Engel und Mensch: Verschiedenheit und Verwiesenheit
Die deutsche Kirchenlehrerin Hildegard von Bingen hat in den Jahren 1141 bis 1151 erstaunliche Einblicke in die Natur der Menschen und Engel erhalten. Festgehalten hat sie dies in ihrem Werk WISSE DIE WEGE (Scivias)[1].
Sie empfängt eine Deutung des Gleichnisses Jesu aus Lk 15,8-9, die Frau mit den zehn Drachmen. Die Deutung überrascht: Das ist so: Die heilige Gottheit besaß zehn Drachmen, nämlich zehn verschiedene himmlische Ordnungen in den erwählten Engeln und im Menschen.[2] Die Frau ist Zeichen für die heilige Gottheit. Gott der Schöpfer also hat verschiedene himmlische Ordnungen geschaffen, zehn an der Zahl, nämlich neun himmlische Ordnungen der Engel und eine himmlische Ordnung der Menschen.[3] Über die neun Ordnungen der Engel heißt es: Oh ihr herrlichen Engel, lebendes Licht, zu Füßen der Gottheit. Im dunklen Geheimnis der ganzen Schöpfung schaut ihr in glühender Sehnsucht die göttlichen Augen. O wie ruhmreiche Freunden birgt euer Wesen, das in euch unberührt ist von der unrechten Tat.[4] Über die eine Ordnung der Menschen heißt es nun im Gleichnis: Doch sie verlor eine Drachme, als der Mensch ... dem Tod verfiel.[5] Der Grund für den Tod wird auch genannt: der Mensch, der lieber der teuflischen Verführung als dem göttlichen Gebot gefolgt war. Am Schluss, nachdem die verlorene Drachme wiedergefunden war, sagt die Frau aus dem Gleichnis: Freut euch mit mir, lobsingt und seid fröhlich und erbaut das himmlische Jerusalem aus lebendigen Steinen, denn ich habe den Menschen wiedergefunden, der durch die Verführung des Teufels verlorengegangen war.[6]
Dem Menschen wird also nach der Hl. Hildegard eine besondere Aufgabe in der Auferbauung des himmlischen Jerusalem zuteil. Dies hängt damit zusammen, warum und wozu der Mensch im Plane Gottes überhaupt in die Schöpfung eingeführt worden ist.
Nun erfahren wir durch die Hl. Hildegard etwas ganz Erstaunliches:
Hier spielt die Zahlensymbolik eine wichtige Rolle: Die Zehnzahl, die durch Adam gemindert war, wuchs im Sohn Gottes zur Zehnzahl an und die Zehnzahl zum Tausender.[7] Wie ist dies zu verstehen?
Der Mensch ist vom Ursprung seiner Erschaffung her die volle Zehnzahl[8]. Ganz in Vereinigung mit Gott kann der Mensch diese Zehnzahl voll verwirklichen. Diese Zehnzahl tritt aber erst durch die neun Ordnungen der Engel in Erscheinung. Deshalb ist zuvor der Blick auf die Engel von großer Bedeutung. Der Mensch kann nicht ohne die Engel, und die Engel können nicht ohne den Menschen verstanden werden.
Und das in folgender Weise: Ich, der Allmächtige, habe am Anfang glühende und lebendige Lichter geschaffen, die in ihrem Glanz leuchten sollten; einige verharrten in meiner Liebe (amor), andere aber kamen zu Fall, weil sie mich, ihren Schöpfer, verachteten. Der Schöpfer aber fand sich mit dem Abfall einiger Engel nicht ab, sondern er verfügte dies: Doch es ziemte sich nicht für mich, den Schöpfer, dass ich meine Schöpfung leer und erfolglos zurückließ. Wieso? Das geschaffene Engelwesen der sich überhebenden Schar schrieb nämlich das Gut, das ihm sein Schöpfer gab, damit es ihn erkenne, sich selbst zu, nämlich als trügerischen Ruhm, seinem Schöpfer gleichen zu können. Daher stürzte es in den Tod.[9]
Hier nun erlangt der Mensch seine Bedeutung: Damals sah Gott voraus, dass in einem anderen (Geschöpf) kraftvoller wiederhergestellt werden müsse, was in dieser verworfenen Schar zu Fall kam.
