Gang nach Emmaus
Zwei der Jünger Jesu, einer hieß Kleopas (Lk 24,18) waren am Tag der Seiner Auferstehung auf dem Weg zum Dorf Emmaus. Wir nennen sie deshalb die Emmaus-Jünger. Warum der Evangelist Lukas – als einziger der Evangelisten überliefert er diese Begegnung mit dem Auferstandenen – nur den einen mit Namen nennt, bleibt offen. Möglicherweise war er selbst der andere, den er selbst aus Bescheidenheit nicht nennt. Deuten können wir diesen Umstand als Hinweis, dass jeder, der von dieser Begegnung liest, dieser ungenannte Zweite sein könnte. Wir werden also als Zeugen mitgenommen auf diese Wanderschaft.
Voll von all ihren Erlebnissen der letzten Tage, tauschen sich die beiden über das aus, was sich zugetragen hatte. (v.14) Währenddessen gesellte sich Jesus zu ihnen: Ihre Augen aber waren gehalten, so dass sie ihn nicht erkannten. (v.16) Sie sehen, aber erkennen nicht. Sie nehmen mit ihren Sinnen wahr, können aber nicht wahrnehmen, welche Gegenwart ihnen da geschenkt wird. Die Augen des Geistes waren ihnen noch nicht geöffnet.
Auf Jesu Frage hin, was denn in Jerusalem in den vergangenen Tagen geschehen sei, erzählen sie: Jesus hätten sie als Propheten erlebt, mächtig in Tat und Wort vor Gott und vor dem ganzen Volk (v.19); die religiösen Führer hätten ihn zur Todesstrafe überliefert und kreuzigen lassen (v.20); sie hätten gehofft, dass er es sei, der Israel erlösen werde (v.21). Und nun ist zu alledem heute schon der dritte Tag, seit dies geschehen ist. (v.21) Einige Frauen hätten erzählt, dass sie den Leichnam nicht im Grab gefunden hätten. Engel seien ihnen erschienen, die sagten, er lebe. (v.23)
Und während sie dem Mit-Wanderer dies alles erzählen, geschieht etwas Überraschendes. Wie selbstverständlich spricht der ihnen immer noch verborgene, auferstandene Jesus davon, dass doch die Propheten Israels, angefangen von Mose, all dies vorhergesagt hätten: Und er begann mit Mose und allen Propheten und legte ihnen in allen Schriften aus, was sich auf ihn bezieht. (v.27)
Jesus hält ihnen eine wohl stundenlange Katechese darüber, wie im prophetischen Vorausblick viele vor ihm über Ihn geweissagt haben. Wir können davon ausgehen, dass Jesus sehr viele Passagen aus dem, was wir Christen das Alte Testament nennen, auswendig zitiert hat. Er fasst all diese Aussagen über ihn zusammen und stellt sie ihnen im Zusammenhang dar. Was Jesus selbst, von Jugend an, in den Schriften, vor allem auch in den Psalmen, gefunden hat, deutet Er ihnen auf Sich hin. Er, der Mensch gewordene Sohn Gottes, das Wort Gottes, der Logos des Vaters, legt ihnen dar, was Er mit dem Vater und dem Heiligen Geist vielen, vielen Propheten über die Jahrhunderte hin ins Herz geschrieben hat, ihrem Geist mitgeteilt hat. Denn durch Ihn, Jesus, und auf Ihn hin hat der Dreifaltige Gott ja alles geschaffen. Jesus geht selbstverständlich davon aus, dass Sein Erlöserleben, von der Empfängnis bis hin zu Tod, Auferstehung, Himmelfahrt und Geistsendung in den Schriften des Alten Testamentes wie in ein Buch des Lebens eingeschrieben ist. Es sind Schriften, die die Emmausjünger alle kennen, die sie aber noch nicht recht zu verstehen wussten.
Nachdem sie ihn in Emmaus beim Brotbrechen erkannt haben, bemerken sie: Brannte nicht unser Herz in uns, als er auf dem Wege mit uns redete und uns die Schriften aufschloss. (v.32) Im Nachhinein erkennen sie, dass sich in ihrem Herzen etwas Geheimnisvolles vollzog. Durch den Heiligen Geist nämlich öffnete Jesus durch die Auslegung der Heiligen Schriften nach und nach das Herz und den Geist. Der Hl. Geist legte ihnen das Verständnis und den wahren Sinn ins Herz. Sie wurden erleuchtet.
Was diese beiden Jünger und wir mit ihnen lernen können: Sie lernen die vom Heiligen Geist inspirierten Schriften kennen als das Buch des Lebens Jesu. Das Leben Jesu auf dieser Erde ist in den Heiligen Schriften für die wesentlichen Etappen beschrieben und gedeutet, bis hin zu Seiner Rückkehr zum Vater, als verherrlichter Mensch und Gott, wo Er zur Rechten des Vaters thront, in alle Ewigkeit.
Dies hat nun für uns eine wichtige Konsequenz: Da uns Jesus im Abendmahls-saal gelehrt hat, dass durch die Gnade des Hl. Geistes in der Taufe Er in uns wohne und wir in Ihm, sind diese Heiligen Schriften also auch für uns das Buch unseres Lebens. Unser Leben ist uns darin beschrieben. Wir erkennen, erleuchtet durch den Heiligen Geist, unser Leben in den Heiligen Schriften. Denn wir sind ja in Ihm und Er ist in uns.
Dies gilt zum Beispiel in herausragender Weise für die Psalmen. Wie oft zitiert Jesus selbst in den Evangelien diese 150 Gebete aus dem Alten Testament. Sie spreche auch uns von uns und unserem Leben.
So können wir gerade in dieser Osterzeit die Heilige Schrift, die Bibel, als unser Buch des Lebens neu entdecken: Und er begann mit Mose und allen Propheten und legte ihnen in allen Schriften aus, was sich auf ihn bezieht. (v.27) Und wir können es so verstehen: Jesus legt uns in allen von Gott eingegebenen Schriften aus, was sich auf uns bezieht.
Machen wir uns auf diesen Weg, diesen Emmausweg, weil er uns zur Pforte des Lebens führt, die uns in jenes Reich leitet, das Jesus das Himmelreich oder das Ewige Leben nennt, das mitten unter uns ist.
Jesus sagt: ICH BIN!