist hier beides in einem Sehvorgang gemeint: das Auge des Menschen, der mit dem Auge Gottes sieht, in ihm und durch ihn und mit ihm. Diese Deutung ist erhellend: Der Glaube eines Menschen gibt diesem die Möglichkeit, mit den Augen Gottes zu schauen, weil Christus in ihm ist und alles nun in ihm geschieht. Gottes Wort ist – nach Paulus – wie ein ‚durchdringendes Schwert‘. Wenn wir verlangen nach Gottes Wort haben, dann durchdringt es uns wie ein Schwert. Unser Verlangen ermöglicht Gottes Geist uns wie ein Schwert zu durchdringen.
Die Hl. Hildegard schließt ihre 12. Vision im dritten Teil von SCIVIAS mit folgender Bemerkung, die ein WORT GOTTES ist, der zu ihr spricht: Wer aber scharfe Ohren der inneren Einsicht besitzt, soll in glühender Liebe zu meinem Spiegelbild nach diesen Worten lechzen und sie ins Bewusstsein seiner Seele einschreiben. (S. 515) Wir werden eingeladen, diese Worte der 12. Vision in unsere Seele einzuschreiben. Wir sollen also hier mitgeteilten die Geheimnisse Gottes in unsere Seele einschreiben. Dort sind sie dann so aufbewahrt, dass wir mit innerer Einsicht erkennen, schauen können wie in einem Spiegel.
Man fühlt sich erinnert an die Worte des Hl. Paulus aus dem Hohelied auf die Liebe (1 Kor 13): Jetzt schauen wir durch einen Spiegel, unklar, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Noch ist mein Erkennen Stückwerk, dann aber werde ich erkennen, wie auch ich erkannt worden bin. Die Vulgata übersetzt: durch einen Spiegel, unklar = per speculum in aenigmate (aenigmas = Rätsel), Erkennen Stückwerk = cognosco ex parte. Hier also verwendet Paulus auch das Bild des Spiegels, um unsere Art zu erkennen auf Erden zu beschreiben.
Hildegard spricht in diesem Zusammenhang auch vom ‚Auge des inneren Menschen‘ (S. 498), vom ‚Blick und Gehör des inneren Menschen‘ (S.499). Geöffnet ist dieses innere Auge und Gehör im Glauben durch den Hl. Geist. Menschen, die sich von dieser Welt und dem Verderber täuschen lassen, verschließt sich dieser innere Sinn: Und so werden viele getäuscht, da sie selbst die Augen des inneren Menschen umnebeln, mit denen sie auf mich hätten schauen müssen. … dabei verachten sie jenes Unsichtbare, das ewig in mir ist und im wahren Glauben erfasst werden muss. Denn sterbliche Augen können mich nicht erblicken, sondern ich zeige meine Wunder im Schattenbild, wem ich will. Mich selbst aber wird keiner schauen … (S. 498) Was ist der Grund, dass unsere inneren Augen Ihn nicht schauen können? Denn auch Adam hat die Herrlichkeit des Paradieses verloren, da er nach mehr verlangte, als er haben durfte. So verlieren auch diese den Blick und das Gehör des inneren Menschen, weil sie Gott verlassen und den Teufel verehren. (S. 499) Ganz ausführlich wird dann beschrieben, wie der Teufel seine Künste entfaltet, um uns zu täuschen (S. 499ff.).
Der Glaube macht uns also fähig, das Unsichtbare, das ewig in mir ist, zu erfassen. Der Glaube gibt uns als Zugang zu Gottes innerstem Wesen. Das ist die Gnade des Hl. Geistes.