Angesicht des Verlustes seiner hohen Stellung unter den Engeln – hier ist von Luzifer, dem Satan die Rede – erhält der Mensch seine Bedeutung: Er ist das Geschöpft, in dem kraftvoller wiederhergestellt wird, was der gefallene Engel verloren hatte. Mit dem Menschen tritt der Allmächtige sozusagen den Beweis an, was in seiner Macht möglich ist: Er schuf aus dem Lehm der Erde den Menschen, der in Seele und Leib lebt, damit er jene Herrlichkeit erlange, aus der der abtrünnige Teufel mit seinen Nachahmern vertrieben wurde.[10] Gott in seinem Ewigen Ratschluss nimmt etwas, was zunächst weit unter der Herrlichkeit der Engel erscheint, nämlich den Lehm der Erde. Er bildet daraus den Menschen. Diese Mensch ist ein besonderes Wesen: in Leib und Seele. Und damit unterscheidet er sich wesentlich von den Engeln. Dieses Wesen aus dem Lehm der Erde, in Leib und Seele, soll die Herrlichkeit erlangen, die die Engel vom Ursprung her haben: glühende und lebendiger Lichter. Auch und gerade der Mensch soll solch ein glühendes und lebendiges Licht werden. Wir erinnern uns an so manche Worte Jesu über diejenigen, die ihm nachfolgen: Ihr seid das Licht der Welt. Lasst euer Licht leuchten. Diese Herrlichkeit kann der Mensch erlangen, wenn er den Weg der Tugenden gibt, die Gott schenkt: So sollte er in vollkommener Heiligkeit alle Tugenden verwirklichen, wie auch Gott alle Geschöpfe geschaffen hat; und er sollte auch durch sein Wirken in ganz demütigem Gehorsam und im Verwirklichen der Tugenden den Dienst des Lobes der ruhmreichen Engelchöre vollenden, um auf diesem Gipfel der Glückseligkeit den Lobpreis dieser himmlischen Geister, die Gott unablässig Lob darbringen, auszuschmücken. Er war bestimmt, auf diesem Gipfel seiner Seligkeit zu erfüllen, was der verworfene Engel in seiner Anmaßung bei seinem Sturz entleert hat. Und deshalb ist der Mensch die volle Zehnzahl, die das alles durch die Kraft Gottes vollbringt.[11]
Hier stehen wir vor einem bewunderungswürdigen Geheimnis: Der Mensch ist berufen das zu vollenden, wozu die himmlischen Geister bestimmt sind. Der Gipfel der Seligkeit der Menschen besteht darin, glühende und lebendige Lichter zu sein.
Um diesen Gipfel der Seligkeit zu erreichen, dürfen wir von den neun Chören der Engel lernen. Und war wir lernen können, wird auch am Ende des Buches Scivias in einem wunderbaren Hymnus besungen:
Von den Engeln (erster Chor der Engel) können wir lernen: Ihr hütet die Menschen, deren Gestalt aufstrahlt in eurem Antlitz.[12]
Von den Erzengeln können wir lernen: Ihr nehmt auf der Gerechten Seelen.
Von den Kräften, Mächten, Fürsten, Herrschaften und Thronen können wir lernen:Sie sind geeint zum Geheimnis der Fünfzahl.
Und von den Cherubim und Seraphim können wir lernen: Sie sind das Siegel von Gottes Geheimnis, euch sei Lob, die ihr schaut an der Quelle den Ort des ewigen Herzens. Denn ihr seht die innere Kraft des Vaters, die gleichsam als Antlitz aus seinem Herzen hervorhaucht.[13]
Diese poetische Beschreibung bietet einige Hinweise, mit welchen Erwartungen wir uns an die Hl. Engel wenden können. So können wir uns mit dieser Bitte an unsere Schutzengel wenden: Behüte mich! In Deinem Antlitz strahlt auf meine eigene Gestalt! Zeige mir in Deinem Angesicht meine eigene Gestalt! (Oder so ähnlich.)
Vor allem aus dem poetischen Hymnus des Schlussteils der Scivias können wir uns einlassen auf die große Bedeutung der Tugenden, die wie nicht aufhören dürfen zu üben. Dort heißt es zur Einleitung: O liebevolle Gottheit und du, so süßes Leben, in dem ich immer tragen will das leichte Kleid, wenn ich empfange, was dereinst am Anfang ich verlor, in Sehnsucht seufze ich zu dir und rufe alle Tugendkräfte an.[14] Und anschließend wird dann die beständige Übung der Tugenden und die damit verbundenen Auseinandersetzungen um Gut und Böse beschrieben.
Auf dem Weg, den Gipfel der Seligkeit zu erklimmen, was der verworfene Engel in seiner Anmaßung bei seinem Sturz entleert hat[15], wird die Hl. Hildegard die besondere Bedeutung von Leib und Seele des Menschen gelehrt.
Wir hatten schon gehört, dass Gott in seiner Vorsehung den Menschen dazu bestimmt hatte, dass in einem anderen kraftvoller wiederhergestellt werden müsse, was in dieser verworfenen Schar zu Fall kam.[16] Die Antwort, die die Hl. Hildegard erhält: Daher wirkt auch der Mensch in Seele und Lieb kraftvoller, als wenn er ohne die Schwerkraft des Leibes wäre, weil er unter vielen Gefahren in sich selbst ringt, wobei er äußerst tapfere Kämpfe austrägt und sich mit dem Herrn, seinem Gott, als Sieger erweist.[17]
Hier liegt der entscheidende Unterschied zum Engel, der sich als Vorteil gegenüber dem Engel erweist: Denn der Engel, der die Schwerkraft des irdischen Leibes nicht hat, ist nur ein leuchtend reiner Kämpfer der himmlischen Harmonie, der in der Anschauung gottes verharrt. Der Mensch jedoch, mit der Verwesung seines Liebes belastet, ist mit dem erneuerten Werk, das er wegen Gott in Seele und Lieb wirkt, ein sehr starker, ruhmreicher und heiliger Streiter. So erreicht er durch die Hundertzahl der gegenwärtigen Anstrengung die Tausendzahl der künftigen Belohnung, nämlich wenn er am Jüngsten Tag den vollen Lohn empfängt und sich ohne Ende an Leib und Seele in der himmlischen Wohnung erfreuen wird.[18]
Der Mensch ist also derjenige, an dem die wunderbare Macht der Barmherzigkeit Gottes zur Vollendung kommt. Nach Paulus staunen sogar die Engel über das Große, dass Gott durch den Menschen verwirklicht. Und Gott vollendete all seine Werke und sprach: Es ist sehr gut.
[1] Zitiert hier nach: Hildegard von Bingen – Werke – Band 1: Wisse die Wege – Liber Scivias, Beuroner Kunstverlag, 2. Auflage 2012
[2] ebd. S. 309
[3] vgl. S. 517: neun Ordnungen der himmlischen Geister: Engel, Erzengel, Kräfte, Mächte, Fürsten, Herrschaften, Throne sowie Cherubim und Seraphim.
[4] S. 517
[5] S. 309
[6] S. 309f.
[7] S. 307
[8] S. 308
[9] Ebd.
[10] Ebd.
[11] Ebd.
[12] S. 518
[13] Genauere Angaben über die Aufgabe und das Vorbild der neun Chöre der Engel mögen in den andern Werken der Hl. Hildegard zu finden sein.
[14] S. 524
[15] S. 308
[16] Ebd.
[17] S. 309
[18] S. 309